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Fussball-WM: Der Ausnahmezustand

Abfangjäger, Schnellgerichte, ausländische Polizisten, Videokontrolle: Die Republik rüstet für die Sicherheit bei der Fussball-WM auf. Das Bundeskriminalamt stuft 21 Spiele als hoch gefährdet ein.

Von Wolfgang Metzner

Zweite Halbzeit, 80. Spielminute. Ein ohrenbetäubender Knall hallt durch das Stadion. Im Block 33 ist ein selbst gebautes bengalisches Feuer explodiert. Stichflammen, Rauchschwaden, auf der Tribüne bricht Panik aus.

Polizisten und Rotkreuzhelfer hasten die Ränge hoch, wo leblose Körper über Brüstungen hängen und Verletzte um Hilfe rufen. Brandopfer und blutverschmierte Zuschauer werden auf Tragen vor das Stadion geschafft, wo sich Notärzte über sie beugen. Bilanz nach zwei Stunden: 20 Tote und mehr als 100 Verletzte.

Großes Gelächter, als der Feuerwehr-Einsatzleiter der Stuttgarter Bürgermeisterin Susanne Eisenmann dafür dankt, dass sie sich "als Leiche zur Verfügung gestellt hat". Der Anlass war weniger heiter: Am 1. April wurde im Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion mit 600 Mitwirkenden und viel Theaterschminke der Ernstfall geprobt. Ähnliche Übungen hat es von Hamburg über Hannover und Berlin bis München gegeben. Mit bitterem Ernst bereiten sich die Sicherheitsbehörden auf die Fussball-Weltmeisterschaft vor, die in drei Wochen beginnt.

"Eine fröhliche, bunte Veranstaltung" soll die WM werden. Das versprach Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, als er im März 280 Sicherheitsexperten aus den Teilnehmer-Ländern in Berlin zu einer Konferenz empfing. Doch Schäuble plagt ein Albtraum. Er heißt München 1972. Der palästinensische Anschlag auf das israelische Olympiateam. Und Schäuble weiß: Die Bedrohung ist in den Zeiten von al Qaeda noch gewachsen, weil deren Angriffe auf "symbolische Wirkung", aber auch auf "größtmögliche Opferzahlen" zielen, wie ein Vermerk des Bundeskriminalamts (BKA) warnt.

"Das größte Gefährdungspotential für die WM 2006 dürfte aus dem Phänomenbereich des islamistischen Terrorismus erwachsen", heißt es in einem vertraulichen Lagebild ("VS - Nur für den Dienstgebrauch"). Mindestens 21 Spiele sieht das BKA als "hoch gefährdet" an. Darunter - als "aus Tätersicht besonders lohnende Ziele" - das Eröffnungsspiel am 9. Juni in München und das Finale am 9. Juli in Berlin. Alle Partien der deutschen Mannschaft seien "im Zielspektrum terroristischer Gruppierungen", weil die Bundesrepublik irakische Offiziere und Polizisten ausbildet und Soldaten in Afghanistan stationiert hat.

Bedroht seien aber auch die Begegnungen von Ländern wie Spanien und Polen, Australien und Südkorea, die am Irak-Krieg teilgenommen haben. Alarmstufe Rot sieht das BKA für die Spiele von England und den USA, dem Erzfeind der al Qaeda. Die hat in ihren Videobotschaften ebenfalls das prowestliche Saudi-Arabien ins Visier genommen. Weiteren Sprengstoff birgt ein möglicher Besuch des iranischen Präsidenten bei einem Match seiner Mannschaft. Weil dazu noch internationale Hooligan-Randale droht, hat Schäuble ein beispielloses Sicherheitsnetz über die Bundesrepublik geworfen: Deutschland wird während der WM in einem nicht erklärten Ausnahmezustand sein.

Den Himmel über den Stadien werden "Alarmrotten" der Luftwaffe bewachen. Phantom-Abfangjäger stehen im niedersächsischen Wittmund und im bayerischen Neuburg in ihren Hangars bereit, um binnen weniger Minuten aufzusteigen, sobald die Awacs-Überwachungsmaschinen der Nato verdächtige Flugbewegungen melden. Bei besonders wichtigen Spielen sollen die Kampfjets, die während des Flugs betankt werden können, sogar ununterbrochen rund um die Spielorte patrouillieren, über denen der Luftraum in einem noch geheimen Umkreis gesperrt wird.

