Akte 17. Juni 53 - Teil 3 Die Abrechnung


"Faschisten, Banditen und Gangster" haben die Arbeiter zum Aufstand getrieben. Das ist die Sprachregelung, die Ulbricht am 18. Juni mit den Russen trifft. Danach zementiert der SED-Chef seine Macht und säubert das Politbüro.

Am Morgen danach ist Berlin eine Mondlandschaft: leere Straßen, verbrannte Autos, ausgeraubte HO-Läden, Pflastersteine überall, zerrissene Plakate, zerfetzte Fahnen, das abgefackelte Columbus Haus am Potsdamer Platz qualmt noch immer. Auf dem Brandenburger Tor weht wieder die rote Fahne. Und an jeder Ecke parkt ein Panzer. 19 Demonstranten tot, vier Volkspolizisten tot, fast 400 Verletzte liegen in Krankenhäusern. Es ist der 18. Juni 1953. Das Politbüro hat die Nacht in Karlshorst verbracht.

Regierungschef Otto Grotewohl und Frau schliefen in der Villa des sowjetischen Hochkommissars Semjonow, Generalsekretär Walter Ulbricht und Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur des "Neuen Deutschland", in einer unbewohnten Villa, Staatssicherheitschef Wilhelm Zaisser war nach Berlin zurückgeschickt worden zu seinem Stellvertreter Erich Mielke und dessen Mannen, die, wie die Russen beklagen, so elend versagt haben.

Ulbricht kommt zum Frühstück

und sagt mit leichtem Vorwurf zu Semjonow: Ich fahre jetzt in die Stadt zurück, ins Zentralkomitee. Es sei sicher falsch gewesen, den ganzen gestrigen Tag hier in Karlshorst verbracht zu haben. Aber Semjonow sagt nur: Und wenn Ihnen etwas passiert wäre? Was glaubten Sie wohl, was seine Vorgesetzten in Moskau mit ihm gemacht hätten.

So, und nun muss eine Strategie überlegt werden: Der 17. Juni war eine imperialistische Provokation. Dazu müssten Hintergründe und vor allem Schuldige gefunden werden. Herrnstadt soll im "Neuen Deutschland" einen Leitartikel über den Plan des kapitalistischen Auslands für einen "Tag X" schreiben. Überschrift: "Der Zusammenbruch des faschistischen Abenteuers". Ulbricht will für 16 Uhr eine Politbürositzung einberufen und alle instruieren. Dann fahren sie zurück nach Berlin. Ulbricht, der Schuldige, ist gerettet. Man wird andere Schuldige finden. Ulbricht hat sie längst im Kopf.

Die Schriftsteller, die am Tag zuvor in Berlin eine Sitzung hatten und so mitten in den 17. Juni gerieten, haben im Verbandsbüro übernachtet. Campierten in Sesseln oder auf dem Boden mit Wolldecke. Jetzt sitzen sie da, setzen Teewasser auf, schmieren Stullen und fragen sich, was das nun war in den letzten 24 Stunden.

Da zieht Kurt Barthel, der sich Kuba nennt,

einen Zettel aus der Tasche. Er habe einen Text vorbereitet, sagt er und liest ihn mit bebender Stimme vor. Es ist eine Resolution fürs Zentralkomitee. Ein gemeißelter Treueschwur an die Partei.

Stefan Heym protestiert. Das sind ja lauter Phrasen, sagt er. So was unterschreibt er nicht. Politisch primitives Zeug. Also das muss neu gemacht werden. Heym und ein paar Kollegen gehen ins Nebenzimmer und kommen bald mit einem ordentlichen Vorschlag zurück, der von allen gebilligt wird. Nur nicht von Kuba. Unakzeptabel, sagt der. Sie müssten sich schon an seinen Text halten, denn der sei bereits vom ZK genehmigt worden.

Wie bitte? Das ist ja die Höhe. Und Erich Loest erzählt, wie die Schriftsteller murren und sagen, die Zeiten wären wohl vorbei, in denen das ZK selbst die an sich gerichteten Resolutionen zu genehmigen hätte.

