Das blutige Verwirrspiel der Geschichte

4. Juni 2009, 15:47 Uhr

Benno Ohnesorgs Tod am 2. Juni 1967 war das Fanal für die Radikalisierung der Studentenbewegung und für den deutschen Terrorismus. Mehr als 60 Tote später stellt sich heraus: Der Schütze war SED-Mitglied und Stasi-Agent. Von Hans-Ulrich Jörges

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Benno Ohnesorg, Studentenbewegung, Kurras

Der Schuss hat mehr als 60 Menschen getötet. Als der Kriminal-Obermeister Karl-Heinz Kurras am Abend des 2. Juni 1967, gegen 20.30 Uhr, in West-Berlin den Germanistik- und Romanistikstudenten Benno Ohnesorg am Rande von Protesten gegen den Besuch des Schahs von Persien im Hof des Hauses Krumme Straße 66/67 in den Hinterkopf schoss, waren die anderen schon gezeichnet. Die Rote Armee Fraktion (RAF) hinterließ, als sie sich 31 Jahre später, am 20. April 1998, auflöste, 34 Ermordete - unter ihnen Spitzenvertreter von Politik, Wirtschaft und Justiz. Drei weitere Tote, der Bootsbauer Erwin Beelitz, der Kammergerichtspräsident Günter von Drenkmann und das Fememord-Opfer Ulrich Schmücker, werden der "Bewegung 2. Juni" angerechnet, die sich symbolhaft nach Ohnesorgs Todestag benannte. Hinzu kommen 26 Tote aus den Reihen des deutschen Terrorismus - RAF, Bewegung 2. Juni und Revolutionäre Zellen. Sie alle starben an den Folgen dieses einen Schusses, den Karl-Heinz Kurras abgefeuert hatte. Er wurde dafür mit Freispruch und Pension belohnt.

Benno Ohnesorg, Studentenbewegung, Kurras

Die erste Hilfe war vergeblich. Die Polizeikugel, die Benno Ohnesorg im Kopf traf, war tödlich©

42 Jahre später offenbart sich die ganze Monstrosität der Tat. Denn jener Karl-Heinz Kurras war nicht etwa der Büttel einer repressiven, über Leichen gehenden westdeutschen Staatsmacht, die noch immer den Gencode des Faschismus in sich trug, wie die sich rapide radikalisierende Protestbewegung der Neuen Linken glaubte. Karl-Heinz Kurras war eingetragenes Mitglied der Ost-Berliner SED - Nummer 2.002.373 - und inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR, verpflichtet unter dem Decknamen "Otto Bohl" und in zentraler Funktion angesetzt auf die politische Polizei der Frontstadt West-Berlin. Das ruft nicht nur alle nachfolgenden Toten in Erinnerung, die einer schier unfassbaren historischen Täuschung zum Opfer gefallen sind. Es zwingt auch zur Neubewertung von drei Jahrzehnten deutscher Geschichte, der Geschichte der 68er Bewegung und ihrer terroristischen Abirrungen. Rechts war links - und links wurde rechts, ein gewaltiges, ein blutiges Verwirrspiel der deutschen Geschichte. Es entwertet, mehr oder weniger existenziell, das Selbstverständnis von Millionen, für die Ohnesorgs Tod eine prägende Erfahrung war, ein zentrales Motiv ihrer politischen Orientierung - oft das entscheidende.

20 Jahre nach dem Mauerfall sind die Deutschen auf bizarre Weise vereinigt. Die DDR hat nicht nur die Biografien der Ostdeutschen verwüstet, sie hat nun auch vielen Westdeutschen eine Teilbiografie verbogen oder genommen.

Erschütternde Nachricht

So wie mir. Seit Langem hat mich keine Nachricht im persönlichen Kern so erschüttert, verwirrt, erregt, zornig gemacht wie die von der SED-Mitgliedschaft des Todesschützen aus der Krummen Straße. Als junger, ganz junger Mann wurde ich im Frankfurt der 60er Jahre politisiert durch den Auschwitz-Prozess, die Notstandsgesetze und die Protestbewegung gegen den Vietnamkrieg der Amerikaner. Der Kampf gegen alten und vermeintlich neuen Faschismus, aus moralischer Empörung, wurde zum Dreh- und Angelpunkt meines nachkriegsdeutschen Wertegerüsts.

