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100 Jahre Russische Revolution: Wie Stalin die Revolution in Blut ertränkte

Fast 20 Millionen Menschen ließ Stalin in die Lager des Gulags verschleppen. An der Kolyma, dem Gebiet bei Magadan, erinnert fast alles an das Verbrechen - und gleichzeitig fast nichts. Teil 3 der stern-Serie über die Russische Revolution.

Von Bettina Sengling

Stalin

Stalin, der "Stählerne" errichtete einen eigenen Sklavenstaat im Staat

Dies ist die Geschichte einer Straße. Im Sommer sieht sie aus wie eine einfache Schotterpiste. Im Winter verwandelt sie sich in eine endlose Trasse aus Eis. Sie windet sich über schroffe Hügel, vorbei an den Ruinen alter Dörfer, durch Einöde, leeres, kaltes Land.

Die Einheimischen nennen sie nur: "Trasse". Sie ist die einzige Lebensader in dieser abgelegenen Gegend, in der es Abend wird, wenn in Moskau gerade der Tag beginnt. Ihren Anfang nimmt sie in Magadan. Russland grenzt hier fast an Amerika, so weit im Osten ist das. An ihrem Ende, etwa 2000 Kilometer weiter westlich, liegt Jakutsk, die kälteste Großstadt der Welt.

Der längste Friedhof der Welt

Genannt wird sie aber auch "Knochenstraße". Oder "längster Friedhof der Welt". Denn Häftlinge des Gulags bauten sie, und niemand weiß, wie viele Tote unter der hölzernen Befestigung begraben liegen. In manchen Monaten des Jahres 1935 gab es für die Arbeiter nicht einmal Schuhe, zu essen nur Mehl.

An Stalins Verbrechen erinnert an dieser Straße eigentlich alles: Fast jede Siedlung war früher ein Lager, es ist das Land des ehemaligen Gulags. Bis zu Stalins Tod 1953 errichtete die sowjetische Baufirma Dalstroj mehr als hundert Arbeitslager in dieser Region, die wie der Fluss heißt, der sie durchfließt: Kolyma. Die Lager trugen Namen wie "Dolch" oder "Der Aufklärer". Oder auch: "Regenbogen".

Stalins Idee war es, Menschen in diese menschenfeindliche Gegend zu verfrachten, in das lichtlose Land des Winters. Nie zuvor hatte hier jemand gelebt. Zwangsarbeit im Norden kannten die Menschen schon im Zarenreich. Doch Stalin errichtete einen eigenen Sklavenstaat im Staat, mit Lagern beinahe überall in der Sowjetunion. Insgesamt 2,5 Millionen Häftlinge des Gulags bauten im Jahr 1950 Eisenbahnschienen, Kanäle, Bergwerke und Fabriken. An der Kolyma hatte er es auf die Bodenschätze abgesehen: Gold, Silber, Uranerz, Kohle.

Das Land übt sich im Vergessen

Von 1931 bis 1950 verschleppten seine Behörden fast 900 000 Menschen in diese Region, zusammengepfercht in den stickigen Laderäumen von Transportschiffen, gefangen in einem "dichten Knäuel von Bewusstlosigkeit, Schmerz, der Dunkelheit des Nichtseins", wie es eine Gefangene beschrieb. Zu den ersten Arbeitssklaven an der Kolyma zählten Bauarbeiter, Bergarbeiter, Ingenieure, Ärzte, Musiker. Bewaffnete Wachleute sahen zu, wenn die ersten Schauspieler des Magadaner Theaters probten. Die Haare der Konzertmeisterin froren manchmal an der Pritsche ihrer Baracke fest.

Fast alles erinnert an Stalins Verbrechen – und gleichzeitig fast nichts. Es gibt kaum Denkmäler, Friedhöfe, kaum ein Museum, das diesen Namen verdienen würde. Die Lager sind verfallen, vom Schnee zerdrückt. Die Baracken wurden längst zu Brennholz.

