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Umfragehoch für Trittin & Co.: Wie grün wird Deutschland noch?

Auf 28 Prozent kommen die Grünen derzeit. 28 Prozent! Der Parteienforscher Franz Walter sagt, Ö wie Öko habe C wie christlich ersetzt. Also: Kann Trittin Kanzler werden?

Eine Analyse von Jens König

Claudia Roth war am Wochenende zusammen mit DFB-Präsident Theo Zwanziger in Nordkorea. Auf dem Weg nach Hause schaltete sie bei einem Zwischenstopp in Peking ihren Blackberry ein, da ploppte als erste Nachricht eine Umfrage für Nordrhein-Westfalen auf.

"Theo, rate mal, bei wie viel Prozent die Grünen in NRW liegen?", fragte die Parteichefin. "Bei 40 Prozent", antwortete Zwanziger. Er musste über seinen Scherz selber lachen, aber nur ein bisschen. "Euch ist doch im Moment alles zuzutrauen", schob er hinterher.

In Wahrheit liegen die nordrhein-westfälischen Grünen bei 24 Prozent, aber das ist ja nicht gerade wenig, genauer gesagt: ihr bislang bester Wert. Die Ökopartei reißt momentan einen Rekord nach dem anderen.

Bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg: 24, 2 Prozent. Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: 15,4 Prozent. Und in der aktuellen Forsa-Umfrage kommen die Grünen bundesweit auf 28 Prozent. Ja, das sollte man ruhig wiederholen: 28 Prozent! Sie liegen damit fünf Prozent vor der SPD und nur noch zwei Prozent hinter der CDU. Es ist ihr höchstes jemals gemessenes Umfrage-Ergebnis.

"Weltanschauliche Empfindlichkeit"

Flippen die Grünen jetzt aus? Werden sie zur Volkspartei, auf Augenhöhe mit CDU und SPD? Sollte sich Jürgen Trittin schon mal als grüner Kanzlerkandidat warm laufen? Steuern wir im Bund auf ein Drei-Parteien-System zu, ohne FDP und ohne Linke?

Die einfache Antwort vorweg: Die 28 Prozent sind verdient. Im Moment überragt das Atomthema alles andere, da ist die gewaltige Zustimmung für die Ökopartei der historisch gerechte Lohn für 30 Jahre hartnäckiges, fast schon stures Festhalten am Ausstieg aus der Atomenergie. Wie sagte der Schriftsteller Martin Walser vor ein paar Tagen? Er gönne den Grünen ihren Erfolg.

"Weil sie sich eine weltanschauliche Empfindlichkeit, die ich so nicht habe, über dreißig Jahre bewahrt haben. Das hatte für mich, der ich da nicht so angstbesetzt war, zeitweise etwas Skurriles, fast Sektenhaftes, wie sie immer wieder auf die Gefahren der Atomkraft hingewiesen haben. Aber nun wird aus dem Beharrungsvermögen durch die Apokalypse in Japan plötzlich politisches Kapital."

Bildungselite und aktuelle Stimmung

Gleichzeitig hat der grüne Höhenrausch etwas Schwindelerregendes. Der Wähler honoriert Beharrungsvermögen ja nicht immer. Noch Anfang März, die Welt war atomar genauso gefährdet wie heute, gaben nur 15 Prozent an, sie würden die Grünen wählen.

Innerhalb von nur vier Wochen fast eine Verdoppelung der Zustimmung – das ist nicht normal. Es zeigt an, dass der Wähler nicht nur seinem Verstand, sondern ganz gern auch seinen Gefühlen folgt. Die Grünen sind nur für den Moment der größte Profiteur dieser Stimmungsdemokratie.

Erst beides zusammen, der langfristige Trend und die kurzzeitige Erregung, ergibt ein halbwegs vollständiges Bild vom Zustand der Grünen. Vor diesem Hintergrund verbieten sich einfache Antworten auf die oben gestellten Fragen. Ja, die Grünen sind mit ihren Themen und Wählern in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Aus der einstigen Anti-Parteien-Partei ist eine pragmatische Partei der kritischen Bildungselite geworden. Das macht aus ihr aber noch keine Volkspartei, die in allen Schichten der Gesellschaft Wähler bindet.