Am Boden laufen alle Daten im "Raumschiff Enterprise" zusammen: So nennen Schäubles Beamte die Kommandozentrale, die im 1. Stock des Bundesinnenministeriums am Berliner Spreebogen mit Kilometern von Datenleitungen, roten Alarmleuchten und blauen Zeitzonen-Uhren startklar gemacht worden ist. In diesem "National Information and Cooperation Center" (NICC) sitzen Experten verschiedener Ministerien mit Geheimdienstleuten und Vertretern von Europol und Interpol vor Batterien von Bildschirmen, um täglich ein "nationales Lagebild" zu erstellen.

Die wichtigsten Daten dazu - so weit es um Hooligans geht - speist die ZIS ein: Die "Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze" in Neuss, bei der über 7000 gewaltbereite Fans gespeichert sind, wird während der WM auf 140 Polizeibeamte aufgestockt. Die Angst vor dem Zusammenprall randalierender Gruppen aus dem In- und Ausland ist so groß, dass an den Grenzen stellenweise wieder Kontrollen eingeführt werden, die seit dem Schengener Abkommen 1995 abgeschafft sind. Und obwohl Großbritannien bereits 3200 Schlägern durch "banning orders" die Reise nach Deutschland verboten hat, werden in der Bundesrepublik auch englische "Bobbys" und italienische Carabinieri in ihren Uniformen patrouillieren.

Mehr als 200 ausländische Polizisten sollen die deutschen Polizeikräfte verstärken - offiziell nur als Begleiter deutscher Beamter, vor allem auf Bahnhöfen. Aber es ist durchaus denkbar, dass sie "auf frischer Tat" Festnahmen machen und zur "Wahrnehmung von Exekutivrechten" sogar ihre Schusswaffen einsetzen, wie es aus Schäubles Ministerium heißt. Auch ausländische Staatsanwälte werden in die Bundesrepublik kommen, aus Polen, aus Großbritannien und den Niederlanden. Sie sollen möglichst schnell Informationen über Vorstrafen von Hooligans liefern. Ein französischer Verbindungsrichter wird in Berlin amtieren, und am Olympiastadion stehen deutsche Staatsanwälte für Schnellgerichte bereit.

Dabei dürften die Stadien zur WM "die sichersten Orte Deutschlands" sein, versprach Bayerns Innenminister Günther Beckstein. Zwei Kontrollringe werden sie zu Festungen machen, in denen ein Ordnungshüter auf 35 bis 50 Zuschauer kommt. Die müssen sich am ersten, zwei Meter hohen Zaun wie auf einem Flughafen durchsuchen lassen. An der zweiten elektronischen Schleuse, an der Durchleuchtungsgeräte stehen, checkt ein Lesegerät das Ticket, auf dem der Name gedruckt ist.

Über den RFID-Chip ("Radio Frequency Identification") des Tickets, der über Funk aktiviert wird, lassen sich online persönliche Daten des Bestellers bis hin zu seiner Personalausweisnummer abfragen. So können die Sicherheitsdienste auch nachverfolgen, wo der "gläserne Zuschauer" im Stadion seinen Platz hat. Zusätzlich kann jeder Besucher durch schwenkbare Videokameras herangezoomt werden, bis sein Porträt einen der zahlreichen Bildschirme im Stadion-Leitstand füllt.

Weil auch die Videoüberwachung von Berliner und Frankfurter U-Bahn-Linien bis zur Hamburger Reeperbahn massiv ausgeweitet wird, warnen Datenschützer vor einem Übermaß an Kontrollkameras. Noch größere Sorge macht ihnen, wie die Fifa WM-Mitarbeiter vor ihrer Akkreditierung auf ihre Zuverlässigkeit checken lässt. Betroffen sind 250 000 Menschen, darunter freiwillige Helfer und Putzfrauen, Journalisten und Schankwirte. "Vom Bratwürstchenverkäufer bis Beckenbauer" trägt das BKA zusammen, ob bei den Sicherheitsbehörden "Bedenken" gegen sie vorliegen. Und anders als beim Confed-Cup 2005 werden dazu nicht nur Vorstrafen herangezogen, sondern auch geheime Erkenntnisse der Verfassungsschützer und des Bundesnachrichtendienstes.

"Das sind hochsensible Daten, die teilweise durch verdeckte Überwachung gewonnen wurden und jetzt für eine private Veranstaltung eingesetzt werden", klagt Harald Wollweber vom Büro des Hamburger Datenschutzbeauftragten. Schlimmer noch für einen Job-Anwärter bei der WM: Der erfährt nicht einmal, was gegen ihn vorliegt. Von den Behörden bekommt er den Abpfiff, bevor das Spiel beginnt, weil er vielleicht einmal Flyer für eine Dritte-Welt-Gruppe verteilt hat.

