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Presseschau

Gipfel in Singapur: "Kim erhält von Trump ein riesiges, unverdientes Geschenk"

Nach ihrem Treffen in Singapur überschütten sich Donald Trump und Kim Jong Un selbst und gegenseitig mit Lob. Die deutsche und internationale Presse bewertet den Gipfel der beiden Staatsmänner deutlich differenzierter.

Kim Jong Un (l.) und Donald Trump im Capella Hotel auf der Insel Sentosa in Singapur

Die Regierungen in den USA und Nordkorea feiern am Tag nach dem Gipfel von Singapur ihre politische Leistung für den Frieden in der Welt. US-Präsident Donald Trump schwärmt auf Twitter von einem "beispiellosen Treffen" und einem "großen Schritt zurück vor einer nuklearen Katastrophe". Die deutsche und internationale Presse sieht die Ergebnisse der Gespräche kritischer.

"Stuttgarter Zeitung"

Normalerweise bereiten Arbeitsgruppen einen Gipfel vor, an dessen Ende steht dann ein Papier, auf dem um jedes Semikolon gefeilscht wurde.  Bei diesem Gipfel ist es anders. Am Anfang steht das Papier, das Gefeilsche steht noch aus. Und alle Akteure in der Region werden versuchen, ihre Interessen zum Tragen zu bringen. Die USA und sitzen am Tisch, China, Japan und Südkorea stehen als Einflüsterer parat. Vielstimmigkeit ist programmiert.

"Frankfurter Allgemeine"

Trump hat die Bilder bekommen, die er wollte. Zum ersten Mal seit dem Ende des verlustreichen Koreakrieges hat ein amerikanischer Präsident einen nordkoreanischen Machthaber getroffen. Es war ohne Zweifel ein historisches Treffen. Nicht mit Nordkorea zu sprechen, wäre nicht die Lösung. Es war durchaus den Versuch wert, wieder einen diplomatischen Prozess in Gang zu setzen. Es bleibt nun abzuwarten, ob die Zusammenkunft tatsächlich einen Anstoß für weiterführende Diplomatie gegeben hat. Bislang lässt sich noch nicht erkennen, dass Kim Jong Un wirklich dazu bereit sein könnte, sein Atomprogramm vollständig aufzugeben. Das üppige Selbstlob des amerikanischen Präsidenten ist deshalb unangebracht. Mehr noch: Es richtet Schaden an. Denn es verleitet Kim Jong Un zu der Annahme, er könne seine Atomwaffen am Ende womöglich behalten.

"Tagesspiegel"

Ein historischer Händedruck soll Hoffnung machen. Er soll zeigen, dass Mächtige, die den Weltfrieden im Blick haben, über ihren Schatten springen können. Dass sie lieber reden als schießen, lieber verhandeln als drohen. 'Jeder kann einen Krieg anzetteln, aber nur die Mutigsten können einen Frieden erreichen', hat Trump nach dem Gipfel über Kim Jong Un und sich selbst gesagt. Dieser Satz verpflichtet. In wurde ein Anfang gemacht. Mögen weitere Gesten amerikanischen guten Willens folgen. Bleiben sie aus, wird die Geschichte über diesen Gipfel ein eher ungnädiges Urteil sprechen.

"Lübecker Nachrichten"

Die historische Bedeutung des Treffens liegt im Händedruck selbst: Man redet miteinander und droht einander nicht nur. Dies lässt einen Hoffnungsschimmer leuchten über einer extrem angespannten Region. Für die Weltordnung insgesamt aber haben die vergangenen wirren Tage mit Trump viel Schaden gebracht. Die Art, wie der den nordkoreanischen Diktator lobte und umgarnte, steht in frappierendem Widerspruch zu seinem hässlichen Umgang mit den G7-Partnern.

"Kölner Stadt-Anzeiger"

Dieses Ergebnis gehört zu den Widersprüchen rund um Trump. Sein Verhalten ist inakzeptabel und er hat oft die falschen Motive. Doch es kommt immer mal wieder etwas Brauchbares dabei heraus. Obama und Bush haben davor zurückgeschreckt, Nordkorea aufzuwerten. In diesem Fall hat Trumps Bereitschaft, die Grenzen der Politik seiner Vorgänger zu überschreiten, zu einer nie dagewesenen Einbindung Nordkoreas geführt. Hoffen wir, dass Trump dieses Ergebnis nicht demnächst durch einen Tweet wieder vom Tisch wischt. Denn beide Männer haben noch etwas gemeinsam: Sie sind chronisch unzuverlässig.

