8. Juni 2009, 00:20 Uhr

SPD fällt auf historisches Tief

Die SPD geht unter den denkbar schlechtesten Vorzeichen in den Bundestagswahlkampf: Bei der Europawahl haben die Wähler sie mit einem katastrophalen Ergebnis abgestraft. Die Union insgesamt verlor, aber die CSU triumphierte - ebenso wie FDP-Chef Westerwelle: Der zitierte im Überschwang Schiller, Unions-Fraktionschef Kauder attackierte die SPD frontal.

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Europa hat gewählt: Vor dem Reichstag in Berlin weht eine Europafahne©

Für die Sozialdemokraten ist es ein Debakel. Sie haben laut dem vorläufigen amtlichen Endergebnis bei der Europawahl ihr desaströses Wahlergebnis von 2004 unterboten und fallen auf ein historisches Tief von 20,8 Prozent. Bei der vorherigen Wahl waren sie mit 21,5 Prozent vor allem für die Agenda 2010 des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder abgestraft worden. SPD-Chef Franz Müntefering bezeichnete das Abschneiden seiner Partei als enttäuschend. Es sei deutlich schlechter als erhofft, sagte er in Berlin. Er sprach von einem Mobilisierungsproblem und verwies auf die geringe Wahlbeteiligung. Diese lag mit 43,3 Prozent etwa auf dem Niveau von 2004 (43 Prozent). In Bayern stürzte die SPD sogar auf 12,9 Prozent (2004: 15,3 Prozent).

"Die CSU ist wieder da"

Die Union, CDU und CSU, verlor zwar rund sechs Prozentpunkte, kam aber auf 37,9 Prozent und bleibt damit stärkste Kraft in Deutschland. Mit Verlusten war nach dem herausragenden Ergebnis von 44,5 Prozent im Jahr 2004 gerechnet worden. Zu dem Ergebnis trug die CSU 7,2 Prozentpunkte bei - nach 8 Prozent bei der vorherigen Wahl. Sie schaffte damit bundesweit locker den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde. In Bayern kam sie mit 48,1 Prozent (2004: 57,4 Prozent) wieder in die Nähe der absoluten Mehrheit, die sie im vergangenen Herbst bei der Landtagswahl spektakulär verloren hatte. Das ist vor allem für CSU-Chef Horst Seehofer ein Erfolg. Für diesen war die Europawahl eine erste Bewährungsprobe. Seehofer zeigte sich am Abend entsprechend selbstbewusst: "Die Christlich-Soziale Union ist wieder da", sagte er. Auf das Ergebnis lasse sich in den nächsten Wochen aufbauen.

Unions-Fraktionschef Volker Kauder nutzte das schwache Wahlergebnis der SPD sofort, um in die Offensive zu gehen. Die SPD habe mit ihrem schlechten Abschneiden ihren Anspruch auf den deutschen EU-Kommissar verloren, sagte er. Wer nach einem schwachen Ergebnis vor fünf Jahren noch schlechter abschneide, könne nicht wieder dieses Amt besetzen. "Der nächste Kommissar kommt von der Union", sagte Kauder. Derzeit hat den Posten mit Günter Verheugen ein SPD-Mann inne. In den vergangenen Wochen war darüber spekuliert worden, dass eine von der Union geführte Bundesregierung Friedrich Merz, den Liebling des Wirtschaftsflügels in der CDU, nach Brüssel entsenden könnte.

Zu den Gewinnern des Abends zählten auch FDP und Linkspartei. Die FDP konnte rund 4 Prozentpunkte auf 11,0 Prozent zulegen (2004: 6,1 Prozent). Mit den Worten "Freude, schöner Götterfunken" zitierte FDP-Chef Guido Westerwelle Friedrich Schiller und zelebrierte so das Ergebnis. "Keine Partei hat so zugelegt wie wir", rief er am Sonntagabend begeisterten Anhängern in der Berliner FDP-Zentrale zu. Die Linke gewann mit 7,5 Prozent (2004, damals noch als PDS: 5,8 Prozent) ebenfalls dazu. Die Grünen erzielten über 12,1 Prozent (2004: 11,9 Prozent) und verharrten etwa auf dem Ergebnis der vorherigen Wahl. Europaweit lag die Wahlbeteiligung nach ersten Hochrechnungen bei 43,01 Prozent.

