Günter Verheugen Mister Europa XXL


Der Mann ist in Brüssel zum umstrittenen Star aufgestiegen: EU-Kommissar Günter Verheugen. Fünf Jahre lang warb er ruhelos für ein Europa der Größe XXL. Unterwegs mit einem Ländersammler.

Ein Seufzer geht durch Europa", murmelt er selbstversunken, den Blick auf die vielen Zeitungen gerichtet, die seinen Schreibtisch fast vollständig bedecken und die alle an diesem Morgen Verheugen-Bilder auf den Titelseiten bringen. Und Berichte über die Türkei. "Ja, ja", sagt er nach kurzer Lektüre, "ein Seufzer nicht nur der Erleichterung."

Günter Verheugen lehnt sich zurück in seinem Ohrensessel, hoch über der Brüsseler Rue de la Loi. Nicht alle sind glücklich mit seiner Politik, das weiß er wohl. Aber nun, da er sich durchgerungen hat, der Türkei das grüne Licht zu zeigen, klipp und klar und zugleich mit manch notwendigem Vorbehalt und allerlei Klauseln, nun ist er selbst doch etwas erleichtert.

Da sagt der Kommissar im dunkelblauen Nadelstreif schon mal: "Das ist vielleicht die wichtigste Tat in meinem politischen Leben." Glücklich oder gar selbstgefällig wirkt er dabei nicht, Deutschlands erster Diplomat an der Euro-Front. Nein, Europas aktueller Metternich bleibt Realist: "Wer weiß, was mit der Türkei noch alles passiert. Ihr Beitritt kann immer noch scheitern und wird wohl bis zum Schluss umstritten bleiben, vielleicht bis 2015, aber keiner kann jetzt mehr sagen, wir hätten die Sache nicht auf die Bahn gebracht."

Entspannter ist der Mann

mit den dicken Brillengläsern nicht erst seit der weltweit beachteten Bekanntgabe seiner Türkei-Empfehlung, eines Neun-Seiten-Papiers, das dem Halbmondstaat nach jahrzehntelangen Querelen die EU-Aufnahme ermöglichen könnte. Der Durchbruch kam vor zwei Wochen. Genauer: am Donnerstag, dem 23. September. Da sitzt Verheugen mit seinen sechs engsten Mitarbeitern um neun Uhr in der Morgenrunde. Man klönt kurz über Vorschläge, die kleinen Cent-Münzen unionsweit einzuschmelzen. Dann wird es ernst. Um elf Uhr kommt Recep Tayyip Erdogan in ein Brüsseler Hotel, der lautstarke türkische Premier, der im fernen Ankara Seitensprünge von Ehepartnern gesetzlich abstrafen lassen will - islamisches Hardlinertum, das dem Erweiterungskommissar den Schlaf raubt. Um halb sechs ist er schon mal aufgestanden, um an seiner Verhandlungsführung zu feilen. Und auch jetzt, kurz vor dem Treffen, ist er nervös.

"Machen wir danach eigentlich eine Pressekonferenz?", fragt er in die Runde. PR-Mann Jean-Christophe Filori, ein Franzose, ist dafür: "Sonst können wir gleich alles für gescheitert erklären." Seine Türkei-Experten, der Deutsche Matthias Rüte und der Schwede Christian Danielsson, spielen noch einmal alle denkbaren Szenarien durch; für die Begrüßung des Kontrahenten entscheidet sich Verheugen für die "mittlere Lage: freundlich, aber nicht übertrieben herzlich".

Als Erdogan ankommt, ergreift er in der Hotelsuite als Erster das Wort. Beklagt "die unnötige Aufregung" über seine Gesetzesvorlage, schiebt ein paar laue Sätze hinterher. Da weiß sein Gegenüber, dass er den Konflikt zuspitzen muss. "Es ging um alles oder nichts", sagt Verheugen später. Ähnlich schwierig waren zuletzt nur die Verhandlungen mit dem polnischen Bauernführer Jaroslaw Kalinowski, der erst auf die Drohung hin einlenkte, die EU-Kandidatur Polens würde "um zehn Jahre zurückgestellt". Erdogan bekommt zu hören: "Es bleiben nur noch zwei positive Szenarien" - entweder der Ehebruchparagraf entfällt sofort oder vor dem 17. Dezember, wenn die EU-Regierungschefs über die endgültige Aufnahme der Beitrittsgespräche entscheiden.

Der türkische Regierungschef

handelt prompt, greift zum Hörer, beraumt eine Sondersitzung seines Parlaments an - und drei Tage später ist der wenig EU-konforme Paragraf aus der Welt.