Siege seien wichtiger als die dunklen Kapitel der Geschichte, sagte Wladimir Putin schon 2007, und so übt sich ein ganzes Land im Vergessen. Stalin ist die Rolle des Siegers im Zweiten Weltkrieg vorbehalten. Etwa jeder zweite Russe glaubt inzwischen, dass er mehr Gutes als Schlechtes getan habe, trotz der rund zwei Millionen Opfer im eigenen Land. Niemand verleugnet die Toten. "Aber es ist, als seien sie Opfer einer Naturkatastrophe oder einer Epidemie", sagt Arsenij Roginskij, Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Memorial. Und nicht Opfer eines Willkürregimes. Nicht Opfer des Staates.

Die Geschichte der Straße erzählt von den Schrecken der Vergangenheit. Aber auch von Sehnsucht, nach Größe, Stärke und Würde. Sie erzählt vom Scheitern, vom Zerfall. Von Armut. Und vom Vergessen in einem vergessenen Land.

Stefanija Dubownik, 87, lebt am Anfang der Straße, in Magadan, einer grauen Stadt am Meer. Manche Viertel sehen bis heute wie eine Ansiedlung wahllos hingeworfener Häuserblocks aus. Dubownik wohnt am Stadtrand. Sie ist schlecht zu Fuß, nur im Sommer, wenn kein Schnee liegt, schafft sie es ganz langsam auf die Bank vor ihrem Haus.

Schnee fiel auf die Nagajew-Bucht, als sie vor fast 70 Jahren in Magadan ankam. Dubownik hatte noch nie so ein karges Land gesehen. Sie stammte aus der Westukraine, war nicht einmal 18 Jahre alt, sprach kein Russisch. Ihre Mutter hatte sie in den Wald geschickt, um ihrem Onkel Essen zu bringen, der gegen die Sowjetmacht kämpfte. Als er verhaftet wurde, verurteilte ein Gericht auch Dubownik wegen "antisowjetischer Tätigkeit" zu zehn Jahren Haft.

Arbeiter mit Hungerbäuchen

"Ich wundere mich manchmal, dass ich überlebt habe", sagt sie heute. Zuerst: das Lager in Magadan. Dann: den Typhus. Damals gab es nur ein Krankenhaus in dieser einsamen Gegend, und Stefanija hatte doppelt Glück: Man brachte sie dorthin. Und sie wurde gesund.

Von dem Krankenhaus träumt sie manchmal. Sie erinnert sich, wie sie morgens, im Dunkeln, aus ihrer Baracke durch den Schneesturm stapfte. Sie hat die ausgemergelten Körper der Arbeiter mit ihren Hungerbäuchen vor Augen, dem Tode nahe, nach 16-Stunden-Schichten in den Goldminen. "Dochodjaga" werden sie im Lager genannt: Menschen, die fast am Ende angekommen sind. Morgens sah sie manchmal die Leichen auf den Lastern.

Sie verliebte sich im Lager, wurde schwanger. Die Lagerleitung schickte sie deshalb ins Frauenlager Elgen, wo mitten im Eis Gemüse in Gewächshäusern gedeihen sollte. Nebenan lebten die Babys der Frauen im "Kinderkombinat". Manchmal durfte auch Dubownik zu Bogdan, ihrem Sohn. Dann war er auf einmal weg. Im Alter von drei Jahren verschickt in ein Kinderheim. Stefanija hatte sich nicht einmal von ihm verabschiedet.

Nach Stalins Tod 1953 kam auch Stefanija frei. Wo sollte sie nun hin? Wie die meisten blieb sie in Magadan. Sie machte sich auf die Suche nach Bogdan. Dann, endlich, nach 14 Jahren, schickte ihn das Heim zurück zu seiner Mutter. Sie erinnert sich noch, wie sie am Flughafen auf ihn wartete. An seinem Gang erkannte sie ihn. Er ähnelte dem Vater. Und blieb ein Fremder. "Der Gulag", sagt Stefanija, "war die Hölle."