Das schlechte Abschneiden der SPD dürfte dafür sorgen, dass das Ergebnis der Europawahl wider Erwarten den Bundestagswahlkampf erheblich befeuert. Gegenüber Schwarz-Gelb geraten die Genossen nun erheblich in die Defensive. Denn nicht nur CSU-Chef Seehofer und dessen Trumpf, Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, dürften nun Oberwasser haben, sondern vor allem auch FDP-Boss Guido Westerwelle. Die SPD ist nun gezwungen, ihre Wahlkampfstrategie zu überprüfen. Manfred Güllner, Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, sprach von einer "existenziellen Krise" der Partei.

Dennoch lässt sich das Ergebnis der Europawahl tatsächlich nur schwer auf den Bund übertragen. Die Meinungsforscher von der Forschungsgruppe Wahlen veröffentlichten noch am Sonntagabend eine erste Analyse der Ergebnisse. Die Demoskopen argumentieren darin, dass die ausgesprochen schwache Wahlbeteiligung einer der Hauptgründe für das schlechte Abschneiden der SPD sei. An der Bundestagswahl im September nehmen demnach rund doppelt so viele Wähler teil. Bei niedriger Wahlbeteiligung gelinge es der Union traditionell besser als der SPD, ihre Wählerschaft zu mobilisieren, analysieren die Forscher. Auch der Anteil der Splitterparteien werde bei der Bundestagswahl wesentlich niedriger ausfallen.

375 Millionen Europäer sind wahlberechtigt

Zur Europawahl waren europaweit insgesamt 375 Millionen Menschen aufgerufen, in Deutschland 64,3 Millionen Bürger, darunter 2,1 Millionen Menschen aus anderen EU-Staaten und 4,6 Millionen Erstwähler. 32 Parteien und sonstige politische Vereinigungen mit insgesamt 1196 Kandidaten bewarben sich um die 99 deutschen der künftig 736 Sitze im Europaparlament. Die Union war bisher mit 49 Abgeordneten vertreten, die SPD mit 23, die Grünen mit 13 und FDP sowie Linkspartei mit jeweils 7. Außer in Deutschland wurde am Sonntag in 18 weiteren der insgesamt 27 EU-Staaten gewählt. In den acht anderen Mitgliedsstaaten fand die Wahl bereits in den Tagen zuvor statt. In sieben Bundesländern fanden zudem Kommunalwahlen statt. Die offiziellen Ergebnisse dürfen erst nach dem Schließen der letzten Wahllokale in Europa um 22 Uhr veröffentlicht werden.

AP/DPA/Reuters/fgüs
 
 
KOMMENTARE (10 von 110)
 
vegefranz (08.06.2009, 20:24 Uhr)
die Polithuren Ypse und Nahle, der Problembär Beck, der windige Wowereit und... und... und...

wer braucht diese Figuren?
Theophil (08.06.2009, 20:05 Uhr)
Schadenfreude
Mich hat maßlos geärgert, wie Herr Kauder sich über die SPD geäußert hat.
Dabei hat die CDU empfindliche Verluste hinnehmen müssen.
Dass sie sich trotzdem freut, ist also nicht mit dem eigenen Ergebnis zu begründen, sondern lediglich mit der Schadenfreude über die noch höheren Verluste der anderen.
Wie erbärmlich.
Da sieht man wieder einmal, was es mit dem "C" auf sich hat. Oder ist Schadenfreude neuerdings eine christliche Tugend?
Ich kann nur sagen, die "C" Parteien sind dieses Zusatzes völlig unwürdig. Aber Glaubwürdigkeit spielt ja in der Politik ohnehin keine Rolle mehr. Also bleibt alles so, wie es schon immer war.
Nämlich traurig.
Eine Steigerungsstufe ist gerade in London zu beobachten.
Aber das relativiert nicht die trüben Zustände bei uns.
Skillet4 (08.06.2009, 14:42 Uhr)
Der Nichtwähler, das un ~ bekannte Wesen
Was sich mir nicht erschließt ist, wie man sich als Nichtwähler zu den Gewinnern rechnen kann, und gleichzeitig für Demokratie zu plädieren. Eben sowenig kann ich erkennen, inwiefern es sich bei Nichtwählern um eine Partei handeln soll.
Kann mir das bitte mal jemand erklären von den Nichtwählern hier?
Ich meine, dass es eben jene sind, die nicht wählen, denen wir diese Stagnation zu verdanken haben.
Dass es immer dieselben bis zum Überdruss bekannten Figuren sind, die bestimmen und regieren.
Ihr Nichtwähler könnt einen wirklich zum nicht Wählen treiben, das muss eine Art Herdentrieb sein.
Wer sich in dieser Herde von Schafsköpfen noch wieder erkennen kann, möge bitte laut und vernehmlich blöken!
Ich kläffe zurück.
Ansichtssache (08.06.2009, 13:32 Uhr)
Die SPD

