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Syrien-Krise: Für Frankreich bleibt Militärschlag eine Option

Die bisher geschlossene Front des Westens gegen Assad scheint zu bröckeln. Nach dem Nein des britischen Parlaments suchen die USA nach neuen Partnern. Frankreich signalisiert Unterstützung.

Der französische Präsident François Hollande schließt einen Militärschlag gegen Syrien vor Mittwoch nicht aus. Das Nein des britischen Parlaments zu einer Militärintervention in dem Land ändere nichts an der Position Frankreichs, fügte der Staatschef in einem Interview mit der Tageszeitung "Le Monde" vom Freitag hinzu. Am Mittwoch berät das französische Parlament über Syrien, über einen Militäreinsatz entscheidet in Frankreich allerdings allein der Präsident.

Deutschland hingegen wird sich nach den Worten von Außenminister Guido Westerwelle an einem internationalen Angriff gegen Syrien nicht beteiligen. "Eine solche Beteiligung ist weder nachgefragt worden noch wird sie von uns in Betracht gezogen", sagte der FDP-Politiker der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Das Grundgesetz und die Rechtsprechung setzten hier enge Grenzen.

Wegen des mutmaßlichen Einsatzes von Giftgas durch die Truppen von Machthaber Baschar al-Assad hatte die Bundesregierung seit Beginn der Woche bislang zwar "Konsequenzen" verlangt, sich die verschiedenen Optionen aber offengehalten. Westerwelle erklärte nun weiter: "Wir drängen darauf, dass der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu einer gemeinsamen Haltung findet und dass die Arbeit der UN-Inspektoren möglichst schnell abgeschlossen wird."

Zuvor war die britische Regierung nach einer Abstimmungsniederlage im Parlament von einem Militärschlag gegen Syrien abgerückt. "Das britische Parlament und die britische Bevölkerung wünschen keine militärische Aktion. Ich verstehe das und werde entsprechend vorgehen", sagte Premierminister David Cameron nach dem Votum in der Nacht zum Freitag. Das Unterhaus in London hatte zuvor mit 285 zu 272 Stimmen eine Intervention abgelehnt. US-Präsident Barack Obama will sich trotz der Fußfesseln Camerons nicht von seinem Kurs abbringen lassen.

Cameron hatte sich nach dem Giftgaseinsatz mit Hunderten Toten in Syrien als einer der ersten internationalen Politiker für ein entschiedenes Vorgehen stark gemacht. Auf Druck der Labour-Opposition und auch aus den eigenen Reihen musste er aber die Abstimmungsvorlage deutlich abmildern. Diese erwähnte die Beteiligung an einem möglichen Militärschlag nur noch "grundsätzlich", angestrebt wurde darin vor allem ein internationaler Konsens. Aber auch diese abgeschwächte Version trugen die Parlamentarier nicht mit. Die Opposition verlangt "zwingende Beweise" für die Anwendung von Chemiewaffen durch das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al Assad.

Der britische Verteidigungsminister Philip Hammond sagte nach der Abstimmungsniederlage in der Sendung "Newsnight", es werde nun keine britischen militärischen Schritte gegen das Land geben. Aus einer Umfrage war zuvor hervorgegangen, dass fast zwei Drittel der Bevölkerung gegen ein Eingreifen der britischen Streitkräfte sind.

USA suchen weiter nach Partnern

Obama behielt sich trotz der Abkehr seines engsten Verbündeten eine Intervention vor: "Wie wir bereits sagten, wird Präsident Obamas Entscheidung von den besten Interessen der Vereinigten Staaten abhängen", sagte die sicherheitspolitische Sprecherin des Weißen Hauses, Caitlin Hayden, der Nachrichtenagentur DPA. "Er ist überzeugt, dass es für die USA um Kerninteressen geht und dass Länder, die internationale Normen verletzen, zur Verantwortung gezogen werden müssen." Es werde weiter Beratungen mit Großbritannien geben, fügte Hayden hinzu. Zudem suchen die USA nach neuen Partnern für den Militärschlag. "Das Ziel von Präsident Obama und unserer Regierung ist, dass es eine internationale Zusammenarbeit und ein internationales Bemühen gibt - welche Entscheidung auch immer getroffen wird", sagte Verteidigungsminister Chuck Hagel am Freitag während eines Besuchs der Philippinen.

Die Weltgemeinschaft hatte zuvor auf allen diplomatischen Kanälen nach einer Alternative zum drohenden Militärschlag gesucht. Telefondrähte liefen heiß, um doch noch eine gemeinsame Linie im UN-Sicherheitsrat zu finden. Ein eilig einberufenes Treffen der fünf ständigen Ratsmitglieder USA, Russland, China, Großbritannien und Frankreich endete aber ohne Erklärung. "Russland lehnt jeden Beschluss des Weltsicherheitsrates ab, der die Möglichkeit einer Gewaltanwendung vorsieht", betonte zudem Vize-Außenminister Gennadi Gatilow am Freitag gegenüber der Agentur Itar-Tass.

Obama hatte am Mittwoch (Ortszeit) versichert, die Entscheidung über einen Einsatz sei noch nicht gefallen. Der US-Botschafter in Israel, Daniel Shapiro, präzisierte aber, Washington sei sich mit den Nato-Partnern und der Arabischen Liga einig, dass man gegen Syrien vorgehen müsse. Es werde eine "starke und ernsthafte Reaktion" der USA geben. "Das syrische Regime hat Chemiewaffen in großem Umfang gegen Zivilisten eingesetzt, gegen Frauen und Kinder, und darauf muss es eine Reaktion geben", sagte Shapiro. Nach Informationen der "New York Times" haben die USA bisher aber keine Beweise, die Assad direkt mit der Attacke aus der vergangenen Woche in Verbindung bringen.

Kriegsschiffe sammeln sich im Mittelmeer

Das syrische Regime weist die Giftgas-Vorwürfe nach wie vor vehement zurück. Assad kündigte im Staatsfernsehen an: "Syrien wird sich gegen jeden Angriff verteidigen."

Experten der Vereinten Nationen suchen auch noch an diesem Freitag vor Ort nach Beweisen für einen Giftgasangriff. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, das UN-Team werde Syrien bis Samstagmorgen verlassen und ihm gleich danach berichten.

Ungeachtet aller Diplomatie gehen die militärischen Vorbereitungen für einen Angriff auf Stellungen in Syrien voran. Am Donnerstag traf ein fünfter Lenkwaffenzerstörer der US-Marine mit Marschflugkörpern im östlichen Mittelmeer ein. Großbritannien verlegte sechs Kampfflugzeuge des Typs Eurofighter "Typhoon" auf die Luftwaffenbasis Akrotiri auf Zypern. Russland setzte den Raketenkreuzer "Moskwa" sowie ein U-Boot-Abwehrschiff zum Schutz seiner Marinebasis in der syrischen Hafenstadt Tartus in Marsch; der Lenkwaffenkreuzer "Warjag" soll folgen.

dho/kng/DPA/Reuters / DPA / Reuters