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Eschede: Das Protokoll der Tragödie

Vor zehn Jahren entgleiste der ICE "Wilhelm Conrad Röntgen" in Eschede - es war das schlimmste Bahnunglück in der Geschichte Deutschlands. Der stern druckte das Protokoll der Katastrophe. stern.de veröffentlicht es jetzt, zum Jahrestag, noch einmal.

Von Werner Mathes

Die Frau fährt mit zwei Kindern zur Kur, die Apothekerin zur Fortbildung, die Schülerin zur Tante. Viele hundert Kilometer weiter: Der Unfallchirurg ist beim Kongress, der Reporter arbeitet im Garten, der Brandmeister repariert eine Melkmaschine. Das Schicksal führt sie in Eschede zusammen.

Mittwoch, 3. Juni, 5.40 Uhr. Hauptbahnhof München. Noch fünf Stunden und 19 Minuten bis zur Katastrophe

Am Bahnsteig 19 wartet der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" nach Hamburg-Altona. Es ist schon 17 Grad warm, aber die Luft ist feucht und der Himmel bewölkt. Bald wird es regnen.

Der Brotfahrer Sven Seibt, 35, aus Erding hat seine Frau Manuela und die beiden Kinder Michael und Tanja zum Bahnhof gebracht. Sie wollen ans Meer, zur Mutter-Kind-Kur in der Klinik Ostseedeich. Der kleine Michi, 6, hat Bronchitis. Auch Tanja, 7, kränkelt. Sven Seibt schleppt die Reisetaschen in den Wagen 4, wo die Sitzplätze 74, 75 und 76 in einem Abteil reserviert sind. Er küsst Manuela und die Kinder, drückt sie ganz fest. Tanja flüstert ihm ins Ohr: "Papa, zu Hause ist ein Brief für dich." Dann steigt er aus und wartet, bis der ICE anfährt. Es ist 5.47 Uhr. Tanja und Michael stehen am Fenster und winken. Der Papa winkt zurück, so lange, bis er sie nicht mehr sehen kann.

Der ICE rauscht vorbei an grünen Wiesen mit leuchtend roten Mohnblumen, erreicht um 6.18 Uhr den Augsburger Hauptbahnhof. Noch vier Stunden und 41 Minuten bis zur Katastrophe. Am Gleis 3 wartet die 32-jährige Angelika Hauser. Die Apothekerin will zu einem Fortbildungslehrgang nach Hamburg. "Ich hätte auch fliegen können", sagt sie später, "aber im Zug kann man besser arbeiten." Auch Angelika Hauser steigt in den Wagen 4. "Außer mir war noch eine kleine Familie mit im Abteil - eine Frau mit zwei Kindern, Junge und Mädchen." Manuela Seibt mit Michael und Tanja.

Deren Papa ist nach einer halbstündigen Autofahrt

gerade wieder nach Erding heimgekehrt. Er findet einen Notizzettel, den Tanja unter seine Kaffeetasse gesteckt hat. Darauf steht, mit ihrem Schulfüller geschrieben: "Ich wünsche dir alle 3 wochen glüg. deine Tochter Tanja."

Der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" hat die Betonbrücke über die Donau überquert. Während er durch die engen Täler der Fränkischen Alb fährt, klingelt in Eschede, Bahnhofstraße 14, der Wecker am Bett von Joachim Gries. Der 42-jährige Lokalredakteur der "Celleschen Zeitung" hat seit zweieinhalb Wochen Urlaub. Seine Lebensgefährtin Christine, Bademeisterin in der Soltau-Therme, ist schon aus dem Haus. Frühschicht. Gries zieht sich an, nimmt seinen Hund Ben an die Leine und macht die übliche Morgenrunde zum Bahndamm und zurück.

Beim Frühstück überfliegt er die Zeitung, für die er arbeitet. Nichts Besonderes. Nachher will er wieder in den Garten. Heute müssen die Pflastersteine unter die Tannen, wo bald eine Sitzecke stehen soll.

