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Gaskrise Kein Gas mehr über Nord Stream 1? Deutschland hätte kurzfristig nur eine Lösung

Rohrsysteme der Ostseepipline Nord Stream 1
Die Gasempfangsstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 bei Sonnenaufgang
© Jens Büttner / DPA
Dreht Russland Deutschland mit Nord Stream 1 den Gashahn endgültig ab? Ein Ende der russischen Energieversorgung hätte dramatische Folgen. Doch wie ließe sich das Problem lösen?

Die Pipeline Nord Stream 2 war Deutschlands Druckmittel, um Putin im Ukraine-Krieg zu bezwingen. Das Milliarden schwere Projekt hatte die Ampel-Regierung stillgelegt, weil Russland die Donbass-Regionen Luhansk und Donezk als unabhänge "Volksrepubliken" anerkannte – zwei Tage bevor russische Truppen in der Ukraine einfielen. Jetzt herrscht in dem Land ein militärischer und weltweit ein Hunger- und Energiekrieg.

In Letzterem ist vor allem Deutschland und ganz Westeuropa verwickelt. Putin hat sich die "Waffen" des Westens kurzfristig selbst zu eigen gemacht und zahlreiche Länder in eine Gaskrise gestürzt. Sein aktuellstes Druckmittel: die Ostseepipeline Nord Stream 1. Die Röhre wird derzeit turnusgemäß gewartet. Doch der jährliche Routinevorgang könnte nun zum Problem werden. Die deutsche Regierung und die Bundesnetzagentur befürchten nämlich, dass die Pipeline auch nach den erwarteten zehn bis 14 Wartungstagen leer bleibt.

Bereits seit vier Wochen fließt deutlich weniger Gas durch die Pipeline gen Westen. Der Energiekonzern Gazprom hatte die Lieferungen auf 40 Prozent gesenkt.

Ersatz für Gas aus Nord Stream 1

Auf den drohenden Ausfall hat sich Deutschland allerdings vorbereitet und seine Gasimporte aus anderen Ländern gesteigert, sagte Andreas Schröder, Head of Energy Analytics beim Marktanalyst Icis, dem "Handelsblatt". So sei die Lieferkapazität aus den Niederlanden zuletzt von gut 30 auf 60 Millionen Kubikmeter pro Tag erhöht worden. Norwegen habe am vergangenen Donnerstag statt der üblichen 100 Millionen 130 Millionen Kubikmeter Gas nach Deutschland geliefert. Die zusätzlichen Lieferungen aus anderen Ländern könnten die ausbleibenden russischen Lieferungen jedoch kaum kompensieren. Dann müsste Deutschland auf seine Reserven zurückgreifen.

Sollte die Pipeline nach zehn Tagen wieder laufen, könnte Deutschland seine Reserveziele von 65 Prozent zum ersten August und 80 Prozent im Oktober noch erreichen, schätzt der Marktforscher. Dass sich die Wartung so kurzfristig auf die Gaspreise auswirkt, sei unwahrscheinlich. Aber "auf jede Veränderung zu unseren Ungunsten würde der Markt sofort reagieren", sagt Schröder.

Ob Russland nach der Wartung der Pipeline wieder Gas durch die Röhren schickt, wird sich wahrscheinlich erst am 21. Juli, nach dem Ende der Wartungsarbeiten, zeigen. Branchenvertreter halten einen Energielieferstopp allerdings für unwahrscheinlich. Politiker mahnen trotzdem. "Wir stehen vor dramatischen Monaten", sagte etwa SPD-Parteichef Lars Klingbeil zuletzt in der RTL/ntv-Sendung "Frühstart" und schloss sich dem Appell von Bundeswirtschaftminister Robert Habeck an. Deutschland müsse Gas sparen – auch im privaten Bereich. Das Gas für die Industrie zu rationalisieren, hätte dramatische Folgen für den Arbeitsmarkt, warnte Klingbeil.

Lieferstopp bedeutet Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit

Das bestätigt auch eine Forschergruppe in einem aktuellen Bericht im Branchenblatt "Wirtschaftsdienst". Anhand zweier Szenarien haben die Wissenschaftlerunter anderem vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und dem Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle berechnet, welche Folgen ein russischer Öl- und Gaslieferstopp für Deutschland haben könnte. Sollte Russland keine Energie mehr nach Deutschland liefern, müsste die Industrie ihre Produktion zurückfahren. Die Folge wäre ein Produktionseinbruch, der sich 2023 einstellen würde. Der wäre zwar laut dem Expertenteam nur von kurzer Dauer – die Folgen für den Arbeitsmarkt dennoch verheerend.

Zu spüren bekommen könnten das vor allem Menschen auf Jobsuche. Die Forscher rechnen damit, dass neue Arbeitskräfte von den Unternehmen weniger nachgefragt werden. Laut den Berechnungen würde die Arbeitslosenquote im Jahr 2023 von knapp fünf auf sechs Prozent steigen. Von einer Kündigungswelle gehen die Experten aber nicht aus. Wahrscheinlich sei, dass wieder mehr Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt werden. Laut Prognose könnte es um 725.000 Beschäftigte pro Monat handeln – weit weniger als im ersten Corona-Pandemiejahr. Damals lag die Zahl noch bei 1,2 Millionen. Folgen hat das auch für die Löhne. Die werden "durch die massive Ausweitung der Kurzarbeit vorübergehend gedrückt", schreiben die Forscher. Um wie viel, ließen die Branchenexperten aber offen.

