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Kurden im Nordirak: Der Traum der Kämpfer

Sie trotzen Saddam, leben fern von Bagdad und profitieren von der Schwäche des Diktators. Mit ihrem Wunsch nach einem eigenen Staat könnten sie Bush in die Quere kommen.

Frischer Schnee liegt auf den Bergen, reicht beinahe hinunter bis ins Grün der Täler. Die Sonne lässt das Eis der Nachtfröste knacken. Tariq sagt nicht viel und lächelt selten. Tariq, der ExPeshmerga, wie die Kurden ihre "dem Tode geweihten" Kämpfer nennen, chauffiert uns durch die wilde Landschaft des Nordirak. Tariq, der jahrelang in Eiseskälte und staubiger Hitze gekämpft, der getötet und seinen Bruder im Krieg gegen die irakische Armee verloren hat, will ein unabhängiges Kurdistan. Auch wenn alle Politiker der beiden herrschenden Parteien beschwören, sie wollen selbst verständlich als autonome Provinz im Irak verbleiben.

Tariq hat eine Lieblingskassette: Stundenlang hören wir die Filmmusik von "Titanic", immer wieder singt Céline Dion bei der Fahrt durch die schroffen Berge vom Ozean und von der Enttäuschung, nie das zu bekommen, was man sich am innigsten ersehnt. Nein, sagt Tariq, das Meer habe er noch nie gesehen. Aber warum nicht davon träumen? Jahrzehntelang haben die Zentralregierungen in Bagdad versucht, die Kurden zu unterwerfen. Saddam Hussein ließ Ende der achtziger Jahre Tausende Dörfer niederbrennen, ordnete ethnische Säuberungen an, befahl, Giftgas einzusetzen. Weit mehr als 100 000 Menschen starben, bis heute gibt es Flüchtlingslager rund um die Städte.

Dann kam der Golfkrieg. 1991, als die Alliierten Saddam erst militärisch besiegten, aber schließlich doch an der Macht ließen; als Washington die Iraker erst zum Aufstand gegen Saddam ermutigte und sie dann den Massakern der Republikanischen Garden auslieferte. Ein Gutes aber hatten die Wirren: Beschützt von UN-Sanktionen, Flugverbotszonen und amerikanischem Militär entstand das autonome Kurdistan -eine rund 40 000 Quadratmeter große Enklave für knapp vier Millionen Menschen ohne völkerrechtliche Souveränität, ohne Flughafen, ohne eigene Währung. Aber frei.

Ein virtueller Staat hat sich entwickelt:

Die Mobiltelefongesellschaften laufen über angemietete Leitungen des britischen Telefonnetzes, Kurdistan hat dieselbe Ländervorwahl wie England: 0044. In den Städten haben Dutzende von Internetcafés eröffnet und eKurd-Net zu einem florierenden Unternehmen gemacht, dessen Hauptserver in Schweden und England stehen. Während das Nachbarland Syrien selbst Mailbetreiber wie Hotmail und Yahoo blockiert und im Irak das ohnehin kümmerliche Netz überwacht und oft wochenlang lahmgelegt wird, ist in Kurdistan keine einzige Website gesperrt. Was Geschäftsleute selbst aus Bagdad anlockt und die Internetcafé-Betreiber dazu gebracht hat, regelrechte Kabinen um die Computer zu bauen, damit die User sich in Ruhe auch Pornobilder anschauen können.

Die Kurden besitzen ein eigenes Parlament und zwei Regionalregierungen, eine in Erbil im Westen, eine in Suleimaniye im Osten. Nach Kurdistan fließen 13 Prozent der Milliardeneinnahmen aus den Erdölverkäufen, die dem Irak unter Aufsicht des Oil-for-Food-Programms erlaubt sind. Obendrein wetteiferten in den vergangenen Jahren alle UN-Hilfswerke darum, Kurdistan wieder aufzubauen. Die Straßen sind gesäumt von blau-weißen Hinweisschildern, dass hier mit UN-Hilfe Wasserleitungen gebaut wurden, Dörfer - bis hin zu den Blumenrabatten vorm "Zollamt" von Ibrahim Chalil, wo Tag und Nacht Tanklaster mit geschmuggeltem Öl an allen UN-Resolutionen vorbei in die Türkei rollen. Universitäten, Schulen, lokale Fernsehsender sind entstanden. Niemand wünscht sich das Regime aus Bagdad zurück. Und genau da beginnt die Tragik: Einen Krieg Amerikas gegen Saddam Hussein würden die meisten begrüßen. Aber was würde aus ihrer Unabhängigkeit, die sie im Windschatten des zwölf Jahre währenden Ausnahmezustands zwischen Krieg und Frieden genießen?

