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Pressestimmen zur Griechenland-Krise: "Egal, wer gewinnt: Wir werden alle Verlierer sein"

Was sagt eigentlich Europa zur dramatischen Zuspitzung der Griechenland-Krise? Die wenigsten Medien haben noch Hoffnung, dass es ein Happy End geben wird. Die Pressestimmen im Überblick.

Zeitungen in Athen

Keine rosigen Aussichten: Die griechischen Zeitungen geben sich dennoch kämpferisch

"Libération", Paris

"Der Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone würde die Lage noch verschlimmern, vor allem für die Bedürftigsten. Den Griechen ist das bewusst. Trotz der immer noch bestehenden Popularität der linksgerichteten Syriza-Regierung in Athen sind sie massiv für den Euro, und nach ersten Umfragen würden sie den europäischen Plan billigen. Die anderen Euro-Länder hoffen noch das Schlimmste zu vermeiden - den Grexit - oder noch Schlimmeres, das heißt das Risiko eines Abdriftens eines Landes aus der EU hinaus, dessen geostrategische Position angesichts des völligen Chaos im Nahen Osten noch nie so wichtig war."

"Le Figaro", Paris

"Mit Ausnahme Griechenlands haben sich alle, Irland, Portugal, und Spanien, im Eiltempo reformiert, um den Euro zu behalten. Die Anstrengungen waren erfolgreich. In Spanien ist die Arbeitslosigkeit zwar noch hoch, doch die Wirtschaft wächst wieder, Ausländer investieren, und der Export nimmt jeden Monat ein wenig zu. Wenn Griechenland in der Eurozone bleiben will, muss das Land die dringenden und schmerzhaften Reformen durchsetzen, die öffentlichen Ausgaben senken und Wettbewerbsfähigkeit schaffen.  Regierungschef Alexis Tsipras glaubt nicht daran und schlägt seinem Volk einen großen Sprung ins Unbekannte vor. Die Griechen werden am kommenden Sonntag ihre Wahl treffen."


"Die Presse", Wien

"Ein gemeinsames Europa, in dem Regierungen nur noch die von ihnen selbst verursachte Verwirrung der Bevölkerung mit immer neuen Worthülsen bedienen, wird wohl auch in Zukunft nicht funktionieren. Ob es um Budgetkürzungen oder Schuldenabbau geht, es fehlte der politische Mut. Wirtschaftlich wird es noch keine Katastrophe sein, wenn sich Griechenland nicht mehr im Euro hält. Für die internationale Glaubwürdigkeit der Europäischen Union wäre ein solches Ergebnis der Verhandlungen - wenn es so bleibt - aber ein erheblicher Schaden."

"Hospodarske noviny", Prag

"Alexis Tsipras hat sein Volk betrogen. Zu Beginn des Jahres war er mit dem Versprechen angetreten, Griechenland in der Eurozone zu halten und die Gläubiger zu Änderungen der Zahlungsbedingungen zu bewegen. Doch seine weitreichenden Sozialprogramme sind mit den Forderungen der Gläubiger nicht unter einen Hut zu bringen. Tsipras hätte schon im April oder Mai zurücktreten müssen, um eine Regierung an die Reihe zu lassen, die sich mit Europa hätte einigen können. Stattdessen ging er bis zum bitteren Ende und hatte sogar noch die Dreistigkeit, ein völlig überflüssiges Referendum auszurufen. Vielleicht verstehen die Griechen nun endlich, dass Tsipras die Fähigkeiten für den Job als Regierungschef abgehen."


"Pravda", Bratislava

"Was soll an der Referendums-Ankündigung von Alexis Tsipras überraschend sein? Dass die europäischen Politiker gemeinsam den griechischen Regierungschef in die Ecke trieben, ohne im Voraus festzustellen, wie diese Ecke aussehen wird? Die gegenwärtige Situation muss noch immer nicht den automatischen Austritt Griechenlands aus der Eurozone bedeuten. Sie rückt aber den Tag wieder näher, an dem den Griechen der Austritt annehmbarer scheint als die heutige Ungewissheit des Diktats europäischer Technokraten."

"La Repubblica", Rom

"Die Entscheidung der Regierung Tsipras, ein Referendum zu den Reformvorschlägen der Eurogruppe einzuberufen, könnte schlimme Konsequenzen sowohl für Griechenland als auch für die EU haben. Die Situation ist schnell allen aus der Hand gerutscht - in einem Teufelskreis, der am Sonntagabend zu der Ankündigung geführt hat, dass die Banken geschlossen bleiben. Ausgelöst durch die Ankündigung von Tsipras, ein Referendum abzuhalten, das von den Geldgebern als Abbruch der Verhandlungen interpretiert wurde. So lange und komplexe Verhandlungen bricht man nicht in letzter Minute einfach so ab - es sei denn, man ist absolut überzeugt, der Gegenseite nicht mehr vertrauen zu können."

