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Brasilien: Wo Frauen alles bestimmen - Besuch bei einer glückseligen Gemeinschaft

Frauen halten in Noiva do Cordeiro alle wichtigen Positionen und bestimmen Politik und Finanzen. Sogar die Religion haben sie in dem kleinen Dorf in Brasilien abgeschafft. Und die Männer? Sind zufrieden.

An einem großen Holztisch sitzen Frauen, sortieren Beeren und diskutieren dabei

Gemeinschaftsarbeit am Tisch: Hier diskutieren die Frauen von Noiva do Cordeiro über das, was täglich zu entscheiden ist. Mittendrin die Matriarchin Delina

stern

Was ist das nur für ein seltsames Dorf? Schon beim Betreten sprinten fröhliche Kinder auf einen zu und rufen: "Willkommen in Noiva do Cordeiro, dürfen wir dich herumführen?" Die Frauen umarmen sich ständig und mit Hingabe. Die Männer reden sanft und leise, anders als sonst in Brasilien. Und im Gemeindesaal hängt nicht das Kreuz Christi oder das Foto des Staatspräsidenten, sondern das einer einfachen alten Frau, der Matriarchin Delina.

Auch die Struktur des Dorfes ist anders. Es gibt keine Plaza mit Rathaus und Kirche, dafür ein Gemeinschaftshaus, in dem alle Bewohner zusammen kochen und spielen. Das Dorf hat keinen Bürgermeister, und die Kirche haben sie in dieser katholischen Gegend kurzerhand abgerissen – "die beste Entscheidung überhaupt", wie sie finden. Auch der Alltag erscheint anders. Die Kinder gehen nicht in die Krippe, sondern werden reihum von Familien betreut, damit die Mütter arbeiten oder sich ausruhen können. Um die Alten kümmern sich nicht Pfleger, sondern wechselweise Nachbarn. Streitfälle klären die Bewohner nicht vor Gericht, sondern im Kollektiv auf der Theaterbühne am Samstagabend.

In ihrer glückseligen Andersartigkeit wirkt die Gemeinschaft wie eine Sekte. Aber es gibt keine Verbote in Noiva do Cordeiro, keine Hierarchien und Privilegien und – ganz nach den Träumen John Lennons – "no religion, too". Die Menschen dürfen rauchen und trinken und homosexuell sein und atheistisch, in jeder Beziehung frei.

Nur ein Muster fällt auf: In Noiva regieren die Frauen. Sie bestimmen die Politik und die Finanzen, sie regieren in der Kultur, Justiz und Landwirtschaft. Mitten in diesem so patriarchalischen Staat, der mit Jair Bolsonaro gerade einen frauenfeindlichen Autokraten zum Präsidenten gewählt hat, bilden sie die Macht.

Das zeigt sich schon im Morgengrauen. Zum Sound krähender Hähne steigen 20 Frauen und zwei Männer auf die Ladefläche eines Lastwagens. Sie fahren durch die bergige Gegend des Bundesstaates Minas Gerais hinaus auf die Felder. Eine Bäuerin singt Folklore, über dem Tal hängt eine Wolke verbrannten Brennholzes, eine Szene wie aus einem anderen Jahrhundert.

Auf dem Feld angekommen, hocken sich die Frauen auf Holzschemel und ernten Pimenta biquinho, rote Biquinho-Chilischoten. Die Morgensonne brennt schon. Einige beginnen zu singen, oft selbst geschriebene Lieder über Liebe und Freundschaft. Andere üben Dialoge für ihr nächstes Theaterstück. Wiederum andere diskutieren die anstehenden Entscheidungen im Dorf: Wie verbessern wir unser Internet? Brauchen wir eine Klinik?

"So kommen wir zu Entscheidungen", sagt Flávia, eine schlanke Frau mit blonden Locken, der das Strahlen nie aus dem Gesicht weicht. "Hier auf dem Feld, nicht in einem Gremium. Wir reden einfach den ganzen Tag miteinander.

Keiner zieht je weg. Sie brauchen mehr Land und Jobs

Man würde das wohl Basisdemokratie nennen, aber sie hat den Begriff nie gehört.

