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Bankrotter Zahlungsdienstleister Wirecard vergab Kredit an Russen mit Kontakt zur russischen Rüstungsindustrie

Blick auf die schwarze Fassade der Wirtecard-Zentrale in der Dämmerung
Der Skandal um den Zahlungsdienstleister Wirecard zieht immer weitere Kreise.
© Christof Stache / AFP
Im Wirecard-Skandal führt eine neue Spur nach Russland: Interne Unterlagen zeigen, dass die Wirecard-Bank einen Millionenkredit an die Firma eines Russen vergab. Diese soll auch mit einem russischen Rüstungskonzern zusammenarbeiten. Gegen Prüfer der Firma EY ermittelt jetzt die Staatsanwaltschaft.

Im Skandal um den bankrotten Zahlungsdienstleister Wirecard führt eine neue Spur nach Russland. Zu dem flüchtigen Firmenvorstand Jan Marsalek gibt es bereits seit längerem Berichte über gute Kontakte in das Reich von Wladimir Putin; einige vermuten auch, dass er dort heute lebt. Interne Unterlagen, die dem stern und "Capital" vorliegen, enthalten jetzt neue Hinweise.

Laut einer Verbindungsanalyse der Wirtschaftsprüfer der Firma EY (Ernst & Young) aus dem Jahr 2017 soll die Wirecard-Bank bereits damals einen Kredit über sechs Millionen Euro für eine Firma gewährt haben, die einer "politisch exponierten Person" ("politically exposed person") aus Russland gehöre. Diese Firma sei auch an einem Gemeinschaftsprojekt mit einer Tochter des Staatskonzerns Rostec beteiligt; dieses Firmenkonglomerat ist vor allem in der Rüstungsindustrie aktiv und steht seit der Besetzung der Krim unter US-Sanktionen. In der Korrespondenz zu dem Kredit wird auch der Name eines Geschäftsmanns erwähnt, der als Vertrauter von Jan Marsalek gilt.

Schwere Vorwürfe gegen Wirecard-Prüfer

Die Verbindungsanalyse wird von der Abschlussprüferaufsichtsstelle APAS in einer Strafanzeige gegen Wirtschaftsprüfer von EY zitiert. Dieses 28-seitige Schreiben vom 28. September liegt dem stern und "Capital" vor. Die Staatsanwaltschaft in München hat am heutigen Freitag dem stern und "Capital" bereits bestätigt, dass sie hier Ermittlungen gegen die Mitarbeiter aufgenommen hat, die seinerzeit für EY die Jahresabschlüsse von Wirecard geprüft und als ordnungsgemäß bestätigt hatten: "Wir haben die mehrseitige Strafanzeige der APAS inzwischen ausführlich geprüft", teilte eine Sprecherin mit: "Da sie konkrete Beschuldigte und Strafvorschriften bezeichnet, haben wir, wie es die Aktenordnung vorgibt, ein Ermittlungsverfahren gegen die namentlich Genannten eingetragen."

Die APAS, die im Geschäftsbereich von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) angesiedelt ist, erhebt in dem Schreiben massive Vorwürfe gegen die Prüfer, die in den Jahren 2016 bis 2018 die Abschlüsse der Wirecard mit ihrem Bestätigungsvermerk als ordnungsgemäß abgezeichnet hatten. So habe es laut APAS in allen drei Jahren Auffälligkeiten gegeben, denen man nicht vollständig nachgegangen sei. Immer wieder habe die Wirecard-Spitze Anschuldigungen zurückgewiesen und vertiefte Prüfungen für unnötig erklärt. Aus Sicht der APAS geht es um "Tatsachen", die "den Verdacht begründen, dass Berufsangehörige Straftaten im Zusammenhang mit der Berufsausübung begangen haben".

