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Erwin Huber: Sag, wer mag das Männlein sein ...

Erwin Huber hat es geschafft. Er ist CSU-Chef. Aber wer ist der Mann, dessen Mutter eine Tagelöhnerin war und der seinen Vater nie kennengelernt hat? In seinem Porträt beschreibt Stefan Braun, wie Huber sich nach oben gerackert hat - und wie er schon als Bub gelernt hat, Stärkere zu besiegen.

Sonntagnachmittag. Ein dampfendes Bierzelt in Fürstenzell, tief im Osten Bayerns. Es ist gerade zur Hälfte voll und riecht modrig, weil es draußen regnet und sehr, sehr warm ist. Jeder hat Schweiß auf der Stirn. Keiner will lange bleiben. An der Seite hängt ein grünes Schild mit weißem Pfeil: "Fluchtweg". Erwin Huber könnte jetzt bei der Familie sein. Er könnte Rad fahren oder lesen. Er könnte machen, was ihm wirklich Spaß macht. Er könnte Kraft tanken. Stattdessen wirft er das Jackett auf eine Bank, springt auf die Bühne. Bloß nicht zögern, keine Zeit verlieren, loslegen. "I bin a Workaholic." Ein Standardsatz des bayerischen Wirtschaftsministers. Eine Stunde arbeitet er hinter dem Pult, redet - und steht fast die ganze Zeit auf den Zehenspitzen. Auf den Zehenspitzen! Das muss man erst mal versuchen. Das verlangt Training. Lebenslang. Unbewusst. Den Mann, keine eins siebzig groß, drängt es nach oben.

Nach oben, nach vorn, kämpfen, Erfolg haben. Das ist nicht nur Ehrgeiz. Es ist sein Leben. "Ich habe schon als Kind gelernt, schneller zu laufen als die Großen." Huber wird am 26. Juli 1946 geboren, als "Bankert", wie das damals hieß. Er hat zwei ältere Brüder, deren Vater im Krieg gefallen ist. Hubers Vater hat es in seinem Leben nie gegeben. Die Mutter Maria, 1908 geboren, lebt mit ihren Söhnen von der Hand in den Mund. Tagelöhnerin in der Landwirtschaft - jeden Abend ist sie froh, wenn sie die Kinder satt kriegt. Sie hausen in der "Einöd", einem winzigen Hof ohne Strom und fließend Wasser, vier Kilometer vom niederbayerischen Örtchen Reisbach, auf halber Strecke zwischen München und Passau. Im Niemandsland des bayerischen Ostens. Schwärzer als schwarz damals. Enger als eng. Beherrscht von mächtigen Pfarrern und reichen Bauern. Die Arbeitslosenrate liegt im Winter bei 50 Prozent.

"Unser Leben war auf Fleiß und Leistung ausgerichtet"

"Ich komme aus ärmlichen Verhältnissen. Aber es wäre eine Beleidigung für uns gewesen, wenn man uns Unterschicht genannt hätte", sagt Huber. "Unser Leben war auf Fleiß und Leistung ausgerichtet." Bis er eingeschult wird, geht der kleine Erwin häufig morgens um fünf mit aufs Feld. Sie sind selten abends vor neun zu Hause. Die Mutter ist alles für ihn. "Eine einfache, grundanständige Frau", erzählt Sepp Steinberger, Hubers Kumpel seit Kindheitstagen. "Sie hat ein Leben lang für ihn gelebt. Sie war so stolz auf ihn." 1954 bekommt sie in Reisbach eine kleine Wohnung mit einem Zimmerchen und einer Wohnküche. Nun kann die gelernte Näherin zu Hause für einen Textilhändler arbeiten. Huber stolz: "Ich bin kein Schlüsselkind gewesen." Mit dem Strom kommt das Radio. "Unser Fenster zur Welt." Huber ist wissbegierig, voller Neugier. Seine Lehrer empfehlen, ihn aufs Gymnasium zu schicken. Der Mutter aber ist das zu teuer und zu unsicher. Also darf er nur auf die Mittelschule, die heutige Realschule. Er schließt sie mit 13 Einsern und 3 Zweiern ab.