Mit den Grünen bürgerlich geworden

Die sozialen und kulturellen Befunde für den Erfolg der Grünen liefert eine aufschlussreiche Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Ende März erschienene Arbeit untersucht langfristige Trends der grünen Wählerschaft. Demnach ist die Ökopartei ein Gewinner des demographischen und kulturellen Wandels der Republik. Ihr nutzt, dass die ersten Generationen der Grünen-Anhänger aus den 80er Jahren der Partei bis heute treu geblieben sind.

Gleichzeitig haben viele von denen, die damals studierten oder schlecht verdienten, heute beruflichen Erfolg, bekommen gutes Geld und sind Vorreiter einer neuen Bürgerlichkeit. Diese neue Bürgerlichkeit ist nicht mehr von Religion, Familie, Fleiß und Ordnung geprägt, sondern von Ökologie, Gemeinsinn und verantwortungsbewusstem Leben.

Gestern Chaos, heute Kontinuität

"Die Grünen haben mit ihrem ökologischen Ö das christliche C der alten Mitte ersetzt, aber mit ähnlicher Konnotation: bewahrend, vorsichtig gegenüber allzu rasanten Veränderungen", sagt der Politologe Franz Walter. "Das hat schon etwas Brillantes."

Man schaue sich nur mal das grüne Spitzenpersonal an: Trittin, Roth, Renate Künast - die einstige Chaostruppe steht mittlerweile für Kontinuität, Kompetenz und Berechenbarkeit. Wer hätte das vor ein paar Jahren gedacht?

Der klassische Grünen-Wähler von heute ist zwischen 40 und 55 Jahre alt, hat einen Studienabschluss, ist Beamter im höheren Dienst oder Selbständiger, verfügt über ein Haushaltseinkommen von mehr als 3500 Euro netto und wohnt in einer Großstadt. Diese Klientel untergräbt den bürgerlichen Alleinvertretungsanspruch von CDU und FDP – konkurriert aber nicht so sehr mit der Anhängerschaft von SPD und Linkspartei.

Diese weitgehende Homogenität ihrer Anhänger macht die Grünen stark, begrenzt aber eben auch ihr Potential. Sie macht aus ihr keine Volkspartei, sondern eine aufstrebende Mittelpartei mit dauerhaft 15 bis 20 Prozent Zustimmung. Trittin sollte sich also davor hüten, den grünen Kanzlerkandidaten zu geben.

Mittelpartei und Regierungscrash

Man darf annehmen, dass FDP und Linke ihre derzeitigen Krisen bewältigen und in ihrer Existenz nicht dauerhaft gefährdet sind. Das lässt das Parteiensystem in absehbarer Zukunft so ausschauen: Zwei kriselnde, schrumpfende Volksparteien (CDU/CSU, SPD), eine mittelgroße Partei (Grüne), zwei kleine Parteien (FDP, Linke). Das macht die Grünen zum einflussreichen Machtfaktor zukünftiger Regierungsbildungen und damit zu einem wichtigen Stabilisator des Parteiensystems.

Gleichzeitig bedeutet diese Rolle die eigentliche Herausforderung für die Grünen: Je stärker sie werden, je öfter sie regieren, je unpopulärer die Entscheidungen, die sie zu treffen haben, desto mehr werden sie ihre Anhänger enttäuschen.

Winfried Kretschmann, der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, weiß das. "Wenn wir Stuttgart 21, den unterirdischen Hauptbahnhof nicht verhindern können", sagt er, "verlieren wir ganz schnell wieder die Wähler, die am Wahltag zu uns übergelaufen sind." Also, die grünen 28 Prozent werden nicht von Dauer sein. Das ist so sicher wie das Bio-Siegel auf dem Bio-Ei.