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TV-Kritik

"Anne Will" zum Bexit: (Fast) alle gegen einen: Was macht Bulldozer Boris Johnson als nächstes kaputt?

Die Ereignisse in Großbritannien überstürzen sich derart, dass die Analysen kaum hinterherkommen. Anne Will versuchte es trotzdem. Sie fragte: Hat Boris Johnson sein Blatt ausgereizt? Vier Deutsche sagten ja, ein Brite nein. 

Von Mark Stöhr

Anne Will zum Brexit und Boris Johnson

Wer Fan von Boris Johnson ist, hatte mit den geladenen Talkgästen bei bei "Anne Will" gestern keinen Spaß 

Ein notorischer Lügner. Ein Fantast. Ein Premier ohne Plan. Wer Fan von Boris Johnson ist, hatte bei "Anne Will" gestern keinen Spaß. Das war auch nicht anders zu erwarten. Die Mehrheitsmeinung zum Porzellanzerdepperer aus London ist hierzulande klar kontra. Entsprechend ließ auch die Gästepolitik der Redaktion keine Brexit-Stimmung aufkommen. Mit Greg Hands, einem Tory-Abgeordneten, hatte lediglich ein Diskutant den schwierigen Job, das raubeinige Verhalten des neuen britischen Regierungschefs in einen irgendwie sinnhaften Zusammenhang zu bringen. Man dürfe Johnson nicht unterschätzen, lautete Hands‘ Mantra. Was auch heißen sollte: Der hat noch ein Ass im Ärmel. Die anderen Gäste sahen das völlig anders.

Diese Gäste diskutierten bei "Anne Will"

  • Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages
  • Rolf-Dieter Krause, ehemaliger Leiter des ARD-Studios Brüssel
  • Greg Hands, Tory-Abgeordneter
  • Irina von Wiese, Abgeordnete der Liberal Democrats im EU-Parlament
  • Tanja Bueltmann, deutsche Historikerin, die in Großbritannien lebt

So lief die Diskussion

Das Motto war: Alle gegen einen. Gegen Boris Johnson beziehungsweise seinen Adlatus Greg Hands, der allerdings nicht müde wurde zu betonen, dass er bei der parteiinternen Wahl für Jeremy Hunt und nicht für Johnson gestimmt hatte. Hands versuchte, die Wogen zu glätten. Selbstverständlich würde sich Boris Johnson dem No-Deal-Gesetz beugen und es nicht, wie gemunkelt wird, einfach ignorieren. Die Zwangspause für das Parlament sei keineswegs ein Angriff auf die Demokratie, sondern ein ganz normaler Vorgang, wenn ein neuer Premierminister gewählt worden sei. Der Austritts-Deal mit der EU sei dreimal im Unterhaus durchgefallen, es sei daher auch an der europäischen Union, sich zu bewegen. Stichwort "Backstop". 

Als hätte er die Zauberformel für einen geordneten Brexit gefunden, präsentierte Hands ein 80-seitiges Papier, das den Durchbruch bringen soll. Nur: Die Hauptthesen brachte der Brite nicht so recht zusammen, was auch ein bisschen seinem Deutsch und der fortgeschrittenen Sendezeit geschuldet war. Aber: Johnson fände die Vorschläge super – und auch die Verhandlungspartner bei der EU hätten Interesse signalisiert.

Diese Behauptung brachte Schwung in die Runde. Vor allem der sonst so bräsige Norbert Röttgen positionierte sich als wortgewandter und leidenschaftlicher Gegenspieler. In kollegialem Du entgegnete er dem Tory-Mann: "Die EU spielt mit jedem Ball, der aus London kommt. Aber in deinen 80 Seiten ist kein Ball drin." Und: "Ohne dich enttäuschen zu wollen: Boris Johnson hat nicht eine Zeile deines Papiers gelesen." Für Röttgen verfolgte Johnson von Anfang an eine No-Deal-Politik. Ihm ginge es nur um die Macht. Die demokratische Kultur in Großbritannien nehme zur Zeit großen Schaden. "Labour-Chef Jeremy Corbyn ist ein Extremer, und die Tories sind zu einer extremen Partei geworden."

Der besondere Moment

Eine ganz düstere Diagnose stellte Rolf-Dieter Krause der Insel aus und sorgte für den nachdenklichsten Moment des Abends. Ein harter Brexit, so "Mister Europa" resigniert, sei für Großbritannien womöglich die einzige Chance, seine tiefe Spaltung zu überwinden. "Diese Nation, die ein völlig irres Bild von sich selbst hat, sich als Weltmacht versteht, die sie nicht mehr ist, und die glaubt, dass Europa betteln wird um gute Beziehungen, was Europa nicht tun wird – diese Nation muss einfach die Erfahrung machen, wo sie steht. Aber auf diesem Weg werden viele Menschen bitter leiden."

Weitere Standpunkte des Abends 

  • Johnson-Berater Dominic Cummings hat laut Norbert Röttgen für das Parlament und die parlamentarische Demokratie insgesamt nichts als Verachtung übrig.
  • Die Mehrheit der Briten hätte 2016 nicht für einen No-Deal-Brexit gestimmt, sagte Irina von Wiese. Mit dem Wissen der Verwerfungen seitdem würde ein zweites Referendum ihrer Meinung nach anders ausfallen.
  • Für Tanja Bueltmann sind viele Briten auch deswegen für einen ungeregelten Brexit, weil sie das Thema so leid seien und denken würden, mit einem harten Schnitt sei es schneller vorbei.

Fazit

Ein Abend ohne Aha-Effekt, mit der üblichen Rollenverteilung: Die spinnen, die Briten – Europa ist der Hafen der reinen Vernunft. Trotzdem verbietet sich jeglicher hämische Unterton, der sich mitunter in die Debatte mischte. Denn so geschlossen die EU in der Brexit-Frage auftritt, so zerrüttet und sanierungsbedürftig ist sie auf vielen anderen Feldern.