Im Englischunterricht brennt sich ihm ein Satz ein: "Good, better, best, let us never rest, till our good is better and our better best." (Gut, besser, am besten, lass uns niemals rasten, bevor unser Gutes besser ist und unser Besseres am besten.) Huber zitiert ihn oft. Es ist sein Satz für alles: Er beendet die Ausbildung zum Finanzbeamten als Jahrgangsbester bayernweit; geht nach München, weil seine Lehrer erklären: "Die Beckenbauers der Steuern brauchen wir in der Landeshauptstadt." Während andere 1968 demonstrieren, schreibt Huber Steuerbescheide. Macht abends das Abitur, studiert Volkswirtschaftslehre. Will mehr. Und kriegt mehr. Freund Steinberger lotst ihn in die Junge Union, macht ihn sofort zum Kreisvorsitzenden. 1970 wird Huber Sprecher im Finanzministerium, 1978 kommt er in den Landtag. Seine erste Kampagne: Er will die Lautstärke in Bierzelten begrenzen. Der Erfolg ist gering, die Wirkung groß: Mit einem Schlag kennt ihn jeder in Bayern.

Huber und Stoiber - eine besondere Symbiose

1987 holt ihn Franz Josef Strauß in die CSU-Zentrale, ein Jahr später wird er Generalsekretär. 1994 holt ihn Edmund Stoiber in sein Kabinett, er wird Staatskanzleichef, Finanzminister, Wirtschaftsminister. Huber und Stoiber - das ist eine besondere Symbiose. Ähnliche Herkunft, ähnlicher Aufstieg, ähnlicher Ehrgeiz, mehr als ein Jahrzehnt ist "der Erwin" Edmunds Alter Ego. Die gleiche scharfe Nase, die gleiche Konzentration, die gleichen scharfen Linien, nur Hubers Lachfalten sind ausgeprägter. Bei Stoiber ist alles ein bisschen größer. Huber wirkt wie der kleine Bruder. Oft haben sie ihn in Reisbach sagen hören, er und Stoiber gingen durch dick und dünn. Immer und ewig. Bis im Januar in Wildbad Kreuth die Landtagsfraktion gegen Stoiber rebellierte. Seither hält Stoiber Huber für einen Putschisten - und der ärgert sich bis heute, dass Stoiber nicht wahrhaben wollte, wie sich seine Wirkung nach seiner Flucht aus Berlin verflüchtigt hatte. Erwin Huber war lange der Motor der Erneuerung in Stoibers Truppe und holte sich für den Chef die Prügel ab, wie bei der umstrittenen Verwaltungsreform. Während Horst Seehofer, Hubers Kontrahent um den Parteivorsitz, sich vor der Wahl auf dem CSU-Parteitag als soziales Gewissen der CSU präsentiert, drängt Huber vorwärts, mit neuen Ideen und festem Willen.

Mehr Laptop als Lederhose. Jüngstes Beispiel: der Kampf um den Transrapid. Er schreibt an allen Wahlprogrammen mit, nimmt an allen Koalitionsverhandlungen im Bund teil. Als Stoiber 2002 gefühlt schon Kanzler ist, ist Huber sein Fastschon- Nachfolger als Ministerpräsident. Drei Jahre später bietet ihm Angela Merkel an, Kanzleramtschef zu werden. Geehrt lehnt er ab, er fürchtet Loyalitätskonflikte zwischen Berlin und München. Dass er in den Berliner Runden mit Merkel, Müntefering und Beck die CSU-Interessen nicht durchsetzen könnte - der von Seehofers Anhängern gestreute Verdacht ringt Huber nur ein freches Lächeln ab. Als CSU-Chef muss er erst mal die Bayern-Wahl 2008 bestehen. Und dann? Dürfte er das Amt des Bundesfinanzministers anstreben - und endgültig aus Stoibers Schatten treten. Der Schatten. Raustreten. Einfach ist das nicht. Moskau, Haus der Musik. Die Bamberger Symphoniker haben ein Konzert gegeben. Stoiber ist da, auf Abschiedstournee. Huber ist auch da, mit 70 Unternehmern aus Bayern. Beim Empfang speist Stoiber mit Frau Karin und Moskaus Bürgermeister Luschkow in einem abgesperrten Areal. Die Weltläufte! Die Weltläufte! Huber mischt sich unter die Unternehmer, hört sich an, was die Auto-, Hotelfach- oder Raumfahrtexperten denken.

