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Juden in Deutschland: Jetzt reden sie Tacheles

Einst ein Bollwerk im Land der Täter, heute ein zerstrittenes Gebilde: Die Juden in Deutschland driften immer weiter auseinander. Seit der Zuwanderung Zigtausender Osteuropäer tobt in den Gemeinden der Streit um Tradition und Identität, aber auch um Einfluss und Macht.

Von Stefan Braun

Beton. Die Mauern, die Treppen, die Wände - Beton. Eine düstere Eingangshalle. Es riecht nach Staub und ein bisschen nach alten Menschen. Man sieht sie kaum. Man ahnt sie nur. Sie sitzen auf farblosen Sofas hinter verstaubten Gummibäumen. Ein Seniorenheim in Deutschland. Für Ilja Riaboi ist es das Glück auf Erden. Schöner, sauberer, luxuriöser als alles in seinem früheren Leben. Riaboi strahlt zur Begrüßung. Er ist 80, er trägt T-Shirt und Jogginghose. Sein Bauch spannt. Riaboi ist ein jüdischer Flüchtling aus Russland. Ein Jude, wie es sie so nicht gab im Nachkriegsdeutschland. Einer von 200.000, die nach der Wende aus Osteuropa hierher kamen. Inzwischen stellen die "Russen", wie sie in den jüdischen Gemeinden heißen, die übergroße Mehrheit. Und sie verändern fast alles im Leben der Juden in Deutschland. Riabois Heim im Warburghof in Hannover: 20 Quadratmeter russische Ukraine. Russland kommt aus dem Fernseher. Auf dem Bildschirm eine dralle Blonde aus Moskau. "24 russische Programme", schwärmt Riaboi. Stolz zeigt er auf seine Satellitenschüssel. Überall sonst ist die Ukraine. Auf dem Sofa, dem Bett, auf dem Sessel, an der Wand - schwarz-braun-weiße Decken mit Tier- und Pflanzenmotiven.

"Ich habe gegen Hitler gewonnen"

Riaboi ist nicht zum ersten Mal in Deutschland. Seinen 18. Geburtstag feierte er im April 1945 in Berlin - als Panzerfahrer der Roten Armee. Er ist kein Opfer der Nationalsozialisten. "Ich habe gegen Hitler gewonnen." Ein Satz, undenkbar für Juden im Nachkriegsdeutschland. Im Zentralrat der Juden, 1950 gegründet und geführt von Männern wie Heinz Galinski, Ignatz Bubis und Paul Spiegel, hatten alle eine andere Geschichte. Nichts hat sie stärker beeinflusst als das Bewusstsein: Wir leben im Land der Täter. Jetzt kommen jüdische Sieger und ihre Kinder. 400.000 Juden kämpften in der Roten Armee. Ihre Nachfahren wissen vom Holocaust, haben selbst Opfer zu beklagen, aber er beherrscht nicht ihr Leben. Für sie ist Deutschland ein Ort von Freiheit und Wohlstand. Sie stellen die alte Mehrheit und die alte Macht infrage. Die wohlklingenden Worte vom neu aufblühenden jüdischen Leben verstellen den Blick auf die wahre Lage. Julius H. Schoeps, Leiter des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam: "Das, was war, wird es nicht mehr geben. Was kommt, ist völlig offen."

Ilja Riaboi zeigt keine Bilder von Opfern. Er zeigt seine Orden, hat sie sich ans Jackett geheftet und dabei die Finger zerstochen. 28 Jahre war er Soldat, nach dem Krieg in der DDR, in Kaliningrad, in der Ukraine. Heute lebt er von Sozialhilfe und ein wenig Erspartem. Seine 20 Quadratmeter machen ihn "total glücklich". Warum er gekommen ist? "Ich bin meinem Sohn gefolgt, als meine Frau tot war. Meine Militärrente war zu wenig." Warum nicht Israel? "Zu heiß, da wollte ich nie hin." Hat er nicht Angst vor Antisemiten? "Nein. Keine Angst. Bin Soldat gewesen." Als das Gespräch sich dem Ende zuneigt, ist an Abschied nicht zu denken. Riaboi zaubert eine Flasche Jamaikarum auf den Tisch. "Ich habe bei Aldi alle getestet - das ist der Beste." Dazu gibt es Hähnchenschlegel, Gurken, Tomaten und eine mächtige Salami, Marke "Botschafter". Als die Gläser bis zum Rand gefüllt sind, ruft er: "Nie wieder Faschismus!" Beim zweiten Glas stößt er an auf die "Völkerfreundschaft!" Beim dritten grüßt er russisch: "Wir sehen uns unterm Tisch wieder!"