Eigentlich könnte sich Verheugen jetzt mal so richtig freuen. Doch dafür fehlt die Zeit. Gleich steht Anne Müller in der Tür, seine Sekretärin: Romano Prodi, der scheidende EU-Präsident, wartet; zum Empfang der bayerischen Landesvertretung in Brüssel schafft es der Kommissar sowieso nicht; "bis Freitag müssen wir einen 26-Milliarden-Vorschlag ausarbeiten", ächzt auf dem Flur Simon Mordue, der britische Youngster im Verheugen-Kabinett; und dauernd Termine, Telefonate, TV-Auftritte.

Hektisch geht es bei Verheugen schon seit 1969 zu. Da holte Hans-Dietrich Genscher den jungen Politologen ins Innenministerium und machte ihn später zum FDP-Bundesgeschäftsführer. Nach dem Wechsel zur SPD im Jahr 1982 ging es erst recht turbulent weiter. Der Bankierssohn wurde Sprecher von Willy Brandt, Bundesgeschäftsführer und in der rot-grünen Regierung Staatsminister im Auswärtigen Amt. Privat gab es schwere Jahre. 1983 starb seine erste Frau. Ein Autounfall trug ihm eine Versteifung der Halswirbelsäule ein - bis heute kann er seinen Kopf nicht richtig seitwärts drehen. "Ich kann weder nach links noch nach rechts gucken, sondern nur geradeaus", witzelt er.

Morgens kurz nach acht Uhr

öffnet der Rheinländer aus Brühl die Tür zu seiner Brüsseler Wohnung. Dort steht prominent ein Schachtisch mit kunstvollen Figuren. "Nicht, dass Sie denken, dass ich Zeit habe, hier die Leute matt zu setzen", sagt der versierte Spieler, der in den vergangenen fünf Jahren immer mehr zum Sklaven ausgeklügelter Terminpläne wurde. "Gut zehnmal war ich in jedem der neuen EU-Staaten, macht allein 150 Reisen", rechnet er vor, "dazu Rumänien, Bulgarien, Kroatien, die Türkei und die viele Fliegerei sonstwo quer durch Europa." Am Wochenende landet er so oft wie möglich in Brühl bei Gabriele, seiner zweiten Frau. Samstags geht es manchmal ran an einen Sport, den er scherzhaft "Triathlon" nennt - eine gemütliche Abfolge aus Schwimmen, Radfahren und "Dog-Walking".

Sein Hund namens Mattes, eine Promenadenmischung aus Spanien, wäre als herrenloses Tier wohl schon umgebracht worden, hätte er nicht bei dem kinderlosen Ehepaar ein Zuhause gefunden. Tierschutz ist für Verheugen eine ethische Frage: "Ich gehöre zur inzwischen wohl etwas altmodisch gewordenen Generation, die sich noch an dem großen Humanisten Albert Schweitzer orientiert. Für mich misst sich der Zivilisationsgrad einer Gesellschaft daran, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht - seien es Kinder, Kranke oder wehrlose Tiere."

Seit kurzem besitzt der Hundefreund noch einen zweiten Vierbeiner. Ein 18 Monate altes Pferd aus Polen, das ebenfalls beseitigt werden sollte. Seine Frau schenkte es ihm zum 60. Geburtstag am 28. April. Drei Tage danach, am 1. Mai, wurde der Beitritt der zehn neuen EU-Staaten und nicht zuletzt der Mann gefeiert, der die Vereinigung zwischen Ost und West gemanagt hatte. "Ach, die Festwochen", stöhnt er noch heute. Im Trubel verpasste er sogar eine Gratulationsparty, die Kanzler Gerhard Schröder für ihn vorbereitet hatte. Auch das Pferd, das in Polen weidet und auf den Namen Europa hört, musste warten - bis heute.

Dabei bewertet Verheugen seinen bisherigen EU-Job eher nüchtern. "Ich hatte Glück", sagt er auf dem Weg zu seinem neuen Brüsseler Dienstsitz; das Erweiterungsprojekt sei im Gegensatz zu anderen Ressorts überschaubar und daher relativ leicht binnen einer Amtszeit durchzusetzen gewesen. Nun stehen ihm weitere fünf Jahre bevor, in der weit schwierige-ren Position des Vizepräsidenten und Industriekommissars. "Europas Wirtschaft fit machen für den Wettlauf mit den USA", so umreißt Verheugen seine neue Aufgabe und schaut hinauf zu den EU-Palästen am Schuman-Platz. Anfangs war ihm der "Moloch Brüssel" nicht geheuer, doch inzwischen schätzt er das liberale Flair der Stadt und ihre europäisch denkenden Eliten. Noch immer gilt das Berlaymont-Gebäude - im Volksmund "Berlaymonstre" - als Inbegriff finsteren Eurokratentums. 13 Jahre lang war es wegen Asbestverseuchung geschlossen, am 1. November zieht hier nach einer 670 Millionen Euro teuren Sanierung die neue EU-Kommission mit rund 3000 Beamten ein.

