HOME
TV-Kritik

Nach-Wahl-Talk: Bei "Anne Will" kracht's schon wie künftig im Bundestag

Das kann ja heiter werden. Wenn "Anne Will" am Wahlabend eine Blaupause für künftige Debatten in Bundestag und Polit-Talkshows war, dann stehen uns turbulente Zeiten bevor. Vier Themen aus dem Klartext-Gewitter.

Anne Will: Die Runde am Wahlabend

TV-Nachbesprechung eines denkwürdigen Wahlabends: Anne Will und Ursula von der Leyen in der ARD

Erstaunlich: Es braucht manchmal nur ein paar Zahlen in einem Kuchendiagramm, um die Art und Weise der politischen Debatte im Fernsehen grundlegend zu verändern. Schon in der Elefantenrunde ging der gescheiterte SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz am Wahlabend dermaßen scharf die Kanzlerin an, dass man glaubte, der Wahlkampf für 2021 habe schon begonnen. Bei "Anne Will" ging es in einer illustren Polit-Runde munter weiter. Der allseits formulierte Wille, der AfD im parlamentarischen Umfeld künftig klar die Grenzen aufzuzeigen, führte dazu, dass man den anderen auch gleich mal gehörig die Meinung sagte. Geht das so weiter, werden es ziemlich lebendige Jahre - im Bundestag und in den Talkshows. Vermutlich wird sich die AfD das umgehend auf die Fahnen schreiben.

Künftig knallt's wieder in Debatten

Ja, man kann künftig wieder sagen, was man meint. Das tut die AfD ja sowieso. So sprach Alexander Gauland bei "Anne Will" von einer "Masseninvasion", der Deutschland ausgesetzt sei, von einem "Superstaat EU" und von "der dämlichen Energiewende". Wie sein Versprechen vom Wahlabend, jetzt "Merkel zu jagen", alles "normal im politischen Leben". Ganz normal auch sein Standpunkt, dass "es im Moment nicht unsere Aufgabe" ist, konstruktive Lösungen für Probleme des Landes zu finden. Wieso auch, man ist ja nur im Bundestag. Dass die SPD in diesem Punkt ebenfalls kneife, weil sie sich sofort nach der Wahl in die Opposition begebe und sich damit aus der Verantwortung ziehe, wurde reichlich kritisiert. Oder im neuen Ton: "Das ist ne ganz billige Geschichte, die sie hier treiben", ging FDP-Vize Wolfgang Kubicki SPD-Frau Manuela Schwesig, Landesmutter in Mecklenburg-Vorpommern, an. Die zickte gleich zurück: "Denken Sie, dass Sie's nicht können?!" 

Irgendwie will keiner regieren

Denn eine Regierung zu bilden, das wird in diesem aufgedrehten neuen Parlamentsumfeld kein Vergnügen. Die Linke würde es sicher machen, aber die fragt ja keiner; von der AfD ganz zu schweigen. Und die SPD "hat verstanden", dass der Wähler nicht gesagt habe: "Sozis, macht mal so weiter". Deshalb gehe man in die Verantwortung, endlich wieder eine echte Opposition zu stellen und zu verhindern, dass die AfD die Oppositionsführung bekommt. "Ich sehe die Verantwortung bei CDU/CSU, Grünen und FDP. Alle drei sagen, sie können es besser und ich sehe nicht, wieso sie nicht eine Regierung bilden könnten", sagte Manuela Schwesig. Oder anders ausgedrückt: Jetzt seid Ihr dran! Die FDP verbreitete im Laufe des Abends tatsächlich die Formulierung, man lasse sich nicht "von der SPD in eine Regierung drängen". Und Cem Özdemir entgegnete Schwesig: "Die SPD kann sich doch jetzt nicht in den Schmollwinkel zurückziehen!" Doch, kann sie. Regieren zu wollen, ist plötzlich irgendwie Old School. Die einzige, die das immer noch will, ist die Kanzlerin.

Die Union versteht nicht, dass sie verloren hat

Und Angela Merkel fühlt sich tatsächlich als Siegerin, hätte gerne ein "ein bisschen besseres Ergebnis" gehabt. Ein bisschen besser? Ein Absturz um 8,6 Prozentpunkte auf den schlechtesten Wert seit 1949? Nur "ein bisschen schlecht"? CDU-Vize Ursula von der Leyen erneuerte auf Nachfrage ihr in einer früheren "Anne Will"-Sendung formuliertes Bonmot von der "Erklärungsfaulheit" der großen Koalition. Diese stärke ja immer die politischen Ränder und im Wahlkampf habe sich viel auf die Themen der AfD fokussiert, aber die Haltung der SPD, im Land gehe es ungerecht zu ... Anne Will unterbrach: "Kann es sein, dass sie nicht nachdenken mögen, was sich ändern muss?" Gut eine Million Wähler hat allein die CDU an diesem Abend an die AfD verloren. Immerhin hat von der Leyen die Aufgabe erkannt, "diese Wähler, die nicht alle rechtsradikal sind, zurückzugewinnen". Nur wie? "Ändern Sie endlich Ihre Politik", forderte stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges, einziger Nicht-Politiker unter den Gästen Anne Wills, fast flehentlich.

SPD-Debakel: "Vier Jahre Reha werden den Sozialdemokraten guttun"


Parlament ist jetzt besseres Abbild der Gesellschaft?

Jörges war es auch, der klipp und klar sagte, dass der künftige Bundestag "ganz sicher" ein besserer Spiegel der Gesellschaft sei als das bisherige Parlament, weil erstmals seit 1953 alle Strömungen vertreten seien. Es werde eine Debattenbreite und -schärfe geben, "auf die ich mich freue". Allerdings, wandte SPD-Frau Manuela Schwesig ein, bilde die AfD ja nichts ab, weil die Partei von einer Denkzettelwahl profitiert habe und die Ängste ihrer Wähler gar nicht ernst nehme. FDP-Mann Kubicki wollte von der dauernden Diskussion über die "Alternative" lieber gar nichts mehr hören. "Wie klein machen wir uns eigentlich, wir sind doch in der Lage damit fertig zu werden", meinte Kubicki, und weiter: "Meine Frau sagt immer: 'Ist wie ein Stein im Schuh'" "Aber ein spitzer", hatte AfD-Kandidat Gauland das letzte Wörtchen in der Sache.

Ein Thema gab es dann doch, zu dem niemand den neuen Klartext reden wollte. Wenn die SPD partout in die Opposition will, und sich Union, FDP und Grüne nicht auf "Jamaika" einigen können - was dann? Etwa Neuwahlen? Das kann ja heiter werden.