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Rettung vor den Taliban Gerettete Afghanen werden von Ramstein aus in die USA geflogen. Gegen ihren Willen. Und deutsche Behörden schauen zu

US-Soldaten mit afghanischen Flüchtlingen in Ramstein
US-Soldaten mit afghanischen Flüchtlingen in Ramstein
© Uwe Anspach/ / Picture Alliance
Die Bundesregierung hat gefährdeten afghanischen Mitarbeitern deutscher Medien Hilfe und die Aufnahme in Deutschland zugesagt. Nun stehlen sich deutsche Behörden aus der Verantwortung. Wie im Fall des bereits geretteten stern-Mitarbeiters Rasool Sekandari, der heute Morgen gegen seinen Willen aus Deutschland in die USA gebracht worden ist.
Steffen Gassel

Zuletzt klang seine Stimme schwach. "Wir sitzen im Flugzeug", sagte Rasool Sekandari, und schickte die Sprachnachricht an den stern. "Wir fliegen jetzt. Die Amerikaner sagen, es geht los. Ich kann nicht hierbleiben. Es dauert zu lang. Meine Kinder husten. Die Nacht war kalt. Gibt es noch etwas von dem deutschen Ministerium?"

stern-Mitarbeiter Rasool Sekandari
stern-Mitarbeiter Rasool Sekandari

Wir vom stern konnten ihm nur mitteilen: "Nichts Neues von den deutschen Ministerien." Fast zwei Wochen haben wir versucht, ihn und seine Familie aus der US Airforce Base Ramstein in der Pfalz herauszubekommen. Ein Ministerium schob die Verantwortung auf das andere – obwohl die Familie die schriftliche Erlaubnis hatte, in Deutschland zu bleiben. In dem Schreiben des Auswärtigen Amtes stand: "Den Reisenden ist es erlaubt, auf das Territorium der Bundesrepublik Deutschland einzureisen und dort zu bleiben."

Jetzt, da wir diese Zeilen schreiben, sind Rasool Sekandari, seine Frau und drei kleine Kinder im Flugzeug auf dem Weg in die USA. "Was soll ich da?", hatte er gesagt.

"Die Taliban gehen von Tür zu Tür"

Rasool hatte in Afghanistan für deutsche Unternehmen gearbeitet, als Fahrer, als Übersetzer, als Rechercheur, als Kenner der Gegebenheiten. Für den stern, für die Kreditanstalt für Wiederaufbau. Er hatte Briefe und Bestätigungen. Er war bereits auf deutschem Territorium in der Pfalz, in Ramstein bei Landstuhl. Wir standen bereit, um ihn abzuholen.

"Wir warten täglich auf ihn", sagt sein Schwager Mujtaba. "Wir haben alles vorbereitet für die Familie. Rasool hat zwei Schwestern in Frankfurt. Mein Bruder hat ein Haus in Limburg. Da ist Platz für die Familie. Wir stehen bereit für die Eingewöhnung." Mujtaba selbst ist seit sieben Jahren in Deutschland, er arbeitet in einem Restaurant und hat den Sprung in die neue Welt gut gemeistert.

Der Weg für die Familie Sekandari war weit. Vor vier Wochen musste Rasool sich noch in Kabul verstecken und schickte verzweifelte Botschaften an den stern. "Bin bei meinem Cousin untergetaucht. Die Taliban gehen von Tür zu Tür."

Rasool hatte uns bei heiklen Projekten geholfen. Einmal ging es um das Treffen mit einem Taliban in Kundus, der in einem Gefecht gegen Bundeswehrsoldaten gekämpft hatte. Ein anderes Mal um den Besuch beim amerikanischen General McChrystal in Kabul. Vor allem um eine Reportage über eine Familie, die sich kritisch über die Taliban geäußert hatte.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Rasool und seine Familie kam auf die Liste der "Kabul Luftbrücke", einer privaten deutschen Evakuierungs-Initiative zur Befreiung von Journalisten, Übersetzern, Rechercheuren aus Afghanistan. Parallel ließen wir ihn, seine Familie und andere freie Mitarbeiter des stern mit ihren Angehörigen als Schutzbedürftige auf der Evakuierungsliste des Auswärtigen Amtes registrieren. Am 22. August erhielt Rasool für sich, seine Frau und die drei Kinder einen offiziellen Laissez-Passer Brief zur Einreise in Deutschland, also die offizielle Einreise-Erlaubnis vom Auswärtigen Amt. Dann begann ihre Odyssee.

Zunächst durch Kabul auf dem Weg zum Flughafen. Sie steckten stundenlang fest, sie wurden dreimal an den Checkpoints der Taliban kontrolliert, dreimal kamen sie durch und auch durch die Massen, die mit ihnen auf das Gelände drängten. Schließlich, nach einer Nacht im Auto eines Cousins, erreichten sie den Flugplatz. "Wir haben es geschafft", sprach er freudig in einer Sprachnachricht. Es klang wie die Rettung.