Offiziell beschwören sowohl die kurdischen Politiker der Demokratischen Partei Kurdistans (KDP), die vom Clan der Barzani geführt wird, als auch die der Patriotischen Union Kurdistans (PUK), die den Talabani untersteht, die Aussicht auf einen demokratischen, föderalen Irak. Aber wie wenig von rosigen Parolen zu halten ist, haben sie selbst vorgeführt: Nachdem Saddams Truppen vertrieben waren, führten die beiden vier Jahre lang Krieg gegeneinander, spalteten das Land in ein Barzanistan und ein Talabanistan, bis sie sich 1998 unter US-Vermittlung auf einen Waffenstillstand einigten.

Um nun zu zeigen, dass sie

- im Gegensatz zu allen anderen - schon ein Stückchen freien Iraks beherrschen, haben beide Parteien für Mitte Februar irakische Oppositionsgruppen aus der ganzen Welt zur Konferenz nach Erbil geladen. Doch dann beginnt jeder Morgen mit einer Pressekonferenz, auf der wechselnde Fraktionen von Demokratie und einer blühenden irakischen Zukunft reden, bevor sie bedauernd mitteilen, dass der Konferenzbeginn abermals verschoben werden müsse: Das Wetter sei schuld, ein Schneesturm in Washington, unpassierbare Bergstraßen in Kurdistan. Die Türken seien schuld. Die Amerikaner seien schuld.

Die Lobby des edlen Chwar-Chra-Hotels in Erbil mit ihren wuchtigen Sofas wird zum Basar für Politik und Geschäfte: Mullahs in ihren Roben stecken die Turbane zusammen, kurdische Ex-Kommandanten in schlecht sitzenden Anzügen beraten neben irakischen Ex-Generälen, dazwischen die Paten des Schmuggels von Waren und Menschen. "Schweden ist jetzt offen", brüllt einer in sein winziges Mobiltelefon, und der reichste Geschäftsmann von Erbil möchte auf gar keinen Fall hier fotografiert werden: Das wäre schlecht für seine Geschäfte in Bagdad.

Doch während vor den Mikrofonen einträchtig

dieselben Phrasen feilgeboten werden, drängeln hinter den Kulissen alle um die beste Startposition für die Stunde null: Die Schiiten, mehr als die Hälfte der irakischen Bevölkerung, wollen mehr Sitze in allen Gremien. Die Kurden wollen ihre Autonomie behalten. Die Ex-Generäle und die "Bewegung der Nationalen Eintracht" aus geflohenen Anhängern von Saddams Baath-Partei wollen am liebsten, dass fast alles so bleibt, wie es ist - nur mit ihnen an der Spitze anstelle Saddams. Und Ahmed Chalabi, der Chef des Iraqi National Congress, des Oppositionsrats, der vor allem aus ihm selbst besteht, hat seinen einstigen Gönnern in Washington schon Aufstände angedroht für den Fall, dass die Amerikaner in Bagdad ihre eigene Militärregierung einsetzen - anstatt ihn zum Präsidenten zu machen.

Als der türkische Außenminister in Ankara auch noch verkündet, man werde mit einer Armee von 60 000 Mann in den Nordirak einrücken und die Peshmergas müssten entwaffnet werden, wird die Lage vollends grotesk: "Wir werden kämpfen, und zwar gegen die Türken!", verkünden unisono die beiden kurdischen Parteien. Ihr Parlament verdammt in einer Sondersitzung jede Einmischung der Türkei, bei Demonstrationen in Suleimaniye brennen türkische Fahnen. Das türkische Militär, das seit fast 20 Jahren gegen kurdische Separatisten im eigenen Land kämpft, möchte einen kurdischen Staat verhindern. Aber in Wahrheit geht es um mehr, um eine Stadt am obersten Rand von Saddams Restirak: Kirkuk.

Wem gehört Kirkuk? Uns, sagen die Kurden.

Uns, sagen die Türken, die auf alte Rechte aus osmanischer Zeit verweisen. Uns, sagen die Machthaber in Bagdad, und dasselbe wird jede kommende irakische Zentralregierung sagen. Denn rund um die uralte Stadt mit arabischen, kurdischen und türkischstämmigen Einwohnern liegen die zweitgrößten Ölfelder des Irak. Jeder kann Rechte an Kirkuk geltend machen. Und jeder will die Macht für sich. Seit Jahren betreibt Bagdad in Kirkuk ein Programm der ethnischen Säuberung: Kurden, die früher fast die Hälfte der Bewohner ausmachten, müssen ihre Identität wechseln und Araber werden - oder Platz schaffen für Umsiedler aus Bagdad.