Am kalten, leeren Rand der Welt

Das Land sehe aus, als sei die Welt zu Ende, schrieb die jüdische Literaturprofessorin und Gulag-Inhaftierte Jewgenija Ginsburg einmal über die Kolyma. Auf der Fahrt ins Lager kam es ihr vor, als reise sie aus der Epoche hinaus, zurück in die Eiszeit. Zehn Jahre verbrachte sie dort, zwischen Menschen wie Schatten, "atmende, menschliche Schlacke". "Das Gefühl, am Rande der Welt zu sein, in völliger Abgeschiedenheit von der menschlichen Zivilisation, verließ uns keinen Augenblick."

Die Gulag-Überlebende Stefanija vor der "Maske der Trauer" in Magadan, sitzend, vor einer grünen, abschüssigen Landschaft

Die Gulag-Überlebende Stefanija Dubownik vor der "Maske der Trauer" in Magadan, einer der wenigern Gedänkstätten für die Opfer. Aus dem linken Auge der Maske fließen Tränen in Form weiterer Masken.

Karg und kalt ist das Land noch heute. Eine Art Russland extrem: noch kälter, leerer, ärmer als der kalte, leere, arme Rest. Meist sieht es beinahe farblos aus, eine Wüste in Weiß, Schwarz und Grau. Dort, wo die Trasse aus Magadan hinausführt, beginnt die Wildnis. Die Menschen fürchten die Straße. Im Winter kann plötzlich ein Schneesturm die Fahrbahn verwehen, der Wagen kann stecken bleiben, mitten im Nichts. Kein Handy hat hier Empfang. Im Sommer verschlucken Staubwolken die Sicht, in den Wäldern leben die Bären. Unfälle sind auch deshalb lebensgefährlich, weil es kaum Krankenwagen gibt.

In Debin, 450 Kilometer nördlich von Magadan, steht noch immer das Krankenhaus, in dem Dubownik die Männer aus den Goldminen sterben sah. Wie die meisten Orte an der Kolyma wirkt auch dieser, als wäre ein Taifun über ihn hinweggezogen. In den 90er Jahren beschloss die Regierung, die gesamte Kolyma aus Kostengründen zu entsiedeln. Doch irgendwann gab sie den Plan, auch aus Kostengründen, wieder auf. Überall sind deshalb Wohnblöcke verlassen, Hütten zerbrochen, die Wege aufgerissen, Farbe blättert, Gras wuchert. Fast aller Zerfall ist für immer, kaum etwas wird je wieder gerichtet, bemalt, repariert. Wer hier noch lebt, träumt sich weg, nach Murmansk mindestens oder Nowosibirsk.

Im Krankenhaus werden heute nur Tuberkulosekranke behandelt, der Chefarzt stammt aus der Ukraine, wo seiner Meinung nach Faschisten an der Macht sind, schlimmer als in Hitler-Deutschland. Auch über das heutige Deutschland macht er sich viele Gedanken: "Europa wird im Dreck versinken durch die Flüchtlinge", sagt er.

Geschichten von Onkel Petja

Vor ein paar Jahren richtete der Chefarzt im Foyer ein winziges Gedenkzimmer ein: für den Dichter Warlam Schalamow, einen der wichtigsten Schriftsteller des Gulags. 18 Jahre lang saß er in Lagern ein, zum Schluss arbeitete er als Hilfsarzt in diesem Krankenhaus. Schalamow schrieb über die "milchweiße Finsternis" der Kolyma. Über das, was das Lager vom Menschen übrig lässt. "Ist denn die Vernichtung des Menschen mithilfe des Staates nicht die Kernfrage unserer Zeit?", überlegte er. Viele Bewohner der Kolyma denken heute allerdings, Schalamow sei schwermütig gewesen und habe in seiner Prosa ein wenig übertrieben.