Als Jude gekommen, ein Russe geblieben

Dazwischen erzählt Riaboi, dass er die Synagoge so oft nicht besuche. Jude-Sein sei schwierig gewesen in Russland. Immer wieder schneidet er sich eine Scheibe Salami ab. Die ist nicht koscher, schmeckt ihm aber besonders. "Bitte nicht erzählen in der Gemeinde, was wir hier essen." Als Jude gekommen, ein Russe geblieben. Der Zulauf von Juden aus der ehemaligen Sowjetunion begann 1990. Tausende kamen in die DDR, nutzten nach der Wende in Ostberlin großzügigere Regeln. Dann trat Heinz Galinski, damals Präsident des Zentralrats, an Helmut Kohl heran, bat den Kanzler, er möge die Tore für verfolgte Juden aus Osteuropa öffnen. Kohl stimmte zu. Keinesfalls sollte Deutschland jüdischen Flüchtlingen die Tür weisen. Was Kohl und Galinski nicht ahnten: dass so viele kommen würden. Im Jahr 2002 kamen mehr Juden nach Deutschland als nach Israel oder Amerika. Ohne Zuwanderung gäbe es 10.000 Juden hierzulande. Heute zählen alle jüdischen Gemeinden rund 105.000 Mitglieder. Insgesamt kamen mehr als 200.000, fast die Hälfte aber blieb den Gemeinden fern - weil sie nicht eintreten wollten, weil sie nach orthodoxen Regeln nicht als Juden akzeptiert wurden oder weil sie mit gefälschten Papieren eingereist waren - Experten sprechen von einigen Tausend. Die Mehrheit der Zuwanderer ist jenseits der 60 und lebt von Sozialhilfe. Mittlerweile sinkt die Zuwanderung, weil die Regeln 2006 verschärft wurden. An den Problemen aber ändert das wenig. In den meisten Gemeinden lassen sich die Russen nicht integrieren. Sie übernehmen.

Wie in Riabois neuer Heimat Hannover. Hier führt seit Jahren Arkadi Litvan die Gemeinde. Litvan empfängt in feinem Tuch und bietet einen scharfen Kontrast zu seiner Umgebung. Die Gemeinde fristet ihr Dasein in schmuckloser Umgebung. Der Putz bröckelt, das Namensschild ist überklebt, der Garten in stetem Kampf gegen das Überwuchern. Der Goldschmied ist 1990 aus Odessa gekommen. 1989 zählte die Gemeinde 379 Mitglieder, heute sind es mehr als 4000. Das ist kein Wachstum mehr, es ist eine Invasion. Litvan trocken: "1998 haben wir übernommen." Am Anfang wehren sich die "Deutschen". In Ratssitzungen wird heftig gestritten, um die Gültigkeit russischer Wählerstimmen, um Manipulationsvorwürfe. Sieger ist die neue Mehrheit. Doch Verletzungen sind geblieben und nähren Gerüchte, Litvan komme vom russischen Geheimdienst. Er lächelt. "Seitdem frühere KGB-Offiziere im Bundestag beklatscht werden, kann mich das nicht stören." Kalt schaut er beim Verweis auf Putin. Kalt bleiben seine Augen auch bei der Frage, ob er die Ängste der Alteingesessenen verstehen könne. "Ich habe diese Paranoia nicht. Ich fühle mich höchstens beleidigt."

