Serie Teil 2: 1940 bis 1961 Der Schwur der Nationen


Wie nach dem Ersten Weltkrieg sind die Völker auch nach 1945 entsetzt über die Katastrophe. Wieder hat ein US-Präsident die Vision, den Frieden durch eine internationale Organisation zu sichern. Die Vereinten Nationen entstehen.

Mit seiner Yacht kreuzt Franklin Delano Roosevelt im August 1941 vor Cape Cod, der Ferienhalbinsel an der Ostküste der USA. Der Krieg in Europa ist für die Amerikaner noch weit weg. Ihr Präsident macht angeblich Urlaub. Doch in Wirklichkeit ist die kleine Kreuzfahrt der Beginn einer bahnbrechenden Mission, die zunächst geheim bleiben muss. Im Schutz der Dunkelheit wird Roosevelt an Bord des US-Kreuzers "Augusta" gehievt. Ziel ist die 800 Seemeilen nordöstlich gelegene Placentia-Bucht vor Neufundland, wo bereits das britische Schlachtschiff "Prince of Wales" ankert - mit Premierminister Winston Churchill an Bord.

Roosevelt weiß längst, was die Stunde geschlagen hat.

Im Juni hat Adolf Hitler Russland überfallen, mehr und mehr Staaten werden in den Weltkrieg verwickelt, der 50 Millionen Menschen das Leben kosten wird. Der Präsident, berühmt für seinen Spruch "Wir haben nichts zu fürchten, nur die Furcht", hat die USA schon einmal aus einer verzweifelten Lage befreit - aus der Wirtschaftsdepression zu Beginn der dreißiger Jahre.

Nun geht es gegen die Nazi-Diktatur: Roosevelt stellt den Alliierten zunächst großzügige Hilfe zur Verfügung und beginnt, seine Landsleute, die einem Krieg noch ablehnend gegenüberstehen, mit markigen Slogans zu mobilisieren: "Wenn man eine Klapperschlange angriffsbereit aufgerichtet sieht", sagt er auf Hitler gemünzt, "wartet man mit dem Totschlagen nicht, bis sie einen gebissen hat."

Beim Treffen mit Churchill

in der Placentia-Bucht geht es dem amerikanischen Präsidenten keineswegs nur um das strategische Vorgehen und den militärischen Sieg. Vielmehr will er sein Land aus der Isolation lösen und (wie sein Vorgänger Woodrow Wilson am Ende des Ersten Weltkriegs) eine übernationale Institution gründen, die eine friedliche Nachkriegsordnung sichert. Dabei schwebt ihm nicht etwa eine Wiederbelebung des gescheiterten Völkerbunds vor, sondern eine neue Organisation, ausgestattet mit weit mehr Macht. Schon 1937, in seinem fünften Amtsjahr, hat Roosevelt in einer Rede die "friedliebenden Nationen" der Welt aufgefordert, sich mit einer "Quarantäne" gegen die die "Ausbreitung der ansteckenden Krankheit" - die Verletzung internationaler Abkommen - zu wehren.

Nun will Amerikas Präsident mehr: ein historisches Dokument, vergleichbar mit den 14 Punkten Wilsons. Tagelang texten die beiden Staatsmänner vor der Küste Neufundlands. Am 14. August steht die "Atlantik-Charta" - eine kurze Erklärung, die bis heute als Keim der Vereinten Nationen gilt.

Die beiden Großmächte verpflichten sich darin zum Verzicht auf territoriale Vergrößerung, fordern für künftige Gebietsveränderungen die freie Zustimmung der betroffenen Bevölkerung und das Recht der Völker auf freie Wahl ihrer Regierungsform. Der "endgültigen Zerstörung der Nazi-Tyrannei" solle eine allgemeine Abrüstung folgen, zunächst der Angreifer, danach auch aller anderen Staaten - mit Ausnahme der "Weltpolizisten" USA und Großbritannien.

