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Gauck in China: "Was hat Ihnen der 'Spiegel' für diese Frage bezahlt?"

Bundespräsident Gauck in China - das ist ein ständiger Hochseilakt zwischen Kritik und Freundlichkeit. Um eine Frage kommt er aber auch hier nicht herum: Strebt Gauck eine zweite Amtszeit an?

Bundespräsident Joachim Gauck in der Tongji-Universität in Shanghai

Im Gespräch mit Studenten: Bundespräsident Joachim Gauck nach seiner Rede an der Tongji-Universität in Shanghai

Ausgerechnet diese Frage, ausgerechnet in China. Joachim Gauck sitzt im Lesesaal der Chinesisch-Deutschen Hochschule in Shanghai, im Regal hinter ihm steht das "Schwarzbuch des Kapitalismus", da will ein chinesischer Professor von ihm wissen, ob er im nächsten Jahr als Bundespräsident weiter mache. Gauck kriegt sich gar nicht mehr ein vor Lachen. Er guckt zu den deutschen Journalisten, er weiß, dass sie jetzt nichts lieber hätten von ihm als eine ehrliche Antwort, seit Wochen schon liegen sie Gauck damit in den Ohren. Und ausgerechnet hier, über 8000 Kilometer von zu Hause entfernt, holt ihn dieses Thema ein.  "Was hat Ihnen der Spiegel für diese Frage gezahlt?", fragt Gauck den Professor. Er lacht immer noch.

Der Bundespräsident ist routiniert darin, sich die Frage aller Fragen vom Leib zu halten. Vielleicht liegt es an Shanghai, der absurden Situation, dem chinesischen Professor, Gauck jedenfalls gibt plötzlich doch ein kleinen, ungewohnten Einblick in sein Seelenleben, was die eigene Zukunft betrifft. Es sei ein schönes Gefühl zu wissen, dass er mit seiner Präsidentschaft vielen Menschen etwas gebe und sie ihn bitten, doch weiterzumachen. "Aber ich muss auch meine eigenen physischen und psychischen Kräfte einschätzen."

Vom Glück, keine Zeit zu haben

Gauck ist 76 Jahre alt, wenn er als Präsident weitermachte, müsste er durchhalten, bis er er 82 wäre. Die Anstrengungen des Amtes sind ihm jetzt schon manchmal anzusehen. "In ein paar Wochen oder Monaten werde ich es der deutschen Öffentlichkeit mitteilen", sagt er. Und dann, an den Professor gewandt: "Wenn wir bei einem Bier zusammensitzen würden, würde ich Ihnen die Antwort verraten." Daraufhin der Professor: "Wenn Sie Zeit haben, würde ich Sie gern auf ein Bier einladen."

Ein Glück für Gauck, dass er keine Zeit hat. Eine halbe Stunde zuvor stand er im Auditorium der Tongji-Universität. Die angesehene Shanghaier Hochschule gilt als Paradebeispiel für die guten deutsch-chinesischen Beziehungen. Nicht zufällig diesen Ort hat sich der Bundespräsident für den Höhepunkt seiner fünftägigen China-Reise ausgesucht: eine Rede über China und darüber, was eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft ausmacht.

Keine einfaches Unterfangen, um es vorsichtig auszudrücken. 

Ein Exkurs in bittere DDR-Zeiten

Gauck ist allerdings nicht nach China gefahren, um hier nachzumachen, was viele westliche Staats-und Regierungschefs üblicherweise tun: Klappe halten, auf die Geschäfte konzentrieren. Er will den Mund aufmachen, kritisch sein. Gleichzeitig möchte er die Pekinger Machthaber nicht brüskieren und das gute Verhältnis Deutschlands zu China aufs Spiel setzen. Da ist jeder Satz von ihm wie ein Tanz auf dem Hochseil.

"Ich möchte Ihnen etwas von meinem Land, von seiner Geschichte und ein wenig auch von meinem Leben berichten", sagt Gauck. Er überrascht die 250 Studenten im Saal und mit ihnen den Parteisekretär der Uni, der in der ersten Reihe sitzt. Sie hören unter ihren Kopfhörern plötzlich Geschichten aus der DDR, von einem Staat, der "sein eigenes Volk entmündigte, einsperrte und jene demütigte, die sich dem Willen der Führung widersetzten". Sie hören, wie der Präsident von den Erfahrungen der Bundesrepublik berichtet, einem Land, das ohne Demokratie und eine starke Zivilgesellschaft nicht das geworden wäre, was es heute ist. Die Studenten erfahren, worauf Freiheit und Demokratie in Deutschland beruhen: auf der "Herrschaft des Rechts" und der Einsicht, dass "Menschenrechte nicht an Räume oder an Zeiten gebunden sind, sondern untrennbar verbunden sind mit dem Wesen des einzelnen Menschen".

