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Pharmalobby: Das Pharma-Duell

Ein neues, unabhängiges Institut bedroht die Pharmaindustrie. Von seinem Urteil hängt es ab, welche Medikamente die Krankenkassen künftig noch bezahlen. Der stern enthüllt, zu welchen Methoden die Konzerne greifen, um ihre Gewinne zu verteidigen. Ein Lehrstück über Lobbyismus zulasten der Beitragszahler.

Von Markus Grill

Es gibt vermutlich keinen Menschen, den die Pharmaindustrie zurzeit mehr hasst als Peter Sawicki. Es gibt aber auch keinen, den sie mehr fürchtet. Sawicki ist ein smarter 49-jähriger Arzt und Medizinprofessor, der zehn Jahre lang Mitherausgeber des pharmakritischen "Arzneitelegramm" war. Seine Karriere begann der Diabetologe als Oberarzt an der Uni-Klinik Düsseldorf, im Jahr 2000 wurde er Direktor der Inneren Medizin des St. Franziskus Hospitals in Köln. Sawicki hat sich nicht nur als Arzt, sondern auch als Wissenschaftler einen Namen gemacht und gilt heute als einer der angesehensten Diabetesforscher in Europa.

In der Schusslinie der Pharmaindustrie befindet er sich, seit er vor mehr als einem Jahr die Leitung des neu geschaffenen Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln übernahm. Dessen Aufgabe: zu prüfen, ob es sich bei neuen Arzneimitteln um echte Neuheiten handelt oder nur um teure Scheininnovationen. Was für Krankenversicherte große Vorteile bringt, empfindet die Pharmaindustrie zunehmend als Bedrohung. Denn von Sawickis Gutachten hängt es ab, welche der Medikamente die Krankenkassen künftig noch bezahlen.

Im Februar hat Sawicki den Pharmakonzernen erstmals gezeigt, was eine Harke ist. Da veröffentlichte er den Abschlussbericht "Kurzwirksame Insulinanaloga zur Behandlung des Diabetes mellitus Typ II". Hört sich spröde an, birgt aber so viel Sprengstoff, dass bei den Herstellern von Insulinmedikamenten erstmals alle Alarmglocken schrillen. Denn Sawicki und sein Institut kommen nach Sichtung von rund 1000 medizinischen Studien zu dem Ergebnis, dass die untersuchten Analoginsuline, die allein in Deutschland 400 000 Diabetespatienten spritzen, keinen Zusatznutzen haben gegenüber herkömmlichem Humaninsulin.

Einen Zusatznutzen haben die Analoginsuline dagegen für die Pharmafirmen, denn die Präparate sind rund 30 Prozent teurer als Humaninsulin. Die Konzerne Sanofi-Aventis, Novo Nordisk und Lilly machen mit Analoginsulin in Deutschland insgesamt 330 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Dabei handelt es sich bei den bisher untersuchten kurzwirksamen Analoginsulinen nach Angaben von Gerd Glaeske, Mitglied im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen, lediglich um "ökonomische Innovationen, die durch hohe Preise auffallen".

Dahinter verbirgt sich eine generelle Strategie: Weil Pharmafirmen zu wenig echte neue Forschungsergebnisse haben, verändern sie häufig bisherige Präparate minimal, um erneut Patentschutz beantragen zu können. Denn ohne Patentschutz kann jedes Medikament als günstiges Generikum nachgebaut werden, wodurch der Gewinn des Originalherstellers deutlich schrumpft. Das Problem ist bekannt: Der "Arzneiverordnungs-Report 2005" geht davon aus, dass mittlerweile fast 50 Prozent der in Deutschland neu zugelassenen Medikamente solche Scheininnovationen sind. Von den 7,6 Milliarden Euro, die die Krankenkassen pro Jahr für patentgeschützte Arzneimittel ausgeben, entfielen 3,4 Milliarden auf Scheininnovationen. Würden die bisherigen günstigeren Mittel verschrieben, könnten die Krankenversicherten mehr als eine Milliarde Euro im Jahr sparen.