Ruth Borenstein verkörpert alles, was die Gemeinde einst ausmachte. "Ich hatte nichts gegen die Russen. Aber am Schluss bin ich eine Träne im Ozean gewesen. Das war nicht mehr auszuhalten." Man versteht schnell, was die 73-Jährige für eine Gemeinde wert ist. Sie lacht viel, sie redet wie eine in die Jahre gekommene Göre. "Mein Mann hat die Gemeinde geliebt, meine Töchter sind dort groß geworden. Keine Feier ohne die Borenstein-Kinder." Ruth Borenstein wurde 1933 in Berlin geboren. Zum Judentum trat sie 1958 über, kurz nachdem sie ihren jüdischen Mann kennengelernt hatte. Mit ihm zog sie nach Hannover, mit ihm tauchte sie ein in die Welt der Juden im Nachkriegsdeutschland. Ihre Freunde: Überlebende. Die Gemeinde wurde Zufluchtsort und Schutzraum. "Ich dachte: Wenn mein Mann nicht mehr ist, ist die Gemeinde meine Heimat." Es ist anders gekommen. Sie wechselte zur Konkurrenz, zur "Liberalen Jüdischen Gemeinde". Die ist im ersten Stock eines mausgrauen Mietshauses untergebracht, nur eine Straße entfernt vom alten Zuhause. Gegründet in den Wirren des Konflikts zwischen "Deutschen" und "Russen", hat sie sich längst etabliert - mit Gymnastik, Theatergruppe, Jugendfahrten und 400 Mitgliedern. Anders als in Litvans Gemeinde dürfen hier auch Frauen in Gottesdiensten die Thorarolle tragen.

Konflikte innerhalb der jüdischen Gemeinde

Die Vorsitzende Ingrid Wettberg kämpft seit Monaten für ein neues Gemeindezentrum. Über Litvan und die Russen sagt sie: "Die haben kein Gemeindeleben, aber eine Synagoge. Wir haben keine Synagoge, aber ein Gemeindeleben." Wettberg gegen Litvan - ein kalter Krieg nach Ende des Kalten Krieges. Der Konflikt ist kein Einzelfall. Er ist ein Musterbeispiel. Hamburg, Halle, Stuttgart - man muss nicht lange suchen. Aktuellster Fall: Berlin mit der größten Gemeinde in Deutschland und der am schnellsten wachsenden in Europa. Prominente Berliner Juden, unter ihnen der frühere Vorsitzende Albert Meyer und der Historiker Julius H. Schoeps, sind entschlossen, eine neue Gemeinde zu gründen. Meyer: "Wir wollen nicht mehr akzeptieren, dass die jetzige Führung aus der alten traditionsreichen Gemeinde einen russischsprachigen Kulturverein macht. Und wir werden nicht akzeptieren, dass eine egoistische, machtorientierte Clique mit stalinistischen Methoden alle rausekelt, die für die deutsch- jüdische Tradition und die Gemeinde als Glaubensgemeinschaft eintreten." Der jetzige Vorsitzende der Gemeinde, Gideon Joffe, wirft den Initiatoren vor, sie beschimpften neue Gemeindemitglieder abschätzig als "Ostjuden". Gefragt seien aber "Menschlichkeit und Mitgefühl".

Meyers Mitstreiter Schoeps ist überzeugt, dass die neue Gemeinde einen Teil der öffentlichen Hilfe erhalten wird, die bislang komplett an die alte Gemeinde fließt. Ein Gebäude für eine Synagoge ist ausgeguckt, ein Geldgeber gefunden. Der Zentralrat der Juden versucht alles, um den gewaltigen Umbruch zu bremsen; so wurde erst im November 2006 der erste Russe in das neunköpfige Präsidium gewählt. Doch je schärfer die Konflikte, desto schwerer wird es, mit einer Stimme zu sprechen. Genau das aber muss der Zentralrat, das war Bedingung seines Zustandekommens im Mai 1950. Eine politische Vertretung sollte es geben, eine moralische Stimme im Nachkriegsdeutschland, eine Vertretung gegenüber den Juden im Ausland. Dazu gehörte die orthodoxe Ausrichtung, strenge Einhaltung der religiösen Regeln und Trennung der Geschlechter in der Synagoge. Durch die Zuwanderung nun wurde die Geschlossenheit gesprengt, der Einfluss der Liberalen und Ultraorthodoxen stieg. Gleichzeitig kamen viele "Russen", die man eigentlich Atheisten nennen müsste.