Das bekannteste Gulag-Museum der Kolyma liegt auch an der Trasse, 75 Kilometer weiter westlich von Debin, in einem schäbigen Plattenbau in dem Örtchen Jagodnoje, gegenüber dem Heizkraftwerk, in der Wohnung des Iwan Panikarow. Panikarow, eigentlich Klempner, ist der ausgewiesenste Gulag-Experte auf der Kolyma. In seinem winzigen Wohnzimmer hängen sorgfältig gezeichnete Karten, stapeln sich alte Dokumente und Akten. Auf Regalböden liegen verbogene Teekessel, Schuhe und Spitzhacken aus, die er auf seinen Feldzügen durch die Lagerruinen fand. In den 90er Jahren war sein Museum in wesentlich größeren Räumen untergebracht, doch dann strich die Stadtverwaltung die Ausgaben für Strom und Heizung. Aus Platzgründen hortet er inzwischen das meiste in seiner Garage. Die Geschichte kam ganz zufällig in sein Leben: Im Wohnheim einer Goldmine teilte er sich ein Zimmer mit einem ehemaligen Häftling. Onkel Petja nannte er ihn. Das Thema Gulag war ein Tabu damals, noch in den 80er Jahren hielten viele die ehemaligen Gefangenen für Volksverräter. Auch Onkel Petja schwieg, wenn er nüchtern war. Panikarow trank deshalb mit ihm. Dann schrieb er alles auf, für sich, wie er zunächst dachte.

Während der Perestrojka interessierten sich auf einmal alle für die Erinnerungen, über die zu sprechen der Staat so lange verboten hatte. Tausende Protokolle sammelte Panikarow in den vergangenen Jahrzehnten. Noch immer erreicht ihn Post aus allen Teilen des Landes, von Menschen, die nach Spuren ihrer Angehörigen suchen. Manchmal verschickt er Erde von alten Friedhöfen oder Fotos von Orten, an denen einmal ein Lager war.

Lange erhielt Panikarow Geld von ausländischen Stiftungen. Seit er sich deshalb laut Gesetz als "ausländischer Agent" registrieren lassen müsste, verzichtet er darauf. Er will keinen Ärger. Und er will sich auch nicht Agent nennen lassen. Er liebt sein Land. Geldprobleme hat Panikarow nun dauernd, aber aufzugeben kommt ihm nicht in den Sinn. "Hier geht es um die Wahrheit" , sagt er. "Um das Prinzip. Ich bin dankbar, dass mich die Behörden nicht behindern."

Geboren im Arbeitslager

Panikarow kennt alle ehemaligen Lager an der Kolyma, eins liegt ganz in der Nähe von Jagodnoje. Es ist das Frauenlager Elgen, in dem auch Stefanija Dubownik gefangen war. Zwei Stunden dauert die Fahrt über einen steinigen Nebenweg der Trasse.

Auch eine Bekannte aus Jagodnoje ist dabei. Olga Nikischowa, 64, kam im Lager von Elgen auf die Welt. Danach war sie nie wieder an diesem Ort. Nichts ist hier schön. Das Dorf wurde längst aufgegeben, nur ein paar Alte leben noch dort, holen Wasser aus dem Fluss, verfeuern das Holz aus verlassenen Hütten. Zu Sowjetzeiten gab es in Elgen einen staatlichen Landwirtschaftsbetrieb. Jetzt wächst hier nichts mehr, nur Gras.

Die Reste des Lagers sind bis heute zu sehen. Vorsichtig tastet sich Olga durch die Ruinen, über zerbrochene Balken, zerborstenes Lärchenholz. Eis und Schnee haben das Dach der Baracken eingedrückt, aber Überreste der Wände stehen noch, vergessen im Nichts der Taiga.

Nikischowas Mutter Marija quälte sich hier sechs Jahre lang, weil sie in einer Fabrik im Ural zu spät zur Arbeit gekommen war. "Sabotage", urteilte der Richter. Zwei Jahre vor ihrer Entlassung durfte sie allein in den Wald zur Arbeit. Dort lernte sie einen ehemaligen Häftling kennen und wurde von ihm schwanger.

"Meine Mutter hat von ihrer Haft erst gesprochen, als ich schon erwachsen war", sagt Olga Nikischowa. "Sie schämte sich und wollte mich von all dem fernhalten." Irgendwann sei es einfach üblich gewesen, alles, was damals geschah, schrecklich zu finden, denkt sie. So stimme das aber nicht. Selbst in den Todeslagern gab es Leben, sagt sie. Und ihre Mutter habe Stalin bis zu ihrem Tod verehrt.