7.32 Uhr. Der ICE läuft in Nürnberg ein

Dort steigt am Bahnsteig 8 Sybille Czichon aus Weiden in der Oberpfalz ein, die von Mutter Judith und Schwester Elena zum Zug gebracht worden ist. Sybille ist 13 und will nach Dänemark, ihre Tante besuchen. Ein hübsches Mädchen mit langen Haaren. Hellblaue Schlaghosen aus Cord, dunkelblaues T-Shirt mit V-Ausschnitt, darüber ein grünkariertes Hemd. Über der Schulter hat sie eine "Eastpak"-Tasche hängen und eine rotschwarze Reisetasche. In einem roten Beutel steckt das Plüschnashorn "Hörnli", ihr Maskottchen. Sybille steigt in den letzten Wagen ein. Die kleine Elena weint ein bisschen, weil die große Schwester ohne sie wegfährt. Um 7.36 setzt sich der Zug in Bewegung. Noch drei Stunden und 23 Minuten bis zur Katastrophe.

Während der ICE die Aisch überquert und durch den Steigerwald fährt, ist Professor Hans-Jörg Oestern, 53, im Allgemeinen Krankenhaus Celle auf Intensiv-Visite. Der Leiter der Unfallchirurgie beugt sich über eine junge Patientin, die ihm Sorgen macht. Die Frau war mit ihren Inlineskates gegen eine Bahnschranke gefahren und hatte sich dabei die Leber gequetscht. Nach der Visite will Oestern nach Hannover, zum "Trauma-Masterclass-Symposium" mit 200 Unfallchirurgen aus Europa und den USA. Thema des Kongresses: neue Behandlungsmethoden von Brüchen.

8.31 Uhr.

Der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" fährt in Würzburg ein. Am Bahnsteig stehen Günther Hummel, 42, und seine gleichaltrige Ehefrau Gerda aus dem mittelfränkischen Muhr am See. Von Mittwoch bis Samstag wollen die Hummels einen Kurzurlaub in Hamburg verbringen. Sie haben Karten für das Musical "Phantom der Oper", planen eine Hafenrundfahrt und eine Fahrt mit einem Alsterdampfer. Günther Hummel, "HSV-Fan seit ewig und drei Tagen", war noch nie in Hamburg. Die beiden Söhne, 11 und 18, bleiben daheim.

Während der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" zum zweiten Mal den Main überquert und zwischen Spessart und Rhön in Richtung Fulda jagt, bricht Arno Jeschke mit seinem VW-Transporter zu einem Kunden auf. Der 51-jährige Ortsbrandmeister von Eschede handelt mit Melkmaschinen. Ein Landwirt in Winsen an der Aller hat Jeschke gerufen, weil er Probleme mit seiner Milchkühlanlage hat. Jeschke nimmt sein Handy mit.

Kurz vor 9 Uhr. Noch zwei Stunden bis zur Katastrophe

Sybille Czichon, das Mädchen aus Weiden, das nach Dänemark will, hat sich in der Ersten Klasse einen freien Doppelplatz im Großraumwagen des ICE gesucht, ihre Reisetasche auf den Sitz am Fenster gelegt. Im Bordfernsehen wird ein Film gezeigt: "Während Du schliefst" mit Sandra Bullock.

Sybille sieht sich die Liebesschnulze bis zur letzten Minute an. Sie ist Schülerin in der 6. Klasse des Augustinus-Gymnasiums in Weiden. Spielt Volleyball, schwimmt gerne, ist bei der Wasserwacht. Hat sogar den Rettungsschwimmer in Bronze. Und arbeitet beim Roten Kreuz, wo sie bei Katastrophenübungen schon häufig als Opfer geschminkt wurde. Wenn sie groß ist, will sie zur Polizei. Am liebsten zur Mordkommission. Ein aufregender Job, denkt sie.

9.03 Uhr.

Der ICE passiert einen Friedhof und hält in Fulda. Ein neues Team von Zugbegleitern steigt ein. Zwei Männer und eine junge Frau. Sie sind mit dem ICE 581 aus Hamburg gekommen und wollen jetzt wieder zurück. Das ursprüngliche Team fährt nach München zurück.

9.33 Uhr.

Kassel-Wilhelmshöhe. Noch eine Stunde und 26 Minuten bis zur Katastrophe.