Der beste Zeuge: William Wolff. Der 80-Jährige kam aus England nach Mecklenburg-Vorpommern, allein wegen der Zuwanderer. Wolff ist Rabbiner. Für 1800 russische Juden an der Ostseeküste. Der hagere Mann kümmert sich seit 1997 um sie. Er hat deutsche Wurzeln, war sechs, als seine Familie 1933 vor den Nazis floh. Als immer mehr Juden nach Deutschland kamen, wollte er dem Judentum zu neuer Blüte verhelfen. Erst kam er wochenweise, "für Hochzeiten, Todesfälle, Verträge". 2002 kam er für immer. Wolff startet mit Enthusiasmus, hält Vorträge, gibt Unterricht, gründet Arbeitsgruppen. Heute weiß er: Es hat nichts geholfen. "Ich habe fast alle meine Kurse aufgegeben. Die allermeisten haben kein Interesse. Sie sind Atheisten geblieben." Haben sie irgendeine jüdische Prägung? "Überhaupt keine. Hitler wollte die Juden ausrotten. In der Sowjetunion ist das Judentum ausgerottet worden." Dresden am 14. September 2006: Drei Rabbiner werden ordiniert. Rabbiner, ausgebildet in Deutschland. Das hat es seit dem Holocaust nicht gegeben. Die Gäste kommen aus England, Israel, den USA. Bundespräsident, Kanzlerin - alle grüßen.

Jüdisches Leben neben dem Zentralrat

Um acht Uhr morgens Generalprobe in der Synagoge. Das Fernsehen will um elf live übertragen. Der Regisseur, groß und schwer, hat mächtige Schweißperlen auf der Stirn. "Halt, nein, nicht so", ruft Walter Homolka. "Sonst werden die Leute wegzappen." Wegzappen! Das darf es nicht geben! Deshalb wird alles TV-gerecht hin und her geschoben. Für orthodoxe Juden ein Graus, für Homolka selbstverständlich. Er hat geschafft, was dem Zentralrat in Jahrzehnten nicht gelungen ist. Er hat am Abraham-Geiger-Kolleg in Potsdam erstmals drei Rabbiner bis zum Abschluss ausgebildet. Eine Blamage für den Zentralrat. Vizepräsident Dieter Graumann in Dresden zerknirscht: "Drei Rabbiner machen noch keinen jüdischen Sommer." Homolka kämpft für das liberale Judentum. Er hat promoviert und eine Rabbinerausbildung. Er war Investment-Banker, Geschäftsführer von Greenpeace, Vorstand der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank. Kraftmaschine und PR-Experte. Sein Triumph kommt, als Kanzler Gerhard Schröder dem Zentralrat Anfang 2003 finanziell helfen möchte. Im Duett mit dem Münchner Jan Mühlstein beginnt Homolka, auf das jüdische Leben neben dem Zentralrat hinzuweisen. Beide fordern die Beteiligung der "Union progressiver Juden", der Mühlstein vorsitzt. Mühlstein: "Das war der Moment, an dem wir einhaken konnten." Der Staatsvertrag mit der Bundesregierung, 2003 geschlossen, schreibt fest, dass der Zentralrat "für alle Richtungen des Judentums offen" sein müsse. Der wehrt sich, muss aber schließlich Liberale aufnehmen. Mühlstein im Rückblick: "Hätten sie uns nicht so strikt abgelehnt, wären wir heute nicht so mächtig." Und Homolka: "Man braucht einen dummen Gegner, um wirklich Erfolg zu haben."

