Volle Kraft voraus

2. Juli 2006, 08:09 Uhr

Sie ist die Boomtown der Republik und Deutschlands beliebteste Stadt. Allein auf der Reeperbahn tummeln sich jedes Wochenende tausende von Touristen. Jetzt will die Stadt an der Elbe richtig groß werden, eine Weltstadt am Wasser. Ein Bekenner-Schreiben. Von Uli Hauser und Martin Knobbe

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Es ist kurz nach Mitternacht, am frühen Morgen des 7. Mai. Der Luxusliner "Queen Mary 2" ist soeben ins Dock bugsiert worden, unter dem Applaus unzähliger Schaulustiger, die sich zum 817. Hafengeburtstag auf dem Wasser und an Land drängen©

Kein anderer Ort, der diese Bühne bietet. Weiße Villen und Wind und Weite. Strandcafés und Segelboote. Möwengelächter. Elbe und Flut. Alle paar Stunden schickt die Nordsee Wellen in die Stadt. Das Schauspiel heißt: Ein Schiff wird kommen. Eines größer als das andere. Es kündigt sich an als leises Leuchten in der Ferne. Dann schleichen die dicken Pötte in den Hafen, lautlos fast, bei auflaufendem Wasser, mit Fracht aus aller Welt. Wo sonst fahren Ozeanriesen durch die Stadt?

Wenn sie vorbeigleiten, kann es dunkel werden am Ufer. "So nah dran ist man nirgends", sagt Thomas Kunadt. Der Fotograf sitzt im "Café Engel" in Teufelsbrück, einem Fähranleger auf halber Strecke zwischen Landungsbrücken und Blankenese. Links geht es rein nach Hamburg, rechts raus nach Amerika. Der Schwall eines Frachters lässt den Ponton schaukeln. Wasser klatscht ans Fenster. Kunadt verdient sein Geld mit Schiffsporträts. Dafür war er schon in Shanghai und Singapur, Hongkong und Rotterdam, doch deren Häfen, sagt er, "sind langweilig gegen die Bilder, die ich hier machen kann". Der Schiffesammler hört jeden Morgen Hafenfunk und wartet, bis sich seine Lieblinge in warmes, flaches Licht schieben. Aus einer idyllischen Flusslandschaft in eine brachiale Industriekulisse. Vor mächtige Kräne, stählernen Sauriern gleich. Vor umherrollende Stapler, die Container türmen, stockwerkhoch, kilometerweit. Manchmal kurvt ein Airbus über der Elbe.

Willkommen in Hamburg. Der Weltstadt am Wasser. Deutschlands stolzestem Gewinner der Globalisierung. Hier kreuzen sich Handelswege. Hamburg ist die östlichste Hafenstadt des Atlantiks. Und die westlichste Osteuropas. Und Chinas Einfallstor nach Europa. Hamburg profitiert vor allem von der Öffnung der Märkte im Osten. Das Hinterland der Stadt reicht bis St. Petersburg, Prag und Budapest. Der Containerumschlag wächst jedes Jahr, zuletzt um 15 Prozent. Selten wurde in der Seeschifffahrt so viel Geld verdient wie heute. Der Hafen brummt.

Abhängen am Pool: im Beach Club Lago Bay an der Großen Elbstraße©

Und die Stadt boomt. Höchster Beschäftigungszuwachs aller Bundesländer. Die meisten Firmengründungen im vergangenen Jahr. Fast so viele Konsulate wie New York, Sitz des Internationalen Seegerichtshofs. Der zweitgrößte Handelsplatz für Kaffee. Drittgrößter ziviler Luftfahrtstandort nach Seattle und Toulouse. Die Airbus-Bauer stellen schneller Ingenieure, Techniker und Facharbeiter ein, als sie Büros errichten können. 4100 in den vergangenen sechs Jahren, 850 in diesem Jahr.

Jedes Jahr neue Rekordzahlen bei den innerdeutschen Touristen, größere Zuwächse als Berlin, München in absoluten Zahlen überholt. Allein am vergangenen Wochenende standen 1,5 Millionen Menschen am Elbufer und feierten den 817. Hafengeburtstag. Beliebteste deutsche Großstadt. Höher, schneller, weiter: Die Wirtschaftsförderer verschicken Broschüren, wonach die Hamburger Spitze sind, 99-mal, von der höchsten Hängebrücke Deutschlands bis zur erfolgreichsten Hautcreme der Welt.

Vorbei die Zeiten, in denen die Hanseaten sich selbst genug sein konnten. Die Stadt noch Zonenrandgebiet war. Ausgestanden der Streit um Dörfer und Obstwiesen, die dem Wachstum der Industrie im Weg standen. Überwunden die Proteste der 80er Jahre, als Künstler im Hafen Bäume pflanzen wollten. Um dort den heute weltweit modernsten Containerterminal zu verhindern.

"Die Schöne schläft", hat Helmut Schmidt einmal gesagt. Jetzt ist sie aufgewacht. Und möchte richtig groß werden. Eine Weltstadt am Wasser, berühmt wie Kapstadt, Sydney, London, Barcelona. Das ist die Liga. Die Städteplaner setzen zum "Sprung über die Elbe" an und wollen vernachlässigte Viertel am Südufer beleben. Das flache Umland wird zur "Metropolregion" erklärt: Hier wohnen vier Millionen Menschen, das klingt besser als knapp zwei. Nun sagen nur noch die Koreaner, Größeres gewohnt, "cosy little town" zu Hamburg.

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