Und nie haben sich KSK-Männer so viel Sorgen gemacht um die möglichen Konsequenzen. "Diese Gegner sind Profis und imstande, auch bei uns zu Hause in Deutschland aktiv zu werden." Kommandosoldaten haben geprüft, ob die Auskunftssperre für ihre Privat-Pkws noch Bestand hat; Polizeicomputer haben bei Verkehrskontrollen keinen Zugriff auf die Namen von KSK-Soldaten. Ehefrauen wurden angehalten sicherzustellen, dass die Kinder auf dem Schulweg nie allein sind oder dass die Kindergärtnerin die Kleinen nur von vorher festgelegten Personen abholen lässt, die Codewörter wie "Erdbeertorte" verwenden. In der Wohnung sollen keine Schreiben liegen, die den Partner als Angehörigen etwa der 4. Kommandokompagnie ausweisen. Einige KSK-Soldaten hätten ihrer Lebensversicherung mitgeteilt, dass sie in einen aktiven Kriegseinsatz fahren, und die Prämie erhöht.
Nicht wenige Soldaten sind besorgt, so erzählt ein KSK-Insider, "wie halbherzig und inkonsequent die Verschleierung unserer Identität gehandhabt wird". So enthalten Tarndokumente der Bundeswehr Teile des wirklichen Namens, Personenkennziffern lassen auf das echte Geburtsdatum schließen. Als geradezu abstrus gilt im KSK der Befehl, neben getarnten Truppenausweisen auch den echten Reisepass - "Gültigkeit bis mindestens 31.12.05" - ins Einsatzland mitzunehmen. "Es hieß, wir sollen den Pass irgendwo im Gepäck verstauen. Wenn wir gezwungen sind zu fliehen, alles liegen lassen müssen, und jemand findet die Pässe, dann ist das Kommando Spezialkräfte zu großen Teilen enttarnt."
Immerhin durften die Soldaten diesmal beim Flug nach "Tango Town", dem Militärflughafen Termez in Usbekistan, ihre Waffen an Bord der US-Maschinen mitführen. "Vor dem ersten Einsatz in Afghanistan war das anders", erzählt ein erfahrener KSK-Mann. "Die deutsche Luftwaffe verbot, Waffen und Personal im selben Flugzeug zu transportieren." Damals habe man Transportflugzeuge gechartert, russische Iljuschins und Antonows - mit dem Ergebnis, dass ein Unterstützungszug tagelang in Kandahar ohne seine bei einem späteren Flug transportierten Waffen da stand. Ein Offizier beschreibt kopfschüttelnd, wie der Pilot der Charterfirma "mit Badeschlappen aus dem Cockpit kam". Etliche Nachschubflüge kamen verspätet oder gar nicht an, sodass die Kommandosoldaten in der brütenden Hitze Afghanistans mit einem Liter Wasser am Tag auskommen mussten.
Noch schlimmer empfanden einige, "dass ein hochrangiger Offizier durch seine Alkoholkrankheit führungsunfähig war und dies praktisch totgeschwiegen wurde". Einmal sei der Mann neben der Telefonzelle im Lager Kandahar betrunken zusammengebrochen. In Calw habe er bisweilen mittags geweckt werden müssen, weil seine Unterschriften dringend erforderlich waren. Mittlerweile sei der Mann versetzt worden, heimatnah an eine Luftlandeschule. "So was wird stillschweigend vertuscht", empört sich ein KSK-Soldat. Auch zu diesen Vorgängen lehnt das Verteidigungsministerium jeden Kommentar ab.
General Rainer Hartbrod, auserkoren als künftiger Kommandeur des Kommandos Spezialkräfte, wird allerhand zu tun bekommen, wenn er im Laufe dieses Jahres seinen Dienst in Calw antritt. Dort erledigen etliche Soldaten ihren Job weiter wie befohlen. Andere sind angesichts dieser Zustände empfindlich geworden. Das Vertrauen in die Führungsoffiziere ist angekratzt, das in Politiker war ohnehin nie besonders groß. Seit Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) den in der Truppe beliebten Kommandeur Reinhard Günzel Ende 2003 feuerte, weil er die antisemitische Rede eines CDU-Abgeordneten gelobt hatte, müssen Offiziere nach Aussage eines KSK-Mannes bei Strucks Besuchen in der Kaserne in Calw sogar Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. "Es gibt da einige, die dem Herrn Minister einfach nur stumpf aufs Maul hauen wollen." Bei Strucks letzter Visite wurde ein Kommandofeldwebel zum Truppenübungsplatz Stetten kommandiert, ein anderer musste derweil Autos waschen.
Erbost hat manchen im KSK, dass Peter Struck vor dem aktuellen Afghanistan-Einsatz der Spezialkräfte den möglichen Tod deutscher Soldaten, "und zwar nicht nur durch Unfälle oder Anschläge, sondern durch eine militärische Auseinandersetzung", als "realistisch" bezeichnete. Sie sähen sich dabei als "Testobjekt", sagt ein KSK-Mann, "wir fühlen uns als Spielball der Politik". Die Bundesregierung wolle in den Weltsicherheitsrat, Amerika dränge sie, in Afghanistan mehr zu tun wegen der eigenen Probleme im Irak - "und wir werden dafür verheizt". Diesmal wurde für fast jeden Kommandosoldaten ein schwarzer Leichensack aus PVC mitgenommen, "gummiert, damit nichts durchsifft". Die Soldaten reden darüber, einen Hinterbliebenenfonds einzurichten. Ein Hauptfeldwebel weinte bei einer Abschiedsparty in Calw. "Ich komme nicht wieder, diesmal schaff ich's nicht."
Wer für "Option OST" vorgesehen war, aktualisierte noch das vierseitige Formblatt, das die Kommandosoldaten "Shit Map" nennen. Der Truppengeistliche der Spezialkräfte hat es entwickelt. Er nennt es "Anweisungen für den Fall meines Todes":
"Mit der Auflösung meiner Wohnung beauftrage ich...
Es bestehen folgende Konten bei (Angabe der Institute und Kontonummern, ggf. auch der erteilten Vollmacht)...
Ich bin Organspender: ja/nein.
Ich wünsche Erdbestattung/Feuerbestattung/Seebestattung. Für meine Trauerfeier wünsche ich (z. B. Blumenschmuck, Musikstück, Ort der Hl. Messe usw.).
Ich wünsche folgende Art von Grabstein: Grabplatte/Naturstein/Kunststein/ Marmor/Holzkreuz/schmiedeeisernes Kreuz."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2005