Huber versucht sich erst gar nicht in großen Gesten. Er weiß, er kann sie nicht. Er muss darauf setzen, dass sie in der CSU der Welterklärer und ihrer Posen müde sind. "Ich muss mir meinen Respekt anders erarbeiten. Mit Fleiß, mit Erreichbarkeit, mit Teamgeist. Sonst werden sie mich nicht wählen." Reisbach heute: ein Ort mit 2.000 Einwohnern. Ein BMW-Werk im nahen Dingolfing hat die Armut vertrieben. Schmucke Einfamilienhäuser dominieren. Große Gärten, wenig Zäune, viele Kinderspielsachen. Im Landkreis liegt die Arbeitslosenquote bei 3,1 Prozent. Die Wohnungen sind im Schnitt die größten in Bayern. Hier hat Huber 1979 ein Haus gebaut. Hier sind seine Kinder Verena, 26, und Philipp, 23, aufgewachsen. Hier führt Helma Huber Regie, eine resolute Frau mit rotem Haar, humorvoll und selbstbewusst, ihr Vater war im Nachbarort SPD-Bürgermeister.

Wahlkampf an der Wurzel. Schnell. Gründlich. Sauanstrengend

Für Familie und Haus hat sie ihren Job als Bankkauffrau aufgegeben - und ist der Politik meist ferngeblieben. Nur als 1991 ausgerechnet in Hubers Heimat der Sozialdemokrat Heinrich Trapp die Landratswahl gewann, trat sie der CSU bei, um ihrem Erwin Trost zu spenden. Reisbach - Huber zeigt es stolz her. Stundenlang erklärt er und erzählt, wo alles herkommt und hingehört. Die Kirche, das Gasthaus, die alte Schule und ein doppeltes Denkmal, das an den Tod von Franz Josef Strauß und an die Wiedervereinigung erinnert. Beides fiel auf einen 3. Oktober. Huber schwärmt gern von den "hidden champions" aus Niederbayern - und meint auch sich selbst. "Die meisten sind stolz, dass es einer von uns so weit gebracht hat", sagt sogar SPD-Mann Trapp. Jetzt muss er nur noch Horst Seehofer besiegen. Jenen Seehofer, den viele nach wie vor für ein Alphatier halten. Trotz Liaison und neuen Babys. Der reden kann und charmieren. Der Bierzelte füllt, alle Tricks kennt und mit den Medien zu spielen vermag wie kaum einer in Berlin. Der in einer Preisklasse boxt, in die Huber erst noch vorstoßen muss. Der sich peu à peu aber auch selbst ausgeknockt hat im Kampf mit seiner privaten Affäre.

