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Meinung

Zukunft des Bundestrainers: Das muss Jogi Löw ändern, damit der Neustart gelingt

Der Misserfolg bei der WM in Russland ist ein Zäsur. Jogi Löws Entscheidung, nach der großen Enttäuschung Bundestrainer zu bleiben, ist nicht ohne Risiko. Er wird sich neu erfinden müssen, um erfolgreich zu sein.

Er hat sich Zeit gelassen. Ist noch einmal in sich gegangen. Kein Schnellschuss. Erst mal erspüren, ob da noch Lust und Kraft ist für eine weitere Legislaturperiode. Im Freiburger Hotel Colombi hat sich mit seinem Präsidenten besprochen, der Vertrag lief noch, aber so eine WM ist ja wie eine Zäsur. Dass ihn der Verband unbedingt halten wollte, das hat er registriert. Er hat dann aber schon noch ein paar Stunden gebraucht, bis endgültig der Entschluss gereift war: Ja, ich mache weiter.

So war das, damals 2014, unmittelbar nach dem .

Die Aufarbeitung funktioniert noch

Die Löwsche Aufarbeitung funktioniert also noch. Denn auch 2018 hat er sich trotz eines gültigen Arbeitspapiers erst einmal nach Freiburg verschanzt, um Kriegsrat zu halten mit Freunden und Vertrauten. Auch diese WM in Russland ist schließlich kein Turnier wie jedes andere gewesen. Vorrunden-Aus, Tabellenletzter in einer Gruppe mit Schweden, Mexiko und Südkorea, kaum ein Superlativ ließ die Nationalmannschaft aus. Es sei noch einmal daran erinnert: Der amtierende Weltmeister und Confed-Cup-Sieger heißt noch immer: Deutschland.

Und doch liegen dieses Mal die Dinge anders. Wo Löw sich etwa 2012 nach dem Halbfinal-Aus schon einmal über Wochen zurückzog, begann dieses Mal schnell weißer Rauch über Freiburg aufzusteigen, schon am Sonntag wurden erste Tendenzen kundig: Er bleibt. Der alte würde sich selbst zu seinem Nachfolger ernennen, wie nicht anders zu erwarten.

Jogi Löw hat nicht lange gebraucht, sich zu straffen

Löw hat dieses Mal nicht lange gebraucht, um sich zu straffen. Er will so nicht gehen. Er liebt dieses Amt. Und die Zeit drängte, er war sich dessen bewusst. Verband und das Land erwarten Antworten. Eine resolut vorwärts schreitende Figur ist nun gefragt, kein Mann, der sich über Wochen zurück in seinen Job zaudert.

Schon vor dem Turnier hatte der Präsident Reinhard Löws Vertrag bis 2022 verlängert. Sie haben beim DFB nie einen Zweifel gelassen, dass er und sonst keiner diese Elf in die Zukunft führen soll. Zu keinem Zeitpunkt existierte ein Plan B. Noch in der Nacht der Niederlage versicherte Grindel seinem Bundestrainer, an seiner Loyalität ändere sich nichts. Selbst aus der früher einmal notorisch unruhigen Bundesliga war nichts als Zustimmung zu vernehmen. Sogar der Boulevard hielt still, kein Rücktrittsgesuch in der "Bild". Fest genug sind die Bande offenbar auch hier zum DFB. Löw bleibt somit auch nach dem Vorrunden-Aus der kleinste gemeinsame Nenner im deutschen Fußball.

Kein anderer Kandidat weit und breit

Er wird also mit dem Plazet der relevanten Organe das Projekt Wiederaufbau angehen. Kein prominenter Kandidat außer ihm selbst weit und breit, auch das hilft, die Zweifel zu vertreiben. Löws Verbleib im Amt ist somit eine logische Entscheidung. Fünf Halbfinalteilnahmen bei Welt- und Europameisterschaften und ein Confed-Cup-Sieg können nicht irren. Er hat sich diese Chance somit verdient.

