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Nach SPD-Wahldebakel Martin Schulz bläst zum Angriff: "Natürlich bin ich der richtige Kandidat"

Martin Schulz bei ZDF-"Was nun?" mit Bettina Schausten und ZDF-Chefredakteur Peter Frey
Martin Schulz in der ZDF-Sendung "Was nun?" Der SPD-Kanzlerkandidat will trotz aller Rückschläge den Machtwechsel in Berlin anstreben.
© Youtube/ZDF
Am Tag nach dem NRW-Debakel war Martin Schulz ein gefragter Mann. In der ARD sollte er "Farbe bekennen" und im ZDF die Frage "Was nun?" beantworten. Das Spiel ums Kanzleramt läuft, sagte Fußballfan Schulz. Er glaubt, dass es 0:0 steht.

Martin Schulz ist Fußballfan. Dass er die Floskeln, die häufig von Trainern und Verantwortlichen der Bundesliga zu hören sind, ebenfalls beherrscht, hat der SPD-Spitzenkandidat am Tag nach der herben Wahlniederlage seiner Partei bewiesen. "Es steht nicht 0:3", betonte Schulz sowohl in der ARD ("Farbe bekennen") als auch im ZDF ("Was nun?") und wischte damit das Niederlagen-Triple auf Landesebene vom Tisch. Nun beginne der Bundestagswahlkampf "und da ist das Spiel gerade angepfiffen worden." In Fußballfloskeln ausgedrückt: Auch das nächste Spiel beginnt wieder bei 0:0.

Ob das wirklich auch für den politischen Wettstreit gilt, muss sich zeigen. Dass es ein "langer, steiniger Weg" sein wird, um am 24. September die stärkste Partei zu werden, gab er zu. Dass seine Partei trotz allem den Machtwechsel in Berlin noch schaffen kann, davon zeigte er sich überzeugt. "Wir haben immer noch die Chance, zur CDU wieder aufzuschließen", setzt der Mann aus Würselen auf die kommenden vier Monate. "Vor ein paar Wochen hätte noch jeder gesagt: Armin Laschet - Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen? Nie! Jetzt ist er es." Politische Stimmungen könnten sehr schnell wechseln.

Martin Schulz: "Hätte mich mehr einbringen müssen"

Der SPD-Kanzlerkandidat räumte eine Mitverantwortung für das Debakel der SPD in Nordrhein-Westfalen ein. Bei der Landtagswahl in ihrem Stammland hatten die Sozialdemokraten am Sonntag ihr historisch schlechtestes Ergebnis eingefahren. "Ich trage als Vorsitzender der SPD natürlich meinen Anteil daran", sagte er. "Möglicherweise hätte ich mich stärker einbringen müssen, auch mit bundespolitischen Themen." Die abgewählte NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft hatte gebeten, den Schwerpunkt im Wahlkampf auf Landes-Themen zu legen. "Dadurch konnte ich mein Profil nicht schärfen", stellte Schulz nun im ZDF fest. Das werde sich nun ändern. Zweifel, dass er der richtige Mann am richtigen Platz ist, hat Schulz offensichtlich nicht: "Natürlich bin ich der richtige Kandidat."

Dies auch, weil er ohne Regierungsamt nicht tagsüber mit Angela Merkel (CDU) Konsens zeigen müsse und abends dann gegen die Kanzlerin anzukämpfen. Eine Aufkündigung der Großen Koalition habe er nach dem NRW-Debakel aber nicht in Erwägung gezogen. Wegen einer Niederlage bei einer Landtagswahl die Stabilität der Bundesregierung aufs Spiel zu setzen, wäre unverantwortlich. Die SPD werde den Koalitionsvertrag erfüllen.

Mit Blick auf denkbare künftige Bündnisse distanzierte sich Schulz erneut von einer möglichen Koalition mit der Linkspartei. Mit Blick auf das außenpolitische Programm der Linken sagte er in der ARD: Wer die "multilateralen Verpflichtungen" Deutschlands bei den Vereinten Nationen, Nato, Euro und Europäischer Union in Frage stelle, "der kann reden mit wem er will, aber sicher nicht mit mir". 

Schulz von der innerer Ruhe Merkels beeindruckt

Als inhaltliche Schwerpunkte nannte Schulz erneut das Thema soziale Gerechtigkeit sowie Investitionen in Infrastruktur, Bildung und Forschung. Er warb zudem für eine Stärkung Europas. Auch ein vertiefter europäischer Binnenmarkt liege im deutschen Interesse. Im Gegensatz zu CDU und FDP will er keine pauschalen Steuerentlastungen verkünden, doch der Erlass von Kita-Gebühren, die Finanzierung von Pflegehilfen oder die Rückkehr zum Prinzip, dass Arbeitnehmer und Arbeitgeber Krankenkassenbeiträge zu gleichen Teilen tragen - all' das würde die Menschen spürbar finanziell entlasten. Das Wahlprogramm hat die SPD am Abend noch im Detail beraten.

Ob es etwas gebe, das sich der SPD-Kanzlerkandidat von der amtierenden Regierungschefin abschauen würde, wurde er noch gefragt. "Die innere Ruhe", sagte der SPD-Mann im ZDF. Ja, die innere Ruhe, "die habe ich manchmal nicht so sehr, aber in zunehmendem Maße", erzählte der oberste Genosse. Und schob eilig nach, was er sich dann doch nicht von Merkel abschauen würde: "Die Passivität, mit der sie die Alltagsprobleme der Menschen in Deutschland betrachtet". Gerade noch die Kurve gekriegt. Zur Erinnerung: Das Spiel ums Kanzleramt ist bereits angepfiffen worden. Es steht 0:0. Noch.

mit DPA AFP

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