Also was ist jetzt? Nichts. Wer will, schreibt seine Ergebenheit persönlich. Wie Stephan Hermlin oder Anna Seghers. Und Brecht ärgert sich maßlos, dass aus seinem Brief an Ulbricht nur die Verbundenheit mit der Partei im "Neuen Deutschland" veröffentlicht wird und nicht, dass nun die große Aussprache mit den Massen stattfinden muss.

Und Anna Seghers, die Grande Dame der DDR,

die "Das Siebte Kreuz" geschrieben hat, den großen Holocaust-Roman mit Hoffnungsstrahl am Ende, Anna Seghers verfasst sogar noch einen Artikel für das "Neue Deutschland" und gelobt, dass wir, die Schriftsteller der DDR, fest zur Regierung und zur Partei stehen.

Dann spricht sie mit Arbeitern, die nach den vielen Verhaftungen natürlich vorsichtig sind, und schreibt die pädagogische Erzählung "An einer Baustelle in Berlin". Es ist der sozialistische Wunschtraum einer Privilegierten, die am 17. Juni nicht in der Stadt war und sich ihren Glauben an die DDR bewahren will. Ihre klassenbewussten Arbeiter streiken nicht und werden von niemandem aufgehetzt. Trotz aller Probleme werkeln sie wacker weiter.

Die Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Am 20. Juni klingelt es früh um 4.30 Uhr an der Wohnungstür von Siegfried Berger. Polizei! Sie sind verhaftet! Berger hatte am 17. Juni den Demonstrationszug der Arbeiter vom Funkwerk Köpenick angeführt. Nun wird er ins Ost-Berliner Polizeigefängnis gebracht, in einen Keller mit anderen Gefangenen. Es gibt keine Stühle, keine Bänke, nachts liegen sie auf kaltem Beton.

Die Kollegen solidarisieren sich mit ihrem Streikführer, schicken Geburtstagsgrüße mit Unterschriften. Und es ist kein Name dabei, der unleserlich geschrieben ist. Im "Neuen Deutschland" aber steht, dass die Arbeiter vom Funkwerk sich von den faschistischen Provokateuren distanzieren. Und SED-Genossen erzählen im Werk, dass Berger gar nicht verhaftet sei, sondern in den Westen geflüchtet. In Wahrheit wird er stundenlang verhört, und immer leuchtet ihm die grelle Lampe ins Gesicht.

Die Gerichtsverhandlung ist nicht öffentlich. Er hat keinen Verteidiger. Die Anklage: Aufforderung zum Sturz der Regierung. Das Strafmaß: sieben Jahre Zwangsarbeit in der Sowjetunion. Endstation Workuta. Man legt ihm das Urteil zur Unterschrift vor. Da schreibt Berger in großen Buchstaben: Ich erkenne das Urteil nicht an.

Das Zentralkomitee der SED steht

nach dem 17. Juni für Tage unter Schock. Erst am 21. trommeln sie zu einer mitternächtlichen Krisensitzung. Hans Jendretzky, Kandidat des Politbüros, berichtet von einem Empfang bei den Sowjets. Da habe Kommandant Dibrowa mit geballter Faust auf die prächtig gedeckte Tafel geschlagen und mit schwerer Zunge gelallt: Warum zum Teufel habt ihr Feiglinge die Partei nicht mit euren eigenen Fäusten verteidigt? So wie wir Bolschewiken damals im Oktober 17?! Ist doch reine Heuchelei, sagt Jendretzky außer sich. Als dürften wir eigenmächtig handeln.

Ulbricht sagt, die Partei muss um jeden Preis aus der Defensive. Und Grotewohl schwört die Delegierten noch einmal auf die Legende vom "Tag X" ein, vom imperialistischen Putschversuch. Der Schriftsteller Stefan Heym hat doch heute erst in der "Berliner Zeitung" beschrieben, wie der Mob von faschistischen Stoßtrupplern in Ringelsöckchen und Cowboyhemden durch die Stadt gestürmt ist. Und der FDGB will auch was tun. Will eine Denkschrift mit Zeichnungen rausgeben: Wie sieht der Feind aus? Er trägt Igelfrisur, Hochwasserhosen und Flaschen mit Benzin.