Die Idee der "beiden Weltpolizisten" stammt von Roosevelt, der im Sommer 1941 noch nicht daran denkt, auch Josef Stalin ins Boot zu holen. Das ändert sich spätestens, als Amerika nach dem Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 Japan den Krieg erklärt und ein breites Bündnis inklusive der Sowjetunion will, um die Achsenmächte zu besiegen. Weihnachten 1941 hat die keimende Weltorganisation bereits einen Namen - "United Nations". "Das ist mir mitten in der Nacht eingefallen", verkündet Roosevelt stolz. Wenige Tage später, am 1. Januar 1942, unterzeichnen 26 Staaten, darunter die UdSSR und (National-) China, in Washington ein Abkommen, das auf der Atlantik-Charta basiert und "Erklärung der Vereinten Nationen" heißt.

Gut drei Jahre dauert es noch, bis die UN tatsächlich gegründet werden. Jahre, in denen die Amerikaner in nahezu allen Belangen federführend sind, schon allein deshalb, weil es allen anderen Ländern kriegsbedingt an Ressourcen fehlt. Herzstück des neuen Großmächte-Clubs ist der "Exekutiv-Rat" aus vier ständigen Mitgliedern: USA, Großbritannien, UdSSR und China; daneben repräsentieren sieben nicht-ständige Mitglieder zweiter Klasse die verschiedenen Regionen der Welt.

Bereits in den letzten Kriegsjahren

wird offenbar, dass in dem angeblich dem Weltfrieden verpflichteten Völkerforum die militärische Macht das entscheidende Kriterium ist. Je größer die Erfolge der Sowjetunion auf dem Schlachtfeld, desto höher ihr Rang bei den vorbereitenden UN-Konferenzen. Anfangs spielt sie keinerlei Rolle, ab 1942 übertrifft ihr Einfluss schon den Großbritanniens, und zu Kriegsende ist sie Hauptkontrahent der USA. Roosevelt, der große Kommunikator, kümmert sich kaum mehr um Churchill, hofiert dafür Josef Stalin, nennt den Diktator gar "Onkel Joe".

Doch Stalin stimmt nur unter heftigen Vorbehalten einem Beitritt überhaupt zu. Die praktische Anwendung der UN-Prinzipien, lässt er erklären, habe sich "notwendigerweise den Umständen, Notwendigkeiten und historischen Besonderheiten bestimmter Länder anzupassen". Auf der Konferenz von Dumbarton Oaks in Washington verlangt die Sowjetunion im Sommer 1944, jede ihrer 16 Teilrepubliken müsse mit einem Sitz vertreten sein. Roosevelt lehnt ab. Die Sowjets geben sich mit zwei zusätzlichen Delegierten für die Ukraine und Weißrussland zufrieden.

Auf der Konferenz von Jalta, im Februar 1945, verhärten sich die Fronten. Churchill erreicht zwar, dass das befreite Frankreich als fünfte Macht einen Sitz im Sicherheitsrat bekommt, doch Stalin schwächt die Westmächte, indem er ein uneingeschränktes Vetorecht für alle Entscheidungen durchsetzt. Um ihre eigenen Interessen zu sichern, sind zwar auch die Amerikaner für das Vetorecht, doch es sind vor allem die Sowjets, die mit ihrem "Njet" die UN bald an den Rand der Verzweiflung treiben werden. Stalin kann jede Forderung auf freie Wahlen in seinem Machtbereich im Keim ersticken und die wichtigsten Prinzipien der Atlantik-Charta ad absurdum führen: den Verzicht auf territoriale Gewinne ebenso wie das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

Roosevelt geht den Kompromiss ein, weil er gar nicht anders kann; die Rote Armee hat Stalins Forderungen bereits erzwungen, und die beiden Gründermächte müssen einsehen, dass sich ihre Idee einer neuen Weltorganisation nur verwirklichen lässt, solange der Krieg andauert und dafür sorgt, dass immer mehr Nationen aus Sicherheitsgründen beitreten. Vertreter von immerhin 50 Staaten versammeln sich am 25. April 1945 in San Francisco zur Gründung der UN. Roosevelt, ihr Architekt, ist nicht dabei; er stirbt 13 Tage zuvor an einem Hirnschlag.