Er hat schon einmal bewiesen, dass er durchaus in der Lage ist, sich neu zu erfinden. Bereits nach der Europameisterschaft  2012 rückte er näher an seine Elf als jemals zuvor. Dieses Mal dürfte eher der umgekehrte Ansatz gefragt sein. Er wird alte Loyalitäten aufbrechen müssen, wenn es wirklich zu einem Neuanfang kommen soll. Ein in sich geschlossenes System hat sich da rund um die Mannschaft entwickelt. Kein Bereich, der nicht durch eine Fachkraft besetzt gewesen ist. Und doch schien es im Vorfeld, als habe Löw die Schlüssel zu dieser Elf Spielern wie , Toni Kroos, Manuel Neuer, Thomas Müller oder Mats Hummels übertragen. Er hat den Selbstreinigungskräften dieser Elf vertraut. Seine Jungs würden schon wissen, was zu tun ist, wenn es zählte. Ein Irrglaube, wie man heute weiß.

Leistungsprinzip bei den Weltmeistern anwenden

Und doch geht es an den Gegebenheiten in dieser Elf vorbei, wenn nun auf der Grundlage zweier verlorener Partien ein Generationswechsel gefordert wird. Männer wie Toni Kroos, Jerome Boateng, Mats Hummels oder Mesut Özil und selbst Sami Khedira verkörpern nach wie vor Weltspitze. Sie aus Prinzip nicht zu berufen, bedeutete, sich ohne Not selbst zu schwächen.

Das Leistungsprinzip wird Löw aber in Zukunft bei jedem von ihnen anwenden müssen, will er wirklich eine neue Kultur schaffen. Er wird selbst entschiedener in Erscheinung treten müssen, auch außerhalb des Feldes. Debatten wie jene um die Bilder von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit Recep Tayyip Erdoğan verlangen die lenkende Hand des Bundestrainers. Er kann sich nicht länger auf seine Rolle als Projektleiter und Visionär zurückziehen. Als sei er eine eigene Instanz. Er schien bisweilen zu verschwinden hinter dieser Hochglanzhülle, die all die Marketing-Slogans rund um diese Elf schufen.

Löw verfügt über genug Kredit für den Neuanfang

Mehr Fußball muss Löw wagen, er ist ja immer eher Trainer als Manager gewesen, nicht umsonst hat er in den frühen Jahren seiner Karriere selbst die Hütchen gestellt und sich keine Taktikeinheit nehmen lassen. Er wird wieder auf  Sieg spielen müssen, auch jenseits des Feldes. Ein gedehntes "eigentlich macht mir überhaupt nichts Sorgen", wie er es noch gelangweilt nach dem 0:1 in Berlin gegen Brasilien im März ausstieß, wird es in Zukunft nicht tun. Er wird sich selbst wieder energetisieren müssen, um den Verdacht zu zerstreuen, er coache nur noch auf ankommen, aller Verlautbarungen, er sei voller Motivation, zum Trotz.

Noch immer verfügt er über genug Kredit, um noch einmal von vorn zu beginnen, doch es mischt sich auch ein gewisser Verdruss in manchen Kommentar, und er gilt nicht nur dem Trainer Löw und dessen richtigen oder falschen Wechseln, sondern auch der Person. 

Confed Cup zeigt: Löw erreicht die nächste Generation

Joachim Löw wird sich noch einmal neu erfinden müssen, ohne sich untreu zu werden. Er wird das Narrativ um seine eigene Person und diese zuletzt so schwerfällig und müde daher kommende Elf ändern müssen. Unmöglich ist all dies nicht. Beim Confed Cup hat Löw bewiesen, dass er zur nächsten Generation noch den Zugang finden kann. Er wird sich lösen müssen von seinen Weltmeistern, vor allem emotional. Kein Mediator ist ab sofort gefragt, der hinter absurden Analysetools verschwindet. Der gute alte Trainer Löw muss sich nun zeigen, aller Einflüsse befreit.

Dann kann es gelingen.

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