Schuldig, aber kein Verbrecher

Auch Panikarow, der Gulag-Experte, versteht sich nicht als Stalin-Feind. "Im Westen begreift man das nicht", erklärt er. "Aber wir müssen die Geschichte so akzeptieren, wie sie ist." Er glaubt auch, Demokraten übertrieben gern, wenn sie vom Gulag sprechen. Er hält Stalin für schuldig an den Repressionen. Aber nicht für einen Verbrecher. In vielem sei die Politik sogar weise gewesen. "Er hat dieses Land erschlossen!", sagt Panikarow. "Und er hat die Leute dazu gebracht, nicht wieder wegzuziehen! Er hat etwas aufgebaut!" 

Zu sehen ist ein Propaganda-Plakat Josef Stalins

Für Westler unverständlich: Viele Russen sehen Stalin auch heute noch erstaunlich positiv.

Von der neuen Zeit kann Panikarow das nicht sagen. Natürlich sehnt auch er sich nach der Sowjetunion zurück, nach einem Leben, das ihm in Jagodnoje stets genauso wertvoll vorgekommen ist wie das Leben in Moskau oder Tula. Vor 30 Jahren gab es noch Kulturhäuser in dieser Gegend, Lohnzulagen und Gewächshäuser, Räumfahrzeuge schoben zuverlässig den Schnee von der Trasse.

Immerhin sind noch Goldminen in Betrieb. An der Trasse sind sie sofort zu erkennen. Wie Mondlandschaften sehen sie aus, mit grauen Schotterbergen, grauen Schlammseen, davor die grauen Holztürme, in denen das Gold gewaschen wird. Bulldozer schieben die Erde zusammen, aus der die Anlagen Gold filtern, oft kaum größer als Staub.

In den meisten quälten sich damals Stalins Arbeiter, deshalb zogen die Goldgräber in der Mine "Kriwbass" schon Patronenhülsen aus dem Dreck. Und Knochen. Minenbesitzer Sergej Basawluzkij ließ die Toten bestatten. Er ist ein kleiner, kräftiger Mann mit Goldkette, zupackend. Er achtet Stalins Opfer. Und Stalin achtet er auch.

Ein großer Herrscher ist der Diktator für ihn, der größte, den Russland je hatte. Historiker wissen mittlerweile, dass der Gulag wirtschaftlich kein Erfolg war: weil Menschen verschickt und bewacht werden mussten, weil keine Spezialisten im Einsatz waren. Basawluzkij sieht die Sache anders. Stalins gefürchteter Geheimdienstchef Lawrentij Berija sei der effektivste Manager der Neuzeit, findet er. "Das ist inzwischen weltweit anerkannt!"

Der Minenbesitzer hält sich deshalb gern an die alten Methoden: Nichts, so glaubt er, lässt Arbeiter so gut arbeiten wie Angst. Seine Mine gilt als Muster an Ordnung und Sauberkeit. Ein modernes Lager, darauf ist Basawluzkij stolz. Verboten sind Alkohol, Tabak, Schlendrian. Niemand geht, alle rennen. Eine Schicht dauert 12 bis 16 Stunden, freie Tage gibt es nicht. Die meisten Arbeiter fügen sich klaglos, auch deshalb, weil Basawluzkij sie aus verarmten Teilen der Ukraine einfliegen lässt und nach Ankunft die Pässe abkassiert. Findet er eine Zigarettenkippe, bestraft er erst einmal alle, die in der Nähe stehen. "Auch die Unschuldigen!", sagt Basawluzkij. "Das ist wichtig!"

Mehr als Basawluzkij senior fürchten die Arbeiter nur den Juniorchef, Basawluzkijs Sohn Semjon. Ihn ließ der Vater früher manchmal im Schweinestall schlafen, damit er ein guter Chef werde und ein besserer Mensch, hart zu sich und anderen. "Ich wünschte, er hätte mich noch härter bestraft", sagt Semjon heute. Er trägt Uniform und schläft oft im Auto auf der Mine, er ist Tag und Nacht im Einsatz.

