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Presseschau zum Anschlag auf "Charlie Hebdo" "Wir können diesem Krieg nicht ausweichen"


Internationale Medien zeigen sich solidarisch mit ihren französischen Kollegen vom Satiremagazin "Charlie Hebdo". Sie verurteilen den Anschlag - und veröffentlichen die Karikaturen des Magazins.

Nach dem Terroranschlag auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" haben mehrere deutsche Zeitungen Mohammed-Karikaturen und andere religionskritische Zeichnungen des Blattes nachgedruckt. Unter der Schlagzeile "Vive la liberté" ("Es lebe die Freiheit") bestreitet die "Berliner Zeitung" ("B.Z.") die gesamte Titelseite ihrer Donnerstagausgabe mit Titelbildern des französischen Magazins. "Wir veröffentlichen die Satire von Charlie Hebdo aus Respekt vor den Ermordeten, die die Meinungsfreiheit verteidigten"heißt es in einer Erklärung der "Berliner Zeitung" an ihre Leser.

Die internationale Presse zeigt sich tief erschüttert und verurteilt den Anschlag auf die französischen Kollegen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung

"In Paris haben Terroristen der 'Lügenpresse' das Maul gestopft: Journalisten und Zeichner der Satire-Zeitung 'Charlie Hebdo' liegen in ihrem Blut. Ermordet wurden sie, da muss man nicht auf die Selbstbezichtigung warten, weil sie das Grundrecht auf Meinungs- und Pressefreiheit in einer Weise und Richtung ausübten, die den Attentätern und ihren Hintermännern verhasst ist. Der Anschlag trifft eine kleine Zeitung, er gilt aber der ganzen freien Presse. Mehr noch, er stellt eine Kriegserklärung an die ganze freie Welt dar.

[...] Tatsächlich muss sich niemand wundern, dass sich immer mehr Menschen vor dem Islam fürchten. In seinem Namen und unter Berufung auf den Koran werden Angst und Schrecken verbreitet. Die dünnen Stimmen, die bestreiten, dass der 'Islamische Staat' und andere Terrororganisationen das wahre Gesicht des Islam darstellten, werden immer wieder von den Explosionen der Bomben und den Schreien der auf bestialische Weise Ermordeten übertönt. Doch ist die Überzeugung, dass der Islam und die Werte der westlichen Demokratien unvereinbar seien, nicht auf das Lager der Islamisten beschränkt."

Rheinpfalz

"'Gott ist groß', riefen die Attentäter von Paris und eröffneten das Feuer. Sie mähten Karikaturisten und Autoren des Satiremagazins 'Charlie Hebdo' nieder, dann auch zwei Polizisten. Sie schossen auf das Lachen. Und um das Lachen zu töten, mordeten sie zwölf Menschen. Was für einen furchtbaren, was für einen mörderischen Gott müssen diese Menschen in sich tragen. [...] Sie sagen, sie töteten für ihren Gott. Doch sie töten nur für ihre eigene Ausschließlichkeit, für ihre Wahrheit, die kein Nachdenken erlaubt und kein Lachen erträgt. Wie klein, wie kleingläubig muss solch ein Glaube sein! [...] Wenn Terroristen Meinungen morden, müssen wir umso unerschrockener unsere Meinung sagen. Wenn Terroristen das Lachen meucheln, müssen wir ihnen entgegenlachen. Denn unsere Überzeugung von der Freiheit des Gedankens, der Freiheit der Presse, der Freiheit des Glaubens ist unerschütterlich. Gewehrkugeln können sie nicht töten."

Die Presse (Wien)

"Umso wichtiger ist nun, dass verantwortungsvolle Politiker, darunter auch Frankreichs konservativer Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, deutlich sagen, dass Terroristen, die im Namen eines pervertierten Islam Verbrechen verüben, nicht mit der Mehrheit anständiger muslimischer Bürger in einen Topf geworfen werden dürfen. Eines aber ist auch klar: Europa darf nicht vor radikalen Spinnern, die Grundwerte wie die Meinungsfreiheit mit Kalaschnikows attackieren, in die Knie gehen. Das sind wir den mutigen Kollegen von 'Charlie Hebdo' schuldig. Möge ihnen keiner posthum auch nur hinter vorgehaltener Hand vorwerfen, sie hätten ihr Schicksal herausgefordert. Denn nur solange wir über alles lachen dürfen, sind wir frei."