Ein Hinterhof im schwäbischen Ulm. Industriearchitektur der Jahrhundertwende, abbruchreif. Überlaufende Müllcontainer, Backsteinhäuser mit gebrochenen Fenstern. Der Ort, an dem Schneur Trebnik arbeitet. Er trägt jeden Tag den gleichen schwarzen Anzug, den gleichen schwarzen Hut, denselben schwarzen Vollbart. Er ist Rabbiner der Chabad Lubawitsch, einer ultraorthodoxen Bewegung mit Hauptsitz in New York. Seit sieben Jahren ist er in Deutschland. Trebnik steht auf einem Autoanhänger. Drei Stühle, Tisch, drum herum Plastikplanen, oben drüber eine Decke aus Stroh. Der Rabbi will mit russischen Juden das Laubhüttenfest feiern. Also hat er eine "Laubhütte" errichtet. Drei sind gekommen, einer ist im Herzen noch Soldat. Er knallt zur Begrüßung die Hacken zusammen. Sie sprechen nach, was Trebnik vorgibt. Auf ihren Gesichtern: erst Befremden, dann Neugier, dann kindliche Freude. Sie haben vom Jüdischen keine Ahnung. Trebnik will Abhilfe schaffen. Er fängt seine Schäfchen mit sinnlichem Erleben, schönen jüdischen Ritualen. So wie es die Chabadniks immer machen. Die Bewegung wurde im 18. Jahrhundert in Weißrussland gegründet. Sie ist die einzige, die innerhalb des Judentums missioniert.

Und sie ist unabhängig vom Zentralrat, eine globale Bewegung. Streng hierarchisch. Ohne öffentliche Hilfe. Die Zentrale entscheidet, wer als Rabbiner wo hingeht. 4500 Gesandte sind weltweit im Einsatz. Hierzulande sind es schon 14, so in Berlin, Hamburg und Dresden. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik, viele Jahre Leiter des Frankfurter Fritz-Bauer-Instituts und Kenner der Lubawitscher in Deutschland, sieht sie kritisch. "Sie tun so, als würden sie das eine originäre Judentum repräsentieren. In Wahrheit gibt es zwischen ihnen und dem deutschen Judentum keinerlei Verbindung." Die Chabadniks sind besonders erfolgreich, weil sie sich um Kinder kümmern. Ihr Angebot: Kindergärten, Ferienlager, Jugendfahrten. Ihre Botschaft: strenge Einhaltung der religiösen Regeln und ein Familienbild mit der Frau am Herd und dem Mann auf Arbeit. "Da kommt etwas sehr Konservatives nach Deutschland." Trebnik juckt die Kritik nicht. Er fährt übers Land, besucht seine Schäfchen. Auf dem Smartphone hat er die Thora gespeichert. "Ich habe auf jede Frage eine Antwort. Das ist Fortschritt." Und was ist mit den deutschen Juden? Der Rolle der Zeitzeugen? "Ganz ehrlich, in meinem Leben spielt der Holocaust kaum eine Rolle. Wir sollten nicht über vergossene Milch klagen." Seine Gemeinde hat sich in sieben Jahren fast versechsfacht - von 80 auf 460 Mitglieder. Würde seine Frau einem fremden Mann die Hand geben? "Nein."