Lokalredakteur Gries packt in seinem Garten in Eschede gerade wieder eine Fuhre Pflastersteine auf die Schubkarre, Unfallchirurg Oestern aus Celle ist in der Medizinischen Hochschule Hannover eingetroffen, wo das Symposium beginnt. Ortsbrandmeister Jeschke arbeitet bei seinem Kunden auf dem Hof.

10.33 Uhr. Der ICE hält in Hannover

Angelika Hauser, die Apothekerin aus Augsburg, schaut von ihren Unterlagen auf, zieht ihre Beine ein. Eine Frau, die unterwegs zugestiegen war, ist neben ihr aufgestanden, nimmt ihre Reisetasche und sagt "Tschüs". Manuela Seibt und ihre Kinder, die der Apothekerin gegenüber sitzen, erwidern den Gruß. Der kleine Michi lächelt und winkt. Angelika Hauser rutscht auf den freigewordenen Fensterplatz. Der ICE 884 "Wilhelm Conrad Röntgen" macht sich auf seinen letzten Weg.

10.57 Uhr.

Noch zwei Minuten bis zur Katastrophe. Der ICE rast mit 200 Kilometern pro Stunde durch die Lüneburger Heide. Die Apothekerin hört plötzlich "so ein mahlendes Geräusch, als ob der Zug über Steine gefahren wäre". Angelika Hauser denkt: "O Gott, das geht nicht gut."

Am ersten Wagen ist ein Radreifen zersprungen und hat sich unter dem Fahrgestell verkeilt. Der ICE rast weiter.

Auch Sybille Czichon, die Gymnasiastin aus Weiden,

spürt "so ein Holpern, als ob der Zug über eine Weiche fährt". Das Mädchen schaut sich um, bekommt Angst. "Nach einer Minute hat es ein bisschen fester gewackelt", sagt Sybille später, "und auch ein bisschen länger."

Günther Hummel, der Mittelfranke, der Hamburg kennenlernen will, sieht überrascht seine Frau an. Die fragt arglos: "Was ist denn das für ein Ruckeln?"

Und dann ein unbeschreiblicher Schlag. Ein Krachen und Scheppern. Wegen des zersprungenen Radreifens entgleist der erste Wagen an einer Weiche, rattert über das Schotterbett. Der Triebkopf reißt vom Zug ab und fährt alleine weiter.

Vier Waggons kommen noch unter der Brücke durch. Der fünfte knallt gegen einen Pfeiler, die Stahlbeton-Konstruktion stürzt ein, die restlichen sieben Wagen schieben sich ineinander. Für deren Passagiere ist die Wucht des Aufpralls vergleichbar mit einem Sturz aus 160 Metern Höhe, aus dem 40. Stock eines Hochhauses.

10.59 Uhr. Die Katastrophe ist da

Der Wagen 4, der als letzter die Brücke geschafft hat, kugelt über die Böschung. "Wahnsinnig schnelle Drehungen" nimmt Angelika Hauser wahr. "Mein Koffer flog durchs Abteil, es wurde dunkel, und man konnte nichts mehr sehen." Sie ist sicher, dass sie sterben muss: "Das ist so entsetzlich, das kann sich kein Mensch vorstellen - den Tod vor Augen zu haben."

Als der Wagen endlich ruhig liegt, hängt sie mit dem Kopf nach unten im Sitz. Vor sich sieht sie ihre Fisherman's-Friend-Pastillen liegen, "ganz verstreut". Und sie hört Schreie überall, ein Wimmern und Weinen. "Die nette Frau in meinem Abteil schrie pausenlos nach ihren Kindern." Auch Michael und Tanja hört sie zunächst noch schreien.

"Günther", brüllt Gerda Hummel nach dem Schlag, "wir müssen hier raus." Das Dach des Abteils ist nicht mehr da, der Prüftechniker aus Mittelfranken sieht den Himmel über sich. Beide klettern raus, die Böschung hoch. Er hat mehrere Rippenbrüche, legt sich ganz nah zu seiner Frau, die sich die Nase gebrochen hat. Sie halten sich an den Händen fest.

Sybille Czichon ist vom Sitz geschleudert worden

und durchs Abteil geflogen. "Ich hatte keine Schmerzen, aber Angst, das hier nicht zu überleben. Ich habe mir aber auch gedacht: Das gibt es doch nicht. Passiert das wirklich? Träumst du?"