Verdacht auf Straftaten bei der Prüfung durch EY

EY hat den Verdacht von Straftaten wiederholt vehement zurückgewiesen. Der Firma seien bisher "keinerlei Anhaltspunkte für ein strafrechtlich relevantes Verhalten von Abschlussprüfern von EY bei Wirecard bekannt". Gegenüber der APAS habe man auch bereits ausführlich auf die Vorwürfe geantwortet. Die Firma hofft außerdem darauf, dass der Bundesgerichtshof demnächst entscheidet, in welchem Umfang ihre Prüfer für Aussagen vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss von ihrer Schweigepflicht befreit werden müssen. Der Gerichtshof soll demnächst über Bußgelder befinden, die der Untersuchungsausschuss gegen EY-Prüfer verhängt hatte, die zunächst nicht aussagen wollten.

Es geht um viel Geld und auch um mögliche Schadenersatzforderungen gegen EY. Immerhin hatten sich Anleger darauf verlassen, dass die Bilanzen von der renommierten Prüffirma abgenickt worden waren. Auch die staatlichen Aufseher bei der Bafin verließen sich gerne auf die Arbeit der privaten Prüfer.

2017: Prüfer beklagen mangelnde Kooperation

Jetzt zeigt sich, dass bei all den positiven Testaten womöglich vieles nur Fassade war. Bereits im März 2017 drohte EY laut des APAS-Schreibens sogar damit, das Geschäftsverhältnis mit Wirecard zu beenden. Am 29.3.2017 beklagten die beiden Prüfer Martin Dahmen und Andreas Loetscher in einem Brief an Wirecard-Chef Markus Braun, an Marsalek und den damaligen Finanzvorstand Burkhard Ley die mangelnde Kooperation des Vorstands bei der Aufklärung von Vorwürfen. Punkte seien noch nicht "geklärt", forensische Untersuchungen nicht gemacht worden. Die beiden Prüfer drohten daher, ihr uneingeschränktes Testat für das Jahr 2016 zu verweigern. Und sie teilten mit, "dass wir auf Basis Ihre Reaktion auf dieses Schreiben überdenken werden, ob und wie wir die weitere Zusammenarbeit gestalten können".

Bereits zuvor hatten sich die Prüfer beschwert, dass "auf der Basis der vorliegenden Informationen" in 2015 und 2016 gebuchte Umsätze gegenwärtig teils "nicht in angemessener Weise bezüglich Betrag, Sachverhalt und Zeitpunkt nachgewiesen" seien.

Dass der Wirecard-Vorstand die Forderungen erfüllt hat, erscheint fraglich. EY hatte jedenfalls Wirecard dann einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk erteilt. Ebenso bei der Prüfung für das Jahr 2016. Damals ging es um die sogenannten Zatarra-Vorwürfe von zwei Londoner Aktienhändlern. Hier habe EY "keine Prüfungshandlungen durchgeführt", um mit "absoluter Sicherheit" die Vorwürfe "abschließend zu beurteilen", hieß es laut APAS in einem Arbeitspapier der Prüffirma.

Man war "nicht in die tiefsten Löcher gestiegen"

Firmenchef Braun, der auch bis heute alle Vorwürfe bestreitet, erklärte im März 2016 öffentlich, man habe in Sachen Zatarra "alle Vorwürfe untersucht". Der Finanzvorstand des Unternehmens soll aber – so der APAS-Bericht - gegenüber EY eingeräumt haben, dass man in Sachen Zatarra "nicht in die tiefsten Löcher" gestiegen sei. Im offiziellen Prüfungsbericht resümierte EY hingegen, dass man sich "davon überzeugt" habe, dass die Vorwürfe durch Wirecard "verfolgt und beurteilt wurden".

Bereits damals ging es außerdem um massive Vorwürfe betreffend das Indien-Geschäft von Wirecard. So berichtete ein leitender Prüfer eines EY-Partners in Indien, ein Firmenchef einer Wirecard-Tochter habe ihm berichtet, dass bei einem Zukauf einer Firmengruppe in Indien "Mitglieder des Senior Managements der Wirecard AG in Deutschland" durch die Einschaltung einer Zwischenfirma profitiert hätten. Der Prüfer in Indien berichtete überdies vom Vorwurf von Scheinumsätzen - und von einem Versuch, ihn zu bestechen.

