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Last Call: Gift-Anschlag auf Ex-Agenten: Die Realität toppt die kühnste Fiktion

Elfeinhalb Jahre nach dem Mord an Putin-Kritiker Litwinenko wird in England wieder ein ehemaliger russischer Agent vergiftet. Das Staatsfernsehen warnt: Britannien sei kein sicherer Ort, schon gar nicht für Verräter. Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie, schreibt stern-Stimme Michael Streck.

Hinter dem weiß-gelben Schirm steht die Parkbank, auf der Sergej Skripal und seine Tochter vergiftet gefunden wurden

Salisbury, ein malerisches Städtchen im Südwesten Englands: Hinter dem weiß-gelben Schirm steht die Parkbank, auf der Sergej Skripal und seine Tochter vergiftet gefunden wurden

Im britischen Fernsehen lief vor wenigen Wochen ein spannender Mehrteiler. Er hieß „McMafia“ und erzählte, verwoben über eine Familiengeschichte, wie die russische Mafia weltweit operiert: Drogen, Prostitution, Geldwäsche. Der Plot beginnt und endet in – und das aus gutem Grund. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch des Journalisten und Autoren Misha Glenny, der jahrelang zu diesem Thema recherchierte und in diesen Tagen ein gefragter Interviewpartner ist.

Die Realität toppt ja wieder einmal die kühnste Fiktion. In einem Krankenhaus in Salisbury ringen der ehemalige russische Doppelagent Sergej Skripal, seine Tochter Yulia und ein Polizist um ihr Leben, nachdem sie mit einem noch nicht näher identifizierten Nervengas vergiftet wurden. Das malerische Städtchen im Südwesten gleicht zur Zeit der Kulisse aus einem Katastrophenfilms: Männer in massiven Schutzanzügen nehmen Proben in der Nähe jener Bank, auf der die Skripals am vergangenen Sonntag kollabierten; auf dem Friedhof wurden die Grabstellen von Skripals Frau Ludmilla und Sohn Alexander abgeriegelt, beide verstorben, seit die Familie vor sieben Jahren nach Britannien kam. Die Mutter 2012 an Krebs, der Sohn im vergangenen Jahr an…man weiß es nicht genau. Das ist in kurzer Zeit erstaunlich viel und Leid und für eine kleine Familie.Vielleicht etwas zu viel. Mysteriös allemal.

Skripal hatte bekanntlich neben dem russischen nämlich auch dem britischen Geheimdienst MI6 gedient. Er flog auf, wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt, kam im Zuge eines Agentenaustauschs frei und ging nach England. In Salisbury führte er hernach ein vergleichsweise ruhiges Rentner-Leben. Er ging in den „Social Club“ oder in den Pub, er schaute mit englischen Freunden Fußball im , trank mit ihnen ein paar Pints, erzählte aber wohlweislich nie von seiner Vergangenheit.

Sergej Skripal: Parallelen zum Fall Litwinenko

Die breitet sich nun vor den Augen der Weltöffentlichkeit aus. Es ist ein Krimi wie ersonnen von John le Carré, nur eben real. Und in dessen Zentrum steht die Frage: Hat sich am vergangenen Wochenende in Salisbury ein Plot wiederholt, der 2006 den Geheimdienstler und expliziten Putin-Kritiker Alexander Litwinenko das Leben kostete – vergiftet seinerzeit mit Polonium 210 im Tee in einer Hotelbar in Mayfair, die radioaktiven Spuren später noch an hunderten Plätzen in London nachweisbar. Zehn Jahre nach seiner Ermordung kam eine britische Jury zu dem Ergebnis, der Kreml habe „wahrscheinlich“ das Attentat angeordnet.

Genau wie damals zirkulieren auch jetzt diverse Theorien: Wurden Skripal und seine Tochter auf Geheiß Putins abgestraft? Oder waren es womöglich ehemalige Agenten, die Rache übten an einem vermeintlichen Verräter? Und sogar: Könnte das Gift-Attentat nicht auch ein Manöver sein, den lädierten Ruf Putins kurz vor den Wahlen vollends zu ruinieren?

London und Moskau: Krieg der Worte ist entbrannt

Nun, natürlich, ist ein Krieg der Worte entbrannt zwischen London und Moskau. Ungewöhnlich scharf äußerte sich am Dienstag Außenminister Boris Johnson; er nannte Russland „bösartig und zersetzend“ und kündigte ebenso wie Innenministerin Amber Rudd eine „robuste Reaktion“ an, sollte sich der Verdacht zur Gewissheit verdichten - woran kaum jemand zweifelt. Die Reaktion aus Moskau fiel dann ebenso brüsk aus: Im Staatsfernsehen verhöhnte ein Moderator als Land, in dem Menschen aus dem Fenster stürzen oder im Helikopter abschmieren – all das Andeutungen über mysteriöse Todesfälle im Königreich.