Sybille verliert für einen Moment das Bewusstsein. "Als ich wieder zu mir kam, lag ich am Boden. Der Wagen stand leicht schräg. Die Scheiben waren zersplittert. Alles war unwirklich verschoben. Der Zug war viel schmaler als zuvor."

Sie hört zunächst keine Hilferufe. Ein blutender Mann, der verrenkt am Boden liegt, atmet ganz merkwürdig, stöhnt. Dann schreit eine eingeklemmte Frau. "Ich bin aufgestanden und weggekrochen. Ich sah, dass der vordere Teil des Waggons zertrümmert war. Da stand ein Mann mit Blut im Gesicht. Ein anderer Mann und eine Frau saßen völlig verstört in den Trümmern. Es gab keine Türe mehr, nur ein riesiges Loch."

Der Lokalredakteur Joachim Gries hört das furchtbare Geräusch im Garten. Als ob ein Lastwagen eine riesige Ladung Pflastersteine abkippt. Dann Stille, plötzlich und total. "Ich wusste sofort, da ist was passiert." Er zieht seine Arbeitshandschuhe aus und rennt ins Haus. Gries packt seinen Fotoapparat ein, Filme aus dem Kühlschrank und das Handy. Das Geräusch ist nicht vom Bahnhof gekommen. Gries fährt in dieselbe Richtung los, die er am Morgen mit seinem Hund eingeschlagen hat. Über der Brücke verdunkelt eine Staubwolke den Himmel.

Vor ihm, am Ende der Straße, sieht Gries weiße Trümmer aufragen. Eisenbahnwaggons. Mit dem Handy ruft er in seiner Redaktion in Celle an und meldet ein schweres Zugunglück. Gries verlangt Verstärkung: einen Fotografen und einen weiteren Redakteur.

Joachim Gries lässt den Fotoapparat im Auto liegen

und läuft auf das Ende der Sackgasse zu, denkt: "Hier kannste nicht fotografieren, hier musste zupacken." Gries sieht, dass schon Leute bei den Waggons stehen. Jemand hat eine Leiter gegen ein Zugteil gestellt und versucht, Fenster einzuschlagen. Frauen kommen dazugelaufen, bringen Decken. Andere Frauen rufen: "Bringt mehr Decken!"

Joachim Gries steigt die Böschung hoch zur Brücke. Vor ihm ein Trümmerfeld aus Stahl, Plastik, Blech und Beton. Mittendrin sieht er einen alten Schulkameraden. Der Mann hält eine blutende Frau in den Armen. "Ich glaube, sie hatte eine gelbe Bluse an. Neben mir stand jemand und sagte: O Gott, o Gott." Joachim Gries denkt nicht mehr nach. Er steigt hinunter. Sieht eine Frau in geblümter Bluse und Jeans. Sie liegt auf dem Boden, hat Blut am Kopf. Auf den Augenlidern Glassplitter. Das Hörgerät ist ihr aus dem Ohr gefallen.

"Als ich neben der Frau kniete und ihr zu helfen versuchte, sah ich neben mir ein braunes Hosenbein unter den Trümmern. Daneben ein Schuh. Und da fiel mir ein Fotograf ein, der mir mal erzählt hatte: Egal, zu welchem Unfall ich komme, die Leute haben nie ihre Schuhe an."

In Eschede heulen die Sirenen. Das ist ungewöhnlich, weil die Männer der Freiwilligen Feuerwehr längst über Funkmelder alarmiert werden. Erinnerungen an 1975 werden wach, an die Waldbrandkatastrophe, als Eschede vom Feuer eingeschlossen war und beinahe den Flammen zum Opfer fiel.

Ulrike Jeschke versucht verzweifelt,

ihren Mann über Handy zu erreichen. Doch der Ortsbrandmeister steckt in einem Funkloch und werkelt weiter an der Kühlanlage in Winsen an der Aller herum. Die Reparatur erweist sich als schwierig.

