"Neue Grippe" nennen sie die Behörden, "Schweinegrippe" der Volksmund. Doch mit Schweinen hat die H1N1-Variante längst nichts mehr zu tun. Sie springt von Mensch zu Mensch - global. Dagmar Gassen und Christoph Koch

Urlauber Manfred (r.) lässt sich von Freunden im Einkaufswagen über den "Ballermann" ziehen - obwohl auf Mallorca das Virus grassiert, werden die feuchtfröhlichen Urlaubsrituale sorglos durchgehalten© Marcus Vogel
Das Virus traf ihn plötzlich und unerwartet. Als Oliver Reinhardt am 23. Juli gegen 18 Uhr im spanischen Bilbao abflog, spürte er ein leichtes Kratzen im Hals, hin und wieder musste er husten. Bei der Ankunft in Frankfurt tat der Hals schon richtig weh, der Husten wurde stärker. "Verdammte Schweinegrippe", witzelte der 35-jährige Ingenieur, und die drei Kollegen, die mit ihm auf Dienstreise waren, grinsten. Aber daheim in Stuttgart war Schluss mit Spaß: Reinhardt fühlte sich "echt schlapp". Er fiel ins Bett, schlief innerhalb von Sekunden ein. Und als er am nächsten Morgen erwachte, wusste er, dass es ihn voll erwischt hatte. Fieber, Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen, das ganze Programm der Warnsignale, bei denen Mediziner sagen: Typisch Influenza.
Weil sein Hausarzt im Urlaub war, rief Reinhardt im nahe gelegenen Robert-Bosch-Krankenhaus an. "Kommen Sie her", hieß es dort, "aber fahren Sie nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und nehmen Sie den Nebeneingang." Ein Arzt mit Schutzbrille, Mundschutz und Gummihandschuhen untersuchte den Maladen, nahm Mundabstrich und Blutprobe. Reinhardt fühlte sich "wie ein Alien". Er bekam eine Infusion und Elektrolyte, um dem Körper zurückzugeben, was er durch das Fieber verloren hatte. Nach zwei Stunden ging er heim, mit zehn Kapseln Tamiflu, einigen Mundschutzmasken und dem Rat, sich von anderen fernzuhalten. Einen Tag später hatte er auch das Testergebnis: positiv, Neue Influenza. "Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich tatsächlich diese Schweinegrippe bekomme", sagt er. "Ich dachte, das sei nur ein Medien-Hype."
Wie Reinhardt ergeht es derzeit Tausenden. 6800 Fälle meldete Ende Juli das Robert-Koch-Institut für Deutschland, und Experten befürchten, dass die Zahlen innerhalb der kommenden Wochen dramatisch steigen werden. Seit dem Frühjahr hat sich der neue Erreger mit rasanter Geschwindigkeit um den Erdball verbreitet. Allerorten sind die Seuchenschützer alarmiert, tagen die Krisenstäbe, Impf- und Planungskomitees. In der ersten Phase des Virenzugs ließen viele Länder anreisende Fluggäste auf Grippesymptome prüfen. Die chinesischen Behörden setzten ausländische Schüler und Reisende tagelang in Hotels fest. Von New York über London bis Hongkong blieben Schulen geschlossen. Und mehrere arabische Staaten verfügten, dass Kinder und Alte in diesem Jahr nicht nach Mekka pilgern dürfen. Inzwischen gehen Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass eine Eindämmung des Virus auf Regionen oder Bevölkerungssegmente nicht mehr möglich ist. Und auch wenn die Neue Influenza derzeit nicht gefährlicher zu sein scheint als die übliche Wintergrippe, ist das eine schlechte Nachricht. Denn niemand kann sagen, wie es weitergeht mit H1N1, dem Virus aus Mexiko. Sicher ist: Je größer die Zahl der Infizierten, desto höher ist das Risiko, dass der Erreger zum Bösen mutiert. Desto ausgeprägter ist auch die Gefahr, dass er einen Menschen - oder ein Tier - befällt, in dem bereits ein anderer Influenza-Erreger haust, mit dem er sich mischen kann.