Sein Nachfolger Harry Truman ist der Konferenz, die im glanzvollen Rahmen des Opernhauses tagt, telefonisch zugeschaltet. 200 Delegierte aus aller Welt lauschen seiner Ansprache. (Erst später konnte er direkt zu ihnen sprechen.) Das Logo für ihre Pässe, weißer Globus auf blauem Grund, das später in abgewandelter Form auch die UN-Flaggen ziert, hat ein Team des US-Geheimdienstes OSS - der Vorgängerorganisation der CIA - entworfen.

Stars des Spektakels sind die "Big Three", die Abgeordneten der Siegermächte USA, Großbritannien und UdSSR. Insbesondere die Sowjets erregen Aufsehen. Es fehle ihnen an "gutem Schuhwerk", registrieren Reporter des Magazins "Life", und ohne Ende mokiert man sich in Kalifornien über die "ewige Geheimnistuerei der Russen" und "das Schiff voller Wodka und Kaviar, das sie im Hafen liegen haben".

Misstrauen und Statusunterschiede herrschen in der neuen Weltorganisation bereits in der Stunde ihrer Geburt. Dennoch gehen die Kriegsmüden, die aus aller Welt an die Golden-Gate-Brücke gekommen sind, voller Idealismus ans Werk.

Der Traum vom Frieden, vom Ende der Tyrannei, von der universellen Demokratie - all dies scheint zum Greifen nahe. Monatelang arbeiten die Emissäre, bis die UN-Charta mit ihren 111 Artikeln am 25. Juni einstimmig beschlossen ist. Ihre Vision lautet: "Künftige Geschlechter von der Geißel des Krieges bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsägliches Leid über die Menschheit gebracht hat." Feierlich geloben die Gründungsväter, "den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren".

Mit der Schaffung der UN auf eigenem Boden

demonstriert die neue Supermacht USA Weltoffenheit; vorbei ist die Zeit des schlechten Gewissens, einst dem Völkerbund nicht beigetreten zu sein. Das junge Staatenforum kommt zunächst unter die Fittiche des amerikanischen Außenministeriums. Einer ihrer Beamten wird vorläufig "Geschäftsführer" der UN: Alger Hiss, Assistent Roosevelts bei der Konferenz von Jalta, ein zwielichtiger Mann, der über beste Verbindungen zu den Geheimdiensten verfügt. Die neue UN-Charta überführt er höchstpersönlich in einem Spezialflieger nach Washington - das Dokument ist an einem Fallschirm befestigt, damit es auch bei einem Absturz unversehrt bleibt.

Im Oktober wird die Charta von den fünf ständigen Mitgliedern des Sicherheitsrats sowie von der Mehrheit der anderen Unterzeichner ratifiziert, und am 10. Januar 1946 findet die erste Generalversammlung mit Vertretern von 51 Nationen in London statt. Noch immer haben die UN keinen richtigen Chef. Roosevelt hatte eine herausragende Figur wie Englands Außenminister Anthony Eden oder US-General Dwight D. Eisenhower empfohlen. Doch laut Satzung kommt ein Landsmann der fünf Siegermächte USA, UdSSR, England, China und Frankreich nicht infrage - und damit fangen die Probleme an. Chancen besitzt nur ein Kandidat, der bei möglichst vielen Mitgliedern möglichst wenig aneckt.

Er habe den "unmöglichsten Job der Welt", sagt Trygve Lie, der am 1. Februar 1946 zum ersten Generalsekretär der Vereinten Nationen gewählt wird. Die Sowjets, die in jedem Kandidaten einen potenziellen Kollaborateur des Westens wittern, stimmen nur zu, weil sie den ehemaligen Exil-Außenminister Norwegens für eine komplette Niete halten. Doch Lie demonstriert durchaus Handlungsfähigkeit.

Als im Nahen Osten Unruhen ausbrechen, schickt er Hunderte von UN-Soldaten los - das ist der Beginn der Friedensmissionen. Gleich eine der ersten endet tragisch. Am 17. September 1948 wird Graf Folke Bernadotte, der schwedische UN-Vermittler im Palästinakonflikt, von jüdischen Hardlinern in Jerusalem erschossen.