bekommt nun das, was sie verdient hat! Unter Schröder wurde sie zur Arbeiterverräterpartei. Nun wird sie zur sterbenden Partei; gut so!
Die CDU- Merkel-Partei wird auch noch ihre Quittung im September erhalten. Egal welche; keine dieser Lügenparteien verdienen mehr das Vertrauen der Bürger. Es wird Zeit zum großen Abrechnen!
Und die LINKE wird es auch nicht schaffen; die sind noch leichter zu durchschauen.
traldors (08.06.2009, 13:20 Uhr)
Ach ja, ganz vergessen (...)
die SPD fährt gerade den "Lohn" und die "Nachlassenschaft" von "GAZprom-Schröder" ein. Da kann die CDU/CSU noch so grottenschlecht sein, die SPD hat das in der Vergangenheit getoppt.
Die Reaktion ist mehr als deutlich, das sollte auch "Münte" langsam auf die "Kette kriegen".
traldors (08.06.2009, 13:08 Uhr)
@warumdennnicht
Ihre Logik ist bestechend. Ich wähle auf jeden Fall und verscheissert mich die eine Partei nicht tut's eben die andere. Selten über soviel geschriebene Naivität gelacht. Um es deutlich zusagen: U made my day.
bmpost (08.06.2009, 12:29 Uhr)
Die Leute...
sin doch nicht blöd. Jedenfalls nicht so blöd, wie es Münte gern hätte. Die SPD hat wohl allen Ernstes darauf spekuliert, daß die Leute die Implosion des Sozialstaates unter Schröder und Arbeitgeber-Lobbyist Clement sowie die damit einhergehende Beerdigung sozialdemokratischer Prinzipien nach ein paar Jahren vergessen haben und das gleiche Sonderangebgot noch einmal wählen. Wo leben die bloß? Oder ist das Alzheimer?
warumdennnicht (08.06.2009, 12:17 Uhr)
balldurian
Nachdem Sie mich einen geknickten Totalversager nannten, dachte ich, ich komme Ihnen kinderstubenmäßig etwas entgegen. Jetzt tut mir bloß der Rücken etwas weh, vom vielen Bücken.
Aber den Sinn, den Sie im Nichtwählen sehen, kann ich nicht entdecken. Die Parteien, die es schon die letzten Jahre ständig versemmelt haben, kriegen weitere 5 Jahre um das Volk weiter zu bescheissen. Auch Dank der Nichtwähler.
Und damit sind Sie den größten Volksvergiftern voll auf den Leim gegangen. Aber das ist Ihr Problem, balldurian. Ich jedenfalls muss mich jetzt auf den Weg zur Arbeit machen, Steuern für die Wahlhilfen der Parteien verdienen, Wahlhilfen, mit denen besonders die Nichtwähler CDU/CSU, SPD, Grüne, Linke und FDP unterstützen.
Tobi_G (08.06.2009, 12:06 Uhr)
@raptor-xl
Sie haben völlig Recht, das Gleiche gilt natürlich auch für die kleineren Parteien. Ich bin nur der Ansicht, dass die echten Zahlen genannt werden sollten. Die größte Partei Deutschlands hat 16% der Stimmberechtigten mit ihren Wahlversprechen überzeugen können.
Diese Regierung hat in meinen Augen kein Recht, sich Regierung zu nennen. Allenfalls dürfte sie sich als "Übergangsregierung" bezeichnen. Es wird so getan, als wäre ja "eigentlich alles in Ordnung". Hier ist aber leider so ziemlich nichts mehr "in Ordnung"!
raptor-xl (08.06.2009, 11:46 Uhr)
jaja...
...@Tobi-G:
errechne doch mal bitte, wie viele dann noch die spd oder gar die linken wollen. sollten diese parteien denn nicht gleich abgeschafft werden?
ist ja nett, dass du die cdu noch niederrechnest, aber die war ja noch die stärkste...
europa ist nicht in den köpfen. nur als reiseland ohne grenzkontrolle. alles andere ist dem bürger so weit weg wie alaska. und das nicht ohne grund.
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