Hinzu kommt: Selbst wohlhabende Gemeinwesen mit gut organisierter Gesundheitsversorgung sind herausgefordert, wenn es darum geht, in kurzer Zeit Millionen Menschen zu impfen oder Zehntausende von Kranken zu behandeln. Da, wo es auch sonst schon nicht zum Besten steht mit der medizinischen Versorgung, bricht in Krisenzeiten Chaos aus. Davon konnte sich die Welt im Frühjahr am mutmaßlichen Ursprungsort des neuen Erregers überzeugen - in Mexiko. Wer sich keine Konsultation in einer Privatklinik leisten konnte, drängte sich bei den ersten Anzeichen von Krankheit mit manchmal Hunderten von anderen in den Notaufnahmen der öffentlichen Krankenhäuser. Stundenlanges Warten, oft stehend oder auf dem nackten Boden sitzend, Grippe-Infizierte zwischen geschwächten chronisch Kranken, zwischen bis dahin noch halbwegs gesunden Kindern und Schwangeren - der Albtraum jedes Seuchenbekämpfers.
Drei Monate später haben die Mexikaner den ersten Schrecken hinter sich, knapp 16 500 Ansteckungen wurden registriert und 146 Tote. Auch im Nachbarland USA, der zweiten Etappe des Viruszugs, ist die öffentliche Aufregung zurückgegangen, für die meisten Zeitungen, TV-Stationen und Bürger ist H1N1 in den Hintergrund gerückt. Nicht jedoch für Experten wie Thomas A. Farley. Er ist der Gesundheitsbeauftragte der Stadt New York, und auf seinem Schreibtisch liegt eine Studie voller gewaltiger Zahlen: 20 bis 40 Prozent der US-Bevölkerung könnten in den nächsten zwei Jahren an der Schweinegrippe erkranken, mehrere Hunderttausend Amerikaner könnten an dem H1N1-Virus sterben - wenn Impfmittel nicht rechtzeitig und in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Die Studie kommt aus der amerikanischen Seuchenbekämpfungszentrale CDC in Atlanta. "Bitte beachten Sie, dass es sich um ein Worst-case-Szenario handelt", versichert Farley eilig. "Wir gehen nicht davon aus, dass es so schlimm kommen wird."
Bis zum 30. Juli sind in den USA 44.000 Fälle und 353 Tote registriert worden. Farley und seine Kollegen erwarten eine zweite Welle der Grippe, wenn Anfang September die Schulen wieder öffnen. Präsident Obama hat deshalb 1,5 Milliarden Dollar zur Bekämpfung der Grippe beantragt. Das meiste Geld brauchen die USA für die geplante Impfaktion, mit der im Herbst die Hälfte der Bevölkerung immunisiert werden soll, 160 Millionen Menschen.
Während jenseits des Atlantiks die erste Pandemiewelle abebbt, steht Europa deren Höhepunkt noch bevor. Grippe-Hotspot des Kontinents ist derzeit England. Kürzlich ließ der Direktor der nationalen Gesundheitsbehörde verlauten, dass sich womöglich jeder dritte Brite mit der Schweinegrippe ansteckt und dass bis zu 65.000 Menschen daran sterben könnten. Krankenhäuser in London sagten Schwangerschaftsvorbereitungskurse ab. Das zuständige Ministerium empfahl den Kindergärten, alle Stofftiere zu entfernen, da sie schlecht zu reinigen seien.
Als die Regierung Anfang Juli bekannt gab, dass die Influenza nicht mehr kontrollierbar sei und dass Schulschließungen deshalb keinen Sinn mehr hätten, überrannten besorgte Eltern die Hausarztpraxen. Krankenhäuser mussten ihre Notfallabteilungen provisorisch mit Stellwänden unterteilen, um Menschen mit Grippebeschwerden von anderen Kranken zu trennen. Inzwischen wurde ein Hotline-System eingerichtet, das Verdachtsfälle aus Praxen und Kliniken fernhalten soll: Wer fürchtet, die Schweinegrippe zu haben, gibt telefonisch seine Symptome durch. Falls sie dem gängigen Bild entsprechen, bekommt der Patient eine Nummer, mit deren Hilfe ein nicht erkrankter Dritter in der Apotheke für ihn Tamiflu besorgen kann. Der Schwachpunkt des Systems: 150.000 Anrufer haben sich so schon in den ersten Tagen nach Freischaltung der Notrufnummer das Grippemedikament verschreiben lassen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 33/2009