Huber ist derweil still über die Dörfer getingelt, ist nach Arzberg und Marktbreit gerast, nach Büchlberg, Raubling, Eglharting und Utting. Vor Kurzem hat er Daniel Kehlmanns "Die Vermessung der Welt" gelesen. Die Vermessung Bayerns hat er in Rekordzeit abgeschlossen. Wahlkampf an der Wurzel. Schnell. Gründlich. Sauanstrengend. Vor allem im Bierzelt. Huber spricht ohne Manuskript, ohne Stoibersche "Äääähs". Gerade Sätze. Modern und konservativ. "Mehr Krippenplätze - das ist richtig. Immer mehr Frauen wollen mit ihrer guten Ausbildung Familie und Beruf verbinden. Aber wir dürfen die, die für Kinder zu Hause bleiben, nicht bestrafen." Er attackiert die Grünen, weil sie japanische Autos fahren, und preist die CSU, weil sie ihre Werte verteidigt. Und er erinnert daran, dass er kürzlich nach Amerika gereist ist. "Heute muss man Bayern überall vertreten." Der Satz ist ihm wichtig. "Bloß keine Sorge, dene zeige mer scho, wo Bartl de Moscht holt." Da lachen sie alle. Und Huber freut sich. Er will locker wirken. Wie Seehofer. Am Ende gibt’s Applaus, aber keine Beifallsstürme. Und wenn doch mal heftig geklatscht wird, wie neulich bei der Frauen- Union, steht er fast ein bisschen unbeholfen da, winkt, blinzelt und scheint sich zu wünschen, dass er das nicht allzu oft machen muss künftig.

"Ministrant, Oberministrant, Minister - mein Lebenslauf in Kurzform"

Erwin Hubers Welt beginnt, wenn der Auftritt vorbei ist. Dann ist er der Huber Erwin, den man am Arm fassen kann. Oder von hinten anlabern, um einen Gefallen bitten. Ein Arbeiter der Macht. Im Hinterzimmer der Dorfkneipe von Fürstenzell wollen die Bauern des Ortes Dampf ablassen. Viele Kruzifixe an der Wand. Ein Dutzend junge Landwirte, keiner älter als 40. Sie schimpfen über die Beamten und die Umweltauflagen. Ein Stoiber wäre längst entflogen. Huber bleibt. Aufmerksam und saumüde. Er zeigt Verständnis und verspricht nichts. "Wenn ich hier bin, schimpft ihr über die Beamten. Bin ich bei denen, schimpfen die über euch. Wir haben uns genug Platzwunden geholt. Jetzt müssen wir uns zusammenraufen." Zwei Stunden. Dann sinkt sein Kopf auf die Schultern. Lauerstellung. Erschöpfung. Warum tut er sich das an? "Ich mach’s gern, ich hab Lust auf meine Arbeit." Die Sätze sind nicht falsch. Aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Die Michaelskirche in Reisbach. Ein mächtiger Bau am höchsten Punkt des Ortes. Huber strahlt, erzählt, will gar nicht mehr aufhören. "Hier bin ich zehn Jahre Ministrant gewesen." In den Fünfzigern, als man sich auf der Straße vor dem Pfarrer verneigte mit einem "Gelobet sei Jesus Christus".

Hubers Pfarrer hieß Alois Eberl. Berühmt als Schafkopfler, gefürchtet als scharfzüngiger Prediger. Eberl ist es, der den vaterlosen Huber fördert, ihn zur Kolping- Jugend bringt, auf Lehrgänge schickt, zum Jugendleiter macht. Er legt Hubers politische Wurzeln. "Ministrant, Oberministrant, Minister", sagt Huber lachend, "mein Lebenslauf in Kurzform." Er zeigt auf eine Inschrift über dem Seitenportal. Seine Augen leuchten. "Der heilige Michael - das ist mein Vorbild. Der mit dem flammenden Schwert, der Luzifer erlegt hat." Der Drachentöter. Erwin Hubers Heldensaga. Ihm fällt ein, wie er als kleiner Junge lernen musste, sich gegen Riesen durchzusetzen. Einmal, als ein Großer ihn angriff, "zog ich erst meinen Kopf ein, rammte ihn dann in seinen Bauch, fegte ihn so die Treppe hinunter - und suchte erfolgreich das Weite." Der neue Vorsitzende der CSU wird am Samstag gewählt. Es ist der 29. September - der Namenstag des heiligen Michael.

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