Flávia, 34, lebte mit ihrer Mutter und zehn Geschwistern in einer Favela, als die Matriarchin Delina die verarmte Familie entdeckte und ins Dorf holte. Heute ist Flávia dessen Sprecherin. Sie ist außerdem Dramaturgin, Feldarbeiterin und Bandmanagerin. "Jede bei uns macht, was sie liebt" , sagt sie und schüttet Hunderte Chilischoten in einen Bottich. "Warum sollen wir uns auf einen Job reduzieren?"

Man würde das wohl Selbstverwirklichung nennen, aber sie haben auch dafür keinen Namen.

Neben Flávia sitzt Vilma zwischen den Beeten, eine stämmige kleine Frau, 42, die Burger verkauft und einmal in der Woche Kinder betreut und dann Kopfkissenschlachten und Eiswettessen veranstaltet. "Ich bin die verrückte Tante im Ort."

Und neben Vilma hockt Leia, 48, die die Feldarbeit organisiert – wie auch die Mandarinenernte und das Holzfällen. Andernorts würde man sie Chefin nennen, "aber bei uns gibt es keine Chefin", sagt sie lachend. "Ich übernehme die Organisation einfach, weil es mir gefällt."

Überhaupt kennt der Ort weder Rangordnung noch gestaffelte Bezahlung. Jede Arbeiterin erhält 1000 Real pro Monat, 220 Euro. "Aber viel geben wir davon wieder in die Gemeinschaft", sagt Leia. "Um einen Traktor zu kaufen oder Computer."

Man könnte das wohl Sozialismus nennen, aber sie haben auch dafür keinen Namen.

Auftritt der Matriarchin

Nach der Feldarbeit treffen sich die Frauen zum kollektiven Mittagessen im Gemeindehaus. Auch die Kinder kommen aus der Schule hinzu und Arbeiterinnen aus der Nähfabrik, wo sie Kostüme für die Musikband nähen. Die Frauen umarmen sich, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen. Aus dem Nachbarhaus steigt der Duft frischen Kaffees, den die Bewohnerinnen in einem Schwenktopf über dem Feuer rösten.

An langen Tischen servieren sie selbst geernteten Maniok, frisch geschlachtetes Rind und hausgebackenen Kuchen. Kinder flitzen zwischen den Tischen umher, Teenager helfen in der Großküche. Es hat etwas von Jugendherberge und Dorffest und den Kommunen der 70er Jahre.

Auf einer Liege wird eine gehbehinderte Frau in den Saal gefahren. Es ist Delina Fernandes, die Matriarchin. Sie trägt einfache weite Kleider und im Mundwinkel eine selbst gedrehte Zigarette. Mutter Delina ist schnell umgeben von Frauen, die sofort ins Gespräch einsteigen. Darunter Rosa, die politische Anführerin, eine resolute Frau. Und Edilane, die Wirtschaftsdezernentin, die nach neuen Geschäftsfeldern fürs Dorf sucht: ein Lady-Gaga-Double-Festival, bäuerliche Stand-up-Comedy oder Tragetücher für Hunde.

Eine große Entscheidung steht an. Sie werden wachsen, von 350 Bewohnern auf bald 600, keiner zieht hier je weg. Sie brauchen Land und Jobs. Sollen sie auf das Bekannte setzen und die Landwirtschaft intensivieren? Oder neue Wege gehen und Touristen anlocken? Mehr Öffnung oder mehr Tradition?

Am nächsten Tag will der Staatssekretär für Tourismus die Idee eines Festivals präsentieren. Noiva ist in Brasilien zu einer Art Lokalsensation geworden. Er sieht da eine Marktlücke, eine Art Weltneuheit: das Modelldorf der seligen Frauen.

Derweil sitzen die Männer mit Schürzen in Reih und Glied am langen Holztisch. Über Schüsseln gebeugt entkernen sie Jabuticaba, schwarze Beeren – eine Szene, wie man sie sonst nur von Marktfrauen kennt. Die Jüngeren brechen wieder zur Arbeit auf – zum Dachdecken, Klempnern oder was so ansteht, alles ohne Lohn.

Spätestens jetzt ist klar: In Noiva herrscht tatsächlich das Matriarchat, nur nennen die Bewohnerinnen es nicht so. Sie brauchen für ihr System keinen Begriff und keine Theorie. Sie sehen sich auch nicht als Feministinnen, sie haben nie von Gloria Steinem gehört oder eine Hochschule besucht. Fragt man sie nach Idolen, sagt Flávia: "Lady Gaga. Ex-Präsident Lula. Unsere Delina, die Mutter der Liebe."

