"Ich hatte ein positives Gefühl"

4. Juni 2013, 20:01 Uhr

Im NSU-Prozess beginnt der erste Angeklagte mit seiner Aussage. Eindrücklich schildert Carsten S., wie er als homosexueller Junge in die Neonazi-Szene abgleitet. Am Ende besorgte er eine Waffe. Von Lena Kampf, München

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Beim fünften Verhandlungstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München sagt der Angeklagte Carsten S. aus, bleibt aber vor den Fotografen tief vermummt.©

"Dann kämen wir zu Ihnen, Herr S.", sagt der Vorsitzende Richter Manfred Götzl. Es ist mittlerweile früher Nachmittag. Zum vierten Mal an diesem Tag wendet er sich dem Angeklagten auf der mittleren Bank zu, der seit Stunden nervös ein sauber gefaltetes Blatt Papier vor sich hin- und herschiebt. Carsten S. nickt, klappt seinen Laptop auf. Doch wieder wird Götzl unterbrochen. Der Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Heer drückt auf den Mikrofonknopf. Er will, dass die Vernehmung wörtlich protokolliert wird. Götzl unterbricht die Sitzung erneut für zehn Minuten. Carsten S. guckt kurz seinen Verteidiger Johannes Pausch neben ihm an. Dann klappt er seinen Rechner wieder zu.

Das Gericht bestätigt die Ablehnung des Protokollierungs-Antrag. Nun unterbricht keiner mehr.

Götzl lacht Carsten S. an, er wirkt dabei fast gelöst. Fast so, als sei es nun ein Leichtes für den 33-Jährigen, als erster Angeklagter im Im NSU-Prozess zu sprechen. Über sich zu sprechen - und über die beiden anderen Angeklagten, die bloß wenige Meter von ihm entfernt sitzen. Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben, die er mit seiner Aussage schwer belastet.

Vom Neonazi zum Sozialpädagogen

Carsten S. hat das schon einmal erlebt, dieses Warten darauf, sich alles vom Herzen reden zu können. Vor 18 Monaten, als die Gesichter von Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe über alle Bildschirme flimmerten. Als sich in Deutschland eine rechtsterroristische Zelle namens NSU zu zehn Morden und zwei Sprengstoffanschlägen bekannte. Neun der Morde davon begangen mit einer Ceska. Mit der Waffe, die Carsten S. ihnen einst gebracht hatte.

Das war vor mehr als zehn Jahren. Jahre, in denen Carsten S. sich neu erfunden hat. In denen er vom Neonazi zum Sozialpädagogen wurde. Von einem, der in einer Männerwelt versuchte, seine Männersehnsüchte zu unterdrücken, zu einem, der in der Düsseldorfer Aids-Hilfe Prävention "an den schwulen Mann bringt", wie er sich selbst auf der Website beschreibt. Einer, der offen mit seiner rechten Vergangenheit umgeht, Einer, der in sein Tagebuch schreibt: "Meine Aktivitäten in der Vergangenheit kann ich nicht ungeschehen machen, ich kann mich nur ändern, und das habe ich."

Im November 2011 bricht er in der Küche der gemeinsamen Wohnung vor seinem Lebensgefährten zusammen. Er sagt, mit dem rechten Terror etwas zu tun zu haben. Immer wieder sucht er in dieser Zeit nach Nachrichten über das Trio an seinem Computer, speichert Bilder auf seiner Festplatte. Sein Lebensgefährte und seine Freunde, die später vom BKA vernommen werden, beschreiben ihn in dieser Zeit als nervös, gereizt, unzugänglich. Bei einer Geburtstagsfeier betrinkt er sich mit Sekt, es bricht aus ihm heraus. Er erzählt seinem Kollegen, dass er einmal einen Auftrag erhalten habe, etwas zu überbringen und das sei dann eben diese Waffe gewesen. Da ermittelt die Bundesanwaltschaft längst gegen ihn. Das weiß er nicht, aber er ahnt es.

S. will sich stellen - doch am Tag vorher kommt das SEK

Ende Januar schreibt er einen Brief.

"Werte... Ich bin im Jahre 2000 aus der rechten Szene ausgestiegen. Seitdem habe ich mich davon distanziert und verabscheue jegliche Art von rechtem, rassistischem und extremistischem Gedankengut. Auch hatte ich keine Kenntnis von Straftaten, die von dieser Gruppe ausgingen.

Mehr möchte ich dazu nicht sagen, da ich vor 11 Jahren ein neues Leben begonnen habe. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Mit freundlichen Grüßen, C. S.

Er schickt den Brief nicht ab, aber er macht mit seinem Anwalt einen Termin, um sich bei der Polizei zu stellen. Dazu kommt es nicht. Am 1. Februar 2012, um 5:57 Uhr, einen Tag vor dem Termin, stürmt eine Sondereinheit seine Wohnung. Sie fesseln seinen Lebensgefährten, durchsuchen die Zimmer. Genau eine Stunde später wird er abgeführt und mit dem Hubschrauber nach Karlsruhe geflogen.

Er sagt umfassend aus, immer wieder. Er liefert der Bundesanwaltschaft eines der wichtigsten Beweismittel für ihre Anklage. Für Carsten S. ist es eine Reise in die Vergangenheit. Einmal sagt er: "Ich dachte, ich muss mich nie mehr mit dem Carsten von damals auseinandersetzten. Der war weg." Im Vernehmungsprotokoll wird sachlich vermerkt: "Der Beschuldigte weint".

Plastiktüten über die Springerstiefel

In Saal A101 vor Richter Götzl fällt es ihm schwer, sich präzise zu erinnern. Immer wieder sagt er Sätze wie: "Ich krieg nicht mehr wiederhergestellt", oder: "Sein Speicher sei voll gewesen", als sei sein Gehirn eine Festplatte. Dabei wirkt Carsten S. sehr bemüht. Dinge, die er nur vage erinnert, hat er versucht mittels Internet zu rekonstruieren. Dann sagt er: "Ich hab das recherchiert bekommen." Er will alles richtig machen, fragt den Richter mehrmals, was der jetzt genau von ihm hören will.

Man merkt schnell, Carsten S. hat gelernt, sich zu erklären. Er hat in etlichen Therapiestunden seine eigene Erklärung dafür gefunden, wie er überhaupt in die rechte Szene, die er heute nur "Drecksszene" nennt, abrutschen konnte.

Er erzählt dem Richter, wie er nach einer gescheiterten Ausbildung zum Konditor zurück nach Jena kommt. Wie ihn ein rechter Bekannter fasziniert habe, er habe ihm gefallen, deshalb habe er sich mit ihm angefreundet. Der spielt ihm die "Zillertaler Türkenjäger" vor und andere Neonazi-Musik. Bald geht er auf NPD-Demos. Er lernt Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kennen. Sie seien mal in seiner Wohnung gewesen, sagt er dem Richter. Daran erinnere er sich, weil er Plastiktüten für ihre Springerstiefel geholt habe, zum Drüberziehen, damit sie ihre Schuhe anlassen konnten.

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