Badisches Tagblatt

"Was gestern Morgen in Paris geschehen ist, ist jedoch nicht nur ein Anschlag auf eine Satire-Zeitschrift oder die freie Presse, es ist nicht nur ein weiterer barbarischer Akt mit Todesopfern - nein, es ist ein Anschlag auf die Grundfesten des europäischen Gemeinwesens. Die Attentäter von Paris sind Feinde einer offenen Gesellschaft - und sie liefern dazu noch denen Argumente, die unsere Gesellschaft gern etwas geschlossener - sprich: totalitärer - hätten. Es ist eine wahrhaft perfide Doppelstrategie, die nicht aufgehen darf. Die Verantwortlichen dieses Blutbads, die Mörder, aber auch die Hassprediger und Scharfmacher müssen deshalb zur Verantwortung gezogen werden. Die Menschen in Europa müssen zwar ewig wachsam bleiben. Das sei der Preis der Freiheit, wie der in Österreich geborene britische Philosoph Karl Popper schrieb. Aber sie müssen auch dafür Sorge tragen, dass das, was die Mörder von Paris attackiert haben - die offene, die plurale Gesellschaft -, nicht zu Grabe getragen wird."

Südwest Presse

"Die zwölf Frauen und Männer, die beim Anschlag auf die Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" im Kugelhagel islamistischer Terroristen starben, sind Helden. Helden, die nicht nur für den Gedanken der Meinungs- und Pressefreiheit einstanden. Sondern für die Ideale eines aufgeklärten Europas, das, wie der Schriftsteller Navid Kermani es gestern formulierte, 'den Menschen ungeachtet ihres Geschlechts, ihres Glaubens, ihrer Herkunft, ihrer sexuellen Orientierung Würde, Freiheit und gleiche Rechte zuspricht - auch und zumal den Muslimen'. Dieses Recht hat das Magazin für sich in Anspruch genommen - frech, unverblümt, ohne Rücksicht auf eine religiöse Gruppierung oder eine Partei."

Aachener Zeitung

"Die Mohammed-Karikaturen waren stets provokant, manchmal sogar derb. Das alles ist Ansichtssache, vor allem jedoch das gute Recht von Satire, mag sie noch so geschmacklos sein. Und: Das zeichnet die Qualität einer Demokratie mit ihrer Presse- und Meinungsfreiheit aus. Diese Freizügigkeit unterscheidet unsere Gesellschaft fundamental von anderen, die selbstständig denkende Menschen drangsalieren. Der Terroranschlag auf das islamkritische Pariser Satiremagazin 'Charlie Hebdo' stellt einen perfiden Angriff auf uns, auf unsere Freiheit dar, die sich besonders durch die Freiheit der Andersdenkenden auszeichnet. Das Massaker ist ein gezielter Anschlag auf die Unabhängigkeit von Religion, Meinung, Satire und Kunst - auf wesentliche Grundwerte unserer alltäglichen Zivilisation."

Hessische Niedersächsische Allgemeine

"Das Attentat von Paris geht uns alle an. Nicht nur, weil es uns nah kam, mitten in einer europäischen Touristenmetropole. Es ist ein Anschlag auch auf unsere offene, demokratische Gesellschaft, auf unsere Grundrechte, hier zuerst das Recht auf Meinungsfreiheit. Darüber mögen nicht zuletzt diejenigen nachdenken, die in diesen Tagen auch in Deutschland der Presse so gern eins auf die Fresse geben wollen. Reagieren wir besonnen. Und erinnern uns daran, dass die Trennlinie nicht zwischen Nationalitäten oder religiösen Bekenntnissen verläuft. Sondern zwischen denen, die auf die Demokratie setzen und jenen, denen das Zuschlagen leichter fällt als das Nachdenken. Ihnen muss mit Erziehung und Integration, mit Argumenten, und wenn alles nicht hilft, mit Polizei und Gesetz begegnet werden."