Das ist ja Geschichtsfälschung,

sagt Heinz Brandt, Sekretär der Ost-Berliner Bezirksleitung, hinterher zu Hans Jendretzky. Wir können doch aus dem Vorgefallenen keinen Kriminalroman machen, in dem Kriegstreiber von langer Hand den "Tag X" vorbereitet haben. Das ist doch absurd! Nein, sagt Jendretzky, der Zuchthaus und Konzentrationslager überlebt hat und in wenigen Wochen wegen allzu liberaler Gedanken aus dem Politbüro gefeuert werden wird, es ist ein Glück, sagt er, dass die da drüben im Westen immer mal wieder vom "Tag X" gefaselt haben. Begreif doch, Heinz, es muss ein Verbrechen, ein kriminelles Verbrechen vorgelegen haben, damit der Panzereinsatz moralisch-politisch gerechtfertigt erscheint.

Und so wird denn aufgeräumt. Von den 1400 befreiten Häftlingen aus vielen Gefängnissen der DDR werden bis zum Ende des Monats 1200 wieder eingefangen. Die sowjetische Besatzungsmacht ist für 18 standrechtliche Erschießungen verantwortlich. Bereits am 18. Juni gibt der Militärkommandant in Ost-Berlin bekannt, dass der Arbeiter Willy Göttling aus West-Berlin hingerichtet worden ist. Wegen Beteiligung am Aufstand.

In Magdeburg wird auch nicht lange gefackelt.

Da beschließt das Militärtribunal noch am 17. Juni zwei Todesurteile. Die beiden Arbeiter werden wegen der Teilnahme an den banditischen Handlungen am 18. Juni früh um 7.50 Uhr erschossen.

In der ganzen DDR werden vom 16. bis zum 20. Juni 4383 Menschen festgenommen und viele davon als Rädelsführer, Verräter, Plünderer, faschistische Provokateure oder Mörder verurteilt. Und Zeitungen drucken Fotos von Teenagern. So sieht die faschistische Brut aus, steht unter einem. Texasfrisur, Verbrechergesicht, ein Bandit, ein deklassiertes Element aus Erfurt, dem Gangstertum besser gefällt als ehrliche Arbeit.

Es wirkt. Was die Genossen beim Frühstück in Karlshorst ausgebrütet haben, wird von willigen Funktionären, Autoren und Journalisten verbreitet: Der 17. Juni war kein Arbeiteraufstand. Er war eine Verschwörung von Nazis. Dafür muss nur noch eine Hassfigur her. Und das ist Erna Dorn. Die war am 17. Juni in Halle mit aus dem Gefängnis befreit worden und hat eine merkwürdige Geschichte.

Sie kam 1945 mit einem Entlassungsschein aus dem KZ.

Damit hatte sie Privilegien in der DDR: mehr Geld, mehr Essen, mehr Kleider. Sie heiratet einen Volkspolizisten, einen ehemaligen Spanienkämpfer. Also ein antifaschistisches Vorzeigepaar.

Als Erna Dorn im Prozess gegen eine KZ-Aufseherin als Zeugin aussagen soll, weigert sie sich. Warum? Sie sei dem nicht gewachsen, sagt sie. Sei auch schwanger. Stopft sich Kissen unters Kleid und kommt damit auch noch in den Genuss der Sonderration für werdende Mütter. Als die Sache nach neun Monaten auffliegt, wird Erna Dorn wegen Betrugs und Wirtschaftsvergehens zu elf Monaten Haft verurteilt.

Ihr Mann lässt sich scheiden.

Sie ist nach ihrer Entlassung obdachlos. Stiehlt Koffer am Bahnhof und wird erneut verhaftet. Im Knast erzählt sie ihren Mitgefangenen seltsame Geschichten. Sie sei im Dritten Reich eine Agentin gewesen, habe auch für die Gestapo gearbeitet, war sogar Aufseherin im Konzentrationslager.

Spinnt sie? Oder ist sie wahnsinnig? Beweise für die wilden Erzählungen gibt es nicht. Dennoch wird sie im Mai 1953 vom Bezirksgericht Halle zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Und nun ist ausgerechnet diese Frau befreit worden. Und sie soll auf dem Hallmarkt eine Rede gehalten haben. Natürlich! Da hat sie sogar zum Putsch aufgerufen. Hat doch selbst ausgesagt, dass sie gerufen hat: Es lebe die Revolution, und nieder mit der Deutschen Demokratischen Republik! So steht es im Verhörprotokoll vom 21. Juni.*

Aber wer hat die Rede gehört? In allen Berichten über den Aufstand in Halle werden nur Männer erwähnt, die gesprochen haben. Doch ihre wirren Aussagen gelten als Beweise ihrer Schuld. Am 22. Juni ist die Verhandlung. Sie beginnt um 18 Uhr. Geschlossene Gesellschaft. Um 21.30 Uhr wird das Todesurteil gesprochen. Berufung abgelehnt. Am 1. Oktober wird Erna Dorn in Dresden unter der Guillotine der Kopf abgeschlagen.

