Petersburger Wirtschaftsforum
Drohnen und Rauch überschatten Putins Wirtschaftsforum

In weiten Teilen der Millionenstadt an der Newa waren nach dem ukrainischen Angriff Rauchschwaden zu sehen. Foto: Ulf Mauder/dpa
In weiten Teilen der Millionenstadt an der Newa waren nach dem ukrainischen Angriff Rauchschwaden zu sehen. Foto
© Ulf Mauder/dpa

Debattieren Sie mit!

  • Mit stern-Account aktiv an allen Debatten teilnehmen und kommentieren.
Jetzt registrieren
Russland will bei seinem internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg vor der Welt glänzen. Ein Drohnenschlag der Ukraine setzt aber eine Ölraffinerie in Brand. Schwarzer Rauch zieht auf.

Ein ukrainischer Drohnenschlag gegen St. Petersburg hat vor dem Wirtschaftsforum von Kremlchef Wladimir Putin schwarzen Rauch über der sonnigen Millionenmetropole aufziehen lassen. Am frühen Morgen, als weiter Gäste für das bis Samstag angesetzte Großereignis eintrafen, gab es mehrere Stunden Drohnenalarm. Eine Ölraffinerie am Hafen wurde getroffen und geriet in Brand. In der Ukraine lobte Präsident Wolodymyr Selenskyj seine Drohnenstreitkräfte - und wollte damit wohl ein weiteres Zeichen der Stärke in Russlands Angriffskrieg senden.

Auf Videos und Bildern hielten Anwohner Feuer und riesige Rauchsäulen fest, die etwa aus den Ölzisternen im Hafengelände stiegen. „Achtung! Es besteht Drohnengefahr auf dem Gebiet von St. Petersburg, möglich sind Störungen des mobilen Internets“, hieß es in der versandten SMS.

Der Gouverneur von St. Petersburg, Alexander Beglow, bestätigte bei Telegram lediglich einen Angriff auf Infrastruktur. „Es sind einige Objekte beschädigt worden. Momentan läuft die Beseitigung der Folgen.“ Konkrete Angaben zu den Schäden machte er nicht. Alle Einsatzkräfte sind seinen Angaben nach in erhöhter Bereitschaft. 

Beglow schrieb zudem, dass mehrere Menschen Verletzungen erlitten hätten. Es gebe aber keine Toten, betonte er. Im Umland der Millionenstadt haben Drohnentrümmer zudem Behördenangaben nach vier Einfamilienhäuser leicht beschädigt. 

Drohnentreffer kommt für Putin zur Unzeit

Am ersten Tag des St. Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum (SPIEF), das vor allem in einem Messegelände außerhalb der Stadt läuft, entging der Angriffe kaum jemandem. Die Rauchschwaden waren weithin sichtbar über der Altstadt, die zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. 

Für Putin kommt diese neuerliche Attacke, noch dazu auf eine Ölraffinerie in seiner Heimatstadt, zur Unzeit. Der Kremlchef richtet das Treffen für Unternehmer und Wirtschaftsvertreter aus Dutzenden Ländern seit über 20 Jahren als Schaubühne aus. In Kriegszeiten will er auch zeigen, dass Russland trotz finanzieller Probleme, Rüstungswirtschaft und westlichen Sanktionen nicht in die Knie geht. Putin zeigt sich immer wieder siegessicher in seinem Krieg. Dagegen sieht die Ukraine mit ihren Schlägen gegen die russische Ölindustrie, die für Putins Kriegsfinanzierung wichtig ist, den Konflikt an einem Wendepunkt.

An dem Wirtschaftsforum selbst ist das westliche Interesse deutlich zurückgegangen, seit Putin vor über vier Jahren den Krieg gegen die Ukraine befohlen hat. In diesem Jahr hofft der Kreml auf eine Rückkehr von Unternehmern aus Europa und den USA. Tatsächlich sind neben der amerikanischen Handelskammer auch deutsche Unternehmer vor Ort. Die deutsch-russische Auslandshandelskammer richtet erstmals wieder selbst eine Veranstaltung aus. Auch Bundestagsabgeordnete der AfD sind als Gäste anwesend. Sie reisten gegen den Rat des Auswärtigen Amts nach Russland.

Ukraine gelingt es, Schwäche Russlands aufzuzeigen

Die ukrainischen Angriffe zeigten einmal mehr die Schwachpunkte Russlands im Krieg. Moskau kommt an der Front trotz hoher Verluste kaum voran und sieht sich zunehmend mit folgenschweren ukrainischen Drohnenangriffen im Hinterland konfrontiert.

„Auch rein militärische Ziele im Stützpunkt Kronstadt wurden getroffen“, lobte Selenskyj seine Drohnentruppen. Kronstadt, eine Insel vor St. Petersburg, ist ein wichtiger Militärstandort und dient der russischen Ostseeflotte als Basis.

Selenskyj bezeichnete die Einschläge als „gutes Resultat“ der gemeinsamen Arbeit von Drohneneinheiten verschiedener Truppengattungen und Geheimdienste. Die Ziele lägen fast 1.100 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, betonte er. Laut dem Chef der ukrainischen Drohnentruppen, Robert Browdi, haben die Drohnen dabei auch die Korvette „Bojki“ der russischen Kriegsflotte in Brand gesetzt.

Die meisten Einwohner reagierten gelassen und nahmen kaum Notiz von den schwarzen Wolken. Auch Stadtführer und ihre Touristengruppen besichtigten weiter die Sehenswürdigkeiten der Millionenstadt an der Newa.

Kreml bleibt bei seinem Kriegskurs

Der Kreml nutzte den ukrainischen Drohnenangriff auf St. Petersburg am ersten Tag des Forums zur Begründung für die Fortsetzung des Kriegs in der Ukraine. „Allgemein kann ich sagen, dass wir die militärische Spezialoperation auch deswegen fortführen, damit es solche Schläge nicht gibt“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow russischen Nachrichtenagenturen zufolge. Peskow erwähnte nicht, dass Russland den Krieg begonnen und damit auch solche Gegenschläge provoziert hat. 

Ein direkter Vergeltungsschlag liege in der Verantwortung des Verteidigungsministeriums, sagte Peskow. Putin sei auch über einen ukrainischen Drohnenangriff auf einen Reisebus im Gebiet Donezk informiert worden. Nach Angaben der Besatzungsbehörden starben dabei mindestens acht Menschen. Es gebe auch elf Verletzte. 

Bundesregierung sieht „Fenster für Gespräche“ mit Russland

Trotz zunehmender Kampfhandlungen im Ukraine-Krieg geht man in der Bundesregierung davon aus, dass es in den nächsten Monaten zu Gesprächen mit Russland über ein Ende des Kriegs kommen kann. „Langsam öffnet sich ein Fenster für Gespräche der europäischen Seite mit Russland“, heißt es aus Regierungskreisen. „Die harten Kämpfe der letzten Tage zeigen aber, es dürfte nicht Wochen, sondern Monate dauern.“

Die Gespräche zwischen Russland und der Ukraine wurden zuletzt von den USA ohne die Europäer moderiert. Inzwischen sind die Bemühungen der Amerikaner aber ins Stocken geraten. Vor diesem Hintergrund bemühen sich die Europäer nun wieder stärker, ins Spiel zu kommen. Während die USA sich als Vermittler in dem Konflikt verstehen, stehen die Europäer aber klar an der Seite der Ukraine, sind also Partei.

dpa

PRODUKTE & TIPPS

Kaufkosmos

Mehr zum Thema