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Sommerreise in Rheinland-Pfalz: The Return of Kurt Beck

Berlin verließ er als gebrochener Mann, die Provinz hat ihn gerettet, nun will er noch mal siegen: Kurt Beck, Ex-SPD-Chef und Langzeit-Ministerpräsident, ist wieder im Spiel. Eine Beobachtung.

Von Lutz Kinkel

Die Pfalz sieht an diesem Montag aus, als hätte Gott Freude daran gehabt, ein Aquarell zu tupfen. Verschwenderischer Sonnenschein, die Rebstöcke ziehen sich tiefgrün über die Hügel, Burgen und Schlösser buhlen um Aufmerksamkeit. Kurt Beck genießt das, er ist auf Sommerreise durch seine Heimat, zehn Kilo hat er abgenommen, er sieht, sagen wir einfach: kerngesund aus. Später, im Garten des Weinguts Münzberg in Godramstein, wird er vor die Kameras treten und einen bemerkenswerten Satz sagen: "Ich glaube, dass es realistisch ist, dass wir über 40 Prozent kriegen."

40 Prozent plus X? Für die SPD? Ist das nicht geradezu aberwitzig? Die jüngste Umfrage, im Juni von der "Rheinpfalz" publiziert, formuliert eine klare Antwort: nein. Die SPD steht bei 41 Prozent - die CDU folgt, mit klarem Abstand, mit 33 Prozent, die FDP erzielt 8, die Grünen 7 und die Linke 5. Im direkten Vergleich zwischen den Spitzenkandidaten liegt Beck ohnehin Kilometer vor seiner Herausforderin Julia Klöckner, CDU. Er kann es sich leisten, beim TV-Interview kein schlechtes Wort über sie zu verlieren. Wozu auch. Wenn es so weiter läuft, hat Beck die Landtagswahl am 27. März kommenden Jahres im Sack. Mal wieder.

Was in aller Welt wollte dieser Mann nur in Berlin?

Die Sache mit Müntefering

Auch vor zwei Jahren, Beck war noch Vorsitzender der SPD, ist er mit einem Medientross im Sommer durch Rheinland-Pfalz gefahren. Völlig aufgerieben von den Gefechten in der Parteizentrale, dünnhäutig, misstrauisch. "Schreiben Sie: Der Kurt Beck macht alles falsch", blaffte er in verzweifelter Ironie seine Begleiter an. Ein paar Wochen später stürzte er bei einer dramatischen Klausursitzung am Schwielowsee, Frank-Walter Steinmeier kürte sich zum Spitzenkandidaten und ernannte Franz Müntefering zum Parteichef. Beck verließ das Tagungshotel durch den Hinterausgang. Es waren seine schwärzesten Stunden.

"Ich hege keinen Groll", sagt Beck. Er sitzt bei einem Glas Wein auf der Terrasse eines eleganten Landhotels in Leinsweiler. Er habe "Trauerarbeit" geleistet und leisten müssen, um sein damaliges Scheitern zu verarbeiten. Wie ist heute seine Beziehung zu Müntefering, der ihn aus dem Amt gemobbt hat? "Wir sagen guten Tag, Grüß Gott. Das Verhältnis ist sehr, sehr nüchtern." Und dann sagt Beck noch, er sei ein christlicher Mensch. Was heißen soll: Ich kann auch vergeben.

Reha in der Pfalz

Die Vergebung mag ihm in diesen Tagen leichter fallen als zuvor. Beck ist der einzige SPD- Ministerpräsident, der mit absoluter Mehrheit regiert, er ist seit 16 Jahren im Amt, er koordiniert die Zusammenarbeit der sozialdemokratisch geführten Länder, keiner kommt an ihm vorbei, auch die Berliner Sozialdemokraten nicht. Und sind nicht auch viele seiner Forderungen, für die er damals als Parteichef Prügel bezog, inzwischen politischer Mainstream? Er hatte angeregt, die afghanische Regierung solle auch mit gemäßigten Taliban zusammenarbeiten. "Willkommen beim Nachdenken", sagt er trocken, als ihn ein Journalist auf der Bustour darauf hinweist, dass dies nun auch Jürgen Trittin, Fraktionschef der Grünen, fordere. Auch die Rente mit 67 ist so ein Thema. Beck hatte für flexible Regelungen plädiert, weil der von ihm immer wieder zitierte "Dachdecker" selbst beim besten Willen körperlich nicht so lange durchhalten könne. Nun diskutiert seine Partei gerade intensiv darüber. Beck ist mittendrin. Er ist heute. Müntefering war gestern.