"Straubinger Tagblatt"

Erfolg kann sich nur dann einstellen, wenn es Trump wie Kim weniger um die Inszenierung ihrer selbst geht, sondern um wahre Einigung, Frieden und Versöhnung. Wenn Kim bekennt, man lasse nun die Vergangenheit hinter sich, ist das zu begrüßen. Die wesentliche Frage indes stellt an jenem historischen Tag Wolfgang Ischinger, Chef der Münchner Sicherheitskonferenz: "Halten sich alle dran?" Was von dem Gipfel allerdings bleibt: ein Punktsieg für den nordkoreanischen Diktator.

"Frankfurter Rundschau"

Nordkoreas Diktator ist für 'ein guter Partner', jemand, zu dem er 'einen besonderen Draht hat'. Der kanadische Premier ist dagegen ein 'Verräter'. Inzwischen kennen wir Trumps Maßstab für 'gut' und 'schlecht': Wer ihm schmeichelt, erhält Lob, wer ihn kritisiert, muss mit einer Attacke rechnen. Kim Jong Un hat dem US-Präsidenten nun zu einem außenpolitischen Erfolg verholfen. Deshalb erhält er von Trump ein riesiges, unverdientes Geschenk: die Legitimierung seiner Herrschaft durch den Führer der westlichen Welt. Das war ein hoher Preis für die Unterschrift unter ein Stück Papier.

"Die Welt"

"Ob die Wende nobelpreiswürdig wird, ist völlig offen. Aus Südkorea hieß es irritiert, Trumps beiläufige Bemerkung über die mögliche Einstellung der US-südkoreanischen Manöver erfordere eine Klarstellung. Eine Klarstellung erfordert auch die Gipfelerklärung insgesamt. Sie fällt meilenweit hinter detaillierte Absichtsbekundungen zur atomaren Abrüstung zurück, die Pjöngjang 1991 mit Südkorea oder 2007 mit den USA, China, Russland und Japan vereinbart hatte. Derzeit wirkt der Jubel über die Begegnung so verfrüht wie der Jubel über das erstmalige Treffen zwischen Israel und Arafat 1993. Es war Bill Clintons erste außenpolitische Großtat, und damals hieß es, nun ende der Nahost-Konflikt. Kurze Zeit später brach die Intifada aus. Der Terror ist geblieben. Das Treffen ist heute vergessen."

"Oberhessische Presse"

Unterschätzt worden ist das trampelhafte Auftreten des US-Präsidenten lange genug. Es ist seine spezielle Methode, Geschäfte zu machen. Die birgt in einer nervösen Welt erhebliche Risiken. Doch andererseits ist Politik, wenn zwei Staatschefs einen persönlichen Draht zueinander gefunden haben, häufig auch erfolgreicher. Denn es ist leichter, übereinander schlecht zu reden und dem anderen zu drohen, wenn man nicht von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht. Das scheint zwischen Donald Trump und Kim nicht anders zu sein. Ob damit Frieden und Aussöhnung in Korea wirklich näherrücken, lässt sich nur daran messen, ob den ersten Schritten schnell weitere folgen. Eine Durchschlagen des gordischen Knotens auf der hochgerüsteten Halbinsel ist jedenfalls nicht mehr so utopisch, wie es auf dem Höhepunkt des Säbelrasselns vor wenigen Monaten schien. Und das ist schon viel wert.

Internationale Pressestimmen

"Die Presse" (Österreich)

Trump stieß mit seiner extravaganten Dealmaker-Diplomatie eine Türe auf, an die andere nicht einmal geklopft hätten. Das konnte nur einem eigenwilligen Haudrauf wie ihm gelingen. Es kommt jetzt darauf an, wie konzentriert seine Regierung den Verhandlungsweg fortsetzt und konkretisiert. Doch wo herkömmliche Methoden versagten, schafft Trump nun zumindest die Chance für einen Durchbruch. Schon jetzt kann er als Erfolg verbuchen, (mithilfe des südkoreanischen Präsidenten und des sanftes Drucks aus China) die Situation auf der koreanischen Halbinsel entspannt zu haben. Dafür gebührt ihm Anerkennung.

"Straits Times" (Singapur)

Ähnlich wie der Deal mit dem Iran, den Trump ablehnt, wird auch dieser Deal noch in schweres Wetter geraten. In Südkorea, in Japan, in China und in Russland - überall gibt es viele Leute, die den Entwicklungen mit mehr als einem Hauch von Nervosität zuschauen. Aber es ist der Verdienst dieser beiden oft als Solokünstler beschriebenen Männer, dass sie Staatsmänner genug waren, um zu versuchen, eine irritierende Beziehung zu beenden und Frieden in eine Ecke Asiens zu bringen, die manches vom wildesten und grausamsten Benehmen gesehen hat, zu dem Menschen untereinander instande sind."