Seine Kameraden aber sind sofort am Escheder Spritzenhaus. Zeugwart Siegfried Heger, 53, der schräg gegenüber wohnt, fährt als erster mit zwei Mann im Rüstwagen los. "Wir sahen Waggons in den Himmel ragen, überall Tote und Verletzte." Sie leisten Erste Hilfe. Dann holen sie die hydraulische Schere und den Spreizer aus dem Rüstwagen und arbeiten sich zu den Eingeklemmten vor. Überall tote Menschen, abgerissene Körperteile. Bilder, die keiner der Helfer je vergessen wird.

Die Apothekerin Angelika Hauser kann sich nicht mehr bewegen. Sie blutet, hat einen Wirbelbruch und eine Gehirnerschütterung. Sie wartet: "Es war furchtbar, dass so lange nichts passierte. Mir kam es vor wie eine Ewigkeit, bis endlich jemand kam." Sie sieht einen Mann, der auf sie einredet: "Sanitäter sind unterwegs, es kommt gleich Hilfe." Noch einmal muss sie eine kleine Ewigkeit aushalten. Schließlich robben Helfer ins Abteil, von der anderen Seite kriecht eine Notärztin herbei. "Jetzt bekommen Sie gleich etwas", sagt einer. Die letzten Worte, die Angelika Hauser im Trümmerfeld des ICE hört. Sie wacht erst wieder im Hubschrauber auf, der sie nach Hamburg in eine Klinik bringt.

Inzwischen kümmert sich ein junger Feuerwehrmann aus Celle um den kleinen Michael Seibt aus Erding. Der ist eingeklemmt, schluchzt, weint, stöhnt. "Ich bin für dich da", sagt der Feuerwehrmann. Drei Stunden lang wird er mit dem Jungen reden, über die Schule, über seine Mutter. "Über alles, bloß nicht über diese verzweifelte Situation." Später werden sie den kleinen Michael befreien und abtransportieren. Der Feuerwehrmann aus Celle wird dem Jungen auf der Trage die Hand geben zum Abschied. Seine Tränen wird der Kleine nicht mehr sehen.

Der Lokalredakteur Joachim Gries

bleibt bei der Frau mit dem Hörgerät. Ganz nahe ragt ein kleiner Kopf unter verbogenem Eisen hervor, regungslos. Liegt einfach da und bewegt sich nicht mehr. Daneben ein Stück Mensch, etwa vom Oberschenkel bis zum Bauch, und davon nur die Oberseite. Dann sieht Gries einen Arm. Er hängt aus einer Luke im zerschmetterten Blech. Blut tropft an dem Arm hinunter. Nach einer Weile tropft es nicht mehr.

Gries hält der Frau die Hand. Um ihn herum Männer und Frauen aus Eschede, die versuchen, anderen Verletzten zu helfen. Am Rand der heruntergebrochenen Brücke sieht Joachim Gries orangefarbene Jacken: Feuerwehrleute. "Wir haben sie angebrüllt: Verdammt noch mal, kommt hier runter." Joachim Gries ist erleichtert, als sie heruntersteigen. Endlich jemand, der sich auskennt mit dem Helfen. Sanitäter kommen nach. Bringen Tragen. Legen Infusionen. Zusammen mit den Feuerwehrleuten zieht er einen eingeklemmten Mann mit Krawatte aus den Trümmern. "Da sagte jemand zu uns: Vorsicht! Wir standen auf einem Arm."

11.30 Uhr. Beim Ärzte-Symposium in Hannover klingelt das Handy von Professor Oestern. "Es gab ein Zugunglück, Sie müssen sofort kommen", hört er. Der Unfallchirurg schnappt sich zwei Celler Kollegen, die ebenfalls auf dem Symposium sind. Und rast die B 3 zurück nach Celle, stürmt um kurz nach zwölf durch das Foyer des Krankenhauses. Fünf Minuten später ist interner Katastrophenalarm ausgelöst. Alle Ärzte, die Urlaub oder einen freien Tag haben, werden zur Klinik bestellt. Die neun Operationsräume werden vorbereitet, laufende Operationen so schnell wie möglich beendet. Oestern stellt die Ärzte-Schwestern-Teams zusammen. Zehn Notärzte schickt er direkt zum Unglücksort.