Den Menschen in Jagodnoje schenkte Basawluzkij senior vor ein paar Jahren ein neues Fußballstadion. Er fährt aber ungern hin. Die Armut dort ekele ihn an. "Es gibt keinen Herrn im Land!", erklärt er. Korruption, Zerfall, Schlendrian, wohin sein Auge blickt. "Putin schafft nicht alles!", sagt Basawluzkij. "Schreiben Sie: Er kann mir die ersten 300 000 Diebe hierher schicken! Ich weiß, was ich mit ihnen anstellen werde! Ihr Heulen wird man in ganz Russland hören!"

Am Ende der Straße, in Jakutsk, haben sie vor ein paar Jahren eine Stalin-Büste aufgestellt, im Hof eines Unternehmens. Von der Größe Russlands sprach der Direktor damals und davon, dass sie untrennbar mit Stalin verbunden sei.

Eine Begegnung mit Stalin

Natalja Chajutina verstand das nicht. Weil sie sich so gut mit allem anderen auskannte, was Stalin dem Land hinterließ: Leid. Und Schuld. Sie kannte Stalin noch persönlich, einmal begegnete sie ihm in seiner Datscha unweit von Moskau. Noch besser kannte sie Stalins Geheimdienst-Chef Nikolaj Jeschow, auch "blutrünstiger Zwerg" genannt. Jeschow organisierte für Stalin in den Jahren 1937/1938 den "Großen Terror". Mehr als 680 000 Menschen starben damals. Ein nervöser kleiner Mann sei er gewesen, heißt es, oft erschöpft von den langen Nächten bei Verhören. Aber mit Natalja spielte er Tennis. Er brachte ihr Radfahren bei. Jeschow war Nataljas Adoptivvater. 

Zu sehen ist die Adoptivtochter Jeschows in ihrem Zimmer

Natalja Chajutina war die Adoptivtochter von Nikolaj Jeschow, Stalins Geheimdienst-Chef, der für ihn den Terror organisierte. Sie starb im vergangenen Jahr.

Als Natalja sechs Jahre alt war, holte der Geheimdienst Jeschow ab, denn auf einmal galt auch er als Volksfeind. Er starb in einem der Keller, in dem auch seine Opfer umgekommen waren, und Natalja kam in ein Kinderheim. Dort saß sie am liebsten auf einem Fensterbrett und wartete auf ihn. Jeder wusste, wer er war. Sie nicht. Sie fühlte sich wie gekidnappt. Aus einer wundervollen Welt in eine Hölle geworfen. 

Als Natalja endlich erfuhr, was ihr Vater getan hatte, begann ihre Flucht. Dauernd zog sie nun um. Kaum wussten am neuen Ort alle Bescheid, ging es weiter. So landete sie irgendwann auf einer Insel im Fernen Osten, zu erreichen nur per Hubschrauber.

Ihre erste Wohnung bezog sie an der Kolyma, dort, wo so viele Opfer ihres Vaters den Tod gefunden hatten. Als könnte sie sich nur hier diesem seltsamen Leben stellen, in das sie hineingeraten war, diesem Durcheinander aus Verbrechen, Leid, Schuld und Liebe.

"Ich habe mich verhaftet und hierher deportiert. Ich lasse mich nicht wieder frei", sagte sie. 2015 war das, da war sie schon bettlägerig und konnte kaum noch aus ihrem Haus. Im vergangenen Jahr starb sie an der Kolyma, gar nicht weit von der Trasse entfernt.

Lesen Sie hier den zweiten Teil der stern-Russland-Serie: Im Oktober 1917 entreißen die Bolschewisten dem provisorischem Regime endgültig die Macht. Eine Zäsur, die ein ganzes Jahrhundert prägen wird. In Russland - und in der Welt.

Im aktuellen stern finden Sie Teil IV: Kampf der Systeme: 1953–1991 - die Sowjetunion konkurriert im Kalten Krieg mit den USA, bis sie implodiert.

  

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RT Deutsch: Undercover bei Putins Propagandasender