Welche Alternativen hat Deutschland?

Seit Monaten arbeitet Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck deshalb daran, die Folgen der Gaskrise abzufedern. Dafür haben die Grünen sogar ihre Klimaprinzipien über Bord geworfen und in die Förderung von Energieressourcen in der Nordsee eingewilligt. Vor Borkum wird nach Gas gebuddelt, während der Konzern Wintershall Dea jetzt sein Ölförderprojekt vor Schleswig-Holstein ausbauen darf. Doch beides wird kaum reichen, um den Energiebedarf der Bundesrepublik zu decken – weder kurz- noch langfristig. Auch das vielbeschworene Flüssiggas aus Übersee wird die Gasprobleme in Deutschland kurzfristig nicht lösen. Die ersten beiden provisorischen LNG-Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven sollen zum Jahreswechsel bereitstehen.

Eine weitere Option wäre das umweltschädliche Fracking. In Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, aber auch in Baden-Württemberg würde sich die Methode anbieten. Geologen gehen von mehr als zwei Billionen Kubikmetern Schiefergas aus, das unter der Erde liegt und den aktuellen Bedarf über 25 Jahre lang decken könnte. Doch hier ist das Zeitproblem möglicherweise noch größer als etwa beim Flüssiggas. Genehmigungsverfahren und Probebohrungen würden Jahre beanspruchen. Zudem müssten die Unternehmen Milliarden in eine Methode investieren, die sie höchstens bis 2045 praktizieren könnten. Dann will Deutschland nämlich klimaneutral sein. Ob sich das für die Firmen wirtschaftlich rentiert, ist unklar.

Um das Gasproblem kurzfristig in den Griff zu bekommen, hat Deutschland wohl nur eine realistische Wahl. Und die besteht darin, Gas zu sparen – und zwar drastisch. In einer jüngst veröffentlichten Studie des Thinktanks Bruegl kommen die Forscher zu dem Ergebnis, dass ein russischer Energielieferstopp nicht alle europäischen Länder gleichermaßen betreffen würde. Länder wie Portugal, Spanien und Frankreich sind weitestgehend vom europäischen Gasnetz isoliert. Ein Großteil der LNG-Terminals befindet sich an der Iberischen Halbinsel. Dort landet das Flüssiggas am schnellsten, weshalb diese Länder im Fall eines Lieferstopps nicht reduzieren müssten, wie es in der Studie heißt.

Anders sieht es dagegen in europäischen Binnenländern wie Tschechien, Österreich oder der Slowakei aus. Sie haben keine LNG-Terminals und sind stärker am europäischen Gasnetz angeschlossen – und damit von Russland abhängig. Ähnliches gilt für Deutschland. Sollte Russland seine Energielieferungen komplett herunterfahren, könnte Deutschland bereits im Januar 2023 seine Gasreserven aufgebraucht haben, haben die Wissenschaftler berechnet. Um die Wintermonate einigermaßen warm zu überstehen, müsste die Bundesrepublik schon jetzt ihren Verbrauch um 29 Prozent senken. Gas könne Deutschland zwar aus Norwegen, den Niederlanden und über Belgien beziehen. Allerdings spielt Deutschland als Transitland eine wichtige Rolle, so das Fazit. Denn sowohl die östlichen und südlichen Nachbarn, etwa Polen, Österreich und Italien, sowie die baltischen Staaten sind von den Gaslieferungen über Deutschland abhängig.

Russland kündigt weitere Lieferungen an, Deutschland bleibt skeptisch

Noch ist nicht ganz klar, wie Russland nach den Wartungsarbeiten reagieren wird. Aus Moskau gab es aber bereits Hinweise, dass das Gas unter einer Bedingung wieder fließen könnte. Und zwar dann, wenn Kanada eine funktionierende Gasturbine bereitstellt. Gazprom hatte die Gaslieferungen nach eigenen Angaben wegen der fehlenden Turbine gedrosselt. Kanada will diese nun Deutschland übergeben. Aus Moskau ließ Kreml-Sprecher Dmitri Peskow verlauten, die Gaslieferungen würden weitergehen, sobald die reparierte Gasturbine wieder in Russland angekommen sei. "Wenn die Turbine nach der Reparatur kommt, dann erlaubt das eine Zunahme der Umfänge", sagte Peskow der Agentur Interfax zufolge.

Der Präsident der Bundesnetzagentur bleibt derweil weiterhin skeptisch. Es sei unklar, wie sich Russland nach der zehntägigen Frist weiter verhalten werde. Es gebe aus Moskau "ganz unterschiedliche Signale", darunter eben auch sehr "martialische Ansagen", sagte er im "Morgenmagazin" des ZDF. "Ehrlich gesagt es weiß keiner." Bei ganz ausbleibenden Lieferungen aus Russland müsse sich Deutschland auf eine Gasnotlage vorbereiten. Er rief die Bevölkerung dazu auf, Gas zu sparen. "Wenn das 40 Millionen Menschen machen würden, dann haben wir auch einen signifikanten Effekt für Deutschland."

Quellen:Nord Stream, "Wirtschaftsdienst", Bruegel, "Der Spiegel", "Handelsblatt", mit Material von DPA und AFP


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