Wir haben uns in diesen Wochen Dutzende Sprachnachrichten geschickt. Immer pendelten sie zwischen Hoffnung und Verzweiflung.

Auf dem Flughafen Kabul mussten die drei Kinder der Familie auf dem Rollfeld schlafen
Auf dem Flughafen Kabul mussten die Kinder der Familie Sekandari (2, 7 und 9 Jahre alt) auf dem Rollfeld schlafen

Mehr als 24 Stunden lang steckten die Sekandaris dann auf dem Flughafen Kabul fest. Saßen im Schatten einer Maschine, deren Flügel ihnen bei Temperaturen nahe 40 Grad etwas Schatten spendete. Schliefen auf dem Rollfeld. Hofften auf eine Maschine, irgendeine, die sie herausbringen würde. Katar hieß es, Frankfurt, Usbekistan. Das Auswärtige Amt bestätigte, es habe unsere dringende Bitte, die Familie in deutsche Obhut zu nehmen, an die damals noch auf dem Flughafen Kabul präsente Bundeswehr weitergegeben. Doch einen deutschen Soldaten bekamen die Sekandaris dort nie zu Gesicht. Die Kinder waren ohne Essen und Trinken und am Ende mit ihren Nerven. Sie waren kurz davor, wieder nach Hause zu gehen. "Ich kann nicht mehr", sagte Rasool.

Warten auf die Evakuierung
Die Familie sucht Schatten unter einem Flugzeugflügel, beim Warten auf die Evakuierung am Flughafen von Kabul

Schließlich kamen die Sekandaris auf ein katarisches Charter-Flugzeug. Und nach drei Tagen meldete er sich endlich: Doha, Katar. In Sicherheit. In einem Camp auf dem dortigen US-Stützpunkt al-Udaid. Er schickte noch ein Foto vom Camp. Dann brach der Kontakt wieder für zwei Tage ab.

Schließlich eine neue, eine erlösende Nachricht: "Geschafft. Wir sind in Deutschland. Rammstein. Die Air Base." Am vorletzten Donnerstag war das. Vor 13 Tagen.

Es konnte jetzt nur noch um Stunden gehen, dachte Rasool, maximal Tage, um das neue Leben in Deutschland zu beginnen. Doch Rasool irrte. Es wurden Wochen. Es wurde gar nichts.

Die Geretteten wurden in die USA geflogen

Heute morgen haben die Amerikaner ihn und seine Familie zusammen mit anderen Geflüchteten von Ramstein in die USA ausgeflogen. Es sind ihre Geflüchteten, argumentieren sie, jedenfalls solange die Deutschen sie nicht für sich beanspruchten. Außerdem steht die US-Armee offenbar bei den Deutschen im Wort. Nach Informationen von Erik Marquardt, einem Mitinitiator der "Kabul Luftbrücke" und Grünen-Abgeordneter im Europäischen Parlament, hat die Bundesregierung die Genehmigung an die Amerikaner, Ramstein als Drehkreuz für die Evakuierungsmission aus Afghanistan nutzen zu dürfen, an eine Bedingung geknüpft: Höchstens zehn Tage sollen die Evakuierten dort bleiben. Dann sollen sie wieder ausgeflogen werden.

Die deutschen Behörden dürften sich also bewusst sein: Je länger sie die Bearbeitung der Fälle hinauszögern, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass auch diejenigen Geretteten weiter in die USA gebracht werden, denen Deutschland die Aufnahme zugesagt hatte. Und das unter den Augen von Bundeswehr und Bundespolizei, die auf der US-Base Ramstein mit eigenen Kräften präsent sind.

Mehrfach kontaktierten wir das Auswärtige Amt, das die Einreise-Bewilligung für die Sekandaris ausgestellt hatte. Doch das Außenamt von Heiko Maas verwies auf das Innenministerium. Dort, so hieß es, müsse eine Aufnahmezusage erteilt werden. In Horst Seehofers Behörde wird aber, was die geretteten Afghanen angeht, Dienst nach Vorschrift geschoben. Das Innenministerium argumentiert offenbar, man brauche, bevor man tätig werden könne, zunächst eine Liste aller schutzbedürftigen afghanischen Staatsbürger vom Auswärtigen Amt – deren Zahl dürfte in die Zehntausende gehen.

