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Waffenstillstand in Gefahr: Ukraine fürchtet Separatisten-Angriff auf Mariupol

Trotz des Friedensabkommens bleibt die Lage in der Ostukraine brenzlig. Separatisten sollen ihre Einheiten bei Mariupol verstärkt haben. In Moskau demonstrieren Tausende gegen den Westkurs Kiews.

Ukrainische Soldaten in der Stadt Mariupol nehmen an einer Militärübung teil

Ukrainische Soldaten in der Stadt Mariupol nehmen an einer Militärübung teil

Das ukrainische Militär befürchtet einen Angriff prorussischer Separatisten auf die strategisch wichtige Stadt Mariupol. Die Rebellen seien damit beschäftigt ihre Einheiten nahe der Hafenstadt mit weiteren Kämpfern, Waffen und Militärausrüstung zu verstärken, sagte Armeesprecher Andrej Lisenko am Samstag. Die Stadt liegt zwischen russischer Grenze und der von Russland annektierten Halbinsel Krim. Eine Einnahme durch die Separatisten wäre ein Schritt zu einem von den Rebellen kontrollierten Landkorridor zur Halbinsel und würde mit großer Wahrscheinlichkeit den in Minsk ausgehandelten Waffenstillstand endgültig zum Scheitern bringen.

Die Armee sei auf einen Angriff auf Mariupol vorbereitet, sagte Lisenko weiter. Rund um die Uhr würden Truppenbewegungen und Sabotageakte beobachtet. Mariupol am Asowschen Meer mit seinen rund 500.000 Einwohnern ist die größte Stadt in den beiden Separatisten-Gebieten der Ostukraine, die noch unter Kontrolle der Regierungseinheiten ist. Die westlichen Länder befürchten, dass die Separatisten eine Landverbindung zur Krim erobern könnten.

Bereits am Freitag hatte das ukrainische Militär erklärt, russische Panzer und Kämpfer hätten unweit von Nowoasowsk südöstlich von Mariupol die Grenze passiert. Allerdings gab es vor Ort zunächst keine Hinweise auf zusätzliche Panzer und Soldaten aus dem Nachbarland. Separatisten bei Nowoasowsk wiesen die Angaben als falsch zurück. Sie hielten sich an dem von Deutschland, Frankreich, Russland und der Ukraine ausgehandelten Waffenstillstand und hätten gemäß Abkommen auch die schwere Artillerie aus der Gegend um Mariupol zurückgezogen. Das Abkommen zur Waffenruhe war bereits durch die Einnahme der strategisch wichtigen Stadt Debalzewe durch Separatisten am Mittwoch erheblich gefährdet worden.

Pro-Rebellen-Demonstration in Moskau

Ein Jahr nach dem Machtwechsel in der Ukraine haben in Moskau unterdessen Tausende gegen den prowestlichen Kurs der neuen Regierung in Kiew demonstriert. "In der Maidan-Bewegung konzentriert sich alles Antirussische", sagte eine Rednerin am Samstag auf einer Bühne in der Nähe des Kreml. Die Proteste auf dem Maidan (Unabhängigkeitsplatz) in Kiew seien damals vom Westen angestiftet worden und ein "blutiger Totentanz" gewesen. "Niemals" werde es in Russland eine "Farbenrevolution" geben wie in der Ukraine oder in Georgien.

"In diesen Tagen, in denen die Feinde Russlands mobilmachen, müssen wir fest an der Seite des russischen Präsidenten stehen", sagte ein Redner. "Heimat - Putin" und "Russische Krim" skandierte die Menge etwa. Zu der Kundgebung für die Unterstützung des Krisengebiets Donbass hatten etwa 150 patriotische Organisationen aufgerufen. Unter den Teilnehmern war auch der ukrainische Politiker Oleg Zarjow, der mit Separatisten auf der Sanktionsliste der EU steht. Das Innenministerium schätzte die Zahl der Demonstranten auf etwa 40.000.

Kremlkritischen Medien zufolge war in Betrieben und Schulen Druck zu einer Teilnahme ausgeübt worden. Die russische Opposition wertet die Versammlung auch als "Einschüchterungsversuch". Die Bevölkerung solle damit vor den "blutigen Folgen eines Machtwechsels" gewarnt werden.