"New York Times", New York

Es wird jetzt Zeit, der Griechenland-Krise mehr Aufmerksamkeit zu schenken, denn die kommenden Tage werden das Projekt des geeinten Europas umwälzen Und es ist kaum absehbar, wie genau diese Umwälzung aussehen wird. Die europäischen Institutionen und Politiker handeln vielleicht nicht fair, demokratisch oder gar fehlerfrei - aber sie sie halten die Fäden in der Hand, und die Griechen haben nur die Wahl zwischen zwei schlechten Alternativen.


"Gazeta Wyborcza", Warschau

"Ein Teil der Griechen meint, dass es in der Abstimmung darum geht, ob der Gürtel enger gespannt werden soll oder nicht. Jeder will ein höheres Lebensniveau, daher ist nicht ausgeschlossen, dass die Mehrheit für den Vorschlag der Regierung stimmt. Vielleicht gelangt die Mehrheit aber auch zu dem Ergebnis, dass hinter den technischen Dingen sich die einfache Wahl verbirgt: Sind wir für den Verbleib in der Eurozone oder nicht? Die Mehrheit ist für den Verbleib, denn das Verlassen der gemeinsamen europäischen Währung und die Übernahme der nationalen Drachme wird den Verlust eines Teils der Ersparnisse, Inflation und Minderung der Einkommen bedeuten."

"De Telegraaf", Amsterdam

"Für Europa bedeutet es vor allem politischen Schaden. Der Euro sollte die Krönung des europäischen Projekts sein. Inzwischen scheint es seine größte Schwachstelle zu sein. Wenn ein Land aus dem Euro tritt, weiß keiner absolut sicher, ob nicht noch mehr Länder folgen werden. Griechenland kommt dann auch als feste Größe der Europäischen Union ins Wanken. Die Amerikaner werden das mit Entsetzen registrieren. Denn ein instabiler Nato-Partner am Rande Europas ist für sie nicht wünschenswert. Europa steht am Rande und schaut zu. Was können die politischen Führer auch anderes tun nach monatelangem Reden? Am Ende entscheidet jedes Land selbst über sein Schicksal. Aber die Folgen sind enorm. Dies geht nicht nur Griechenland an. Dies ist ein großes europäisches Problem."

"The Times", London

"Die Spekulationen über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone nehmen jetzt zu. Die Regierungen der Eurozonen-Länder werden diese Entwicklung kaum verhindern und ansonsten beobachten, wie die Regierungspartei Syriza die griechische Bevölkerung weiter verarmen lässt. Da es unmöglich ist, die Drachme wiedereinzuführen, dürfte ein negatives Votum bei der Volksabstimmung Griechenland zu einer Art Montenegro werden lassen: kein Mitglied der EU oder der Eurozone, doch ohne eigene Währung und mit dem Euro als Währung. Trostlose Aussichten für ein stolzes und unabhängiges Land, das eine ideologisch gesteuerte und völlig wertlose Regierung in knapp sechs Monaten zu Boden gebracht hat."

"Neue Zürcher Zeitung", Zürich

"Ungeachtet der nun zu erwartenden Turbulenzen: Langfristig kann die Zäsur eine reinigende Kraft entfalten für den Euro-Raum. Endlich nimmt Brüssel etwas Abstand vom schleichend umgesetzten Konzept einer Haftungsunion. Dass daher Zweifel an der Irreversibilität des Währungsverbundes aufkommen, muss nicht schlecht sein. Den Euro-Staaten wird in Erinnerung gerufen, dass man sich die Mitgliedschaft in der Währungsunion stetig verdienen muss, mit solider Finanzpolitik. Vielerorts hat man diese Lektion gelernt, etwa in Irland, Spanien und Portugal. Es ist zu hoffen, dass die Botschaft endlich auch in den Schlüsselstaaten Frankreich und Italien ankommt. Die Euro-Zone würde dann gestärkt aus dem derzeitigen Drama hervorgehen."

Die griechischen Zeitungen – ob links, gemäßigt oder konservativ - geben sich vor allem kämpferisch:

Die konservative "Kathimerini" schreibt: "Tsipras drängt uns zu einer Entscheidung, die uns sehr wohl aus Europa herausführen wird. Die Griechen aber sind mündig und werden sich keine Angst machen lassen.

Das Syriza-Blatt "Avgi" titelt schlicht: "Nein!"

Die linke Zeitung "Efimerida ton Syntakton" zeigt die Zeichnung eines Mannes, der ein Banner hochhält, mit Wort Würde darauf.

Auf der Seite "Protagon" schreibt der bekannte Autor Nikos Dimou: Alexis Tsipras hat sich selbst in den Fuß geschossen. Lose-Lose. Egal wer gewinnt, wir werden alle Verlierer sein."

nik / Reuters / DPA / AFP