Die Chancen für Angela Merkel, erste deutsche Kanzlerin zu werden, sind groß. Die kühle Taktikerin muss von nun an auch ihre menschliche Seite zeigen. Aus dem Leben der 50-Jährigen.

Zur Kanzlerkandidatin gekürt: Angela Merkel© Michael Kappeler/DDP
Sie ist irgendwie anders gewesen an diesem Tag im vergangenen November. Sie hat im grellen Lichtkegel auf der Parteitagsbühne gestanden und von ihrer Großmutter gesprochen. Mit weicher Stimme in die dunkle CSU-Masse hinein. Hat erzählt, dass sie zum Tag der Deutschen Einheit den Tränenpalast an der Berliner Friedrichstraße besucht hat, diesen Palast der Tränen, der früher das graue Bollwerk der DDR-Grenzer war. Hat gesagt, dass ihre Eltern und sie immer die Großmutter dorthin brachten, wenn die wie jeden Sommer gekommen war und dann wieder nach Hamburg fuhr. Dass es für sie als Kind schwer war, unglaublich schwer, wenn sie sah, wie die Großmutter älter wurde und wie ihre Mutter Angst hatte, ob man sich je wiedersah. Leise Stimme, winziges Räuspern in diese dunkle CSU-Masse hinein. Später, draußen, in den hell erleuchteten Münchner Messehallen hat die Masse Weizenbier getrunken und geprostet und gelobt, dass das sehr rührend gewesen sei, diese Geschichte mit der Großmutter. Authentisch auch. Sie habe es endlich begriffen, hat die Masse gesagt, endlich gebe sie ein Stück Leben preis. Irgendwie ist sie an diesem Tag tatsächlich anders gewesen.
Anders, weil es bisher immer ein bisschen so wirkte, als sei sie geschichtslos vom Himmel gefallen: diese kühle Angela, die sich selbst am Abend des NRW-Triumphes öffentlich nicht mehr Emotionen gestattete als ein verschämtes Lächeln, das zwei-, dreimal über ihr Gesicht huschte. Anders, weil es so schwer ist, sich vorzustellen, dass die mächtige Frau Merkel als kleines Kind viel zu lang und faul im Laufstall hocken blieb. Dass die harte CDU-Vorsitzende, nun auf dem Sprung ins Kanzleramt, als junge Frau durch den Kaukasus trampte bis nach Tiflis und Baku. Anders, weil sie bis zu jenem Tag im November tunlichst vermied, ihre politischen Botschaften mit ihrem Leben zu verknüpfen. Manche in ihrer Umgebung sagen, sie verberge alles, ihren Mann, jeden privaten Kontakt, sie könne nicht einmal ohne Arg die Frage beantworten, wie es ihr heute gehe. Sie sei gefühlskalt und ohne Beziehung zu diesem Deutschland der Einheit, in dem sie doch nun schon seit 15 Jahren lebt. Manche sagen das. Es sind nicht einmal wenige.
Es ist merkwürdig, dass für nicht einmal wenige das Leben von Angela Merkel vor gerade 15 Jahren begonnen hat, obwohl sie doch im Juli den 51. Geburtstag feiern wird. So gerne hat sie in den vergangenen Jahren die Namen der alten CDU-Granden im Munde geführt - Ludwig Erhard und Konrad Adenauer und selbst Helmut Kohl. In manchen Reden scheint es, als flehe sie um westkonservative Wurzeln, um miefige, alte CDU-Tradition. Und doch, all das wird niemals das ihre werden. Adenauer und Erhard - sie sind Teil der einen deutschen Geschichte, nicht aber der von Angela Merkel. Sie kann nichts dafür. Sie hat nur die eine, die eigene, die Gerüche, die Geräusche ihrer Kindheit in der DDR - mit dem Fahrrad auf der Landstraße, der Ersatzkaffee-Kuchen von Nachbarin Hendrich, der staubige Sandboden, das Harz der Kiefern, russische Soldaten, Klatschmohn, Kunstpostkarten, die sie sammelte und ordnete.
Meistens ist Angela Dorothea Kasner, das evangelische Pastorenkind, eine brave Vorzeigetochter. Nur manchmal, da kann sie zickig werden. Wenn sie genervt ist von ihren jüngeren Geschwistern Marcus und Irene. Oder von ihrer Mutter Herlind. Klar, alle Mütter können nerven, aber ihre, die nervt total, wenn sie ihr die Aufgaben aufträgt, auf die sie selbst keine Lust hat, Petersilie holen im Garten etwa. Also motzt Angela. Zickig und laut. Das passiert aber wirklich nur manchmal.