Flávia sagt es ohne jede Ironie oder Scham. Und sie schiebt einen denkwürdigen Satz hinterher: "Ich liebe meinen Mann. Aber die Liebe zu meiner Gemeinschaft und meinen Frauen hier ist stärker."

Der Ursprung der Frauenherrschaft liegt in der Historie des Dorfes, einer von Unterdrückung und Rebellion wie so oft in der Geschichte der Emanzipation. Noiva do Cordeiro wurde vor 130 Jahren von Maria Senhorinha gegründet, einer 19-Jährigen, die der Zwangsheirat entfloh. Sie ließ sich abseits der Zivilisation im hintersten Tal nieder, gemeinsam mit dem Mann, dem ihr Herz gehörte. Die beiden bekamen neun Kinder, die heiraten durften, wen sie wollten, unabhängig von Klasse, Rasse und Religion. Ein damals revolutionäres Konzept. In der erzkatholischen Gegend wurden sie isoliert, ausgeschlossen vom Handel, beschimpft als Unheilige. Doch ihr Dorf wuchs.

Ende der 1950er Jahre heiratete Marias Enkelin Delina einen Prediger, Anísio Pereira, der die nächste Rebellion einleitete: Er hinterfragte den Glauben, das Konzept von Buße, Beichte, Zölibat. Die Bewohner zog er auf seine Seite, und so spalteten sie sich auch von der Staatsreligion ab.

Aber Pereira hinterfragte nicht nur den Katholizismus, sondern alle Religionen und kam zum Schluss: Die Wahrheit bin ich. Er gründete seine eigene Sekte, Noiva do Cordeiro, Braut des Lammes. Fortan ordnete er die Unterwerfung der Frauen an, verbot ihnen, sich die Haare zu schneiden und zu verhüten. Seiner Frau Delina untersagte er, kranke Kinder zum Arzt zu bringen – mit dem Hinweis, Gott werde sie heilen. Drei ihrer 15 Kinder starben.

"Es war ein Terrorregime", erzählt Rosa, Delinas älteste Tochter. "Mein Vater hatte nur eines übersehen. Seine Töchter, denen er vorgelebt hatte, jede Religion zu hinterfragen, taten das auch mit ihm: Warum darf ich keine Musik hören, wenn sie mich fröhlich macht? Warum muss ich vier Stunden beten, wenn ich vor Hunger umkippe?"

Pereiras eigene Frau Delina stürzte ihn 1995 schließlich mitten im Gottesdienst und legte fest: "Genug! Ab jetzt fasten wir nicht mehr." Seine Tochter Nette bestimmte: "Ich will auf meiner Hochzeit Musik und Tanz." Rosa reagierte am radikalsten: "Ich lass mich sterilisieren."

Und so überwarfen sich die Frauen mit dem Autokraten und trafen eine radikale Entscheidung: Wir verbannen jede Religion. Sie bringt nur Unheil.

Es war die dritte Rebellion. Und jedes Mal trug sie eine Gemeinsamkeit: die Abkehr von einem männlich dominierten Herrschaftssystem. "Da war es natürlich, dass wir etwas Neues versuchen" , sagt Rosa.

Sie beschlossen das Naheliegende: die Nächstenliebe zu leben, die der Patriarch gepredigt hatte – aber ohne den Patriarchen. Die Gemeinschaft – aber ohne Verbote. Fortan ist Verhütung erlaubt, Musik, Rauchen, Trinken, nur eines muss über allem stehen: Respekt, Toleranz und Schwesternschaft. "Die Leitung übernahmen die Anführer der Rebellion: Frauen" , sagt Rosa.

Und die Männer finden das okay?

"Frag sie", sagt Rosa und macht sich auf den Weg in die Großküche. Die Politikerin hat Putzdienst.

Man trifft die Männer in Noiva oft in liebevoller Eintracht mit ihren Kindern an, aber auch abends in der Kneipe am Sportplatz. Vordergründig bietet sich eine Szene wie aus Trump-Country: Weiße Männer mit Bierflasche, Arbeiter ohne Schulabschluss, auf dem Großbildschirm läuft Fußball, aus den Boxen kommt Countrymusik. Aber sie reden reflektiert: "Für uns funktioniert das Matriarchat", sagt Nego, Rosas jüngerer Bruder, ein Klempner. "In der Geschichte unseres Dorfes sind Männer immer gescheitert. Jetzt ist die Zeit der Frauen. Unser Leben hat sich seitdem sehr verbessert."