Solche Bedenken sind Günther Beckstein fremd. "Wir sind gut aufgestellt", sagt Bayerns Innenminister, der seine Polizei auf 40 000 Mitarbeiter aufgerüstet hat und sich über den "höchsten Personalstand in ihrer Geschichte" freut. Wenn da nicht eine schwer einzuschätzende Gefahr namens "Public Viewing" wäre: Großbildwände in bundesweit über 300 Städten. Schlachtgesänge zwischen Bierbuden, zu denen Millionen Besucher strömen werden, die kein Ticket haben. "Da wächst mir schon das eine oder andere graue Haar zusätzlich", sagt Beckstein. "Bereits jetzt redet sich die Szene heiß."

Um "Freunde der 3. Halbzeit" bei Verdacht auszuschalten, sollen mobile Fingerabdrucksysteme eingesetzt werden, die gespeicherte Randalierer sofort identifizieren können. Aber es sind nicht nur die Hooligans, die auch Schäuble beim Gedanken an die Public-Viewing-Veranstaltungen große Sorgen machen. "Verdrängungseffekte durch Schutzmaßnahmen an Stadien", warnt das BKA, "können bewirken, dass weiche Ziele in den Blickpunkt terroristischer Gruppierungen gelangen." Im Klartext: Gerade Fanmeilen in Innenstädten könnten Bombenleger oder Hamas-Selbstmörder anziehen.

Zwar sollen auch die Public-Viewing-Bereiche durch Videokameras, Umzäunungen und stichprobenartige Durchsuchungen an den Zugängen einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden. Aber wenn Zehntausende zur Berliner Straße des 17. Juni, auf das Hamburger Heiligengeistfeld oder in den Münchener Olympiapark pilgern, ist lückenlose Überwachung pure Illusion. Dabei wird, so der geheime BKA-Vermerk, der Einsatz einer so genannten Dirty Bomb durch islamistische Terrorgruppen "als reale Möglichkeit angesehen": ein Sprengsatz, versetzt mit nuklearem Müll, der die Umgebung verseucht. Umso größer das Kopfschütteln bei Hamburger Sicherheitsexperten über die hochgefährdete US-Mannschaft, die ihr Quartier mitten im Zentrum der Hansestadt nimmt.

Heerscharen von Passanten laufen täglich auf der Mönckebergstraße am Hotel Park Hyatt vorbei, in dem die US-Boys absteigen werden. Unmöglich, diese belebte Einkaufsstraße für den Publikumsverkehr weiträumig zu sperren. Während das Trainingsgelände in Hamburg-Ochsenzoll durch eine fünf Meter hohe Sichtblende und eine Hundertschaft Polizei hermetisch abgeschirmt wird, logiert die amerikanische Delegation, von zwei BKA-Verbindungsbeamten begleitet, im Herzen Hamburgs wie auf dem Präsentierteller. Dabei wissen die Geheimdienste laut BKA längst, dass islamistische Führer ihre "Mudschaheddin" in Europa auffordern, "den erwarteten Schlag" zu führen.

Wenn der kommt, könnte die Übung in Stuttgart ein Kinderspiel gewesen sein. Die Behörden haben sich bei der WM-Planung darauf geeinigt, bei einer "Großschadenslage" mit zwei Prozent Betroffenen zu rechnen. Im vollbesetzten Gottlieb-Daimler-Stadion wären das 1000 Menschen. "Nach dem World-Trade-Center, nach Madrid und London halte ich diese Zahl für viel zu niedrig", sagt der Arzt Stefan Gromer vom Tübinger Institut für Katastrophenmedizin. "Wenn es richtig scheppert, müssen wir von Zigtausenden von Verletzten ausgehen."

Sein Szenario: Ein vor Monaten gestohlener Hubschrauber crasht mit einem Feuerball in die vollen Ränge. In der ausbrechenden Panik trampeln sich die Menschen gegenseitig nieder. An eilig errichteten Zelten sortieren Ärzte "Patienten ohne Überlebenschancen" ("Gruppe T4") gleich aus. Andere werden über die Autobahn abtransportiert und mit Großraumtransportern weggeflogen. "Wenn die große Bombe fällt, haben wir in den Kliniken definitiv ein Versorgungsproblem", sagt Gromer, der bei der Stuttgarter Übung beobachtet hat, wie die Helfer schon bei 100 Verletzten an ihre Grenzen kommen. "Aber natürlich wird darüber nicht öffentlich gesprochen, weil man keine Hysterie auslösen will."

Mitarbeit: Regina Weitz

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