Westdeutsche Zeitung

"Heute ist nicht der Tag, um zu erklären, warum es absolut nichts über die Mehrheit der friedlichen Muslime in Deutschland und Europa sagt, wenn Terroristen mit dem Schlachtruf 'Allahu akbar' in Paris einen Massenmord an Journalisten begehen. Heute ist auch nicht der Tag zu erklären, warum dieser Massenmord keine Bestätigung für die hasserfüllten Rechtsextremisten und Rassisten darstellt, die im Pegida-Hintergrund die Strippen ziehen und ihrerseits Journalisten als 'gleichgeschaltet' und 'Lügenpresse' verunglimpfen. Heute ist der Tag, einen kühlen Kopf zu bewahren und endlich ohne jede Relativierung die Presse- und Meinungsfreiheit zu verteidigen. Der Massenmord an der Redaktion des Satire-Magazins 'Charlie Hebdo' ist Teil des islamistischen Krieges gegen die westliche Zivilisation und alle demokratisch gesinnten Muslime. Es ist an der Zeit zu akzeptieren, dass wir diesem Krieg nicht ausweichen können. Der auf das Herz der Demokratie zielende Terrorakt von Paris macht nur einmal mehr deutlich, dass die letzte Linie schon lange überschritten ist."

Trierischer Volksfreund

"Mit ihrer Satire ist die Zeitung Charlie Hebdo bis an die Grenzen gegangen. Sie karikierte Muslime, aber auch Christen oder Juden. Damit hat das französische Blatt sicher im Kampf für die Meinungsfreiheit religiöse Gefühle verletzt, getötet hat es aber nie jemanden. Das ist am Mittwoch passiert, als vermutlich islamistische Attentäter kaltblütig fast die ganze Redaktion von Charlie Hebdo auslöschten. Zwölf Menschen starben bei dem Anschlag in Paris, darunter der Chefredakteur. Es war ein brutaler Angriff auf die Pressefreiheit, wie er sonst vielleicht in Somalia oder Pakistan passiert. Aber eben nicht in Frankreich, wo Freiheit neben Gleichheit und Brüderlichkeit zu den Grundwerten der Republik gehört."

Rheinische Post

"Es ist ein menschenverachtender Anschlag, der gestern Paris erschütterte. Es ist ein Anschlag auf eine Zeitungsredaktion, die mit bissigen Mohammed-Karikaturen für Aufsehen sorgte. Es ist somit auch ein Anschlag auf das Werteverständnis der westlichen Welt. Auf die Pressefreiheit. Die Tat zeigt das mörderische und intolerante Gesicht eines Teils des Islam. Der Anschlag wird die aufgeheizte Stimmung im Clinch der Kulturen zusätzlich befeuern. Moderate Muslime müssen nun schnell und laut gegen den Missbrauch ihrer Religion sprechen.

Und unsere Reaktion? Keine Karikaturen drucken, die den Islam aufs Korn nehmen? Menschlich nachvollziehbar wäre es. Angst ist ein Menschenrecht. Falsch wäre die Selbstzensur dennoch. Redaktionen und Karikaturisten müssen nicht alles veröffentlichen, nur weil sie es dürfen. Eine Provokation um der Provokation willen ist kein Journalismus. Aber Zuspitzung und Sarkasmus sind die DNA von Karikaturisten. Wir haben die Verantwortung, für diese Freiheit einzustehen. Die Männer und Frauen von 'Charlie Hebdo' sind Vorbilder."