Gauck fliegt nach Kiew

Bundespräsident Joachim Gauck fliegt an diesem Sonntag zum Gedenken an die Proteste nach Kiew. Mit anderen Staatschefs etwa aus Polen und dem Baltikum wolle er dort ein Zeichen der Solidarität mit der Demokratiebewegung setzen, teilte das Präsidialamt in Berlin mit.

US-Außenminister John Kerry brachte unterdessen neue Sanktionen gegen Russland ins Gespräch. Kurz vor einem Treffen mit seinem britischen Amtskollegen Philip Hammond in London sagte Kerry, das Verhalten Moskaus in der Ukrainekrise sei in den vergangenen Tagen "schlichtweg inakzeptabel" gewesen. Russlands Verhalten "widerspricht allem, was die internationale Gemeinschaft seit dem Zweiten Weltkrieg versucht hat zu erreichen", sagte er. Die USA wüssten sehr wohl, dass Moskau die Separatisten in der Ostukraine unterstütze.

179 ukrainische Soldaten bei Kämpfen getötet

Am Samstag wurde auch bekannt, dass bei den Kämpfen um den Bahnknotenpunkt Debalzewe im Osten der Ukraine in einem Monat 179 Soldaten getötet worden sind. Dies meldete die Regierung in Kiew. Weitere 81 Soldaten würden nach dem Abzug der Regierungstruppen vermisst, schrieb der Präsidentenberater Juri Birjukow auf seiner Facebook-Seite.

Die Angaben Birjukows bezogen sich auf die Kämpfe zwischen dem 18. Januar und dem 18. Februar. Die Gefechte um die wochenlang belagerte Stadt waren damit für die ukrainische Armee die verlustreichste Schlacht seit Beginn des Konflikts im vergangenen April. In dem zehnmonatigen Konflikt wurden fast 5700 Menschen getötet.

Gefangenenaustausch in der Ostukraine

Aufständische und Regierungseinheiten in der Ostukraine haben einen Teil ihrer Gefangenen ausgetauscht. In der Nähe der Separatistenhochburg Lugansk übergaben die Separatisten der Armee 139 Offiziere, das Militär ließ dafür 52 Aufständische frei, wie örtliche Medien berichteten. Der Austausch ist Teil des Friedensabkommens, das die Konfliktparteien vergangene Woche in Minsk geschlossen hatten.

Nach tagelangen Kämpfen in Debalzewo konnten Vertreter Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa erstmals die strategisch wichtige Stadt im Kriegsgebiet Donbass besuchen. Die Beobachter hätten gemeinsam mit Kollegen vom Internationalen Roten Kreuz fünf Lastwagen mit Hilfsgütern begleitet, sagte OSZE-Sprecher Michael Bociurkiw. Die Separatisten hätten die Sicherheit garantiert. Die humanitäre Lage in der Region sei problematisch, sagte Bociurkiw.

Janukowitsch spricht von Rückkehr

Auch der vor einem Jahr aus der Ukraine geflohene Ex-Präsident Viktor Janukowitsch will zurück in sein Land. "Sobald sich eine Möglichkeit bietet zurückzukehren, werde ich zurückkehren und alles tun, um das Leben in der Ukraine zu verbessern", sagte er in einem Interview des staatlichen russischen Fernsehens. "Derzeit ist die wichtigste Aufgabe, den Krieg zu beenden".

Janukowitsch setzte sich vor genau einem Jahr nach Russland ab, nachdem bei den Protesten in Kiew innerhalb von drei Tagen mehr als 100 Demonstranten erschossen worden waren. Die Demonstrationen richteten sich gegen Janukowitsch und dessen prorussischen Kurs. Janukowitsch begründete seine Flucht damit, er habe um sein Leben fürchten müssen.

Wer die Schüsse auf die Demonstranten abgab, ist bis heute nicht geklärt. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sagte der Nachrichtenagentur Interfax, es gebe eindeutige Hinweise auf eine "russische Verbindung". Ein Vertrauter von Präsident Wladimir Putin habe ausländische Scharfschützen beauftragt.

Janukowitsch betrachtet seine Absetzung als illegal und spricht genau wie die russische Regierung von einem Putsch. Janukowitsch ist wegen Vorwürfen wie Unterschlagung von Interpol zur weltweiten Fahndung ausgeschrieben. Interfax hatte zuletzt unter Berufung auf russische Regierungskreise gemeldet, Russland werde eine Auslieferung von Janukowitsch ablehnen.

mka/DPA/Reuters/AFP / DPA / Reuters