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Florian Gerster: Der Gernegroß

Teure Werbeprofis der Agentur WMP sollten das Image von Florian Gerster aufpolieren. Doch die heimlich eingefädelte Aktion flog auf. Nun muss der Chef der Bundesanstalt für Arbeit um seinen eigenen Job bangen.

Am Anfang der Erschaffung der schönen, neuen Arbeitswelt war das Wort. Das Wort des Kanzlers. Also sprach Gerhard Schröder: "Ich schicke meinen besten Mann auf meine wichtigste Baustelle." Und damit war, vor anderthalb Jahren, Florian Gerster, 54, neuer Chef der Bundesanstalt für Arbeit (BA) in Nürnberg. Ob der SPD-Chef Schröder damit den Besten gesandt hat, steht einstweilen dahin. Gesichert hingegen: Der neue BA-Chef ist sein teuerster Mann.

Das Amtsgehalt beträgt

rund 250 000 Euro im Jahr. Das entspricht etwa dem Jahressalär des Regierungschefs und ist das Doppelte von dem, was der geschasste Vorgänger Bernhard Jagoda verdient hat.

Er wettert gegen

"überzogenes Anspruchsdenken" der Arbeitslosen und fährt zugleich drei Dienstwagen (7er-BMW und C-Klasse Mercedes), die für politische Ausflüge nach Berlin, am Dienstsitz in Nürnberg und am Wohnort in Worms vorgehalten werden.

Zeitweise ließ er

sich zum Wochenende nach Worms kutschieren. Im Schlepptau ein zweiter Wagen mit Fahrer, der dann seinen Chauffeur nach Nürnberg zurückbrachte. Für Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU) ein klarer Fall von Größenwahn: "Dem Herrn belieben es, auf hohem Ross zu reiten."

Kaum am Arbeitsplatz angekommen

, möbelte Gerster die Vorstandsetage in Nürnberg für 1,8 Millionen Euro auf. Dazu passt seine Herrschaftsmarotte: Wenn er im Lift nach oben will, hat das niedere Personal von der Benutzung des Fahrstuhls gefälligst Abstand zu nehmen, heißt es.

Jetzt hat "Bild am Sonntag"

enthüllt: Für insgesamt 1,3 Millionen Euro, beschafft aus den Beiträgen der Arbeitnehmer zur Arbeitslosenversicherung, beschäftigt Gerster den Medienberater Bernd Schiphorst. Der soll dafür Konzepte und Werbemaßnahmen liefern, um ihm und seiner Behörde ein besseres Image zu verschaffen.

Auf Schiphorst, ehemals Bertelsmann-Manager, der heute im Dienst der Berliner Medienagentur WMP EuroCom AG steht, war Gerster von Bertelsmann-Vorstandschef Gunter Thielen hingewiesen worden. WMP wird für Kleingeld nicht tätig. Da wirken schließlich einflussreiche Leute: Aufsichtsratschef ist Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, im Aufsichtsrat sitzen die SPD-Abgeordneten Peter Danckert und Rainer Wend. Das passt wie bestellt: Wend ist Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses, dem Gerster bislang jede Auskunft über den WMP-Vertrag verweigerte. Auch der Vorstand ist prominent besetzt. Dort sitzen neben Schiphorst der FDP-Politiker Günter Rexrodt und die ehemaligen "Bild"-Zeitungsmacher Hans-Erich Bilges und Hans-Hermann Tiedje.

Das dicke Honorar streicht Schiphorst für maximal zwei Tage Anwesenheit in Nürnberg ein. Damit sticht Gerster glatt Hans Eichel aus, der sich von dem Imageberater Klaus-Peter Schmidt-Deguelle - Erfinder des "Spar-Hans" - ebenfalls seit Jahren für ein Tageshonorar von 510 Euro imagemäßig verschönern lässt.

1,3-Millionen-Euro-Auftrag ohne Ausschreibung

Die Abgeordneten im Wirtschaftsausschuss staunten nicht schlecht, als Gerster unlängst alle Nachfragen nach dem Beratervertrag abwimmelte. Das seien interne Personalien, die das Parlament nicht zu interessieren hätten, da das Honorar nicht aus dem Steuersäckel komme. Im Übrigen werde nicht einmal der BA-Verwaltungsrat darüber informiert, allenfalls der Vorstand. Die Info-Blockade hat einen Grund. Der 1,3-Millionen-Euro-Auftrag ging ohne ordentliche Ausschreibung unter dem Tisch an WMP. Dafür sei keine Zeit gewesen, verteidigt BA-Sprecherin Bettina Schmidt das dubiose Verfahren.

Der FDP-Abgeordnete Dirk Niebel, arbeitsmarktpolitischer Experte seiner Fraktion, zum stern: "Dieser Vorgang ist ein weiterer Grund, die Nürnberger Anstalt völlig aufzulösen." Niebel empört: "Der Herr verbrät Beitragsmittel der Arbeitnehmer nach Gutsherrenart." Der CDU-Wirtschaftsexperte Friedrich Merz prophezeit Gerster: "Das wird eng für den Herrn."

"Klein gewachsen, aber große Klappe"

Ob Gersters Imageberater noch etwas retten kann, ist ohnehin zweifelhaft. Sein Klient hat bislang alles getan, um seinen Ruf - "Klein gewachsen, aber große Klappe" - zu festigen. Vor dem Dienstantritt ließ er seine Mitarbeiter in Nürnberg wissen, in Zukunft werde die Behörde mit der Hälfte der Bediensteten auskommen. Damit hatte er sofort den Hauptpersonalrat gegen sich, auf dessen Kooperation Gerster beim Umbau angewiesen ist.

