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Nachfolge von Kurt Beck: Malu Dreyer übernimmt das Zepter in Rheinland-Pfalz

Nach 18 Jahren männlicher Dominanz hat in Rheinland-Pfalz nun eine Frau das Steuer in der Hand: Malu Dreyer. Die Medien begrüßen den Wahlsieg der ehemaligen Sozialministerin des Landes.

Die Abgeordneten der rot-grünen Regierungskoalition haben die bisherige rheinland-pfälzische Sozialministerin Malu Dreyer zur Ministerpräsidentin des Landes gewählt. Nach 18 Jahren löst die 51-Jährige Kurt Beck ab, der sich aus gesundheitlichen Gründen aus der aktiven Politik zurückzieht.

Die deutsche Presselandschaft würdigt Malu Dreyer für ihre "Willensstärke" und "Zielstrebigkeit". Die an Multiple Sklerose erkrankte Politikerin sei eine Ermutigung für Personen mit Behinderungen. Gleichzeitig loben die Medien "Landesvater" Beck, der der SPD wieder Volksnähe verliehen habe. Ein Überblick.

"Neue Osnabrücker Zeitung"

Dass nun eine Frau Ministerpräsidentin wird, die seit über 20 Jahren an Multipler Sklerose leidet, ist Ermutigung für Menschen mit Behinderungen: Neben Finanzminister Wolfgang Schäuble ist Dreyer jetzt die zweite bundesweit bekannte Politikgröße, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist. Das macht sie nicht schwach, sondern stark. Ihre Willensstärke kann ein schöner Gegenpol zu den vielen Politikern sein, die keine körperliche Schwäche zeigen wollen, um politisch stark zu wirken. Ärgern dürfte der Stabwechsel Julia Klöckner. Die CDU-Landeschefin ist auf dem Sprung zur Hoffnungsträgerin ihrer Bundespartei. Mit Kurt Beck als Widersacher hatte sie es denkbar leicht. Diese Zeiten sind nun vorbei.

"Braunschweiger Zeitung"

Mit Kurt Beck geht einer der letzten Politiker, auf den die Bezeichnung Landesvater noch zutraf. Malu Dreyer muss, wenn sie 2016 auch von den Wählern einen Regierungsauftrag erhalten will, mit den Erbschaften, die Beck ihr hinterließ, offen umgehen - ohne sich künstlich von "König Kurt" zu distanzieren. Sie wird nicht darum herumkommen, die finanzielle Pleite des Großprojekts Nürburgring aufzuarbeiten. Das ist ein Problem, das ihr von der CDU bei jeder Veranstaltung aufs Brot geschmiert werden wird. Sie kann aber auch auf die Sympathie der Bevölkerung hoffen. Ein Verdienst von Beck, der der Partei Volksnähe verlieh, ohne großstädtische Milieus damit zu vergraulen. Ein bisschen mehr Beck - der SPD im Bund würde das guttun.

"Rhein-Zeitung"

Bezeichnend war aber auch eine symbolische Handlung in der Staatskanzlei: Das Türschild für "Ministerpräsidentin Malu Dreyer" wurde schon am Tag vor ihrer Wahl durch das Parlament montiert. Bemerkenswert unverhüllt zeigt die derzeitige Landesregierung damit, wie sicher sie sich ihrer Sache ist und wie fest sie sich in ihren Machtpositionen eingerichtet hat. Alle Stimmen von Rot-Grün für Dreyer - das belegte dann eindringlich, wie geschlossen die Koalition in der Tat ist und wie sehr SPD und Grüne von Dreyer überzeugt sind. Eine gute Ausgangslage für eine weiterhin stabile Regierung von Rheinland-Pfalz. In diesem Sinne gelte an diesem von Grundsätzlichkeiten geprägtem Tag Dreyers herzlicher Abschiedswunsch an Kurt Beck auch ihr selbst: "Glückauf - und vor allem Gesundheit!"

"Tagesspiegel"

Dem Politikbetrieb würde es nicht schaden, wenn seine Protagonisten ehrlicherweise ihre Grenzen erkennen lassen. Dreyer hat die Chance, Politik nicht als Dauer-Performance zu machen, nicht als Termin-Rallye, auch wenn das viele ihrer Kollegen für die beste Methode halten, ihre Beliebtheitswerte zu optimieren. Politik - das ist vor allem zuhören, diskutieren, entscheiden, was geschehen soll. Dreyer könnte zeigen, dass es ihr darauf ankommt und nicht so sehr auf Dauerpräsenz. Eine Ministerpräsidentin, die auch mal ein paar Tage zu Hause arbeitet, um bei Kräften zu bleiben - das wäre im heißlaufenden, manchmal boulevardesken Politikbetrieb ein unerwarteter Qualitätsgewinn.

"Mannheimer Morgen"

Marie Luise Dreyer repräsentiert ohne Zweifel eine neue Generation von Politikerinnen, die sich längst nicht mehr mit dem "Gedöns" (Gerhard Schröder) von Familie, Frauen und Sozialem abfinden lassen, sondern ebenso zielstrebig wie machtbewusst bislang herrschaftliche Bastionen erobern, ohne jedoch das narzisstische Gebaren männlicher Alpha-Tiere an den Tag zu legen. Angela Merkel hat es vorgemacht mit ihrem unaufgeregten, unprätentiösen Regierungsstil, dem jede Schaumschlägerei (Karl-Theodor zu Guttenberg) oder Ruppigkeit (Peer Steinbrück) fremd ist. Auch Dreyer strebt eine neue Form der Kommunikation an. Eine Politik mit Härte, aber Herzlichkeit - das ist ja nicht das Schlechteste.

"Märkische Oderzeitung"

Die MS-Kranken in Deutschland jedenfalls sind froh über den Erfolg von Dreyer. Er ist Ansporn und der Beweis, dass auch behinderte Menschen leistungsfähig sind und nicht unterschätzt werden sollten. Mitleid ist hier oft gänzlich unangebracht, Verständnis und Normalität hilft den Betroffenen weiter. Oder auch die Akzeptanz, dass ein Handicap das Leben oft vor allem durch die äußeren Umstände erschwert, durch eine Gesellschaft, die ausgrenzt - egal ob gut gemeint oder nicht.