Allgemeine Zeitung Mainz

"'Kritik am Islam muss so banal werden wie Kritik an Juden oder Katholiken.' Dieses Bekenntnis, dieses Ziel hat der Chefredakteur des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, Stephane Charbonnier, mit dem Leben bezahlen müssen. Und mit ihm elf weitere Menschen - Mitarbeiter des Magazins, zwei Polizisten und ein Unbeteiligter. Sie haben sich für die Meinungsfreiheit in Lebensgefahr gebracht und haben für diese Freiheit mit ihrem Leben bezahlt. Ihnen gilt unsere ganze Anteilnahme. Ihnen gegenüber sind wir verpflichtet, diese Freiheit zu verteidigen. Mit einem Mal scheint der Krieg des Islamischen Staats oder anderer islamistischer Terrorgruppen wieder bei uns angekommen zu sein. Wir dürfen vor diesem Terror nicht kuschen, vor dem es keine absolute Sicherheit gibt. Umso wichtiger ist es jetzt, besonnen zu bleiben. So wie wir uns keine Sprach-, Zeichen- oder Denkverbote auferlegen lassen dürfen, so dürfen wir die Freiheit und die Offenheit unserer Gesellschaften nicht von Angst und Panikmache auffressen lassen."

Mitteldeutsche Zeitung

"Es ist pervers, wenn die Täter ein angeblich göttliches Gesetz für ihre inhumanen Machtgelüste beanspruchen. Und wenn die Terroristen - wie berichtet - mit der Parole 'Allah ist groß' das Feuer auf ihre Opfer eröffnet haben, haben sie in Wahrheit das Glaubensbekenntnis des Islams in sein Gegenteil verkehrt: Ein Gott, in dessen Name so etwas geschieht, ist ein Nichts. Und groß sind allein der Unverstand der Täter, das Unrecht, das sie begehen. Noch nicht einmal die Spur einer Rechtfertigung kann der Hinweis sein, dass die Satirezeitschrift 'Charlie Hebdo' mit islam-kritischen Beiträgen immer wieder an die Grenzen des Anstands und des guten Geschmacks gerührt - um nicht zu sagen: sie überschritten - hat."

"Die politischen Folgen des blutigen Anschlags werden schwer wiegen: die Rechtspopulistin Marine Le Pen hat gute Chancen, zur nächsten Präsidentin Frankreichs gewählt zu werden. Das Misstrauen gegenüber Menschen aus Nordafrika oder dem Nahen Osten wird nicht nur in Frankreich dramatisch zunehmen. Und mal sehen, wie viele Teilnehmer auf der nächsten Pegida-Demonstration in Dresden mit dem Gefühl antreten, sie hätten es ja schon immer gewusst. Nur war in Paris eine Mörderbande am Werk, nicht friedliche muslimische Mitbürger.

Wer eine Zeitungsredaktion angreift, attackiert eben auch die Meinungsfreiheit und die Toleranz, er missachtet das Recht zur Provokation und verneint die Lust an der Debatte. Die freie Meinungsäußerung ist eine der großen Errungenschaften der bürgerlichen Revolutionen in Europa - einzigartig und überhaupt nicht verhandelbar."

Neue Ruhr Zeitung/Neue Rhein Zeitung

"Eine Zeichnung hat niemals irgendjemanden getötet. Das hat Stéphane Charbonnier einmal gesagt, der Herausgeber von Charlie Hebdo. Zeichnungen töten nicht. Hass und Fanatismus und Intoleranz töten. Stéphane Charbonnier ist gestern zusammen mit elf weiteren Menschen ermordet worden, bei einem beispiellosen Anschlag auf die Pressefreiheit mitten in Europa. Die ein Grundpfeiler freier, demokratischer Gesellschaften ist. Die Redaktion von Charlie Hebdo wurde in den vergangenen Jahren immer wieder bedroht von islamistischen Fanatikern, weil sie eben nicht nur Christen- und Judentum kritisch karikierte, sondern auch den Islam. Religionen müssen aber Kritik aushalten können, auch derbe. Die Killer, die Charlie Hebdo angegriffen haben, stehen außerhalb unserer freien Gesellschaft - sie wollen sie zerstören."

jen

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