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Angelika Beer: "Ui, puh, nee, ja nun, ui, iiih!"

Merkwürdige Geräusche machen die Grünen, wenn man sie auf Angelika Beer anspricht. Genieren sie sich für ihre Chefin? Die will sich nun nach Brüssel absetzen - und sorgt so für Wirbel.

Zuletzt umarmte sie einen Affen. Der hatte ein rotes Leibchen an, darauf stand "Bild Dir Deine Meinung", und Angelika Beer lachte freundlich und blickte auf das Tier. Und wie die Reporter der "Bild"-Zeitung aufmerksam notieren, lässt sie den Affen Charly "an ihrem (alkoholfreien) Cocktail nippen. Zum Dank klaut ihr Charly die Brille von der Nase. Aber dann wird er wieder ganz lieb, gibt Küsschen zur Versöhnung." Küsschen vom Äffchen für die grüne Parteivorsitzende. Tausend Gäste, wichtige Menschen aus Politik, Wirtschaft, Film und Sport, beim "Bild"-Sommerfest im Berliner Tiergarten, willig lassen sie sich fotografieren, mal staatsmännisch im Gespräch mit dem politischen Konkurrenten, mal jugendlich-dynamisch wie der alte Otto Schily im Sattel eines Rennrads.

Heimtückische Symbolkraft

Aber mit einem Affen aufs Foto? Hat denn Angelika Beer - wenn sie es schon selbst nicht weiß - niemanden, der ihr sagt, was für eine heimtückische Symbolkraft Bilder haben können? Hat sie niemanden, der sie schützt?

Da fehlt jemand, fehlt der Vertraute, den jeder Politiker braucht. Jemand, der aufpasst. Der sagt, Vorsicht, lass das, das geht schief.

Auch damals hat so jemand gefehlt, an jenem fatalen Tag im Februar, als sie nicht abgesagt hat bei dieser Talkshow in Berlin. "Hicks! Prost!", höhnte "Bild" danach, scheinheilig sorgte sich die "Bunte": "Zerbricht die Politikerin unter dem Druck von Liebe und Beruf?" Mit Olaf Scholz (SPD), dem FDP-Chef Guido Westerwelle und dem CDU-Fraktionsvize Wolfgang Schäuble sollte sie über die Irak-Krise reden - und sagte dann so etwas: "Wnn ess denn so isst, mussn deutsche Soldaten mtkämpfen." Massenvernichtungswaffen? "Das waren Schdudenten", stammelte sie.

Wenn sie vorkommt, geht sie unter

Seit 228 Tagen ist Angelika Beer die Vorsitzende der Grünen, Vorsitzende einer Regierungspartei. Sie ist - zumindest auf dem Papier - eine der wichtigsten Frauen in diesem Land. Aber sie ist eine Parteichefin, die so gut wie gar nicht mehr in der politischen Öffentlichkeit vorkommt - und wenn sie vorkommt, geht sie unter.

So sieht man sie bei der Kabinettsklausur unterm Ahornbaum auf Schloss Neuhardenburg gegenüber von Gerhard Schröder sitzen, es geht um Steuern, Schulden und Subventionen, man denkt: ein wichtiger Platz, so nah beim Kanzler. Aber dann sickert durch, dass die grüne Parteispitze ihre Chefin bei diesem Treffen gar nicht erwartet hatte. Der schöne Sitzplatz - ein Akt der Gnade?

Es ist nicht Angelika Beer, sondern ihr Co-Chef Reinhard Bütikofer, der am Abend im Fernsehen die Ergebnisse der Konferenz vorstellt, und es ist auch wiederum Bütikofer, der in den Artikeln am Tag danach erwähnt wird. Und sie? Kommt nicht vor.

"Weiß wenig, hat nichts zu sagen"

Angelika Beer - wird ignoriert. Macht sie eine Pressekonferenz, dann kommen nur wenige Journalisten, denn Beer, sagt ein Kollege vom "Tagesspiegel", "weiß wenig, hat nichts zu sagen". Und wenn sie doch etwas sagt?