Die meisten europäischen Länder haben mittlerweile ein Institut wie das IQWiG eingerichtet, um bei neuen Medikamenten die Spreu vom Weizen zu trennen. Angefangen damit haben die Australier: das "Pharmaceutical Benefits Advisory Committee", ein Beratungskomitee der Regierung, gibt seit 1987 eine Liste von Medikamenten heraus, die von der Krankenversicherung bezahlt werden. Um sein Medikament auf der Liste unterzubringen, muss ein Pharmakonzern mit Studien nachweisen, dass sein Präparat entweder einen Zusatznutzen gegenüber bisherigen Präparaten hat oder billiger ist. 1994 gründeten Kanada und die Schweiz vergleichbare Institute, später folgten die Niederlande, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Neuseeland, Norwegen, Schweden und Österreich. Das deutsche IQWiG wurde erst 2004 als Teil der Gesundheitsreform gegründet und als unabhängige Stiftung verankert. Es beschäftigt 60 Mitarbeiter und wird von den Krankenkassen mit elf Millionen Euro im Jahr finanziert. Im Januar 2005 begann das Institut mit seiner Arbeit, doch Cornelia Yzer, einst CDU-Staatssekretärin im Forschungsministerium und seit 1997 Hauptgeschäftsführerin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, erklärte schon kurz nach der Gründung: "Die Einrichtung des IQWiG war aus unserer Sicht nicht notwendig."

Das Gutachten über Analoginsuline ist für die Pharmafirmen schon ärgerlich genug. Doch es gibt eine zweite, bedeutendere Ebene, auf der ein Milliardengeschäft in Gefahr gerät. Denn der neueste Schrei der Hersteller sind nicht die Analoginsuline, sondern Sprühinsuline, so genannte Exubera. In einer ersten Stellungnahme hat das IQWiG auch für die Sprühinsuline keine Vorteile entdeckt, sondern eher Risiken. "Das IQWiG sorgt dafür, dass die Pharmaunternehmen nicht mehr die Deutungshoheit über die Qualität der Arzneimittel haben", sagt der Gesundheitsökonom Gerd Glaeske. "Das finden einige von ihnen bedrohlich."

Dabei macht Sawickis Institut eigentlich etwas Harmloses: Es wertet nur vorhandene Studien aus und orientiert sich dabei an "evidenzbasierter Medizin" - eine Methode, die sich streng an beweisbare Ergebnisse aus klinischen Studien hält. Doch gerade die Konzentration auf Untersuchungen höchster Qualität wirkt provozierend. Sawicki lädt die Industrievertreter regelmäßig zu Sitzungen in sein Institut ein, auch Patientenorganisationen sind dabei. Doch egal wie massiv sie sich für die jeweiligen Medikamente ins Zeug legen, am Ende fragt Sawicki ruhig: Haben Sie eine Studie, die die Vorteile belegt? Und wenn es diese klinische Studie nicht gibt, schreibt Sawicki das eben ohne Schnörkel in sein Gutachten. In Anlehnung an den englischen Philosophen Karl Popper rechtfertigt sich Sawicki: "Ich würde nie behaupten, dass es keine grünen Schwäne gibt, sondern nur, dass es bisher noch keinen Beleg für einen grünen Schwan gibt."

In der Mitteilung zu seinem Gutachten liest sich das dann so: "Für alle kurzwirksame Insulinanaloga gilt, dass ihr Zusatznutzen nicht belegt ist. Dies gilt für die Zielkriterien 'Krankheitshäufigkeit' und 'Sterblichkeit' sowie für sonstige Aspekte des patientenrelevanten Nutzens wie 'Rate schwerwiegender Hypoglykämien', 'Lebensqualität' und 'Therapiezufriedenheit'." Das fertige Gutachten übergab Sawicki Mitte Dezember dem Gemeinsamen Bundesausschuss (GBA), einem 21 Mitglieder starken Gremium aus Funktionären der Ärzteschaft und der Krankenkassen. Erst der GBA entscheidet, ob ein Medikament weiter von der Krankenkasse bezahlt wird. Die erste derartige Entscheidung steht in vier Wochen, am 18. Juli, an - es ist die Entscheidung über Analoginsuline. Falls die Präparate nicht mehr erstattet werden, würde den Patienten wieder das herkömmliche Humaninsulin verschrieben. Wer weiterhin Analoginsulin nehmen möchte, müsste es selbst bezahlen.