Ein Jahr später erscheint eine Erzählung von Stephan Hermlin - "Die Kommandeuse". Es ist die Geschichte von Erna Dorn. Sie träumt sich bei Hermlin, dem antifaschistischen Aushängeschild der DDR, noch einmal in den braunen Sumpf hinein, in den Sieg. In ihrem Kopf, schreibt Hermlin, war ein Gewoge von Glockengeläut und Kommandos?

Und es wird weiter aufgeräumt. Walter Ulbricht zementiert seine Macht, die ihm vor dem 17. Juni schon fast weggebröckelt war. Er rächt sich nun an den Reformern, von denen er sich bedroht fühlt.

Justizminister Max Fechner hatte gleich nach dem Aufstand ein Interview im "Neuen Deutschland" gegeben. Darin sichert er allen Streikenden - es sei denn, sie haben Brände gelegt, Läden geplündert oder gar Menschen erschossen - Straffreiheit zu. Denn das Recht auf Streik ist in der DDR verfassungsmäßig garantiert.

Da steht das Politbüro Kopf.

Fechner wird zitiert. Was hat er sich bloß bei diesem Interview gedacht? Fechner verteidigt den Text im Tone des Erstaunens, schreibt Rudolf Herrnstadt in seinen Erinnerungen. Begreift er denn nicht, was das bedeutet? Dann müssen ja auch die faschistischen Verbrecher freigelassen werden! Richtig, sagt Fechner.

Ulbricht schnappt nach Luft. Ist der Kerl verrückt?, sagt er. Und stimmt es, wird der Minister gefragt, dass er Verhaftete eines Thüringer Betriebs wieder freigelassen hat? Ja, sagt Fechner. Der Kerl ist besoffen, sagt Ulbricht. Fechner fliegt als Feind der Partei und des Staates aus der SED. Am 15. Juli wird er verhaftet und im Mai 1955 in einem Geheimprozess zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Seine Nachfolgerin ist Hilde Benjamin. Als "Rote Guillotine" wird sie von nun an Schauprozesse nach stalinistischem Muster führen.

Die nächsten Schuldigen sind Chefredakteur Rudolf Herrnstadt und Staatssicherheitsminister Wilhelm Zaisser. Beide werden entlassen. Der MfS-Apparat, sagt Ulbricht in einer Geheimrede, besteht aus guten Genossen. Aber die Führung hat total versagt. Genosse Zaisser wollte die Feinde erst suchen, dann studieren und zum gegebenen Moment verhaften oder liquidieren. Doch die Feinde, sagt Ulbricht, waren zum gegebenen Moment schneller.

Und Herrnstadt? Ist, wie Zaisser, ein Lügner. Kein Marxist. Beide im besten Falle kleinbürgerlich oder sozialdemokratisch verseuchte Elemente. Verkappte Erzfeinde der Arbeiterklasse. Und Herrnstadt, sagt einer, tritt auf wie Napoleon. Hat gesagt: Der Parteiapparat ist gegen mich, aber die Massen stehen hinter mir.

Zwei Reformer unter Hochdruck

verteidigen sich. Zaisser spricht zuerst. Versucht, ruhig und unpolemisch zu sein. Die Angriffe sind ungerecht, sagt er. Sie seien keine Verschwörer, keine Kapitulanten, kein getarnter Geheimbund. Und in großer Erregung schreit er am Ende dann sein Glaubensbekenntnis in die Runde, seine Liebe zum Sozialismus, zur Partei und zur Sowjetunion.