Mittlerweile heulen die Sirenen, piepsen die Alarmempfänger der Feuerwehrleute, gellen die Martinshörner der Rettungswagen. Katastrophenalarm. Und endlich erreicht Ulrike Jeschke ihren Mann über Handy: "Hier ist ein Zugunglück!" Da hört er auch, wie die Feuerwehr in Winsen/Aller ausrückt, fährt mit seinem VW-Transporter hinterher und begreift: "Das muss was Größeres sein."

12 Uhr. Eschede im Ausnahmezustand

Im wenige Kilometer entfernten Heidestädtchen Unterlüß sitzt der Gemeindediakon Helmut Sdrojek, 46, noch am Frühstückstisch, als sein Telefon klingelt. Sdrojek ist erst am Abend zuvor von einer anstrengenden Jugendfreizeit im dänischen Langeland zurückgekehrt. Er hat bis zum späten Vormittag geschlafen.

Am anderen Ende der Leitung ist der evangelische Pastor von Unterlüß: "Wir müssen schnell nach Eschede. Da ist ein Intercity entgleist." Helmut Sdrojek setzt sich sofort ins Auto, holt den Pastor ab. Erst im vergangenen Jahr hat sich der bärtige Diakon zum Notfallseelsorger ausbilden lassen. Das hier ist sein erster Einsatz.

Die beiden Geistlichen sehen die ersten Waggons, die noch auf den Gleisen stehen, und sie sehen die eingestürzte Brücke. Spätestens jetzt begreifen sie das Ausmaß der Katastrophe. "Das war so unwirklich. Es war absolut still. Kein Knirschen, kein Knacken, keine Schreie. Keine Passagiere."

Sdrojek läuft über die Gleise,

sieht ein kleines Kind. Regungslos liegt es unter einer Decke, sein Gesicht ist verschmutzt. Das Kind ist tot. Sdrojek kniet sich daneben. "Ich wollte nicht, dass die Feuerwehrleute da drauftreten."

Sybille Czichon, die 13-jährige Schülerin aus Weiden, behält in dem Inferno einen erstaunlich kühlen Kopf. Kriecht im Großraumwagen zurück zu dem Mann, der hinter ihr gesessen hat. "Ich habe gesagt, er soll tief durchatmen, ruhig sein, keine Panik bekommen: Alles wird wieder gut." Das hat sie bei einem Erste-Hilfe-Kurs bei der Wasserwacht gelernt, "dass man Menschen in solchen Situationen beruhigend zusprechen soll". Der Mann sagt nichts, nickt nur immer mit dem Kopf.

Ein paar Minuten danach schlagen Feuerwehrleute die zersplitterten Scheiben vollends ein. Sie wollen Sybille Czichon hinausbringen. Die Gymnasiastin bleibt aber. "Ich bin nach vorne zu einem Mann, der an einem der Tische im Abteil saß. Der hatte arge Schmerzen, er schrie, wenn man ihn berührte." Sie hält ihm die Hand und sagt: "Sie stehen das durch." Das tapfere Mädchen verlässt den Wagen als letzte.

Auf der Sammelstelle für die Überlebenden

gibt Sybille ihre Personalien an und versucht ihren Vater telefonisch zu erreichen. Anwohner haben Stühle gebracht, Decken, Essen, bieten sogar ihre Betten an. Sybille hat den Telefonhörer am Ohr. Wartet.

Doch Bernhard Czichon, 43, Oberinspektor bei der Bahn, hört sein Telefon nicht. Er hat Nachtdienst gehabt, schläft tief und fest. Auch eine halbe Stunde später nimmt er nicht ab.

Sybille Czichon kümmert sich weiter um Verletzte, hilft bei Infusionen, tröstet erwachsene Männer und Frauen, die unter Schock stehen. Ein kleines Mädchen läuft über die Schienen, weint und ruft nach seiner Mutter und seinem Bruder. Sybille versucht es zu trösten, bietet ihm Brausepulver an, das sie in der Tasche hat. Das Mädchen nimmt das Brausepulver, beruhigt sich ein bisschen. Später stellt sich heraus, dass die Mutter tot ist.