Beim letzten Parteitag der Grünen in Cottbus will sie die Grünen einschwören auf Schröders Agenda 2010 - doch die Parteifreunde unten im Saal hören ihr kaum zu. Beifall? So gut wie keinen. Und danach, als sie nach ihrer Rede durch die Reihen der Delegierten streift, weichen die auseinander wie das Rote Meer bei Moses? Auszug aus Ägypten.

Wichtig sein. Ernst genommen werden. Das ist es, worum sie gekämpft hat, ihr Leben lang. Sie, die nicht studiert hat, die kein Abitur vorweisen kann. Die eine schreckliche Jugend hinter sich hat. 14 war sie, als ihr Vater an Krebs starb, fünfmal versuchte ihre Mutter sich umzubringen, viermal hat Angelika Beer sie rechtzeitig gefunden, beim fünften Mal war sie auf Klassenfahrt und kam zu spät. Da war sie 15. Mit 16 hat sie einen Sohn, ist verheiratet und mit 18 geschieden.

Ihr Triumph ist kein Triumph

Ganz nach oben hat sie es dennoch geschafft, sie, die Notargehilfin aus Lütjenburg. Aber ihr Triumph ist kein Triumph: Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere nimmt man sie nicht mehr ernst.

Die Strippenzieher der Partei, die Fischers, Trittins, Kuhns, Schlauchs, gehen mit ihrem Co-Chef Reinhard Bütikofer essen, Bütikofer ist es, mit dem man redet, Bütikofer weiß Bescheid. Angelika Beer bekommt einen Termin bei den Ministern, wenn sie Glück hat. Machtspiele, man kennt das, aber sie hat dem nichts entgegenzusetzen. Sagt eine Spitzen-Grüne: "Als Frau würde ich sie ja gern gegen diese Machos verteidigen. Aber ich kann es nicht, sie hat zu wenig drauf."

Böses Getuschel

Dieses böse Getuschel hinter ihrem Rücken: Die kann es nicht! Die muss weg! Ab nach Brüssel! Wie hält sie das aus? Wie geht sie mit dieser Missachtung um? Sie flieht. Am Freitag, dem 11. Juli, setzt sie sich an ihren Computer und schreibt einen zehnzeiligen Brief an die Mitglieder des Parteirats: "Seit einiger Zeit hege ich den Gedanken und habe mich nun entschieden: Ich melde meine Kandidatur für einen vorderen Listenplatz zur Europawahl an."

Sie kämpft. Sie sucht die Basis. Die wartet vergangenen Donnerstag auf sie in einer Essener Kneipe, 25 Leute in einem Hinterzimmer - die Alterspyramide der Bundesrepublik in 20 Jahren, also: schütteres Haar, weiße Bärte, Falten, Bäuche und dazu fünf Leute, die unter 30 sind. Beers Thema: Die Zukunft der Bundeswehr. 20 Minuten redet die Vorsitzende: Terrorismus, Steuer- und Gesundheitsreform, der Kampf ums Wasser, Rüstungsharmonisierung, Tierschutz, Genverordnung, der "ganze Teufelskreislauf" und die Klage, "dass Europa vier Monate braucht, um 400 Soldaten nach Mazedonien zu schicken". Noch ein bisschen Bundeswehr, Berufsarmee, eine europäische Sicherheitsphilosophie. Gelangweilt nippt der Diskussionsleiter am Wasser.

Note "ausreichend"

"Dürftig, dünn", sagt später Thomas Rommelspacher, Gastgeber, Landtagsabgeordneter in NRW. "An der Uni würde ich ihr dafür eine Vier geben. Aber wir dachten halt, das wäre eine gute Abwechslung zur letzten Mitgliederversammlung vor den Ferien. Und sie hatte eben noch Termine frei."