Stille. Er wankt an seinen Platz zurück. Schwankt. Stützt sich an der Wand ab. Fällt um. Liegt da. Niemand rührt sich. Alles starrt auf Ulbricht. Und auf Zaisser. Einer Genossin laufen Tränen übers Gesicht. Jeder im Saal weiß, dass Zaisser schwer herzkrank ist. Doch niemand wagt, ihm zu helfen. Könnte ja als Solidarität mit dem Feind ausgelegt werden. Sie atmen auf, als er mit einer Hand zum Stuhl greift und sich mühsam setzt.

Dann spricht Herrnstadt.

Auch er dementiert die organisierte Gruppenarbeit in der Parteiführung, die Ulbricht unterstellt. Aber die Genossen haben Herrnstadt nicht verziehen, dass er gegen die Holzhammermethoden in der Normenkampagne war und sich in einer Rede zu sagen traute, dass der Dogmatismus häufig ein Deckmantel für Opportunismus ist.

Ja, da haben sie aufgeheult, die Betonköpfe. Und auch jetzt wehren sie sich und zerschlagen seine eindrucksvolle Rede mit sozialistischen Floskeln. Ulbricht feuert sie auch noch an. Ruft mit seiner Fistelstimme: Er hat ja nicht nur mich stürzen wollen! Oder: Er wollte ja auch Matern stürzen, den Vorsitzenden der Zentralen Parteikontrollkommission!

Das reicht. Sie sind entlarvt, die Staatsumstürzler, die sich jetzt so erstaunt geben. Die meisten Mitglieder des ZK sind von der Schuld der vermeintlichen Verräter überzeugt. Raus aus der Partei!, rufen einige. Und raus aus dem ZK. Und Herrnstadt ist entsetzt über die hasserfüllten Blicke der Genossen.

Auch Kulturfunktionäre stoßen ins Horn ihres Herrn. Am 20. Juni rechnet Kuba im "Neuen Deutschland" mit den Bauarbeitern der Stalinallee ab: Maurer - Maler - Zimmerleute, schreibt er, und man soll wohl Shakespeares Marc Anton hören nach dem Mord an Cäsar: Mitbürger! Freunde! Römer! Gekämpft wird nur, wenn man Ursache hat, und solche Ursache hattet ihr nicht. Was sie hatten, waren schlechte Freunde. Gesindel von drüben. Schämen sollten sie sich. Und Kuba findet, dass sie sehr viel und sehr gut mauern müssten, ehe euch diese Schmach vergessen wird.

Da fragt Bert Brecht in seiner Replik, der berühmten Satire vom 17. Juni: Wäre es da/ Nicht einfacher, die Regierung/ löste das Volk auf und/ Wählte ein anderes?

In jenen Tagen bekommt Stefan Heym einen merkwürdigen Anruf aus dem Büro des Genossen Ulbricht. Der möchte sich nach den unerfreulichen Ereignissen unters Volk begeben. Möchte sehen, wie die Leute so leben, und hören, was sie so denken. Der Schriftsteller soll ihn begleiten und über die Exkursion etwas Hübsches schreiben.

Wie kann Ulbricht den Harun al Raschid spielen, fragt Heym in seinem "Nachruf", wo doch jeder sein Gesicht, seine Stimme, seinen Bart kennt? Er stellt sich vor, wie der Chef der DDR mit ihm durch Köpenick spaziert, mal mit Hausfrauen plaudert, mal in den Lebensmittelladen guckt. Die Leute würden Ulbricht doch ohne Autokarawane, ohne Bewacherkohorte glatt für einen Doppelgänger halten.

Heym sagt natürlich zu. Er werde am Eingang vom Köpenicker Rathaus warten, da, wo einst der Schuster Voigt als Hauptmann stand. Genosse Ulbricht solle in einem möglichst unauffälligen Auto vorfahren, er, Heym, werde ihn da an die Hand nehmen und zwei Stunden später, sicherlich um einige Erfahrungen reicher, wieder abgeben.

Der große Tag ist da. Heym wartet.

Die Rathausuhr tickt. Die volle Stunde ist längst vorbei. Wo bleibt der Ulbricht bloß? Plötzlich fegt ein schwarzer Lindwurm um die Ecke - lauter dunkle Limousinen. Hinten die verhüllende Gardine, vorn die versteinerte Sicherheit. Der Verkehr liegt lahm. Der fröhliche Staatschef steigt aus und sagt zum verblüfften Schriftsteller: Gehn wir erst mal ins Rathaus.

