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Edmund Stoiber: Spaziergang zum Gipfel

Die Landtagswahl am kommenden Sonntag wird Edmund Stoiber haushoch gewinnen. Und dann? Bleibt er in Bayern - oder riskiert er im Kampf ums Kanzleramt noch einmal die Steilwand?

Die Truppe seufzt und jammert. Wird dieser Mann denn niemals müde? Der Wahlkampf beflügelt ihn. Sein Adrenalinspiegel - gleich bleibend hoch. Sein Stehvermögen - wie Viagra-gestählt. Der und schon fast 62? Topfit kommt er daher, keinen Tropfen Alkohol trinkt er in diesen Wochen mit den 16-Stunden-Tagen. Am Maßkrug nippt er mit geschlossenen Lippen. Und wenn er tatsächlich trinkt, dann ist garantiert Salbeitee drin.

"Master of Desaster"

Gut 200 Termine hat Edmund Stoiber im bayerischen Wahlkampf abgearbeitet, nebenbei regiert er Bayern, mischt beidhändig wie vollmundig in der Bundespolitik mit. Schimpft auf "Gerd, den Heuchler" und "Master of Desaster". Ruft Joschka Fischer zu, was der einst auf Helmut Kohl schleuderte: "Avanti Dilettanti" und fordert "Finito Dilettanti". Und plant schon mal, wie er den umstrittenen Ausbau der Donau-Schifffahrt in Berlin durchsetzt, wenn dort "spätestens 2006 der Regierungswechsel kommt".

Mit ihm als Kanzler? Es ist zurzeit un-möglich, in München auf diese Frage ein eindeutiges Dementi zu bekommen. So viel aber ist sicher: Stoibers "Primus"-Psyche treibt ihn - was wäre schöner, als bundesweit zeigen zu können, dass er der Beste ist?

Wie bestellt, füttert die Forschungsgruppe Wahlen zum Wahlkampfendspurt sein ohnehin dickes Ego. Erstmals liegt Stoiber bei der Frage nach dem gewünschten Kanzler vor Gerhard Schröder. 46 Prozent sähen lieber den Bayern im Kanzleramt als den Niedersachsen (45); vor einem Jahr lagen 24 Prozent zwischen den beiden. Erstmals liegt jetzt Stoiber vorn, das klingt für ihn wie ein Appell: Mach‘s noch einmal, Edi!

Ein Mann im Hoch

Edmund Stoiber eine Woche vor der bayerischen Landtagswahl: ein Mann im Hoch. Gern lässt er sich so fotografieren. Auf der Zugspitze, 2962 Meter überm bayerischen Land. Oder auf dem Großen Arber, wo er mit Ehefrau Karin in 1456 Meter Höhe posiert: Seht her! Das ist mein Bayern. Hier herrsche ICH! Bei TV-Aufnahmen im Englischen Garten bitten strahlende Münchner um Autogramme. In Sonthofen dreht ein weiblicher Fan bei seinem Auftritt durch. "Edmund, Edmund, ich will ein Kind von dir", schreit sie außer sich. Stoiber - du der Held der Bayern.

52,9 Prozent erreichte die CSU bei der Landtagswahl vor fünf Jahren - und das musste als "nur" 52,9 gelesen werden. Am kommenden Sonntag könnten es 60 Prozent und mehr werden, signalisieren die Umfragen. Die 59,1 Prozent, das beste Ergebnis, das Franz Josef Strauß jemals einfuhr, wackeln jedenfalls. Und selbst die absolute Rekordmarke von Alfons Goppel - 62,1 Prozent im Jahr 1974 - trauen die CSU-Wähler ihrem Super-Edi mittlerweile zu.

Weshalb auch nicht. Bayern ist Spitze: Nirgendwo sind in den vergangenen zehn Jahren mehr Arbeitsplätze entstanden; nirgends wuchs in diesem Zeitraum die Wirtschaft stärker, mehr Unternehmensgründungen gab es in keinem anderen Bundesland, und solider finanziert ist nicht einmal Baden-Württemberg.

Dass die SPD nur noch darum kämpft, eine Zweidrittelmehrheit der Christsozialen im Maximilianeum zu verhindern, ist ihr politischer Offenbarungseid. Nach dem Wahltag wird es im bayerischen Landtag sein, wie Ludwig Thoma seinen konservativen Abgeordneten Josef Filser schon vor 90 Jahren zur Kräfteverteilung in der bayerischen "Bolidik und im Barlamend" sagen ließ: "Auf der einen Seit und in der Mitt sizen mir und machen beinah alles voll, denn mir sind die Mehreren."

So viel CSU war nie

So viel CSU wie unter Stoiber war in der deutschen Politik in der Tat noch nie. Im Land unschlagbar. Schon als die SPD noch mit 30 Prozent ausgezählt wurde, beklagten die Genossen eine "einzigartig beschissene Situation". Und jetzt? SPD-Chef Gerhard Schröder verdrängt das Desaster so nachhaltig, dass ihm bei einem seiner seltenen Wahlkampfauftritte in Bayern noch nicht einmal der exakte Wahltermin geläufig war.

