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Parlamentswahl in Griechenland Planlos bei 31 Grad


Kurz vor der Wahl ist Griechenland erstarrt. Die Menschen räumen ihre Konten, zahlen keine Rechnungen mehr. Und die beiden Ministerpräsidenten-Kandidaten wissen auch nicht weiter.
Von Andreas Albes

Kräftiger Nordwind und gemäßigte 31 Grad sind für Sonntag in weiten Teilen Griechenlands vorhergesagt. Anfang der Woche noch lähmte die erste Hitzewelle des Sommers die Menschen oder machte sie aggressiv. Bei dieser Wahl spielt alles eine Rolle. Auch das Wetter. Das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden führenden Parteien dürfte so knapp werden, dass schon entscheidend sein kann, wie die Temperatur aufs Gemüt schlägt.

Es stehen sich gegenüber: Der Shootingstar der griechischen Politik, Alexis Tsipras, 37, Spitzenkandidat des linksradikalen Parteienbündnisses Syriza. Und: Antonis Samaras, 61, krisenerfahrener Politveteran und Vorsitzender der konservativen Nea Dimokratia. Tsipras verspricht den Menschen, nach seinem Sieg sämtliche Sparabkommen mit Griechenlands internationalen Kreditgebern umgehend zu annullieren. Samaras will den Sparkurs fortsetzen und droht: "Wer Tsipras seine Stimme gibt, riskiert die Zukunft unserer Kinder."

Während die ganze Welt auf den Ausgang dieses Zweikampfes wartet, ist Griechenland wie erstarrt. Die Menschen heben ihr Euro-Erspartes von den Konten ab - bis zu 800 Millionen pro Tag - und bezahlen seit Wochen weder Rechnungen noch Steuern. Aus Ungewissheit, ob ihr Land in ein paar Tagen überhaupt noch Mitglied der Euro-Zone ist.

Die Wahl am 6. Mai war eine Protestwahl. Damals gaben die Menschen ihre Stimme Alexis Tsipras, um mit dem korrupten und heruntergewirtschafteten System abzurechnen. Der kommende Urnengang ist eine Wahl der Angst. Beiden gemeinsam ist, dass die Griechen ihre Entscheidung mehr nach Gefühlslage als nach rationalen Erwägungen richten. Eine Wahl wie ein Lotteriespiel.

Tsipras setzt auf tatenlose Geldgeber

Die Kandidaten passen dazu. Denn beide haben kein Rezept zur Lösung der Krise. Sie können es nicht haben. Denn das Schicksal des Landes liegt längst nicht mehr in der Hand der griechischen Regierung. Darüber entscheiden andere - in Berlin, Brüssel, New York. Für die neuen Machthaber in Athen geht es vor allem um die Frage, wie man mit denen umgehen soll, an dessen Finanztropf man hängt.

Tsipras setzt darauf, dass die Geldgeber der Troika (EU, Zentralbank und Währungsfond) Griechenland nie und nimmer fallen lassen werden. Dass weder die Aufkündigung des Sparabkommens noch die von ihm angekündigte vorläufige Einstellung des Schuldendienstes irgendwelche Konsequenzen haben werden. Seiner Meinung nach ist Griechenland für die Euro-Zone so wichtig, dass die Gläubiger eine Rückkehr zur Drachme nicht zulassen werden.

Die Griechen würden natürlich alle am liebsten Tsipras glauben. Weniger sparen, keine Rentenkürzungen, keine Entlassungen im Staatsdienst, mehr Sozialleistungen - das klingt gut. Und so paradox es in den Ohren anderer europäischer Steuerzahler klingen mag: Tsipras' Strategie könnte aufgehen. Seit seinem überraschenden Wahlerfolg im Mai mehren sich in Europa die Stimmen, dass Griechenlands Sparfesseln gelockert werden müssen. Und auch Samaras verspricht den Wählern nun, das Sparabkommen zwar nicht aufzukündigen, aber immerhin neu zu verhandeln. Tatsache ist: Da das Land praktisch keine Industrie hat und die Wirtschaftsleistung fast ausschließlich vom Inlandskonsum abhängt, haben die Sparmaßnahmen für einen Kollaps der Wirtschaft gesorgt. Und dieser Kollaps wird weitergehen, wenn nicht in die Wirtschaft investiert wird.

Das Volk traut weder Medien noch Politikern

Den Umfragen zufolge liegen Syriza und Nea Dimokratia bei plus minus 30 Prozent. Griechenlands Zeitungen und TV-Sender sind mehrheitlich auf der Seite Samaras'. Doch den Medien traut das Volk so wenig wie seinen altgedienten Politikern. Schließlich gehören die großen Medienhäuser jenen, die jahrelang vom korrupten Regierungsapparat profitierten. Hört man die Menschen auf der Straße, glaubt man fast, ganz Griechenland wird am Sonntag Tsipras wählen. Sogar Kinder toben durch die Straßen und schreien "Stimmt für Syriza".

Der Hype um Tsipras gleicht dem um einen Popstar. Der smarte Spitzenkandidat wird von Journalisten aus aller Welt verfolgt. Er brachte es auf die Titelseiten internationaler Magazine, wurde von CNN-Starreporterin Christiane Amanpour interviewt. Er gibt den Griechen endlich wieder die Chance, stolz auf ihr Land zu sein. Und das ist für so manchen wichtiger, als den richtigen Weg aus der Krise zu finden.

Samaras dagegen steht für das alte verhasste System. Er entstammt einem mächtigen Politiker-Clan. Seine Partei war - ebenso wie die bis November regierende sozialistische Pasok - in reihenweise Korruptionsskandale verwickelt. Von Samaras heißt es, er sei förmlich besessen von dem Wunsch Premierminister zu werden. Dass er das Wissen und die Fähigkeit dazu hat, bestreitet kaum jemand. Doch anders als Tsipras fehlt ihm jegliches Charisma. Er ist kein guter Redner, seine Auftritte sind hölzern. Und selbst unter den Nea Dimokratia-Anhängern ist er nicht beliebt. Wer Samaras wählt, spricht nicht darüber.

Tsipras sagt offen, dass er sich noch nicht bereit fühlt für das Amt des Regierungschefs. "Aber ich lerne schnell", fügt er dann hinzu. Noch größer jedoch dürfte die Schwierigkeit sein, aus Syriza eine regierungsfähige Partei zu machen. Denn das Bündnis besteht aus elf verschiedenen Gruppierungen, die ideologisch teils tief zerstritten sind - von Maoisten über Antikapitalisten bis hin zu Feministen. Schon die mit Sicherheit nötigen Koalitionsverhandlungen versprechen chaotisch zu werden.

All das wissen die griechischen Wähler, wenn sie am Sonntag über das Schicksal ihres Landes, ja womöglich der ganzen EU abstimmen. Mögen sie bei 31 Grad und Nordwind einen kühlen Kopf bewahren.


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