Nego ist mit einer 20 Jahre jüngeren Frau verheiratet, einer Lehrerin, die zu Hause das Kommando habe. "Frauen sind geeigneter für die Politik", findet er. "Sie stellen das Gemeinwohl in den Mittelpunkt, nicht den Kampf, die Ellbogen. Unser Dorf wird in der Region noch immer angefeindet. Wir Männer hätten uns schon mit Fäusten gewehrt. Unsere Frauen regeln das diplomatischer, mit Liebe."

Die Geschichte des jungen Erick

In seiner Großherzigkeit erscheint das Dorf nach einigen Tagen puristisch, fast heilig. Es muss doch Schwächen geben, fragt man sich, vielleicht im Umgang mit Fremden oder Minderheiten. "Da musst du Erick fragen", sagt Nego. Erick ist ein scheuer junger Mann mit dichten Locken und einem schmalen Gesicht. Er sitzt nicht in der Kneipe, sondern im Speisesaal vor dem Gemeinschaftscomputer. Gerade entwickelt er die Website der Kommune. Sie wollen Zimmer auf Airbnb anbieten, inklusive Verpflegung und das hautnahe Erleben von Frauenpower.

Auf die Intoleranz angesprochen, sagt Erick: "Ich habe vor ein paar Jahren entdeckt, dass ich Männer mag, wusste aber nicht, was das ist, so isoliert waren wir." Zum Studium ging er nach Belo Horizonte und erfuhr, dass es dafür einen Namen gibt, Homosexualität. "Ich brach zusammen und wurde depressiv. Schließlich beichtete ich es Mutter Delina, die zu den Frauen im Ort sagte: "Helft Erick. Lasst ihn nicht allein."

Die Frauen schrieben ein Theaterstück, in dem sie Ericks Geschichte aufarbeiteten. Das ganze Dorf kam zur Premiere. "An diesem Tag wurde ich neu geboren" , erzählt er. "Keiner hat sich danach je abfällig geäußert." Inzwischen haben sich auch andere Schwule und Lesben bekannt – auf dem Land in Brasilien sonst oft noch ein Tabu.

Das klingt nach sozialistischer Volkserziehung, wendet man ein. Aber Erick sieht das anders: Wie schon zum Matriarchat kamen die Dorfbewohner zur Akzeptanz von Homosexualität nicht über Theorien, sondern die persönliche Erfahrung. "Mir schadete die Diskriminierung, also beendeten wir die Diskriminierung gemeinsam. Wenn es um Liebe geht, muss sich nicht der Einzelne ändern, sondern die Gesellschaft."

Derzeit absolviert Erick ein Fernstudium für Informatik. Außerhalb seines Dorfes zu leben, kann er sich nicht vorstellen. "Ich habe es in São Paulo versucht. Die Menschen dort sind sehr einsam und egozentrisch. Wir dagegen umarmen uns ständig. Jeder hilft jedem. Hier bin ich ein kompletter, ein erfüllter Mensch."

Diese Worte fallen oft. Die Zitate der Bürger ähneln sich. "Wir denken nicht individualistisch", erklärt Flávia das Matriarchat. "Uns geht es als Einzelnen nur gut, wenn es allen gut geht."

Der Besuch aus der Hauptstadt

Die Bürgerinnen schwärmen von unendlicher Freiheit, aber zugrunde liegt ihrem Zusammenleben ein System rigider Regeln. Die Schule wird von Eltern geleitet, aber die Lehrer dort arbeiten ohne Lohn. Kaum jemand im Dorf ist krankenversichert, also müssen bei Operationen alle zusammenlegen. Die Bewohnerinnen wechseln oft die Häuser, sie übernachten am liebsten zusammen, bei einer Freundin oder einer Familie.

Man würde das wohl Kommunismus nennen, vielleicht Kollektivismus, aber solche Bezeichnungen sind den Frauen fremd. Manchmal wirkt es wie eine große WG aus 80 Häusern, wie gemacht für eine Realityshow.