Im feuchten, warmen Berlin sitzt Angelika Beer in einem Restaurant am Potsdamer Platz, stochert in Kalbshaxenscheiben, zieht an ihrer Zigarette. Am Jackett-Revers trägt sie ein silbernes Bärchen, um den Hals eine Silberkette mit Bärchen. "Der Bär - das bin ich", sagt sie. Heute morgen hat sie, wie fast jeden Tag seit 30 Jahren, ein paar Sätze in ihr Tagebuch geschrieben, über 100 sind schon voll, manchmal liest sie alte Eintragungen stundenlang nach. Sie schreibt gern, seit zwei Jahren auch Kurzgeschichten über die "Verrücktheiten", die sie erlebt.

Mit sich im Reinen

Nein, keine Flucht sei das mit Europa. Leidenschaftlich gern sei sie Parlamentarierin, Europa sei das spannendste Feld, und sie wolle sich da einbringen mit ihrem Wissen - Sicherheitspolitik, Landminen, Menschenrechte. Sie redet viel, sagt wenig, sie hangelt sich von Floskel zu Floskel, Eckpunkte habe sie für sich gesetzt, bei anderen sei das anders, aber es gebe keine Schablonen. So plätschert das dahin, ja, politisch weiterentwickeln möchte sie sich, eine wunderbare Chance sei das mit Europa, sie passe in dieses Parlament. Mäkeleien? Die Missachtung? Ach was, sagt sie, sie liege nachts nicht tränenüberströmt im Bett. Ja, sagt sie, sie sei mit sich im Reinen.

Sie zieht an der Zigarette. Sie nippt am Wein. Sitzt da eine, die keinen Blick mehr hat für die Wirklichkeit? Die die Wirklichkeit, wenn sie zu bedrückend wird, einfach ausblendet? Glaubt sie, was sie da sagt? Angenommen, sie schafft es nicht nach Brüssel, angenommen, sie wird im Herbst nicht nominiert - die Konkurrenz ist ja groß mit Heidi Rühle, Rebecca Harms, Cem Özdemir, Dany Cohn-Bendit, jetzt auch noch Reinhold Messner, die begehrten Plätze auf der Europaliste sind verdammt knapp. Also angenommen - angenommen, teufelt sie los, angenommen gibt es nicht! Sparen Sie sich das! Sonst ist es aus mit dem Gespräch! Wir machen da nicht weiter!

Ahnt Angelika Beer, dass sie diesen Kampf im Herbst nicht verlieren darf, weil sie nichts anders mehr hat als Politik? Angelika Beer. 46 Jahre alt, Ex-MdB, Ex-Verteidigungspolitische Sprecherin der Grünen, demnächst Ex-Vorsitzende der Grünen, Europa-Kandidatin in spe: Selten wohl klaffen bei einem Spitzenpolitiker Eigen- und Fremdbild so weit auseinander wie bei ihr.

Merkwürdige Geräusche

"Ui, puh, nee, ja nun, ui, iiih!" Merkwürdige Geräusche geben grüne Abgeordnete von sich, wenn sie auf ihre Chefin angesprochen werden. Lang gezogene Laute aus verzogenen Gesichtern. Niemand will über Angelika Beer reden - sie nicht loben, sie nicht verteidigen. "Glauben Sie denn", fragt schließlich die ehemalige Abgeordnete Annelie Buntenbach, "dass Sie in der SPD jemand finden würden, der etwas über Rudolf Scharping sagen würde?"

Angelika Beer - der Rudolf Scharping der Grünen? Ja, irgendwie schon. Da ist die Liebe zum Militär, die Tatsache, dass ihre Parteien an ihnen leiden, der naiv-glückliche Umgang mit der Boulevardpresse, wie er seine Gräfin, so hat sie ihren Oberstleutnant a. D. stolz präsentiert. Und diese Weltfremdheit, dieser gläserne Blick, der Verletzungen nicht wahrnehmen will: Ich? Ein Paria? Blödsinn. Scharping, das ist politisch ein erledigter Fall, ein Hinterbänkler, der gerade verzweifelt darum kämpft, einen guten Listenplatz fürs Europaparlament zu bekommen. Wie nun auch Angelika Beer.

