Google sieht dich an

19. August 2010, 16:10 Uhr

Der Internetkonzern hat uns alle im Blick. Sein neues Angebot Google Street View ist dabei nur die Spitze des Datenberges: Die Kameraautos sind der sichtbare Teil einer umfassenden Beobachtung, bei der täglich Millionen weitaus sensiblere Informationen gesammelt werden als die Außenansichten unserer Häuser. Von Stefan Schmitz, Karsten Lemm und Dirk Liedtke

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Google, stern-Investigativ, Street View

Eine Google-Street-View-Kamera unterwegs in Brasilien©

Google hat nicht geklingelt und auch nicht angerufen.

Was hätten sie auch sagen sollen? "Guten Tag, dürften wir Ihren Vorgarten fotografieren, damit ihn jedermann auf der Welt besichtigen kann?" Das hätte nicht geklappt.

Sie haben ihre schwarzen Wagen mit den Kameras auf dem Dach also einfach so losgeschickt.

Sie haben Häuser, Bäume, Autos, Menschen fotografiert. Sie ließen mit ihren Lasern die Fassaden abtasten, um daraus dreidimensionale Ansichten zu erzeugen. Aus knapp drei Meter Höhe spähten von jedem Wagen acht elektronische Augen über Hecken und Mauern, ein neuntes blickte nach oben in den Himmel.

Das Ergebnis ist "Street View".

Ganz so, als wäre man selbst da

Von November an sollen die Straßenansichten für 20 große deutsche Städte verfügbar sein. Dann kann der Chef rasch nachschauen, ob der Bewerber über einem Sexshop haust. Der Bankberater kann sich online ein Bild machen, ob die wahre Fassade des Kreditanwärters vertrauenswürdig wirkt. Und beim Flirt im Zug reicht die Visitenkarte des Gegenübers, um mit dem iPhone auf dem Klo zu checken, ob Schaukel und Sandkasten vor seinem Haus stehen.

Man muss nur das kleine orangefarbene Männchen auf der Internetseite von "Google Maps" dahin ziehen, wo man sich einen Überblick verschaffen will. Ein grüner Kreis erscheint, und nun kann man das Bild schwenken, zoomen, ein wenig vor- oder zurückgehen.

Ganz so, als wäre man selbst da.

Schöne, neue Welt. Wer da nicht mitmachen will, muss die Herren des Internets bitten, sein Heim unkenntlich zu machen. Ihnen reicht es nämlich als Zustimmung, wenn man sich nicht die Mühe macht, ausdrücklich zu protestieren. Und dass man hierzulande schon Widerspruch einlegen darf, bevor die Bilder online gehen, gilt als besonderes Zugeständnis an die merkwürdigen Deutschen. "Das gibt es weltweit sonst nirgends", sagt die deutsche Google-Sprecherin Lena Wagner. Erst schießen, dann fragen - das ist das Konzept im wilden Internet-Westen.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 34/2010

 
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