Vor dem Koloss blitzen

28 Metallmasten noch flaggenlos in der Herbstsonne - 25 für die Mitgliedsstaaten, zwei für die Kandidatenländer Bulgarien und Rumänien, einer vorsorglich für die Türkei. Verheugen und sein Team werden im zwölften Stock sitzen. Eine Etage höher liegt der große Sitzungssaal der Kommission, künftig Europas politisches Nervenzentrum. In dem speziell gegen Terrorattacken gesicherten Raum sind bereits Laptops installiert, die nach Gebrauch in den ovalen Konferenztisch versinken. Hier wird mit seinen 24 Kommissaren der Portugiese José Manuel Barroso regieren. Als einer der fünf Stellvertreter wird der deutsche Spitzenmann ständig in seiner Nähe sein, zuständig für die wirtschaftlichen Kernbereiche der EU. Bis 2010, so sieht es die ehrgeizige "Lissabon-Strategie" vor, soll Europa der wettbewerbfähigste Wirtschaftsraum der Welt sein. 20 Millionen neue Jobs, haben Experten errechnet, müssten bis dahin geschaffen werden.

All dies soll der Deutsche richten. Der schüttelt den Kopf, setzt sich in den Flieger und geht für ein paar Tage in sein unscheinbares Büro in Straßburg. Die EU-Abgeordneten dort sind für ihn eine Kommunikationsbörse, die er braucht für seinen neuen Koordinierungsjob zwischen EU-Stäben, den 25 nationalen Regierungen und möglichst vielen Großfirmen.

Abends zieht es Verheugen nicht in die guten Restaurants am Straßburger Münster, lieber lässt er sich im Dienst-Mercedes in den badischen Weinort Durbach chauffieren, wo es ruhiger ist. Bei einem "Kochberg" aus dem Hause Laible kann er wunderbar erzählen. Die Geschichte etwa, die er in einem zweisitzigen Sportflieger über Litauen erlebte, als der damalige Präsident Rolandas Paksas ohne Vorwarnung Stunts flog und sich plötzlich die Kanzel öffnete. "Zwischen meinem Schädel und dem Erdboden waren nur noch 2000 Meter Luft. Ich dachte, ich sterbe." 17 Minuten dauerte die Tortur, und als die Maschine endlich am Boden war, erklärte der tapfere Kommissar der versammelten Presse, diesen tollen Trip würde er jederzeit noch mal machen. "Das war die dickste Lüge meines Lebens", lacht er heute. Klein beizugeben - das kommt für ihn nicht infrage, und dass er den Litauern das zeigen konnte, darauf ist er "ein bisschen stolz".

Am meisten treibt ihn noch die Türkei um. Jetzt, da der Vordenker sein Votum abgegeben hat, greift er umso kompromissloser die "Kurzsichtigkeit" derer an, "die immer noch nicht begriffen haben, dass die Türkei seit Ende des Kalten Kriegs nicht an Bedeutung verloren, sondern gewonnen hat". Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts liege im Konflikt zwischen der islamischen und der westlichen Welt. Die Schaffung eines "kontinentalen Blocks" vom Nordkap bis zur türkischen Ostgrenze sei unabdingbar für ein Europa, das weltpolitischer Akteur sein wolle.

Scharf geht der Sicherheitsexperte auch mit Konservativen ins Gericht, die über eine "Überdehnung der EU" jammern. In der Geschichtswissenschaft sei "Überdehnung" ein feststehender Begriff, anwendbar auf Großreiche, die wie die einstige UdSSR militärisch und wirtschaftlich den Zusammenhalt verlieren. "Wir zwingen doch niemand mit Gewalt in die EU, sondern dehnen bloß unsere Werte wie Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf neue Mitgliedsstaaten aus", sagt Verheugen.

Angriffe gegen seine Politik

wittert er auch im "angelsächsischen Lager" - Kreise, die ihn als Alt-Europäer oder gar als reformfeindlichen Protektionisten deutscher Wirtschaftsinteressen sehen. Doch als er in der vergangenen Woche vor den Brüsseler Parlamentsausschüssen sein Wirtschaftsprogramm präsentierte, kam kaum Kritik. Von den Arzneimitteln bis zur Zellforschung, vom Schiffbau bis zum Sozialdumping - nahezu sämtliche Fragen der Parlamentarier zu seinem vielschichtigen Verantwortungsbereich parierte der Industriekommissar. Und auf die Bemerkung des scheidenden Binnenmarktkommissars Frits Bolkestein, Verheugen sei "der Pudel Berlins", gab der Hundeliebhaber zurück: "Pudel sind doch bemerkenswert kluge, gelehrige und schöne Tiere."

Tilman Müller print

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