13 Uhr. Sybille erreicht endlich ihren Vater

Sie sagt: "Du, Papi, uns ist ein Unfall passiert. Mir geht es aber gut." Unfall? Bernhard Czichon denkt an einen Triebwerkschaden, schlimmstenfalls an einen Unfall an einer Schranke. Der Vater ist Profi. Er arbeitet in der Betriebsleitung Nürnberg der Bahn, wo er bei derlei Gelegenheiten die Umleitungen und Fahrplanänderungen organisiert. Er versucht, telefonisch die Weiterreise seiner Tochter nach Dänemark zu regeln. Und erkennt erst jetzt, was wirklich passiert ist.

Sybilles Mutter hat mit Elena in Nürnberg noch einen Einkaufsbummel gemacht. Als sie zurück nach Weiden kommen, sagt Bernhard Czichon vorsichtig: "Es ist ein Eisenbahnunglück passiert. Sybille geht es aber gut." Elenas erste Frage: "Was ist mit dem Nashorn?"

Inzwischen ist Sybille am Ende ihrer Kräfte. Sie hat Schmerzen im Rücken, bekommt eine Infusion. Ein Rettungswagen bringt sie ins Braunschweiger Krankenhaus. Dort wird festgestellt, dass der erste Lendenwirbel und der zwölfte Brustwirbel angebrochen sind. Im linken Schultergelenk ist ein kleiner Haarriss, dazu kommen zahllose Blutergüsse und eine Platzwunde direkt neben dem rechten Auge.

16 Uhr.

Fünf Stunden seit dem Beginn der Katastrophe. Der Notfallseelsorger Helmut Sdrojek geht zum Verbandsplatz. Passanten machen ihn auf einen Mann mit Kind aufmerksam, der orientierungslos umherirrt. Die beiden sind leicht verletzt aus dem Wrack gestiegen und suchen jetzt Ehefrau und Mutter. Sdrojek beruhigt den Mann und versucht, den Verbleib der Frau zu klären. Irgendwann - sein Zeitgefühl hat Sdrojek schon lange verloren - kann er die beruhigende Nachricht überbringen: Die Frau liegt in einem der Krankenhäuser. Sie lebt.

Professor Oestern, der Chef der Celler Unfallchirurgie, ist inzwischen selbst am Unglücksort, koordiniert die Arbeit von Medizinern und Rettungssanitätern. Wohin mit den vielen Toten? Ortsbrandmeister Arno Jeschke zieht mit seinen Kameraden immer mehr Leichen aus den Trümmern.

In Erding hat inzwischen Sven Seibt in den Nachrichten gehört, was passiert ist. Er schaltet den Fernseher ein, schaut gebannt auf die grauenhaften Bilder. Er geht ganz nah an den Bildschirm und sucht Michael und Tanja und seine Frau Manuela. Die Frau da auf der Trage hat eine blaue Hose an. Manuela? Vielleicht. Er telefoniert wie ein Verrückter, klappert alle Unfallkliniken in Niedersachsen ab. Ruft bei der Polizei an und bei Rettungsdiensten. Nichts. Nachmittags dann der Anruf in der Kurklinik Ostseedeich. Vielleicht haben Manuela und die Kinder unverletzt überlebt, sind weitergereist. Er springt hoch, als es heißt: "Alle drei sind gesund angekommen. Sie sind gerade beim Baden. Machen Sie sich keine Sorgen." Aber es ist nur eine Verwechslung. Die Familie, die angekommen ist, hat einen ähnlichen Namen. Sven Seibt weint.

Erst am nächsten Tag erfährt er, was mit seiner Familie ist: Seine Frau Manuela liegt in Hannover im Koma, hat sich Becken, Hüfte und Bein gebrochen und schwere Quetschungen am ganzen Körper. Michael liegt mit gebrochenem Arm, gebrochenem Unterschenkel, Prellungen, Schnittwunden und einem Schock in Bremen. Die kleine Tanja, die ihrem Papa "glüg" gewünscht hatte, ist tot.

Mitarbeit: Sascha Borree, Rupp Doinet, Andreas Hutzler, Inga Olfen.

Dieser Text ist im Juni 1998 im stern erschienen. Aus Anlass des zehnten Jahrestags der Katastrophe veröffentlichen wir ihn noch einmal, d. Red.

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