"Sawicki ist lange unterschätzt worden", sagt der Gesundheitsexperte der SPD, Karl Lauterbach. Das sei auch einer der Gründe, weshalb die Vorstandsvorsitzenden großer deutscher Pharmafirmen derzeit im Kanzleramt bei Frau Merkel vorstellig würden, um die "Personalie Sawicki" zu thematisieren. Lauterbach: "Die Pharmaindustrie hat erkannt: Wenn man das IQWiG in den Griff bekommen will, dann muss Sawicki weg." Und genau das wird zurzeit versucht.

Am 6. April meldet sich

ein Informant in der stern-Redaktion. Er stellt sich als Adel Massaad vor und sagt, dass es einen Skandal beim IQWiG gebe, dass er brisante Unterlagen über Herrn Sawicki habe, man müsse sich dringend treffen, er schlage das Hotel Hilton in Berlin vor. Massaad kommt aus dem Fahrstuhl des Hilton: ein junger, drahtiger Mann in Sakko und Jeans. Später erwähnt er, dass er mal Tischtennisprofi war. Massaad hat einen Laptop dabei mit einen Film, den vor kurzem der Bayerische Rundfunk ausstrahlte, "damit man das alles besser versteht". Die Sendung zeigt den Fall des Diabetespatienten Hartmut Kraft, der bisher Analoginsulin nimmt und Angst hat, darauf verzichten zu müssen, weil die Krankenkassen es womöglich bald nicht mehr bezahlen. Das sei doch ein Skandal, schimpft Massaad und meint, dass man jetzt Druck erzeugen müsse, damit der Gemeinsame Bundesausschuss nicht Sawickis Gutachten folge. Warum machen das die betroffenen Pharmafirmen nicht selbst? "Die müssen im Hintergrund bleiben", sagt Massaad leise, "weil sie kein gutes Standing in den Medien haben."

Bei den "belastenden Unterlagen", die Massaad dann auftischt, handelt es sich um einen internen "Beschlussentwurf" des Gemeinsamen Bundesausschusses, nach dem die Analoginsuline künftig nicht mehr bezahlt werden sollen. Woher hat Massaad die Papiere? In wessen Auftrag ist er wirklich unterwegs? Er sagt, es gehe ihm um die Sache. Und wovon lebt er? Okay, er unterhalte im rheinischen Geldern ein "Institut für Gesundheitsaufklärung" und gebe einen Newsletter zu Gesundheitsthemen heraus, zu abonnieren für 650 Euro pro Monat. Wenn man Material brauche, könne man sich jederzeit an ihn wenden, er könne Medizinprofessoren für Stellungnahmen besorgen oder ein Gespräch mit dem Vorsitzenden des Deutschen Diabetiker Bundes vermitteln, der größten Patientenorganisation.

Massaad hat es schon häufiger mit wechselnden Anliegen in die Medien geschafft. Im Jahr 2002 ist er Gast in der SWR-Talkshow "Nachtcafé". Er sitzt dort als "Betroffener" zum Thema Schönheitsoperationen und erzählt, wie er sich Botox habe spritzen lassen. "Der Eingriff hat keine zwei Minuten gedauert, da braucht man keine Betäubung." Sein TV-Auftritt ist die reinste Werbung für Botox: "Du siehst frisch und erholt aus, man geht ganz anders in den Tag."

Im April 2005 tritt Massaad als "Gesundheitsexperte" in Erscheinung und lädt zu einer Pressekonferenz. Sieben Millionen Männer in Deutschland litten unter Erektionsproblemen.

Im vergangenen August warnt Massaads "Institut für Gesundheitsaufklärung" vor der Vogelgrippe, die "mindestens 160 000 Tote" in Deutschland zur Folge haben könnte, weil die Bundesländer zu wenig Tamiflu gekauft hätten. "Das ist einer der größten menschenverachtenden Skandale der Nachkriegszeit", empört sich Massaad. "Bild" greift die Meldung auf und schreibt: "Zu wenig Medikamente gegen Vogelgrippe", Quelle: Massaads "Institut für Gesundheitsaufklärung". Auch die "Welt am Sonntag" bringt die Behauptung. Dem schon damals skeptischen ARD-Magazin "Monitor" vermittelt Massaad den Kontakt zu Hans-Ulrich Jelitto, dem Kommunikationschef des Pharmariesen Roche, der Tamiflu herstellt. Gegenüber "Monitor" bestreitet Jelitto wirtschaftliche Verbindungen zu Massaads Institut, weicht der Frage, ob er den Mann beauftragt habe, aber aus.