Herr Donath, ihr Klassenlehrer, pflegt zu predigen: "Erfolg zu haben ist Pflicht" - und daran hält sich Angela Kasner. Immer schon. Fleißig, belesen, zurückhaltend, klug. In der achten Klasse hatte sie, die Einser-Schülerin mit dem Spitznamen Kasi, die Russisch-Olympiade gewonnen und war zur Belohnung mit dem Freundschaftszug in die Sowjetunion gefahren. Dort hatten die Mädchen im Minirock das Mahnmal der gefallenen Soldaten besucht, und die Babuschkas hatten hinter ihnen gestanden und geschimpft, nein, also so was, im Minirock, wie respektlos. Aber zu dieser Zeit regten sich überall auf der Welt die Großmütter über zu kurze Röcke auf, in Moskau wie in Washington. 1969 war nun mal die Zeit der Oma-Schocker. Das war normal.
Manchen ihrer Mitschüler kommt die Kasi trotzdem nicht ganz normal vor. Manchen ist sie sogar richtig unheimlich. Weil über ihre Siege bei den Olympiaden in Mathematik und Russisch schon in den Zeitungen zu lesen war. Weil ihr Vater Horst als Pastor im Prediger-Seminar unterrichtet und stets streng gebildete Autorität verströmt. Weil sie meist Kleider aus dem Westen trägt und manchmal ins Theater fährt und auf dem abgelegenen Waldhof wohnt, auf dem auch geistig Behinderte leben. Das alles zusammengenommen ist für manche Mitschüler unheimlich - anders eben.
Im Templin der 60er Jahre, einem ostdeutschen Städtchen im idyllischen Nichts der Uckermark, reicht wenig aus, um als anders zu gelten. Im Federmäppchen ein Pelikan-Füller, den die Westverwandten zu Weihnachten schicken. Im Pass als Geburtsort die reiche Hansestadt Hamburg, die die Mutter acht Wochen nach Kasis Geburt 1954 in Richtung Ehemann und Brandenburg verließ. Im Wohnzimmer der Eltern Bücher von bürgerlichen und DDR-kritischen Autoren.
Kasi geht in die Junge Gemeinde und zu den Jungen Pionieren. Kasi schreibt ständig Streber-Noten und fährt mit ihren Freunden auf große Kutterfahrt. Kasi ist ein echter Bewegungsidiot und rockt trotzdem gern auf Partys zu den Beatles. "All You Need Is Love" - alles so nett und schön und unbeschwert. Doch neben dieser unbeschwerten Kasi-Welt behält sie immer eine kleine, geheime Nische in ihrem Waldhof-Leben, die keiner kennt - nicht ihre enge Freundin Conny, nicht ihre beste Freundin Brigitte, niemand. In dieser Nische versteckt sie die Besuche der Staatssicherheit beim Vater, weil er Texte vom Sowjetdissidenten Andrej Sacharow vervielfältigt hatte. Darin verbirgt sie die politischen Gespräche der Eltern beim Abendbrot, Träume, Zweifel, so geheime Gefühle, bis zu diesem Tag im November 2004, nein, eigentlich noch immer.
Bevor sie an diesem Novembertag im grellen Lichtkegel der Parteitagsbühne auf die Sache mit dem Tränenpalast und der Großmutter zu sprechen kam, hat sie die Stimme gesenkt und begonnen: "Ich sage ein Letztes, weil jeder für sich und seine politische Motivation auch aus seinem eigenen Leben heraus brennt." Das war die Vorbereitung. Für die dunkle Westmännermasse. Für sie selbst, auch.
Es heißt, sie habe die Geschichte mit der Großmutter zuvor einmal in der Fraktionssitzung erzählt, und die Westmänner hätten begeistert reagiert: Mensch, Angela, das ist eine tolle Geschichte, die kommt gut an. Weil es eine Geschichte mit Tränen, Liebe, Leid und Deutschland ist. Weil es ihre eigene Geschichte ist - ein Erlebnis, das Kälte mindert, das Anderssein erklärt.
Angela Merkel weiß, dass Menschen keinen zum Kanzler wählen, der ohne Schatten winkt. Deshalb hat sie vorsichtig begonnen, hier und da Schattierungen zu zeichnen. Erzählt im Fernsehen von den Adventskerzen, die sie stets aufhebt und im Jahr darauf erneut verwendet. Gesteht den Kameras mit kokettem Lächeln, dass sie morgens gerne muffelt. "Sie haben ein wunderschönes Lächeln", hat der Moderator gesagt. Und sie hat weiter nett gelächelt und erwidert: "Das ist bekannt. Mit dem muss ich aber ein bisschen haushalten, sonst geht es mir irgendwann aus." Sie ist noch zaghaft mit ihrem Lächeln. Zaghaft und kontrolliert.