In Berlin macht die mit 58 Mitgliedern stärkste CSU-Landesgruppe aller Zeiten selbstbewusst Politik. Gegen ihren Willen läuft nichts in der Opposition. Ehe die Unionschefin Angela Merkel politische Duftmarken setzen darf, muss sie Stoiber anrufen und Landesgruppenchef Michel Glos informieren. Das Duo wiederum konterkariert ihren Kurs zuweilen ohne Absprache. Wo die CDU-Chefin taktiert, handelt der CSU-Boss: Seinen "Sanierungsplan für Deutschland" präsentierte er der CDU im Frühjahr als Überraschungscoup. Merkels Machtworte wirken allenfalls Tage in der CDU, in Stoibers CSU muckt öffentlich keiner gegen ihn auf.

"Er kann noch immer", sagen die Nahesteher in der Münchner Staatskanzlei, "alles werden - Bundespräsident sowieso und selbstverständlich noch einmal Kanzlerkandidat der CDU/CSU für 2006." Nur, was will er wirklich?

"Ich brenne in Leidenschaft für Bayern", ruft er den Bayern zu. Kein schöner Amt mag er sich denken, als das des Ministerpräsidenten. Doch immer klingen die Treueschwüre gewunden. Weshalb sagt er nicht: Lest meine Lippen, ich mache den Bundespräsidenten definitiv nicht, unter gar keinen Umständen, für keinen Preis?

"Das ist kein Amt für mich"

Geflirtet hat er schon mit der Vorstellung, erster CSU-Mann im höchsten Staatsamt zu werden. Gesichert ist, dass die Einserjuristen im bayerischen Innenministerium prüfen mussten, was ein Präsident darf und was nicht. Klares Ergebnis: Einen zweiten Hindenburg gibt das Grundgesetz nicht her. Danach soll es vorbei gewesen sein mit den Gedanken an Schloss Bellevue. "Das ist kein Amt für mich", wird von Stoiber kolportiert.

Stoibers Schleppenträger halten jede Wette, dass es beim Nein zum Amt des Bundespräsidenten bleibt. Unlängst habe er eine Runde der engsten CSU-Führer fixiert und resigniert gefragt: "Wer von euch kann es?" Staatskanzleichef Erwin Huber könnte zwar zum Regierungschef aufrücken, selbst Stoiber kann sich das vorstellen. Aber wer würde CSU-Vorsitzender, wenn er selbst ins Präsidentenamt wechselte? Früher traute man den Parteijob auch Horst Seehofer zu. Doch der hat sich eigenbrötlerisch selbst ausmanövriert.

Was wäre außerdem, wenn die CDU-Vorsitzende Stoiber den Bundespräsidenten anbietet, weil sie damit einen unbequemen Konkurrenten los wird? Die stärkste CSU, die es in der Christenunion je gab, wäre alsbald wieder auf Normalmaß gebracht. Und die CSU müsste aus Dankbarkeit bedingungslos eine Kanzlerkandidatin Merkel schlucken. Eine, die Kanzler Schröder mit dem Satz kommt: "Wenn Sie Kirschkuchen brauchen, backen sie ihn sich selbst. Wir essen dann gerne mit." Über diese Attacke Merkels in der jüngsten Haushaltsdebatte lachen Stoibers Staatskanzlisten immer noch und kommentieren: "Dümmer geht‘s nimmer!"

Da hat ihr Stoiber dickeres polemisches Kaliber drauf. "Mit diesem Show-Kanzler sind wir wirklich auf den Hund gekommen in Deutschland", rief er beim Wahlkampfendspurt 5000 Fans in der Münchner Olympiahalle zu. Die rote Karte für Schröder forderte er. Die Bayern-Wahl soll zum "Signal an Berlin" werden. Soll zum Ausrufezeichen werden: "Die Menschen haben die Nase voll von der "Gerd-Show"!"

Gefallen an der großen Politik

Die Niederlage gegen Schröder bei der Bundestagswahl hat nicht an Stoibers Selbstbewusstsein gekratzt. Eher im Gegenteil. Was sind schon 6000 Stimmen weniger? Ein Wimpernschlag. Schöner kann einer nicht verlieren. Der Gedanke an eine Revanche beschäftigt Stoiber seither, der im Bundestagswahlkampf Gefallen an der großen Politik gefunden hat. Bayern ist ihm längst zu klein geworden. Daher hält er die Frage einer erneuten Kanzlerkandidatur eisern offen. "2006 wird antreten, wer am besten in der Union dasteht", referieren die Stoiber-Interpreten die Stimme ihres Herrn. "Wer kann das Land am besten regieren? Wer kann Deutschland wieder nach vorn bringen?" Nur nach diesen Kriterien werde die K-Frage für 2006 entschieden. Angela Merkel müsse bis dahin erst einmal Führungsstärke beweisen und den Kandidaten der CDU/CSU, wer immer es sein wird, ins Präsidentenamt hieven. "Von den CSU-Stimmen wird unserem Mann jedenfalls keine fehlen."

Auf Stoiber warten zunächst leichtere Aufgaben. Am kommenden Samstag wird ihm Münchens Oberbürgermeister Christian Ude die erste Maß servieren müssen, wenn "O‘zapft is" beim Oktoberfest. Der Rote dem Schwarzen zu Diensten, so mag es das CSU-Publikum. Und am Wahlsonntag selbst wird das Bayernvolk seinen ungekrönten König beim großen Wies‘n-Umzug der Trachtengruppen in der Kutsche bewundern dürfen. Danach wird gewählt.

Hans Peter Schütz / print