"Hat diese Primadonna wirklich Psychologie studiert?", fragt Niebel, der selbst lange Jahre in der Arbeitsverwaltung tätig war. Er hat. Doch den Diplompsychologen und Reserveoffizier Gerster zeichnet seit jeher ein besonderer Mangel an Einfühlungsvermögen in die real existierenden Verhältnisse aus. So will er bis heute nicht akzeptieren, dass er als BA-Chef nicht Politiker ist, wie früher als Arbeits- und Sozialminister in Rheinland-Pfalz, sondern Verwaltungschef, der politische Vorgaben umsetzen soll.

Gersters Großspurigkeit

Um Gersters Glaubwürdigkeit ist es inzwischen schlecht bestellt. Großspurig hatte er angekündigt, im Jahr 2003 werde Nürnberg ohne Bundeszuschüsse auskommen. Tatsächlich muss Eichel mit voraussichtlich 7,5 Milliarden Euro dem Genossen Gerster unter die Arme greifen. Im März hatte Gerster im bayerischen Fernsehen ein BA-Verwaltungsratsmitglied als "Klippschüler" bezeichnet, weil der das Defizit im Etat der Anstalt auf 7,5 bis 8,5 Milliarden schätzte. Sieht so die "neue Führungskultur" aus, von der Gerster gern redet?

Für Niebel ein klarer Fall: "An der Spitze der BA steht ein Mann, der die Arbeitsmarktentwicklung völlig falsch eingeschätzt hat." Gerster habe offenbar immer noch nicht begriffen, dass wichtiger als eine effektive Vermittlung von Arbeitslosen die Schaffung neuer Arbeitsplätze sei.

Unentwegt grenzt sich Gerster von der "alten" Bundesanstalt ab, deren Struktur er für vorgestrig erklärt und deren Mitarbeiter er im Dienstverkehr überaus rüde abkanzelt. Sein Fahrer wollte bereits nach acht Wochen Dienst kündigen, weil ihn der neue Chef fortwährend kujonierte.

"Geschäftsanweisungen" statt "Runderlasse"

Bevorzugtes Ziel seiner Amtsschelte ist die Flut der "Runderlasse", die alljährlich die bundesweit 90 000 Mitarbeiter in ihren 180 Arbeitsämtern mit 660 Außenstellen überschwemmt. Von "Erlass-Diktatur" redet der neue Chef, die zu beenden sei. Zwar kommt die Papierflut neuerdings unterm Namen "Geschäftsanweisungen" daher. Aber: Im letzten Jagoda-Jahr waren es 69 Erlasse, im ersten Gerster-Jahr 101 und 89 allein im ersten Halbjahr 2003. Der ehemalige BA-Personalchef Günther Spiegel klagt bitter: "Man sollte eben den Mund nicht zu voll nehmen."

Aus der groß angekündigten Erfolgsnummer des Florian Gerster ist bis heute jedenfalls nichts geworden. Alles wie gehabt: Milliarden-Zuschüsse aus der Staatskasse sind notwendig, um das Defizit der BA auszugleichen. Entgegen aller Gerster-Ankündigungen ist es nicht gelungen, die Arbeitslosenzahlen im Vergleich zum Vorjahr zu senken. Der Umbau der Arbeitsämter in moderne Service-Stationen ist über einzelne Modell-Projekte nicht hinausgekommen. Für Merz ein klarer Fall: "Der führt sich auf wie ein Gewichtheber ohne Hantel."

Gerster, so wird immer deutlicher, hat sich viel zu viel vorgenommen. Schien ja alles ganz einfach: Aus der Bundesanstalt für Arbeit wird die Bundesagentur für Arbeit, aus Arbeitslosen werden umworbene Kunden, weg mit dem alten Arbeitsamt, her mit dem Job-Center. Nach dem Bürokraten Jagoda der Manager Gerster.

"Überbezahlter Manager des Elends"

Wer so denkt, hat natürlich auch kein Problem mit teuren PR-Aktionen zum höheren Ruhme des Vorstandsvorsitzenden. Und wer wie Gerster ein Selbstverständnis pflegt, dem allein der Job eines Bundesministers angemessen wäre, dem geht leicht das Gefühl dafür ab, was Pflichten sind und was Allüren. Der predigt Streichen und Sparen allenthalben, nur nicht bei sich selbst. Einen "überbezahlten Manager des Elends" hat ihn der CDU-Abgeordnete Uwe Schummer genannt, ein Fall für die Prüfer vom Bundesrechnungshof.

Ob Gerster sein verkopfter Aktionismus bewusst ist, darf bezweifelt werden. Er sieht sich als arbeitspolitischen Vordenker, der einst das so genannte Mainzer Modell entwickelt hat, den staatlich bezuschussten Kombilohn für Geringverdiener. 100 000 Sozialhilfeempfänger wollte er als Sozialminister in Mainz damit in Lohn und Brot bringen - 11 000 sind es geworden.

Emotionsloser als jeder seiner fünf Vorgänger liest Gerster monatlich die trostlosen Arbeitslosenzahlen vom Blatt. Die Unterarme exakt parallel zur Seitenkante des Manuskripts ausgerichtet, wie ein Beobachter einmal notierte. "Ich habe nie gehört, dass das, was ich sage, falsch ist", sagt er gern.

Kritik als Miesmacherei

Er wirkt dann wie einer, der sein Leben lang vom richtigen Leben weit entfernt gelebt hat. Und deshalb jede Kritik an seiner Arbeit für ignorante Miesmacherei hält. Und die an den drei Dienstwagen sowieso.

Hans Peter Schütz / Mitarbeit: Susanne Eberhardt/Arno Luik/Klaus Wirtgen/Walter Wüllenweber

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