Kim Jong Un (l.) und Donald Trump im Capella Hotel auf der Insel Sentosa in Singapur

"Financial Times" (Großbritannien)

Sollte Nordkorea die Erprobung von Interkontinentalraketen in naher Zukunft wieder aufnehmen, hätte der Singapur-Gipfel wahrlich nichts erreicht und die Welt wäre bald wieder auf dem Weg zurück zu den Tagen von "Feuer und Zorn". Doch wenn das Kim-Regime, wie auch immer, die neue Atmosphäre der Entspannung nutzt, um seine Pläne zur Entwicklung von Atomraketen, die die USA direkt bedrohen, auf Eis zu legen, könnte die Trump-Administration einen echten Erfolg verbuchen. Und auch der Rest der Welt hätte Grund zur Erleichterung, denn das Risiko eines Krieges auf der Koreanischen Halbinsel wäre erheblich geringer. Doch das genügt nicht. Trump hat versprochen, den Prozess der Denuklearisierung "sehr schnell" zu starten. Seine Regierung muss dieses Versprechen durch Fortschritte bei der Abrüstung des nordkoreanischen Atomwaffenarsenals erfüllen. Nur wenn die Regierungsbeamten das erreichen, wird der Singapur-Gipfel einen entscheidenden Schritt in Richtung Frieden darstellen.

"de Volkskrant" (Niederlande)

Die Erklärung enthält kein Zieldatum, keinen Zeitplan und nicht einmal einen Hinweis auf einen Mechanismus zur Überwachung der Abrüstung des nordkoreanischen Atomwaffenarsenals, das Präsident Donald Trump als "substanziell" bezeichnete. Insofern ist das Ergebnis des Gipfeltreffens magerer als Übereinkommen, die Vorgänger von Trump mit früheren Diktatoren aus der Kim-Dynastie erreichten. (...) Es ist zwar nicht ausgeschlossen, dass Kim Jong Un aus Furcht vor Trumps "Feuer und Zorn" tatsächlich beschlossen hat, einen anderen Weg einzuschlagen als sein Vater. Doch vorläufig sieht es danach aus, dass der Meister von "The Art of the Deal" einseitig Trümpfe aus der Hand gegeben hat.

"Neuen Zürcher Zeitung" (Schweiz)

Das Risiko, dass in Singapur eine neue Runde der Achterbahnfahrt mit dem Kim-Regime begonnen hat, ist hoch. Geht die Sache schief, verliert vor allem Trump. Er hat fröhlich grinsend seine guten Beziehungen zu dem Machthaber eines Staates betont, der nicht nur wegen seiner aggressiven Außenpolitik, sondern auch wegen Menschenrechtsverbrechen mit harschen Sanktionen belegt ist. Er war es, der eine friedliche Zukunft auf der koreanischen Halbinsel und eine neue Ära in den nordkoreanisch-amerikanischen Beziehungen versprochen hat. (...) Sollte sich herausstellen, dass Nordkorea einmal mehr Wirtschaftshilfe ohne echte Gegenleistungen herausholt, könnte der Gipfel von Singapur zu einem Bumerang werden, der Trump mitten ins Gesicht flöge. Kim dagegen hätte bloß die Tradition seiner Vorväter fortgesetzt - und die USA einmal mehr erfolgreich über den Tisch gezogen.

"Times" (Großbritannien)

Der Ball liegt jetzt bei Kim Jong Un. Eine seiner Optionen bei der Rückkehr nach Pjöngjang besteht darin, einfach das Versprechen von Präsident Donald Trump für sich zu verbuchen, dass die amerikanischen Manöver auf dem koreanischen Schauplatz aufhören werden. Die andere besteht darin, sich im Gegenzug zu amerikanischen Sicherheitsgarantien und einem potenziellen Aufschwung ausländischer Investitionen, die die letzte stalinistische Diktatur der Welt verändern könnten, auf einen Prozess der Denuklearisierung einzulassen. Die Präzedenzfälle verheißen allerdings nichts Gutes. Die letzten beiden bedeutenden Anstrengungen des Westens zur Überwindung der langanhaltenden militärischen Konfrontation auf der Koreanischen Halbinsel - 1994 und 2005 - beruhten auf weit detaillierteren Vereinbarungen als das Dokument, das Trump und Kim nun unterzeichnet haben. Doch beide vorherigen Versuche, Nordkoreas Marsch zu nuklearer Stärke aufzuhalten, haben völlig versagt.

"Diena" (Lettland)

"Dies ist das erste Treffen der Anführer der beiden verfeindeten Staaten, in das große Erwartungen gesetzt wurden. Klar ist, dass ein Gespräch allein die bestehenden und tiefen Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten Staaten und Nordkorea nicht glätten wird. Doch könnte es einen Anstoß für einen Prozess geben, mit dem ein dauerhafter Frieden auf der koreanischen Halbinsel erreicht wird. Angesichts der früheren gegenseitigen Beschimpfungen besteht aber auch ein ernsthaftes Risiko, dass das Treffen von Trump und Kim Jong Un in einem Fiasko enden könnte.

mad / DPA / AFP