Kilometerweit erstrecken sich im aufgeweichten Lehm des Lagers von Banislawa Hütten und Zelte, die Planen knattern im Wind. Hierhin, an den Stadtrand von Erbil, kommen die Vertriebenen. Seit einem Jahr lebt Sheima, 23, mit 13 Verwandten in einem Zelt - ihrem Mann, ihren Kindern, der Familie ihres Bruders, ihrer Mutter und deren Mann. "Wir haben nicht einmal Geld, um Steine für ein Haus zu kaufen." Ihr halbes Leben hat sie auf der Flucht verbracht, erst im Iran, nun haust sie hier. Drei Jahre lang ist sie noch zur Schule gegangen in Kirkuk, und in der Erinnerung wächst ihr Haus dort zum Palast, "es gab Zimmer, einen Garten, einen Granatapfelbaum, es war wunderschön!"

Ein paar Stellplätze weiter sind frisch aus Kirkuk Vertriebene angekommen: Shkour Ahmed, ein rundlicher Hüne mit Schnauzbart, war Wächter im Schulamt der Stadt. Bis er sich weigerte, in die Partei einzutreten: "Meine einzige Chance danach wäre gewesen, mich als Araber registrieren zu lassen und meinen Namen zu ändern. Ich habe mich geweigert." Tage später, Anfang Februar, standen Soldaten vor der Tür, zeigten ihm den Deportationsbescheid. Er floh mit seiner Familie, getreten und geohrfeigt von den Soldaten, aller Habe beraubt und nur aus Barmherzigkeit von einem Taxifahrer bis zur Grenze gebracht. Dabei hat er noch Glück gehabt: Sein Schwager wurde schon vor neun Jahren hierher vertrieben. Er hat ihm einen seiner beiden Verschläge freigeräumt. Nun hausen sie zu siebt in einem Raum, in dem sogar ein Fernseher steht, alles getaucht in blaues Licht, das durch die Plane in den Fensterlöchern fällt.

Hier gibt es nicht viel außer Kälte im Winter

und Hitze im Sommer, aber dafür die Hoffnung, sich aufzumachen gen Süden, sobald die Grenze gefallen ist: "Eine Stunde, und wir sind hier weg", sagen Shkour, Sheima und alle anderen: "Wir werden sofort zurückkehren!" Und die neuen arabischen Bewohner ihrer alten Häuser? "Die müssen raus!"

An Kirkuk allein kann jede irakische Nachkriegsordnung scheitern. Mit Unterstützung aus Ankara kündigt die radikale Turkmenische Front in Erbil ungefragt im Namen aller Turkmenen in Kurdistan bereits an, gegebenenfalls die türkische Armee um Schutz und Einmarsch zu bitten. Der Krieg hat noch nicht einmal begonnen, aber schon werden die Frontlinien eines nachfolgenden Bürgerkriegs sichtbar. "Wenn die Türken tatsächlich einmarschieren, wird es zu unkontrollierbaren Kämpfen kommen", prophezeit Hosyar Zebari, Sprecher der KDP, und sein PUK-Kollege pflichtet ihm bei. Niemand redet mehr über Saddam und darüber, was nun aus dem eigentlichen Krieg werden soll.

Und dann sind da noch die al-Qaeda-Kämpfer

, die nach dem Afghanistankrieg in die Gebirgsenklave an der Grenze zum Iran geflohen sind. 700 sollen es sein. Am Mittwoch vergangener Woche gegen elf Uhr mittags riss am Checkpoint von Halabja der erste kurdische Selbstmordattentäter drei Kontrollposten und einen Taxifahrer mit sich in den Tod. Ein mörderischer Krieg. Allein, der mit grenzenlosem Hass verfolgte Feind ist nicht Amerika, nicht Israel, nicht der Westen, nicht einmal der "New York Times"-Korrespondent, der es bis in die Dörfer geschafft hat. Ziel der Attacken sind die kurdischen Nachbarn, die gottlosen Kosmetiksalons von Suleimaniye, die Picknickplätze, die Frauen ohne Schleier.

Darum stimmt der Zirkelschluss nicht, den US-Außenminister Colin Powell vor der UN-Vollversammlung darzulegen versuchte: dass Saddam Hussein das dämonische Hirn hinter al Qaeda sei. Der hat sie nur benutzt - allerdings nicht, um Osama bin Ladens Dschihad zu fördern, sondern um die kurdischen Regierungen zu schwächen. Nach bewährtem Muster: Stärke die Feinde deiner Feinde.

Währenddessen geht in Erbil ein seltsamer Frieden weiter mit manchen überraschenden Begegnungen. Die irakische Luftwaffe greift an. Erringt trotz erbitterter Gegenwehr der Kurden einen ersten Sieg gegen Erbil. Erst spät gelingt den Kurden eine letzte erfolgreiche Offensive. Doch die Niederlage können sie nicht mehr abwenden. "Aber der Schiedsrichter war fair", urteilt der ehemalige Peshmerga und heutige Kindergärtner Kamran, "und das, obwohl er aus Bagdad stammt." 2:1 ist das Auswärtsspiel des Vereins der Luftwaffe aus Bagdad gegen den Fußballclub Erbil ausgegangen vor 20 000 Zuschauern, die sich friedlich zerstreuen, während die Kicker der Luftwaffe im Bus zurück nach Bagdad fahren.