Er muss mal, denkt Heym. Aber der muss nicht. Der ist mitten im Abenteuer. Den Pförtner hat er schon erschreckt. Stürmt die Treppe hoch, läuft durch den Gang, macht vor der hohen Tür halt, klopft nicht, geht gleich rein und sagt zum Bürgermeister: Nu, Genosse Schiller, wie geht‘s?

Dem sitzt der Schock im Gesicht. Und nun wird er auch noch examiniert. Der Besucher kennt sich ja aus in Verwaltungskram. Der Bürgermeister möchte doch bitte einen Bericht schreiben, sagt Herr Ulbricht am Ende zu Knecht Schiller. Und stellt die nächste Falle. Jetzt besuchen wir mal den Schulrat, sagt Ulbricht listig zu Heym. Aber der Schulrat ist natürlich längst gewarnt. Er sprudelt. Hat alle Zahlen im Kopf. Und nun? Wird es doch wohl langsam Zeit, sich unters Volk zu mischen, denkt Heym und sieht den Titel der Geschichte schon vor sich: Der Kalif und sein Schreiber. Aber der Kalif macht Schluss. Keine Zeit mehr, sagt er. Das Amt ruft. Die Arbeit. Die Akten. Leider. Und entfleucht mit dem Lindwurm.

Erich Loest ist seit dem 20. Juni wieder zu Hause in Leipzig. Und er ärgert sich jeden Tag über das, was in den Zeitungen steht. Er hat doch nun alles miterlebt. Aber die Journalisten verkleistern, beschönigen, vertuschen, schreiben voneinander ab, bloß keine eigene Meinung haben, bloß die Partei nicht enttäuschen. Die Linie ist vorgegeben. Westbanditen haben den 17. Juni inszeniert. So einfach ist das.

Und was hatte Kuba seinen Autoren beim Abschied in Berlin gesagt: Schreibt, Genossen. Schreibt, was ihr gesehen habt. Seid mutig. Deckt Widersprüche auf. Schonungslos. Da war er wieder, der Kuba, den Loest so mochte, ein Dampfkessel unter Hochdruck mit ständig zischenden Ventilen.

Und Loest sagt sich:

Du kannst dein Gewissen nicht mehr einfach an der Garderobe abgeben. Erst bei Hitler, dann bei Stalin. Beiden hast du geglaubt. Damit muss Schluss sein. Du bist ab jetzt für deinen Kopf selbst verantwortlich.

Und er setzt sich hin und schreibt. Schreibt vom 17. Juni, von den Arbeitern, von den Fehlern, die gemacht wurden, von Brand, Terror und Mord. Und davon, dass die Presse eine Mitschuld trägt. Warum? Weil seit Jahren nur Ja-Sager fragen und befragt werden. Der Berufsschüler begrüßt die Fahrpreiserhöhung, die Hausfrau begrüßt die Fahrpreissenkung. Wie?s gerade gewünscht wird. Aber was denken die Leute wirklich?

Natürlich gibt es auch mal ein bisschen Kritik. Einer klagt über die Krähenplage, einer, dass die Straßenbeleuchtung nicht geht, eine Rentnerin beschwert sich, dass die HO-Verkäuferin erst das Geld anfasst und dann die Wurst. Aber wer hat die unzufriedenen Arbeiter befragt?

Wir lasen täglich, welche Brigade ihre Normen erhöht, aber nie, welche sie abgelehnt hat, schreibt Loest. Und warum nicht? Weil man dann hätte sagen müssen, dass die Funktionäre sie übers Ohr hauen wollten. Das Negative wurde verschwiegen, das Positive aufgebauscht.

Und am 17. Juni? Da haben sie die vielen anständigen Arbeiter mit den Faschisten in einen Topf geworfen. Die Journalisten, schreibt Loest, sind kilometerweit von den Realitäten entfernt, haben sich in den Elfenbeinturm zurückgezogen und schwangen die rote Fahne. Doch das nützt niemandem. Die Elfenbeintürme sind ins Wanken geraten. Man muss zu den Massen gehen, schreibt Loest, und ihnen die Fahne vorantragen.

Er geht mit dem Text zum Chefredakteur vom "Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel". Und der jubelt. Was für ein Wurf. Was für eine Philippika. Das druck ich, jawohl. Am 4. Juli 53 erscheint der Artikel von Loest und sorgt für Wut und Wirbel. Es ist der Anfang vom Ende seiner Karriere in der DDR.