Die Untersuchungen zu den Vorgängen in Indien zogen sich unter dem Namen "Projekt Ring" über mehrere Jahre hin – auch weil man bei EY offenbar vergebens auf Feedback der Wirecard-Spitze wartete. Im April 2018 zog schließlich Marsalek einen Schlussstrich, ausweislich einer Mail vom 3. April 2018. In der beurteilte er "die Anschuldigungen als haltlos". Man werde daher "keine weiteren Investigationen durchführen".

Marsalek dankte den Prüfern - und stoppte ihre Untersuchung

Für die Prüfer von EY hatte er auch ein paar freundliche Worte: "Wir danken ihnen für ihre jederzeit transparente und hoch professionelle Analyse und das entsprechende Reporting", schrieb er.

APAS meint heute, angesichts des "Nichtaufklärungswillens" bei Wirecard sei von EY "der falsche Eindruck erweckt" worden, die Vorwürfe seien abschließend untersucht worden.

Bei ihrer Zeugenaussage im Untersuchungsausschuss Mitte November bestätigte bereits die frühere Wirecard-Aufsichtsrätin Tina Kleingarn, dass EY das Testat für den Jahresabschluss 2016 erst auf den letzten Drücker erteilt habe. Ein Grund dafür sei gewesen, dass der Vorstand im April 2017 Dokumente und Belege, die die Prüfer verlangt hätten, lange Zeit schuldig geblieben sei. Im Fokus hätten die Ergebnisse des "Projekts Ring" gestanden, aber auch fehlende Informationen zum Drittpartnergeschäft in Asien.

Heikel sind die Vorwürfe gegen EY nun auch für die Deutsche Bank, denn einer der beiden seinerzeitigen Prüfer – Loetscher – ist bei ihr heute Chef der Rechnungslegung ("head of accounting"). Unabhängig davon hatte die Bank jüngst EY als ihren neuen Abschlussprüfer angeheuert. Ein Sprecher der Bank verwies jetzt gegenüber stern und "Capital" auf "die Unschuldsvermutung". Man schätze "die Zusammenarbeit mit dem Kollegen und wir haben volles Vertrauen in seine Kompetenz und Fähigkeit, seine Aufgabe zu erfüllen". Natürlich beobachte man zugleich die Situation aufmerksam – das gelte auch für "alle weiteren Entwicklungen" betreffend EY.

Perring: "Alle beteiligten Behörden haben versagt"

Bestätigt fühlen können sich dagegen die Autoren des Zatarra-Berichts. "Wir waren verblüfft, dass EY dem Management von Wirecard geglaubt hat", sagte Fraser Perring, einer der beiden Autoren des Reports, auf Anfrage von stern und "Capital". "Die EY-Prüfer hätten Falschinformationen von Wirecard leicht beweisen können, wenn sie sich etwa die Jahresabschlüsse von Konzerntöchtern und die Bestellungen von Führungspersonal in Asien angeschaut hätten. Die nötigen Auszüge aus offiziellen Registern haben uns damals 15 Dollar gekostet", sagte Perring.

Perring erhob aber auch schwere Vorwürfe gegen die deutschen Behörden. "Niemand hat unsere Erkenntnisse zu Betrug bei Wirecard damals überprüft", sagte er. "Alle beteiligten Behörden haben versagt, inklusive der Bafin, dem Finanzministerium und der APAS." Daher könnte man es für einen "schlechten Witz" halten, dass die APAS nun EY bei der Staatsanwaltschaft angezeigt habe. Tatsächlich hätten sämtliche deutschen Behörden jahrelang lieber die Kritiker des Konzerns verfolgt, als den Vorwürfen gegen Wirecard selbst nachzugehen. "Hätten die Behörden offizielle Dokumente überprüft, wären sie schnell auf Belege für weit verbreitete Falschangaben des Konzerns gestoßen."

dho

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