Trotz ihres harten Einsatzes reicht es kaum zum Leben. Viele Männer arbeiten in der drei Autostunden entfernten Großstadt Belo Horizonte als Handwerker oder auf dem Großmarkt und kehren nur am Wochenende heim. "Es ist der große Traum von Mutter Delina, dass wir sie nach Hause holen, dass wir unsere eigene Industrie schaffen", sagt Flávia.

Am folgenden Tag steht die Rettung an. Der Staatssekretär für Tourismus braust in einem schwarzen Audi über die Sandwege den Hang hinauf. Ein jovialer, fülliger Mann, wie man ihn sich aus der brasilianischen Politik vorstellt. Ein Empfangskommando der Frauen singt ihm ein Lied, gescheitelte Kinder servieren das Festmahl, eine Szene wie aus Zeiten des Spätkolonialismus.

"Sind sie nicht rührende Wesen", sagt er, dem Reporter zugewandt. Dann sprudelt er los, als handele es sich um einen Eingeborenen-Stamm: "Die sind einzigartig, das muss man vermarkten. Die glücklichsten Menschen der Welt. Ich habe so was nur in Afrika gesehen. Ich will das Dorf entwickeln, eine Gondelbahn bauen, Hotels. Ein Freiluftpark des Matriarchats, einzigartig auf der Welt. Der Slogan: Hier finden Sie das Glück."

Der Staatssekretär wird zum wöchentlichen Kulturabend eingeladen, dem Höhepunkt in Noiva. Die Bewohnerinnen führen ein Theaterstück auf über die Befreiung von der Religion mit dem zentralen Satz: "Die Kirche predigt Liebe, in Wahrheit ist es Terror." Es folgt der Auftritt eines Lady-Gaga-Doubles und zweier Lokalstars der Countrymusik.

Dann wird es noch seltsamer. Bewohnerinnen betreten die Bühne und bitten öffentlich um Vergebung für Streits, die sie hatten. Es findet eine Art Dorfbeichte statt. Flávia verliest eine schwülstige Liebeserklärung an Mutter Delina – "Du, die Liebe in Person". Diese Momente der Anbetung wirken wie Gehirnwäsche, aber vielleicht ist das auch nur das Vorurteil eines zu misstrauischen Reporters.

Am letzten Abend bittet die Matriarchin zum Gespräch. Mutter Delina, 76, wohnt in einem einfachen Zimmer, das noch spartanischer ist als alle anderen. Auf dem Schoß hält sie eine große Schüssel und sortiert nebenbei die Tagesernte.

Ist diese erdrückende Liebe und Herzlichkeit nicht übertrieben?, fragen wir sie.

Sie blickt erstaunt. "Gar nicht. Es sind ursprüngliche menschliche Bedürfnisse. Nähe. Wärme. Liebe. Das wollen wir alle. Wir leben es nur oft nicht mehr aus."

Und dieses Modell vertreten Frauen besser?

"Bei uns hat sich das eher so ergeben – nach all der männlichen Tyrannei. Wir wollen mehr Menschlichkeit und leben das sehr bewusst." Vielleicht umso wichtiger in Zeiten neuer männlicher Autokraten?

Nun blickt sie ratlos. "Was soll das sein?"

Und in Zeiten von MeToo.

"Me too?", fragt sie.

Mutter Delina hat davon nichts gehört. Sie entschuldigt sich für ihre einfache Sprache, sie ist nur zur Grundschule gegangen.

Vielleicht funktioniert ihr Matriarchat nur, weil es abgeschnitten von der Welt gelebt wird?

"Das werden wir jetzt sehen", antwortet sie. "Die Isolation war nicht unser Wunsch. Unsere Kinder wurden in den Schulen geschnitten. Unsere Männer bekamen keine Arbeit. Wir wollen Ideen von draußen. Aber ich weiß nicht, ob euer Leben da draußen so viel besser ist."

Sie grinst nun, versöhnlich. Sie wirkt nicht wie ein Guru. Eher wie eine weise Frau mit dem Herzen am rechten Fleck.

Sehen Sie das Matriarchat von Noiva als Modell für eine bessere Welt?

Mutter Delina schaut einen nun prüfend an, als sei das die falsche Frage. Dann sagt sie: "Ich sehe es nicht mal als Matriarchat. Der Machismo ist nur so dominant, dass es gleich als Sensation gilt, wenn Frauen mal Entscheidungen treffen. Im Kern wünschen wir uns die Gleichberechtigung."