Im Februar 2006 tritt Massaad schließlich im Kampf für die Analoginsuline auf und verschickt eine Pressemeldung. Überschrift: "Moderne Insulintherapie soll Neuerkrankten vorenthalten werden". Massaad schreibt: "Ein bislang interner Beschlussentwurf sieht vor, dass Millionen Diabetikern die Möglichkeit einer Behandlung mit modernen Insulinanaloga versagt werden soll. Die Vorenthaltung von anerkannter Medizin für Leidende ist eine Frechheit."

Massaad wechselt seine Rollen

offenbar, wie es gerade nützt: Mal taucht er als Betroffener auf, mal als Experte, mal als Institutsleiter. In wessen Auftrag er all dies macht, ist schwer durchschaubar.

Mitte Mai meldet sich Massaad wieder beim stern. Es gebe eine neue, heiße Entwicklung in der Insulingeschichte. Ein enger Weggefährte von Sawicki, Professor Lutz Heinemann, auf den sich das IQWiG in seinem Gutachten berufe, habe einen vertraulichen Brief an den Gemeinsamen Bundesausschuss geschrieben und sich für die Analoginsuline ausgesprochen. Damit falle Sawickis "Kronzeuge" weg! Er lasse den Brief gleich zuschicken.

Professor Lutz Heinemann ist ein langjähriger Weggefährte von Sawicki, die beiden haben gemeinsam wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht und kennen sich auch privat. Heinemann hat sich vor sieben Jahren mit einem Kollegen selbstständig gemacht und das Institut Profil gegründet, das Studien für die Industrie erstellt. Zu Heinemanns Auftraggebern zählen die Pharmakonzerne Lilly, Novo Nordisk und Sanofi-Aventis, also genau jene Firmen, die die umstrittenen Analoginsuline herstellen. Heinemann bezeichnet sich selbst als "industrienahen Experten". Der "vertrauliche Brief", den er an den Gemeinsamen Bundesausschuss geschrieben hat, beginnt mit den Worten: "Auf Anregung der Firma Novo Nordisk hin möchte ich zu kurzwirkenden Insulinanaloga Stellung nehmen." Sein Fazit: "Es gilt, fehlende Nutzennachweise anzuerkennen und dafür zu sorgen, dass diese Wissenslücken geschlossen werden." Die unausgesprochene Empfehlung an den GBA lautet: Vertagt eure Entscheidung und wartet auf weitere Studien.

Heinemann sagt, dass er Massaad nicht kennt. Wie aber kommt sein Brief dann an Massaad? Der Professor versichert, er habe nur eine Kopie des Briefs an Novo Nordisk und an Sanofi-Aventis geschickt, an sonst niemanden. Warum hat er ihn überhaupt geschrieben? Heinemann gibt zu bedenken, dass er in seinem Institut mittlerweile 100 Mitarbeiter beschäftige. "Ich stehe da als Geschäftsführer natürlich auch unter Druck, ich glaub, weiter brauch ich das auch nicht auszuführen. Trotzdem würde ich nicht meine Seele verkaufen." Dass er als angeblicher Kronzeuge gegen Sawicki benutzt werde, sei "eine nicht einfache Situation", sagt der Professor. "Ich habe keine Lust, an dieser Schlammschlacht teilzunehmen."

Am 23. Mai veröffentlicht Massaad Auszüge aus Heinemanns Brief per Pressemitteilung und behauptet, dass sich das IQWiG in seiner Insulinstudie "auf fünf Gutachten beruft. Drei von ihnen stammen von dem renommierten Stoffwechselexperten Lutz Heinemann". Tatsächlich beruft sich das IQWiG auf sieben Gutachten, von denen keines von Heinemann stammt. Massaads Pressemitteilung findet dennoch dankbare Abnehmer: Auf der Homepage des Bundesverbands niedergelassener Diabetologen, die Sawicki und sein Institut ebenfalls ablehnen, steht sie bis heute.