Ich habe die Eskalation auf den Straßen erlebt - von panischer Flucht vor dem rasenden Polizeiknüppel über passive Schutzversuche durch Bauhelme bis hin zum organisierten Gegenangriff Militanter. Die älteren Polizeioffiziere neben den Mannschaftswagen, in ihren langen grünen Ledermänteln, die in militärischem Ton "Knüppel frei" befahlen, erschienen mir, wie allen Gejagten, als überlebende Kreaturen des Faschismus in neuer Ordnung.

Der Tag, der Moment, als aus Berlin die Nachricht vom Tod Benno Ohnesorgs kam, ist mir unvergesslich. Die schießen wieder, lautete die bleichmachende Erkenntnis. Danach warf auch ich Steine. Und ich erlebte, wie der Gedanke an Bewaffnung in die Hirne sickerte - als der Henker, der einen Unbewaffneten, fast Unpolitischen aus der Evangelischen Studentengemeinde im Hinterhof abgeknallt hatte, auch noch freigesprochen wurde.

Die ideelle Geburtsstunde der gewaltsamen Gegenwehr

Der 2. Juni war ein Fanal. Er schoss eine Generation aus dem Staat. Er trug die Berliner Campus-Revolte nach Westdeutschland. Und er war die ideelle Geburtsstunde der gewaltsamen Gegenwehr, des bewaffneten Kampfes, des Terrorismus. Der mischte sich anfangs mit der Protestbewegung, auf höchst komplizierte Weise, löste sich dann aus ihr - und nabelte sich in den Siebzigern schließlich ganz von ihr ab. Diesen Prozess habe ich bei einigen beobachtet. Bei Hans-Joachim Klein, der beim Opec-Überfall in Wien dabei war. Bei Wilfried Böse, der eine Air-France-Maschine nach Entebbe entführte, dort Juden unter den Passagieren selektierte und schließlich von einem israelischen Kommando erschossen wurde. Und bei Johannes Weinrich, der als Adjutant des globalisierten Topterroristen Carlos endete.

Der 2. Juni veränderte alles in der Neuen Linken. Der Terrorismusexperte Heinrich-W. Krumwiede spricht von einem Trigger, einem Auslöser: "Trigger, die zur Entstehung von politischen Gewaltorganisationen führen oder größere Gewaltorganisationen auslösen, sind Ereignisse, die wie der berühmte Tropfen das Fass zum Überlaufen bringen." Von Gudrun Ensslin, der Mitbegründerin der RAF, sind die Worte überliefert: "Sie werden uns alle umbringen - ihr wisst doch, mit was für Schweinen wir es zu tun haben, das ist die Generation von Auschwitz, mit der wir es zu tun haben. Man kann mit Leuten, die Auschwitz gemacht haben, nicht diskutieren. Die haben Waffen, und wir haben keine. Wir müssen uns auch bewaffnen."

Der Historiker Götz Aly, der die Zeit in der Protestbewegung miterlebt hat, erinnert sich: "Dass die Berliner Polizei, die ja sehr stark von ehemaligen SS-, Gestapo- und Wehrmachtsleuten geführt wurde, einen unschuldigen Demonstranten per Genickschuss ermordet, das passte ins Bild. Alles schien so wunderbar zu passen, dieser ekelhafte persische Potentat, die Liebedienerei."

Prominente Legitimation

Intellektuell wurde diese Interpretation prominent legitimiert. "Ich habe unmittelbar nach der Ermordung von Ohnesorg meinen Studenten im Soziologischen Seminar gesagt, dass die Studenten heute die Rolle der Juden spielen würden", erklärte Theodor W. Adorno, als Philosoph und Soziologe einer der Ideenspender der Neuen Linken.

Sein Kollege Jürgen Habermas urteilte: "Die Polizei hat am Freitag, dem 2. Juni, vor dem Opernhaus in Berlin Terror ausgeübt, und der Berliner Senat hat am selben Abend diesen Terror gedeckt." Doch Habermas warnte auch - im Streit mit dem Studentenführer Rudi Dutschke - vor "Linksfaschismus" als Antwort der Empörten.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 23/2009

Kurras - ein autoritärer Charakter, linksfaschistisch und geradezu modellhaft täterdeutsch

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