Seit in Haiti die Erde bebte, läuft auch in Deutschland die Spenden-Maschinerie auf Hochtouren. Wie die Hilfe organisiert ist - und warum sich deutsche Organisationen gegen Chaosvorwürfe wehren. Von Roman Heflik und Manuela Pfohl

Ein Geldschein wandert in eine Sammelbüchse - die Spendenbereitschaft der Deutschen ist auch für die Erdbebenopfer in Haiti groß© Thomas Kienzle/AP
Selbst wenn man wollte - den Spendenaufrufen für Haiti kann sich zurzeit niemand entziehen: Bei Anne Will bittet Bundespräsident Horst Köhler die Zuschauer um Geld für die Erdbebenopfer, Angela Merkel wirbt in der "Bild" um Almosen für das geschundene Land, und im ZDF trommeln heute Abend Thomas Gottschalk und Steffen Seibert bei der "Ein Herz für Kinder"-Spendengala. Und die Deutschen machen mit: Die Bereitschaft sei "diesmal besonders groß", freute sich Rudolf Seiters, der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes.
Doch während die Finanzmittel der Katastrophenhelfer stetig steigen, kommt die Hilfe vor Ort nur tröpfelnd an. Nach anfänglich chaotischen Szenen auf dem Flughafen in Port -au- Prince - der Tower brach unter der Wucht der Erdstöße zusammen - hat das amerikanische Militär inzwischen die Kontrolle übernommen. Das Land sei einfach zu verwüstet, um aus eigener Kraft die internationale Hilfe zu empfangen, sagte US-Vizepräsident Joseph Biden. "Es ist, als wollte man eine Bowlingkugel durch einen Strohhalm saugen."
Noch immer läuft die internationale Rettungsmaschinerie nicht auf Hochtouren. Einige Flugzeuge mit Rettungsteams bekamen keine Landeerlaubnis, weil die Amerikaner zuerst ihre Truppen absetzen wollten. Inzwischen sind alle Hilfsflüge vorübergehend gestoppt, weil es am Flughafen keine Lagerflächen mehr gibt. Auch der Landweg vom Nachbarstaat Dominikanische Republik ist verstopft, viele Hilfskonvois werden geplündert. Kann Katastrophenhilfe unter solchen Bedingungen überhaupt funktionieren? Können die unzähligen Spenden wirklich sinnvoll eingesetzt werden?
Die Hilfsorganisationen wehren sich vehement gegen den Eindruck, sie seien hilflos angesichts der enormen Zerstörungen. "Natürlich ist so ein Einsatz immer eine riesige Herausforderung mit vielen Schwierigkeiten", sagt Oliver Müller, der Leiter von Caritas International. "Die Koordination braucht immer einige Zeit. Aber das ist normal." Unicef-Sprecher Rudi Tarneden sagt: "Klar, dass in einer solchen Extremsituation die Nerven blank liegen. Aber die professionellen Helfer wissen, wie man auf traumatisierte Menschen reagiert und was nötig ist."
Sich nicht gegen das Chaos stemmen, sondern damit richtig umgehen, so könnte man das Motto der ausländischen Retter umschreiben: "Auf Extremsituationen wie diese, können sich die betroffenen Menschen nicht vorbereiten", sagt Iris Manner von World Vision. "Unser Job als Hilfsorganisation ist es, dass wir uns möglichst schnell eine Übersicht über die dringendsten Probleme verschaffen, die wir angehen müssen." Und das geschieht nach Einschätzung von Experten mit bemerkenswerter Effizienz. Denn die internationalen Katastrophenhelfer haben aus ihren Fehlern in der Vergangenheit gelernt.
In der Nacht des Bebens, vom 12. auf den 13. Januar, erschien bereits wenige Minuten nach den Erdstößen auf den Handy-Displays der Rettungsdienstleiter der "Major Desaster Alert", die höchste Alarmstufe des "Global Disaster Alert and Coordination Systems", eines weltweiten Katastrophenmeldesystems. Die Meldung lautete: Erdbeben der Stärke 7 in sehr dicht besiedelter Westprovinz Haitis. Wahrscheinlichkeit, dass internationale Hilfe benötigt wird: hoch.
Auch Ingo Radcke, der Leiter der Malteser Hilfsdienste International, erhielt die Nachricht und reagierte. Schon am nächsten Morgen schalteten sich die Führungskräfte der "Aktion Deutschland hilft" (ADH) zu einer ersten Telefonkonferenz zusammen. ADH ist eines der wichtigsten Hilfsbündnisse in Deutschland, zu dem sich unter anderem Malteser, World Vision, Johanniter und Care zusammengeschlossen haben. Auch in diesem Gremium galt es, sich schnell zu koordinieren: Welche Helfer sind schon vor dem Beben vor Ort gewesen? Wer kann was transportieren?
Spendenkonten Vermutlich Hunderttausende sind bei dem schweren Erdbeben in Haiti ums Leben gekommen. Unzählige sind obdachlos, verletzt und hilfsbedürftig. Wenn Sie für die Opfer der Naturkatastrophe spenden wollen, finden Sie hier eine Liste mit Hilfsorganisationen, die vor Ort die Bedürftigen unterstützen.