Ende Mai klingelt erneut

das Telefon, Massaad ist dran. In Leipzig findet die Jahrestagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft statt, mehr als 6000 Ärzte kommen, dazu 300 Journalisten. Der stern fragt ihn, wer sich bei den Firmen wohl für ein Gespräch eigne. Kurz darauf bietet Massaad an, ein Interview mit dem Chef von Novo Nordisk zu vermitteln - in Leipzig. Der Pharmakonzern ist selbstverständlich ein Hauptsponsor des Kongresses und hat in der Messehalle einen Stand aufgebaut mit viel Werbung für seine Insulinpräparate. Markus Leyck Dieken, 41, erscheint im beigefarbenen Anzug, er führt die Geschäfte des Konzerns in Deutschland. Nach seinen Angaben ist Novo Nordisk Marktführer: "Wir sind die Company, die sicherlich dem Diabetes am allermeisten verhaftet ist." Man muss nicht lange mit dem Pharmachef sprechen, um zu hören, dass das IQWiG-Gutachten ein "Riesenskandal" ist. Leyck Dieken ärgert entschieden, dass die Studien, die das IQWiG auswertet, "immer Laborcharakter haben, das entspricht nicht dem Lebensalltag von Diabetikern".

Woran liegt es eigentlich, dass so viele Patienten Analoginsulin bevorzugen? Zum einen wohl an der massiven Werbung, mit der die Präparate in den Markt gedrückt werden. Die Hersteller werben vor allem damit, dass die Patienten keine Wartezeit mehr einhalten müssen zwischen der Insulinspritze und der Nahrungsaufnahme. Anders als Humaninsulin-Patienten, denen geraten wird, eine halbe Stunde vor einer Mahlzeit zu spritzen. "Tatsächlich gibt es für diesen Ratschlag keine solide wissenschaftliche Begründung", schreibt das IQWiG dazu.

Einen ganz anderen Grund, weshalb Ärzte das Analoginsulin toll finden, gestand der Diabetologe Peter Koch vor zwei Monaten im ARD-Politmagazin "Kontraste": Der Arzt berichtete, dass es von Pharmafirmen Kopfprämien für jeden umgestellten Patienten gebe. "Dafür erhalten Sie als gängige Praxis 75 Euro pro Patient." Gezahlt wird dabei offiziell für Anwendungsbeobachtungen, die meist aber nicht in einer medizinischen Publikation münden. "Das heißt, es werden Daten erhoben unter dem Vorwand, eine medizinische Forschung zu betreiben", so der Diabetologe. "Es handelt sich in der Regel um eine Zuwendung, kann man sagen."

Falls die Analoginsuline künftig nicht mehr von der Krankenkasse erstattet werden, kostet Novo Nordisk das pro Jahr zehn Millionen Euro, schätzt Pharmachef Leyck Dieken. Und das ist erst der Anfang. Denn der Gemeinsame Bundesausschuss hat das IQWiG schon beauftragt, weitere Medikamente zu begutachten. Erst diese Medikamentenliste erklärt, welche Gefahr der Industrie aus der Arbeit des IQWiG erwächst. Auf dem Spiel stehen dabei (mit Umsatzberechnungen gemäß Arzneiverordnungsreport):

- die Medikamente gegen Gefäßkrankheiten Plavix und Iscover mit einem Umsatz von 329 Millionen Euro pro Jahr in Deutschland. Herstellerfirmen: Sanofi-Aventis und Bristol-Myers Squibb;

- die Diabetesmedikamente Actos, Avandia und Avandamet. Umsatz: 63 Millionen Euro. Herstellerfirmen: GlaxoSmithKline und Takeda Pharma;

- die Insulinersatz-Medikamente Humalog, Novorapid, Humalogmix, Novomix30, Lantus, Levemir und Apidra. Umsatz: mindestens 330 Millionen Euro (Zahlen ohne Apidra). Herstellerfirmen: Novo Nordisk, Lilly, Sanofi-Aventis;

- die Alzheimermedikamente Aricept, Reminyl, Exelon, Axura und Ebixa. Umsatz: 136 Millionen Euro. Herstellerfirmen: Pfizer, Novartis, Janssen-Cilag, Merz und Lundbeck;

- die Antidepressiva Cymbalta und Trevilor. Umsatz nur Trevilor: 73 Millionen Euro. Herstellerfirmen: Lilly, Boehringer und Wyeth;

- die Asthmamedikamente Singulair, Symbicort, Viani und Atmadisc. Umsatz: 375 Millionen Euro. Herstellerfirmen: Astra Zeneca, GlaxoSmithKline, MSD und Schwarz Pharma.