Ihre Freunde von früher, die Conny, der Hartmut, der Birne, sie alle sagen, die Angela habe nie viel über sich erzählt. Das hat aber keiner von ihnen je getan. Sie kommen aus einer Landschaft, die kein Aufheben macht. Die leise, gemächliche Menschen entlässt, die gegenüber Fremden übersichtliche Sätze bilden. Ja. Punkt. Nein. Punkt. Angela Merkel sagt, sie habe früher als schwatzhaft gegolten - was immer das heißt in einer Landschaft, in der diese einsilbigen Sätze blühen.
Noch immer fällt es ihr oft so schwer, ihren misstrauischen Missmut zu verbergen. Oder die beleidigte Leberwurst. Doch sie will gemocht werden. Sie will im Herbst 2005 Kanzlerin werden. Sie will, dass die dunkle Masse das erste Leben der Angela ein bisschen mehr versteht. Dass FDJ nicht gleich Pickel macht und DDR nicht gleich kotzen. Dass Erinnerung nicht zu grauer Ostalgie verschwimmt.
Winter 1982. Ferienlager, Juliusruh auf Rügen. Für zwei Wochen hütet sie eine Mädchengruppe. Morgens ist sie im Bungalow hinter dem Meer aufgewacht. Ein Betreuer bittet sie, ein Geburtstagsgeschenk für einen seiner Jungs zu besorgen, und sie, die nette Angela, kehrt ein paar Stunden später mit einer Platte aus der Stadt zurück. "Karussell" hat sie ausgesucht, eine Combo, die gerade angesagt ist. Abends haben sie im Aufenthaltsraum dazu getanzt. Sie hat ihnen einige Standardschritte beigebracht, die Jungs, die Mädchen, alle haben gekichert. Angela kommt gut klar mit ihrer Gruppe. Sie ist der Typ Kumpel - in Jeans, kariertem Hemd und Spaß im Schneegestöber.
Sonst steckt die 28-Jährige immer nur im Zahlenwahnsinn. Seit vier Jahren rechnet sie jetzt schon an der Berliner Akademie der Wissenschaften für ihren Doktortitel. Ihre Arbeit heißt "Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden". Das klingt nach Minusfaktor Lust. Jeden Morgen fährt sie brav in die Rudower Chaussee und trägt sich ein in die Anwesenheitslisten und rechnet und rechnet, doch so richtig entflammt wirkt sie nicht. "Ich wäre gern Lehrerin geworden, aber nicht in dem politischen System. Physik war unverfänglich", sagt sie heute.
Und so war sie nach dem Abitur nach Leipzig gegangen und hatte sich fleißig mit einer Naturwissenschaft beschäftigt, die sie weder liebte noch hasste. Hatte zweimal die Woche nachts auf Discotheken-Angela im Studentenclub gemacht und Kirsch-Whisky verkauft. Hatte sich in den bedächtigen Studenten Ulrich Merkel verliebt und ihn in blauem Kleid an einem Septembertag 1977 vor den Altar geführt. Hatte immer so brav gearbeitet, wie es sich für eine DDR-Studentin gehörte. Hatte so jung geheiratet, wie es in der DDR üblich war. Hatte sich so zurückhaltend verhalten, als sei sie einzig das brave Templiner Mädchen.
Und doch - all die Unauffälligkeit hatte nicht gereicht, um dem real existierenden Irrsinn zu entkommen, nein, der Irrsinn war auf die Bühne getreten, auch bei ihr, ohne Warnung, an einem unverdächtigen Nachmittag 1978 beim Vorstellungsgespräch im Gebäude der Technischen Hochschule Ilmenau, Thüringen.
Zwei Auftritte. Zwei Hiebe. Den ersten versetzt ihr der Kaderleiter, als er ihr süffisant erzählt, wie oft sie laut Akte Westradio gehört und wann sie neue Jeans getragen habe. Zum zweiten holen gleich danach zwei Stasi-Gestalten aus, die sie auf der Hochschultreppe zur Mitarbeit als Inoffizielle drängen und erst von ihr ablassen, als sie auf ihre unkontrollierte Schwatzsucht verweist. Nach diesem Erlebnis fühlt sich Angela Merkel reif für die Insel - für die Insel der Akademie in Berlin Adlershof.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 22/2005