Und die Helden der Partei?

Sind müde. Urlaubsreif. Müssen raus in die Sonne, an die Ostsee, auf den Darß, ins kleine, feine Ahrenshoop, das Sylt der DDR, wo sich vor allem die Denker und die Künstler des jungen Arbeiter-und-Bauernstaates erholen.

Die sitzen, wie jedes Jahr, nackt in den Dünen oder halbnackt im Strandcaf?. Und von Hand zu Hand geht der neue Loest, geht "Elfenbeinturm und Rote Fahne". Ist ja doll, was dieser Erich aus Leipzig da schreibt! So muss es sein. Freies Wort in freier Presse.

Und dann kommt Heinz Brandt, Sekretär der Bezirksleitung, direkt aus dem Kessel Ost-Berlin. Muss erzählen, wie das war mit den Arbeitern, den Faschisten, dem Politbüro. Alles ist offen, sagt er. Alles fließt noch.

In seinem Buch "Ein Traum, der nicht entführbar ist", beschreibt Brandt, wie er mit Ernst Bloch und Hans Eisler durch Wald und Heide wandert und wie der rüstige alte Philosoph seine Kritik am Politbüro wild gestikulierend in die Botanik hinausdonnert, dass die aufgescheuchten Fischreiher nur so flüchten. Die Partei, sagt Bloch, muss an Haupt und Gliedern erneuert werden. Die Russen dürfen aus der DDR nicht länger eine Rumpelkammer machen. Wir müssen das Schaufenster des Sozialismus werden. Auch Eisler, der die Nationalhymne der DDR komponiert hat, zerreißt Ulbrichts Politik in der Luft. Wir reden chinesisch und handeln russisch, sagt er, statt deutsche Politik für Deutsche zu machen.

Und Abend für Abend sitzt die privilegierte

geistige Elite der DDR im eleganten Klubhaus bei erlesenen Speisen - braun-gebrannt, wortgewandt, erholt, erfrischt und voller Energie. Und Johannes R. Becher vom Präsidium des Kulturbunds verkündet die große Freiheit für alle Künstler.

Das sieht ja ganz nach Tauwetter aus. Und wie haben sie immer über Becher, diesen Moralapostel, gelacht. Als der hörte, in Ahrenshoop baden die Leute nicht nur nackt, da laufen sie sogar nackt über die Straße, hat er sich gleich in seinen Dienstwagen geworfen, so erinnert sich der Schriftsteller Heiner Müller, und ist über den Darß gefegt, hat gegen den Verfall der Sitten gepredigt und am Strand gedichtet: Und wieder blickst du sinnend übers Meer, / bis alles dich durchfragt: Wohin? Woher?

Er hielt sein Amt für Literatur sauber. In einem Hesiod-Text, sagt Heiner Müller, fehlte sogar die Zeile: Nackt folge der Jüngling dem Pfluge ? Durfte nicht gedruckt werden. Weil Becher tatsächlich fürchtete, die Bauern der frisch gegründeten LPGs könnten dem Beispiel folgen.

Nun aber Jubel und Bravo für seinen Zehn-Punkte-Beschluss, für Presse-, Lehr-, Informations- oder Meinungsfreiheit. Und niemand merkt, dass dieser nette junge Mensch aus dem ZK, den niemand kennt, jedes Wort mitschreibt. Ulbricht wird bald toben: Der Feind hat in Ahrenshoop organisiert gearbeitet. So kommt es, dass Becher, der kurz davorsteht, zum Kulturminister aufzusteigen, Punkt für Punkt von der Freiheit abrückt und aufrückt zum Hofbiografen seines Herrn. Und wir alle, schreibt er dort, die wir den Frieden lieben, lieben dich, Walter Ulbricht, den deutschen Arbeitersohn.

Auch die fröhlichen Künstler kriechen zurück in ihren Elfenbeinturm. Zwei Tage lang, am 16. und 17. Juni, schreibt Heinz Brandt, hatten sich der Kaiser und sein System nackt gezeigt - nun wurde es wieder in neue Lügenkleider gehüllt.

Birgit Lahann / Mitarbeit: Dieter Krause

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