Man trifft andere Grüne - und ist Vertraulichkeit zugesichert, reden sie freimütig, werden sie zu Psychologen, und die Parteivorsitzende wird plötzlich zum "Mädel", das es einfach nicht kann. Früher sei sie nur deshalb aufgefallen, weil sie in Sitzungen so fürchterlich hibbelig war, nervös in der Tasche gekramt habe, alle fünf Minuten sei sie rausgerannt.

Kollateralschaden des Kosovokrieges

Ein Abgeordneter bemüht sogar Goethe, um Beers Biografie zu fassen: Sie habe einen tragischen Drall ins Faustische. Sie sei, so müsse man es sagen, ein später Kollateralschaden des Kosovokrieges. Joschka Fischer habe die Antimilitaristin damals kühl berechnend auf den Balkan geschickt, und wie erhofft sei "das Mädel" als Bellizistin von den Schlachtfeldern zurückgekommen. Fortan habe sie brav diese Rolle der Bekehrten gespielt; aufopfernd habe sie geholfen, die Grünen auf Fischers Kriegskurs zu trimmen, grotesk habe sie ihre neue Rolle übertrieben ("Meine Jungs" nennt sie nun Soldaten; "Geht in die Kasernen!", ruft sie jetzt ihren Grünen zu: "Das sind nun unsere Panzer!"). Das Stück ist aus, doch sie stehe noch immer auf der Bühne, allein, hoffend auf Beifall - und niemand klatscht. Schon gar nicht Fischer, der behandele sie "wie Dreck". Die Welt mag den Verrat, aber nicht den Verräter. Das hängt ihr an.

Teuer habe Beer für diesen Auftritt bezahlt, für diesen kurzen Genuss, einmal gebraucht zu werden: Freunde habe sie verloren, ihre innere Orientierung und jetzt auch noch das eine Thema, in dem sie sich wirklich auskannte, sogar den Konservativen als Fachfrau galt - Militär.

Kaum jemand grüßt sie, niemand spricht sie an

Ein warmer Sommerabend, Musik der sechziger Jahre dröhnt aus Lautsprechern, die SPD-Fraktion feiert ihr Sommerfest in einem Hof "Unter den Linden". Kurz nach 18 Uhr kommt Angelika Beer, silberne Schuhe, schwarze Hose, ihr Zöpfchen, die "Zündschnur", wie Harald Schmidt spöttelt, baumelt überm schwarzen Jackett. Mit einem Begleiter schreitet sie durch die Menschen, sie schaut nach rechts, sie schaut nach links, kaum jemand grüßt sie, niemand spricht sie an, sie geht auf einen Stand zu, und plötzlich beobachten sie alle: Nimmt sie einen Prosecco? Einen Wein?

Angelika Beer greift nach einem Glas Wasser, sie geht am rotgesichtigen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse vorbei, der sich sehr müht, sie nicht zu sehen, sie geht zu einem Stehtischchen bei der Bühne; kurz danach taucht Bütikofer inmitten einer lärmenden Traube von Freunden auf, er stellt sich ein paar Meter von ihr an ein Tischchen, er registriert seine Co-Chefin nicht.

Charly, der Affe, wartet

Ein halbe Stunde später streift Angelika Beer nochmals durch den Hof, niemand spricht sie an, sie entdeckt Peter Struck, sie stellt sich neben den Verteidigungsminister, sie lacht, sie legt ihm den Arm auf die Schulter, ein paar Kameras springen an, "fürs Heimvideo", sagt sie, "tschüs", sagt Struck. Als der Kanzler kurz nach 19 Uhr, hemdsärmlig und ein bisschen dicklich um die Hüften, aber gut gelaunt, "meine lieben Freunde, meine lieben Genossen und meinen lieben Joschka" begrüßt, steht die Parteivorsitzende Beer draußen auf der Straße "Unter den Linden", sie versucht, sich die Eintrittsbanderole vom Arm abzureißen. Sie winkt nach einem Taxi. Knapp einen Kilometer die Straße weiter hoch feiert die "Bild"-Zeitung ihr Sommerfest. Da wartet Charly, der Affe.

Arno Luik / print