All diese Medikamente wird das IQWiG bewerten, und der GBA wird dann entscheiden, ob sie künftig noch erstattet werden. Die anstehende Entscheidung über das Analoginsulin habe deshalb Präzedenzcharakter, sagt der Novo-Nordisk-Chef. Leyck Dieken gibt offen zu: "Die Interessenlagen der Pharmaunternehmen sind so eindeutig, dass sie sich gar nicht absprechen müssen." Der Gemeinsame Bundesausschuss sei für ihn nur eine "Thermoskannen-Taschenrechner-Runde". Der werde "die deutsche Apotheke leer räumen, bis die Auslage aussieht wie in Bulgarien 1978".

Leyck Dieken erzählt noch genüsslich, dass Sawicki einst selbst "viele Gelder von Novo Nordisk bekommen" hat, weil die Firma auch die kritischen Foren finanzierte, in denen Sawicki als Diabetologe auftrat. Und jetzt erstelle derselbe Sawicki zusammen mit ein paar "Herrschaften, mit denen er seit über 15 Jahren das Kölsch getrunken hat", Studien, die Novo Nordisk und der ganzen Branche das Geschäft vermiesen. Das sind alles "seit Jahren bekannte Extremisten der Szene".

Zum Standardrepertoire

von PR-Strategen gehört es, den Medien Wissenschaftler anzubieten, die die Interessen der Auftraggeber unterstützen. Professor Heinz Letzel ist ein bekannter Kritiker des IQWiG. Gegenüber dem stern räumt Letzel ein, "dass Herr Massaad mich angerufen und gebeten hat, mich für ein Interview für die Sendung ,Zeitspiegel" des Bayerischen Fernsehens zur Verfügung zu stellen". Genau für jene Sendung, die Massaad zum Treffen ins Hilton mitgebracht hat. Letzel sah darin schreckliche Zeiten anbrechen, würde das Analoginsulin nicht mehr bezahlt: "Wenn ich für diese Ersparnis nach fünf Jahren Folgeschäden wie Herzinfarkt, Niereninsuffizienz, im Extremfall ein abgehacktes Bein durch Amputation in Kauf nehmen muss, dann frag ich mich schon, ist das nicht ein bisschen zynisch, wenn der Gemeinsame Bundesausschuss sich ausschließlich am Thema Wirtschaftlichkeit orientiert. Patienten, die früher sterben, sind natürlich die billigsten."

Einige Wochen später sind Professor Letzel, Massaad und der Novo-Nordisk-Chef Leyck Dieken in der Sendung "Gesundheit aktuell" auf Rheinmain-TV zu sehen. Massaad ruft in die Kamera: "Der Gesetzgeber sollte endlich einmal die Augen und Ohren aufsperren, anstatt immer nur auf den Kosten herumzuhacken." Professor Letzel attestiert: "Da muss ich dem Gemeinsamen Bundesausschuss vorwerfen, dass er praktisch menschenverachtend vorgeht, indem er eigentlich nur scheinbar belegte wirtschaftliche Kriterien zugrunde legt und nicht das Wohl der Bürger."

Letzel sagt, dass es ihm bei seiner Kritik am IQWiG "ausschließlich um sachliche Korrektheit" gehe. Vielleicht gibt es aber noch weitere Motive für seine Attacken. Jedenfalls hat sich Heinz Letzel selbst vor zwei Jahren auf die Leitung des IQWiG beworben, war aber abgelehnt worden. Vielleicht gehört Letzel auch einfach zu den vielen Professoren, die abhängig sind von Zuwendungen der Pharmaindustrie. Er bestätigt, dass er in diesem und im vergangenen Jahr Aufträge von der Pharmafirma Sankyo erhalten hat. Mit den Analoginsulin-Firmen sei er aber "zu keiner Zeit eine wie immer geartete Kooperation" eingegangen.