"Er hat uns gemeint"

So geht das 45 Minuten lang. Gauck redet über Deutschland, freie Gewerkschaften, die Erfolge der Umweltbewegung - und er meint damit China. Er legt den Vergleich nur nahe. Seine Erfahrungen dränge er niemandem auf. Seine Kritik an China kleidet er vorsichtig in "Fragen" und "Sorgen". "Mein Besuch ist ein Freundschaftsbesuch", sagt Gauck. Aber die Studenten verstehen ihn auch so. "Er hat uns gemeint", sagt hinterher einer von ihnen.

Was ist vor diesem Staatsbesuch, einem der schwierigsten in Gaucks Amtszeit, nicht alles spekuliert worden. Vor allem: Was wird dieser Mann, der sein Leben der Freiheit und dem Kampf gegen totalitäre Herrschaft verschrieben hat, sich im Reich der Unfreiheit trauen?

Nach vier Tagen in Peking und Shanghai kann man festhalten: Gauck, der zum ersten Mal in China war, hat sich so einiges getraut - aber nicht alles.

Chinas nervöse Diktatur

China ist eine Supermacht. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, unverzichtbarer Absatzmarkt für die deutsche Export-Wirtschaft, politischer Global Player mit wachsendem internationalem Einfluss bei der Bewältigung vieler Großkonflikte, vom Syrienkrieg bis zum Klimawandel.

China ist aber auch eine nervöse Diktatur. Ein alles durchdringendes Gefühl von Unsicherheit und Krise macht sich breit im Land. Die Wahrheit wird  verschwiegen, das Recht gebogen, die Luft verschmutzt. Andersdenkende werden verfolgt und eingesperrt, Medien zensiert, Minderheiten unterdrückt. Seit dem Amtsantritt von Partei-und Staatschef Xi Jinping vor vier Jahren verwandelt sich China wieder in ein autoritäres Regime.

Überraschendes Treffen mit Bürgerrechtlern

Gauck weiß das alles. Er akzeptiert die Grenzen der Kritik an Chinas Sozialismus - und versucht sie gleichzeitig zu dehnen. Er bezeichnet das als "Herausforderung". Er kann sich ja schlecht auf den  Tiananmen-Platz in Peking stellen und die Missstände öffentlich anprangern. Er ist Staatspräsident, kein Dissident a. D. Er muss hinter verschlossenen Türen sprechen, da jedoch wird er deutlich. Mit Xi Jinping, dem starken Mann Chinas, und Li Keqiang, dem Ministerpräsidenten, redet er über die dunklen Seiten Chinas: die Allmacht der Kommunistischen Partei, Willkür, Zensur. Er setzt sich für mehr als 20 inhaftierte Anwälte ein und eine unter Hausarrest stehende Journalistin der Deutschen Welle. Er trifft am Montagabend in der Residenz des deutschen Botschafters überraschend sogar prominente Bürgerrechtler und Menschenrechtsanwälte. Ein kleiner Coup.

Hinter den verschlossenen Türen lobt Gauck die chinesischen Machthaber aber auch für ihre "historische Leistung", Millionen von Menschen aus der Armut befreit zu haben. Er hört ihnen zu, stellt hinterlistige Fragen, lockt sie aus der Reserve. Dabei beglaubigt er seine skeptische Grundhaltung gegenüber dem chinesischen Weg, dieser atemberaubenden Mischung aus Kommunismus und Turbokapitalismus, mit seiner Biografie: Gauck ist in der  DDR groß geworden, hat seinen Marx und Lenin gelernt, ist später am sozialistischen System verzweifelt und hat sich für Bürgerrechte eingesetzt.

Mit Marx gegen Marxisten

Seine Methode, kritische Worte mit freundlicher Zuwendung und dem Hinweis auf seine eigene Lebensgeschichte zu verbinden, scheint in China zu funktionieren. Selbst in der Zentralen Parteihochschule in Peking. Zwei Stunden diskutiert Gauck am Montagvormittag mit den Hütern der kommunistischen Ideologie. Journalisten müssen draußen bleiben. Aber wenn es stimmt, was Teilnehmer der deutschen Delegation hinterher berichteten, muss der Bundespräsident seine Gastgeber mit ihrer schärfsten ideologischen Waffe in die Ecke getrieben haben: der marxistischen Dialektik.

Wenn die Partei sich mit der Marktwirtschaft versöhnt habe, also das Verbot des Privateigentums an Produktionsmitteln aufgehoben habe, soll Gauck in vollendeter marxistischer Diktion gefragt haben - warum stelle sie dann nicht auch andere Gewissheiten in Frage, zum Beispiel die, dass die Partei über dem Recht stehe. Die Marxismus-Professoren reagierten irritiert. China sei doch ein "vollendeter Rechtsstaat", verteidigten sie sich, und ihr Sozialismus sei anders als alle anderen, nämlich ein chinesischer, um dann aber doch wieder die Weisheit der Partei zu preisen. Gauck entgegnete trocken: "Die Haltung, dass die Kommunistische Partei immer recht hat, kenne ich sehr gut." Plötzlich lachten alle in der Runde. Offenbar ein kurzer, befreiender Moment.

Gauck war nach der Diskussion ganz begeistert. Hier müsse er später unbedingt noch mal her. "Ein paar Vorlesungen halten."