Das Laissez-Passer des Auswärtigen Amtes
Das Auswärtige Amt bestätigte mit diesem Laissez-Passer, das die gesamte Familie Sekandari nach Deutschland einreisen darf

Zu einer Einzelfallprüfung für die wenigen, besonders gefährdeten Menschen wie Rasool Sekandari, die abseits der Bundeswehr-Luftbrücke bereits aus Afghanistan gerettet werden konnten, sah sich das Innenministerium bisher offenbar nicht im Stande. Obwohl es um kaum mehr als 200 Menschen geht. "Das Bundesinnenministerium will offenbar, dass möglichst viele der geretteten Afghanen in die USA kommen – egal was Deutschland ihnen versprochen hat", sagt Grünen-Politiker Marquardt. "Öffentlich stellt sich die Bundesregierung als Samariter dar. Aber wenn es um die praktische Umsetzung geht, trifft man nur auf Probleme."

Einige der "sonstigen Schutzbefohlenen", wie die geretteten Afghanen im Behördendeutsch heißen, warten unterdessen weiter in Ramstein, eine weitere Gruppe von etwas 65 Menschen, darunter drei stern-Stringer samt zehn Angehörigen, sitzt nach Evakuierung durch die Amerikaner aus Kabul seit Tagen auf einem US-Marine-Stützpunkt im spanischen Rota fest. Und soll nach stern-Informationen morgen von dort in die USA ausgeflogen werden. Obwohl alle diese Menschen vor der Rettung aus Kabul die Zusage des Auswärtigen Amts bekommen hatten: Ihr dürft nach Deutschland kommen. So wie die Familie Sekandari. Bis auf einen haben alle stern-Leute in Rota Angehörige in Deutschland, die bereit sind, sie bei sich aufzunehmen – wie auch die Sekandaris.

Nach vier Wochen Flucht schwinden die Kräfte

Je länger sich unsere Bemühungen bei den zuständigen deutschen Behörden zugunsten der Geretteten hinzogen, desto stärker verfestigte sich unser Eindruck: Im Wahlkampf will keiner über neue Flüchtlinge sprechen, die nach Deutschland kommen.

In Rammstein harrten die Sekandaris Tag um Tag aus. 13 Tage lang. Die Nächte wurden kühl, die Kinder bekamen starken Husten, man hörte es auf den Sprachnachrichten im Hintergrund. Die Schwester kämpfte um sie, auch der Schwager, nur etwa 100 Kilometer entfernt in Frankfurt, aber auch sie bekamen die Familie aus Ramstein nicht heraus. "Es ist doch Deutschland", sagt Mujtaba, der Schwager ungläubig. "Warum kommen sie aus Deutschland nicht nach Deutschland raus?"

"Das Wichtigste ist: Ihr seid in Sicherheit", sagten wir Rasool immer wieder.

"Das stimmt", sagte er.

Aber die Kräfte schwanden. Vier Wochen auf der Flucht. Ständig in Zelten. Ein Wirrwarr der Behörden. Verängstigte Kinder. Jetzt sind die Sekandaris also auf dem Weg nach Washington. "Ich schicke dir eine Nachricht", sagte er zum Schluss. "Vielleicht schaffen wir es dann von Washington nach Deutschland."

Das wären fast 30.000 Kilometer. Von Kabul über Katar über Deutschland über die USA nach Deutschland.

Wir bleiben dran.

stern-Chefredakteurin Anna-Beeke Gretemeier sagt zu den neuesten Entwicklungen: "Nicht nur, dass die Bundesregierung keine Hilfe war, als es darum ging, unsere Leute aus Afghanistan zu holen. Auch als es endlich gelungen war, die gefährdeten Familien über verschiedene Luftbrücken anderer Regierungen und Organisationen aus dem Machtbereich der Taliban zu bringen, haben die deutschen Behörden versagt. Die Familien warteten schon auf der US-Basis Ramstein in Deutschland vergeblich auf das Einlösen der Zusagen der Behörden, dass sie nach traumatischen Wochen endlich zu ihren Familien gelassen würden, die sie in deutschen Städten aufnehmen wollten. Stattdessen gab es ein bürokratisches Chaos sondergleichen, jede offizielle Stelle schob das Problem weiter. Man kann nur hoffen, dass der aktuelle Bundestagswahlkampf nichts mit diesem verantwortungslosen Debakel zu tun hat."

Wir haben heute Vormittag sowohl das Bundesinnenministerium als auch das Auswärtige Amt um Statements zum Fall Sekandari gebeten. Aus Kreisen des Auswärtigen Amtes wurde gegenüber dem stern verlautbart: "Die Bundesregierung hat für die Liste der Luftbrücke eine Aufnahmezusage gegeben, die gilt. Alle Informationen wurden von uns mehrfach an die zuständigen Stellen weitergegeben, um Einreiseverfahren in Ramstein einzuleiten."

Taliban in Afghanistan: Bundeswehrhelfer S. am Flughafen Kabul

Sehen Sie im Video: Bundeswehrhelfer im "Gefängnis" Kabul – "Ich habe es verdient, zu leben. Werden Sie endlich aktiv!".


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