Es klingt pathetisch, aber es ist wohl wahr: Rheinland-Pfalz hat Beck gerettet. Als Mensch und Politiker. Das Land war eine Art Reha-Kur für ihn, eine Möglichkeit, die Wunden verheilen zu lassen und wieder ins Laufen zu kommen. Und dann kam noch eine große Portion Glück dazu. Niemand konnte wissen, dass Angela Merkels schwarz-gelbe Regierung derart miserabel auftritt, dass die Umfragewerte für die SPD allein deswegen anziehen. Niemand hätte auch darauf gewettet, dass Beck so unbeschadet aus dem Skandal um den Nürburgring hervorgeht. Millionen hatte die Landesregierung verplempert, der Finanzminister musste zurücktreten, Beck vor einem Untersuchungsausschuss aussagen. Und keiner hat geahnt, dass sich die rheinland-pfälzische CDU weiterhin so leidenschaftlich selbst zerlegt. Ende Juni brüskierte sie Klöckner, indem sie einen Kandidaten für die Landtagswahl aufstellte, der zuvor aus der Fraktion geflogen war, weil er illegal Informationen aus einer Polizeidatenbank zum Nürburgring-Skandal besorgt hatte. Klöckner war persönlich angereist, um die Nominierung zu verhindern. Eine solche Nummer hätte die SPD mit Beck nie gedreht.

Das Jahr 2016

Das alles gibt Beck Kraft, treibt ihn nach vorn, nährt seine Überzeugung, der richtige Mann an der richtigen Stelle zu sein. Seine wieder gefundene Stärke ist sogar zu hören: Wenn er einen Platz beschallen muss und kein Mikro zur Hand ist, kann Beck so laut und voll und bestimmt klingen, wie er bei seinem Berliner Intermezzo nie geklungen hat. Mischt er sich unters Volk, dreht Beck erst recht auf. Bei der Besichtigung der Hornbach Baumarkt AG in Bornheim ist keiner vor dem Ministerpräsident sicher, der nicht bei drei den Laden verlassen hat. Beck schüttelt Hände, beäugt Einkaufswagen, warnt ein etwas irritiertes älteres Pärchen, das Lavendelpflanzen kaufen will, dass Lavendel die Hummeln anziehe, gibt ungefragt Heimwerkertipps, verabschiedet sich mit "Macht's gut und frohes Schaffen" und stürmt schon wieder auf den Nächsten zu. Erstaunlich viele Kunden - der Baumarkt steht nur ein paar Kilometer von Becks Wohnort Steinfeld entfernt - kennt er ohnehin schon. Ist ihm nach 16 Jahren Regentschaft überhaupt noch ein Rheinland-Pfälzer unbekannt? Beck grinst. "Es gibt schon welche."

Noch, hätte er sagen sollen. Beck ist 61 Jahre alt, trotzdem will er, sollte seine SPD die Landtagswahlen gewinne, noch mal eine ganze Legislaturperiode drauflegen. Amtsmüde sind die anderen, nicht Beck. Er habe viele Ideen, sagt er. Das Land müsse auf den demografischen Wandel vorbereitet werden. Die Ansiedelung von Hochtechnologie-Unternehmen will er intensivieren. Schließlich, und das scheint ihm besonders wichtig zu sein, möchte er ein Beispiel "geerdeter Politik" in den Zeiten der Globalisierung liefern. Also regionale Identität und Zusammenhalt stiften, den Begriff Heimat neu füllen. "Das reizt mich", sagt Beck. Entsprechend wenig Verständnis hat er für die Rücktritte von Roland Koch und Ole von Beust. "Für mich wäre das unvorstellbar. Das habe ich schon von meinen Eltern gelernt: Was man angefangen hat, bringt man auch zu Ende", sagt Beck. Geht es nach ihm, kommt das Ende frühestens 2016.

Die Kenntnis der Spielchen

Am Montagvormittag, beim Besuch des Display-Herstellers "i-sft", hatte Beck sogar eine Spur Übermut erkennen lassen. Er schnappte sich eine Plasma-Leuchte und posierte damit wie ein mit Laser-Schwert bewaffnteter Jedi-Ritter aus dem "Krieg der Sterne". Welche Figur aus der Filmsaga kommt Beck am wohl nächsten? Vielleicht Joda, der alte Lehrmeister. "Ich kenne die Spielchen jetzt", sagt Beck am Abend über seine schwierigen Zeiten in Berlin. Und diese Erfahrung hat ihm nicht nur geschadet.