Als vor fast zehn Jahren eine öffentliche Anhörung im Gesundheitsausschuss des Bundestags zum Nichtraucher-Gesetz stattfand, war auch Letzel als Experte geladen. Er fiel dadurch auf, dass er die Gefahren des Passivrauchens relativierte. Der Abgeordnete Wolfgang Wodarg fragte ihn daraufhin: "Können Sie mir ganz präzise sagen, wer Sie finanziert?", worauf Letzel laut Bundestagsprotokoll antwortete: "Ich finanziere mich selber und komme nicht aus der Zigarettenindustrie, sondern aus der Arzneimittelindustrie."

Die Antwort war nicht ganz korrekt. Denn Professor Letzel soll nach einem Protokoll des Verbands der Cigarettenindustrie (VdC) in den Jahren 1985 und 1986 mehrere Studien für die Zigarettenindustrie durchgeführt und dafür mindestens 500 000 Mark erhalten haben, zum Teil übrigens zusammen mit seinem ehemaligen Chef, Professor Karl Überla, dem späteren Präsidenten des Bundesgesundheitsamtes. Letzel sagt dagegen, dass er selbst "niemals einen einzigen Auftrag" vom VdC erhalten habe, er habe lediglich an einem Passivraucher-Projekt von Professor Überla mitgearbeitet und dafür eine "Aufwandsentschädigung" erhalten.

Adel Massaad war in den 1980er Jahren noch zu jung, um PR zu machen. Dafür steckt er heute gut im Geschäft. So soll er nach detaillierten Informationen, die dem stern vorliegen, allein von Januar bis März 2006 mehr als eine Million Euro von Pharmafirmen und PR-Agenturen bekommen haben. Massaad will dazu selbst keine Stellung nehmen, beruft sich auf Geschäftsgeheimnisse und wollte dem stern die Veröffentlichung verbieten. Zu den Firmen, die ihn bezahlen, gehört auch die Agentur P.R. Konzept. Deren Geschäftsführerin Ingrid Plewe war bis 1991 Sprecherin des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie. Frau Plewe räumt ein, dass mit Massaads Institut ein "Dienstleistungs-Werksvertrag" bestehe und er eine "Umfrage bei Ärzten und Apothekern zu aktuellen gesundheitspolitischen und gesundheitsökonomischen Fragen" durchgeführt habe.

Am 18. Juli stimmt der

Gemeinsame Bundesausschuss, oberflächlich betrachtet, über die Analoginsuline ab. In Wirklichkeit entscheidet er jedoch auch über die Zukunft des deutschen Gesundheitswesens. Rainer Hess, dem Juristen und unabhängigen Vorsitzenden des GBA, ist die Dimension durchaus bewusst, wenn er sagt: "Es geht nicht nur um die Bewertung eines einzelnen Arzneimittels, sondern es geht um die Qualität und die Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung in Deutschland." In Leipzig stellte sich Hess auf dem Diabetologen-Kongress mehreren hundert Ärzten und versuchte ihnen klar zu machen: "Wenn wir auf dem Arzneimittelsektor nicht zu einer gewissen Selektion kommen, werden Sie als Ärzte immer mit dem Vorwurf behaftet sein, dass Sie nicht trennen zwischen der wirklichen Wirksamkeit und Effizienz von Arzneimitteln und irgendwelchen Scheininnovationen, auf die man, wenn es um die Kosten der Solidargemeinschaft geht, unter Umständen verzichten müsste, damit wir das System insgesamt finanzierbar halten."

Eine Niederlage für das IQWiG wäre es, wenn die Mitglieder des GBA keine Entscheidung treffen sollten, wenn sie weitere Studien abwarten wollen oder einen "scharfen", aber unverbindlichen "Therapiehinweis" geben, an den sich kein Arzt halten muss. Was in diesem Fall aus Sawicki würde, ist fraglich. Nach Einschätzung des SPD-Gesundheitsexperten Lauterbach stünde dann sogar das ganze IQWiG auf dem Spiel. "Man muss sehen, dass Sawicki von der Kompetenz und der charakterlichen Festigkeit, was diesen Job angeht, ohne Alternative ist."

So gesehen ist die Aggressivität, die Peter Sawicki derzeit entgegenschlägt, ziemlich verständlich.

Mitarbeit: Niels Kruse, Richard Rickelmann

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