Der Krieg gegen Saddam Husseins Regime mag nur noch Wochen entfernt sein - aber bis es so weit ist, spielen die Mannschaften beider verfeindeter Landesteile weiter in einer Liga, passieren die Spieler unbehelligt die schwer gesicherte Demarkationslinie. "Krieg ist Krieg, Sport ist Sport", sagt Kamran, der in den achtziger Jahren mehrere irakische Soldaten erschossen hat und sich freut, dass Erbil nach der Niederlage gegen die Luftwaffe wenigstens am vergangenen Freitag gegen den Bagdader Club "Erdöl" 1:0 gewonnen hat. Auch, wenn das Siegtor ausgerechnet von Ahmed Judea geschossen wurde, einem Araber, den Erbil unlängst in Bagdad einkaufte.

Kurdistan ist nicht bloß verfeindet mit Saddams Reich

, es ist auch ebenso verstrickt mit ihm. Es verdankt nicht nur seine Existenz der Schwebe des Ausnahmezustandes, sondern bestreitet überdies seinen Staatshaushalt damit. Solange die irakischen Ölexporte dem UN-Embargo unterworfen sind, ist der Ölschmuggel ein derart profitables Geschäft, dass alle Feinde gemeinsam daran verdienen: Saddams Sohn Uday kontrolliert den illegalen Export ins kurdische Gebiet, die Regierung von Massud Barzani kassiert pro Tag bis zu drei Millionen US-Dollar Wegezoll, und auch die türkischen Abnehmer auf der anderen Seite verdienen noch kräftig. Überhaupt ist der Schmuggel der florierendste Wirtschaftszweig Kurdistans. Zigaretten und Alkohol werden aus der Türkei über die zerklüfteten Berge von Trägern in den Iran gebracht, Autoersatzteile und Fernseher aus iranischer Produktion nehmen die Gegenrichtung, und selbst die Gasmasken und Kalaschnikows auf dem Basar in Suleimaniye, die dem Schutz bei Angriffen der irakischen Armee dienen sollen, stammen aus Beständen eben dieser Armee.

Es ist ein Land mit verworrenen Fronten und Allianzen, in dem ein erklärter Gegner nicht unbedingt ein Feind und ein Verbündeter kein Freund sein muss. Das bekommen auch die Amerikaner zu spüren, als in den letzten Februartagen die Oppositionskonferenz doch noch stattfindet: Die wichtigsten Gruppen gründen gegen den Willen Washingtons ein sechsköpfiges Führungsgremium. Das möchte die Macht in Bagdad übernehmen und spricht sich seinerseits gegen amerikanische Pläne aus, in Bagdad erst mal ein US-Regime zu etablieren. Ankara zieht derweil immer weitere Einheiten an der irakisch-türkischen Grenze zusammen.

Nahe dem alten Militärflughafen von Barmerni

, wo schon seit sechs Jahren türkische Panzer aus dem Feldzug gegen die PKK stehen, führt eine Eisenbrücke über den Fluss Habur. Am Hang darüber bewachen zwei Peshmergas den strategisch wichtigen Übergang. "Vale", Nicken, "Vale", ja, "wenn hier feindliche Truppen einrücken, werden wir kämpfen!" Aber gegen wen? "Gegen die Türken." Was denn aus ihrem alten Feind Saddam geworden sei? "Ach, Saddam. Der kommt nicht mehr."

Etwas unsicher sind sie nur, wie lange sie einer Panzertruppe standhielten. Aslan Abdelqader und Asad Khan Moza sind beide um die 60. Andererseits haben sie ihr ganzes Leben "nichts anderes getan als zu kämpfen". An den Wänden ihrer Unterkunft hängt ein ganzes Waffenarsenal: mehrere Kalaschnikows, ein schweres Maschinengewehr, ein Granatwerfer.

"Seit 1963 bewachen wir beide diese Brücke", die zwischendurch schon dreimal zerstört wurde, "und nichts wird uns davon abhalten, es weiterhin zu tun!", verkündet Aslan und rührt entschlossen in seinem sirupsüßen Tee. Falls die Brücke nun ein viertes Mal zerschossen werde, "dann ziehen wir uns eben in die Berge zurück und kämpfen von dort aus weiter". Unten rauscht der Fluss, und bruchstückhaft weht durch die offene Autotür Tariqs Lieblingskassette herüber. Céline Dion singt vom Ozean, der so fern liegt. Und von der Sehnsucht danach.

Christoph Reuter / print