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24. Oktober 2011, 15:37 Uhr

Libyen will die Scharia - na und?

Libyen erfindet sich neu: Ein Rechtsstaat will das Land werden, moderat islamisch, Scharia inklusive. Passt das zusammen? Ja. Denn selbst in Deutschland wird die Scharia angewandt. Von Niels Kruse

Scharia, Libyen, Islam, Gesetz, Steinigung, Saudi-Arabien, Iran, Auslegung, Dieb, Hände abhacken, Koran, Sure, Zinsen, Tripolis

Peitschenhiebe für eine Frau in Indonesien - solche drastischen Strafen verbinden viele mit der Scharia© Chaideer Mahyuddin/AFP

Handabhacken, Steinigung, Peitschenhiebe - wenn von der Scharia die Rede ist, kommen aufgeklärten Westeuropäern vor allem barbarische und drakonische Strafen in den Sinn. Im Iran zum Beispiel droht dem evangelischen Pastor Yousef Nadarkhani der Tod durch den Strang, wenn er sich weiterhin weigern sollte, dem Christengott abzuschwören. Es darf eben keinen falschen Allmächtigen im richtigen Gottesstaat geben. Ähnlich harsch würde dieser "Abfall von Gott" übrigens auch in Sudan, Somalia, Pakistan, Saudi-Arabien, Afghanistan und im Jemen sanktioniert werden. Allesamt Staaten mit zweifelhafter politischer Führung und einer extremen Auslegung des Islam, die immer für schauderhafte Überschriften gut sind.

Und nun also auch Libyen? "Übergangsrat will Scharia einführen" war eine der Schlagzeilen, die nun überall die Runde machen. Ist das frischrevolutionierte Land ebenfalls auf dem Weg in den islamischen Gottesstaat? Mit Gesetzen aus der Steinzeit? Eigentlich wäre es eher eine Nachricht gewesen, wenn Libyen die Scharia komplett ignorieren würde, denn in nahezu jedem muslimischen Land fußt die Rechtssprechung auf dem "geraden Weg, der zur Wasserquelle" führt, wie das furchtbesetzte Wort grob übersetzt heißt. Und auch im Westen kommt die Scharia regelmäßig zum Einsatz: In Griechenland und Kanada etwa, selbst in Deutschland und das auch schon seit vielen, vielen Jahrzehnten.

Islamkonforme Anleitung für alle Lebensbereiche

Unter Scharia verstehen Muslime erst einmal nicht mehr oder weniger als die rechtlichen und religiösen Normen des Islams. Es ist die "Ordnung Gottes, die Frieden und Gerechtigkeit schafft". Anders gesagt: Im Grund nichts weiter als eine Art islamkonforme Anleitung für alle Lebensbereiche. Sie geht im Wesentlichen auf vier Rechtsschulen, den Koran und die Erfahrungen des Propheten Mohammed zurück. Festgeschriebene Regeln oder Vorschriften gibt es allerdings nur wenige - dass Gläubige stets Richtung Mekka beten und während des Ramadan fasten sollen, gehört dazu. Dieben die Hand abzuhacken wird im Koran in Sure 5, Vers 38 erwähnt, allerdings müssen zuvor eine Reihe von Augenzeugen die Tat bestätigen. Zudem ist von der Strafe abzusehen, wenn es auch nur den leisteten Zweifel an der Schuld gibt - ein Grundsatz der letztlich für alle Formen von Vergehen gilt.

Eine derart rabiate Auslegung der Scharia wird längst nicht in allen muslimischen Ländern gepflegt. Aber es ist auffällig, dass sie in Diktaturen und Autokratien wie Saudi-Arabien, Somalia, dem Iran und Jemen besonders häufig auftritt. Der Grund dafür dürfte nicht nur religiös motiviert sein, er dient wohl eher der Herrschaftssicherung: Die Machthaber gebärden sich als Hüter des wahren Glaubens und unterdrücken, "legitimiert" mit dem Segen Gottes, jede Form von Aufmüpfigkeit.

Die Scharia wird auch in Deutschland angewandt

Im Großen und Ganzen wird die Scharia in Sachen Familien- und Erbrecht angewandt. In Libyen etwa will der Übergangsrat jetzt wieder die Vielehe erlauben. Denn laut Scharia können Muslime bis zu vier Frauen heiraten, ohne sich zuvor das Einverständnis der ersten Ehefrau einholen zu müssen. Auf solche Besonderheiten wird auch in westlichen Staaten Rücksicht genommen. Zum Beispiel, wenn ein in Deutschland lebender Muslim stirbt und das Erbe auf mehrere Ehefrauen verteilt werden muss. "Zähneknirschend akzeptieren wir Polygamie - wenn sie im Ausland nach den dort gültigen Gesetzen geschlossen wurde. Entsprechen genießt dann die Zweit- oder Drittfrau das Erbrecht", sagte Ex-Richter und Islamkenner Mathias Rohe dem Bayrischen Rundfunk. Angewandt werden Teile der Scharia auch, wenn etwa bei Kreditvergaben auf Zinsen verzichtet wird, wie es das islamische Recht vorsieht. Solange Teile der Scharia also nicht mit deutschen Gesetzen in Konflikt geraten, so die gängige Ansicht von Juristen, spricht nichts gegen ihre Anwendung hierzulande. Ähnlich verfahren auch andere westliche Staaten.

Wenn die neuen Machthaber in Libyen nun also ihre Rechtsgrundlage an der Scharia ausrichten, ist das zunächst ein normales Vorgehen für muslimische Länder. Wie strikt die nächste Regierung in Tripolis das sehr differenzierte Regelwerk auslegen wird, ist noch nicht abzusehen. Allerdings beharrt der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, seit längerem auf der Feststellung, dass Libyen in Zukunft ein moderater islamischer Staat werden wird. Es würde sich damit in guter Nachbarschaft mit Ländern wie Algerien oder Ägypten befinden, in denen die Scharia nur im zivilrechtlichen Bereich gilt.

Von Niels Kruse
 
 
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