Konflikte unvermeidlich, aber lösbar

Ein Büro in München. Vier Zimmer, ein Flur, sehr viel Bewegung. Junge Damen flitzen hin und her, Telefone klingeln. Das Vorzimmer von Charlotte Knobloch. Die Präsidentin des Zentralrats empfängt mit einem Lachen. Ihr Haar: eine stolze, rotbraune Mähne. Die Frau kann kämpfen. Knobloch wird in diesem Jahr 75. An der Wand Fotos ihrer Enkelin. "Sie leistet in Israel ihren Wehrdienst." Auch Knobloch steckt im Wehrdienst. Misstrauisch wehrt sie Fragen nach den Konflikten ab. Der Zorn der Alteingesessenen über die "Russen" - für sie unvermeidlich, aber lösbar. Der Konflikt mit den Liberalen - für sie erledigt. Der wachsende Einfluss der Chabadniks - soll sie nicht stören. "Wenn es Probleme gibt, muss das jede Gemeinde für sich lösen." Die Anführerin will nichts auf ihren Zentralrat kommen lassen. Probleme sieht sie nicht. Oder möchte nicht über sie sprechen. Charlotte Knobloch wurde drei Monate vor Hitlers Machtübernahme geboren. Der Vater war Jude. Die Mutter, zum Judentum übergetreten, verließ die Familie, floh vor den Nazis. Im November 1938 erlebte die sechsjährige Charlotte die Zerstörung ihrer Welt, die Reichspogromnacht in München. An Vaters Hand durchstreifte sie die Stadt, sah mit aufgerissenen Augen, wie die Synagoge und jüdische Geschäfte brannten. Diese Bilder haben sich eingebrannt, beherrschen ihr Leben.

Was ist ihre stärkste Wurzel? "Das Gefühl, überlebt zu haben." Was ist die Hauptaufgabe des Zentralrats? "Der Kontakt zur Politik, um Rechtsextremismus und Antisemitismus ins Bewusstsein der Menschen zu bringen." Warum wollte sie Präsidentin werden? "Aus Erfahrung. Es ist wichtig, als Überlebende der Shoah die Stimme zu erheben. Wir werden nicht mehr lange auf Zeitzeugen zurückgreifen können." Was das für sie heißt, zeigte Knobloch im Herbst 2006 mit ihrer Reaktion auf verschiedene antisemitische Vorfälle in Ostdeutschland: "Wir fühlen uns an die Zeit nach 1933 erinnert", sagte sie damals. Eine bewusste Überspitzung? "Was ich sage, fühle ich auch. Da wird nichts diplomatisch formuliert. So ist es." Zu ihrem Alltag gehören Personenschützer. Und E-Mails wie diese: "Ihr Juden. Wir kommen wieder und dann bekommt ihr Sterne geht zum duschen nach Auschwitz danach geht's zum trocknen in den Ofen." 1938. 2007. Geschichte bleibt eingebrannt. Für immer. Lena Gorelik kennt Knobloch. Sie mag sie. Aber sie sagt: "Mir tut Frau Knobloch leid. Sie kommt nicht mehr raus aus ihrer Rolle." Auch Gorelik ist eine Jüdin in Deutschland. Sie ist 26. Dunkelgrüne, hellwache Augen, rotblonder Haarschopf, bunte Klamotten, Wildlederstiefel. Dazu die Zuversicht der Generation von morgen.

"Es gibt viel mehr im deutschen Judentum"

Gorelik kam 1992 mit ihrer Familie aus Russland. "Das Essen, die Sprache, die Menschen, selbst die Familie änderte sich. Als würde man neu geboren." Abitur in Ludwigsburg, Studium in München. Nach fünf Jahren schließt sie ab, übersetzt einen russischen Roman, schreibt ihren ersten eigenen. Sie reist, hält Lesungen, genießt ihr Leben zwischen drei Kulturen. Deutschland ist ihr Zuhause. Ihre Heimat ist St. Petersburg. Und was hat sie geprägt? "Meine Familie! Eine wunderbare Mischung aus russisch, jüdisch, deutsch." Dabei ist das Jüdische für sie nicht so sehr Religion. "Es hat mit Gefühlen zu tun. Mit dem jüdischen Humor, mit der Familie, mit jüdischen Freunden, Woody Allen." Gorelik hat keine Angst, vor allem nicht vor Antisemiten. "Das ist absurd. Ich bin hier zu Hause." Hart geht sie mit dem Zentralrat ins Gericht. "Die können nicht aufhören, nach Bedrohlichem zu forschen. Ich nenne sie Antisemitismussucher." Natürlich gebe es Antisemiten. Wie in anderen Ländern. Aber das dürfe nicht alles überlagern. Nicht ewig. "Es gibt viel mehr im deutschen Judentum. Das muss unser Thema werden."

Mitarbeit: Gerda-Marie Schönfeld / print