14 Russen kamen in den vergangenen Jahren auf der Insel um, und die Umstände waren, vorsichtig ausgedrückt, alles andere als normal. Der Banker Alexander Perepilichnyy sackte im November 2012 nach einer Jogging-Runde tot zusammen, angeblich Herzinfarkt. Später indes entdeckte man Pflanzengiftspuren in seinem Magen. Der Milliardär Boris Berezowski, auch er ein Putin-Kritiker, wurde im März 2013 erhängt aufgefunden. Und einer seiner Mitstreiter, Scot Young, fiel im Dezember 2014 aus seiner Wohnung und wurde von einem Zaun regelrecht gepfählt.

Der Beitrag im russischen Fernsehen gipfelte im Übrigen in der Warnung, russische Bürger sollten sich genau überlegen, ob sie noch in dieses gefährliche Britannien reisen wollten. Es sei kein sicheres Pflaster, schon gar nicht für Verräter.


London heißt auch Moscow-on-the-Thames

Das entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn der Fall Skripal spielt auch vor dem Hintergrund, dass Hunderttausende von Russen in Großbritannien leben und der frühere Agent sein Exil durchaus mit Bedacht wählte. London wird von den Einheimischen leicht spöttisch und selbstironisch auch Londongrad oder Moscow-on-the-Thames genannt. Das ist überall sichtbar. Die Immobilienmakler bieten ihre Luxus-Wohnungen und -Häuser selbstverständlich in russischer Sprache an. Reichen Russen gehören Fußball-Klubs wie Chelsea, ihnen gehören die Filetstücke aus Stein und Marmor, ihnen gehören Zeitungen wie der „Evening Standard“, sie schicken ihre Kinder auf die besten Schulen und kaufen in den schicksten Läden ein. Ein Hochglanz-Magazin auf Russisch lobhudelt über Superküchen aus Walnuss und Platin und beginnt Autos erst dann zu testen, wenn die wenigstens 200.000 Pfund kosten. Man kann es auch so ausdrücken: Russen fühlen sich in England ziemlich wohl.

Davon profitieren natürlich beide Seiten. Die Wirtschaft und die Gäste. Glenny, der Autor von McMafia, schreibt, dass es neben den vielen glamourösen Oligarchen aber ebenso viele Geldwäscher und Kriminelle in die Finanzmetropole gezogen habe: „Vor drei Jahren publizierte die Deutsche Bank einen Report unter dem Titel Dark Matter, in dem stand, dass pro Monat etwa 1,5 Milliarden Pfund unter dem Radar der Behörden nach London fließen.“ Das meiste Geld, schlussfolgert Glenny, stamme aus Russland und dort aus organisiertem Verbrechen.

Tochter Julias "Geschenk von Freunden"

Russen bewegen sich jedenfalls auf britischem Territorium mit größtem Selbstbewusstsein, zweite Heimat gewissermaßen. Selbst jetzt, da die Beziehungen zwischen den beiden Staaten auf eine neuerliche Eiszeit hinauslaufen und Abgeordnete von Labour und Konservativen in seltener Eintracht sogar einen Boykott der Fußball-WM anregen - als ultimative Abstrafung der Putin-Regierung.

Die russische Botschaft twitterte unverdrossen, man möge nicht vergessen: „Skripal war ein britischer Spion“. Eine TV-Dokumentation aus dem Jahre 2014 legte nahe, der Russe sei in Spanien vom MI6 angeworben worden. Ähnlich wie , der bis zu seinem Tod sowohl britischen wie auch spanischen Nachrichtendiensten dabei half, dreckige Deals aufzudecken. Seine kontaminierten Knochen liegen nun in einem Bleisarg auf dem berühmten Highgate-Friedho. Ob sein Landsmann Skripal überlebt, ist ungewiss.

Wie so vieles an dieser Geschichte ungewiss und nebulös bleibt. Niemand weiß bislang, wie er und seine Tochter Yulia mit dem Nervengift in Berührung kamen. Die „Times“ berichtete unter Berufung aus Regierungsquellen, Yulia habe ein „Geschenk von Freunden“ mitgebracht, als sie vergangene Woche aus Moskau anreiste. Und möglicherweise sei das Geschenk in Wahrheit eine Todesfalle gewesen. Das Haus des Spions im Ruhestands wird auf Spuren untersucht, auch das Militär ist inzwischen in die Untersuchungen eingebunden und stellte gleich 180 Leute ab, die durch Salisbury streifen. Ach, und aus dem fernen Äthiopien erreichte die Briten dann noch ein etwas verblüffendes Angebot: Der russische Außenminister Sergej Lawrow erklärte, sein Land helfe gern bei der Aufklärung.