Der Aufbau der neuen Friedensorganisation

ist geprägt von Konflikten, selbst ihr Sitz ist umstritten. Ein Teil der Mitglieder will einen Standort in Europa, andere führen an, das Misslingen des Völkerbundes mache einen Neuanfang in einem anderen Kontinent erforderlich. Nach längerem Hin und Her spendet John Rockefeller 8,5 Millionen Dollar für ein ehemaliges Schlachthofgelände am New Yorker East River.

Unter Generalsekretär Lie, der dort 1949 den Grundstein für das neue Hauptquartier legt, erleben die UN bald eine der dunkelsten Stunden ihrer Geschichte. Lie unternimmt nichts gegen die Gesinnungsschnüffler des paranoiden US-Senators Joe McCarthy, die überall mutmaßliche Kommunisten jagen, auch im Hoheitsgebiet der UN-Zentrale. FBI-Leute nehmen dort 1952 amerikanischen UN-Delegierten die Fingerabdrücke ab. Einige werden inhaftiert, andere entlässt Lie. Selbst Hiss, der Interims-Geschäftsführer der UN, kommt hinter Gitter - da er angeblich für den Kreml spioniert.

Auch auf der Gegenseite herrscht Hysterie.

Der sowjetische Geheimdienst prüft jeden Ostblock-Delegierten auf Linientreue, bevor er nach New York reisen darf. Das seit Jalta bestehende Misstrauen zwischen Ost und West ist zum Kalten Krieg geworden. Die Begeisterung für die noblen Ziele des organisierten Pazifismus ist verflogen; jetzt stocken die Siegermächte, die ein paar Jahre zuvor feierlich Abrüstung versprochen haben, fieberhaft ihre Waffenarsenale auf. Aus Angst vor der kommunistischen Weltherrschaft erstarren nicht nur die westlichen Demokratien, sondern auch die Vereinten Nationen, die kaum noch eine Chance haben, sich als eigenständige Kraft zu etablieren und immer häufiger als Propagandabühne missbraucht werden.

Nichts lähmt die UN in den Zeiten des Kalten Krieges so sehr wie das Vetorecht. 235-mal machen die fünf ständigen Mitglieder bis zum Jahre 1989 davon Gebrauch, am häufigsten die UdSSR mit 115 Njets. Es folgen die USA, sie legen 69 Vetos ein, meist zugunsten Israels. 30-mal tun es die Briten, 18-mal die Franzosen und dreimal die Chinesen (bis 1974 repräsentiert von Taiwan). Durch die ständige Neinsagerei können die Sowjets unbehelligt ihren Machtbereich ausbauen: Dem Einmarsch 1956 in Ungarn folgen zwar heftige Debatten in der Generalversammlung, doch das entscheidende Gremium, der Sicherheitsrat, ist blockiert.

Was immer die fünf Großmächte tun

- der Sicherheitsrat hat keine Macht, dem etwas entgegenzusetzen. Der französische Völkerrechtler Paul Reuter hat das Wirken der Vereinten Nationen auf die treffende Formel gebracht: Bei einem Konflikt zwischen zwei kleinen Staaten verschwindet der Konflikt; bei einem Konflikt zwischen einem großen und einem kleinen Staat verschwindet der kleine Staat; und bei einem Konflikt zwischen zwei großen Staaten verschwinden die Vereinten Nationen.

Ohnmächtig verfolgt man am East River das nukleare Wettrüsten der "fünf Großen". 1945 zünden die Amerikaner über Hiroshima die erste Atombombe, ab 1949 besitzen die Sowjets und wenig später auch die anderen drei Sicherheitsratsmitglieder die verheerenden Sprengköpfe. Spätestens in den sechziger Jahren gibt es weltweit genügend Atomwaffen, um den gesamten Planeten zu zerstören. Ob der Kalte Krieg in ein nukleares Inferno umschlägt, liegt nicht mehr in der Hand der UN-Friedensstifter - es ist die atomare Logik, die nun die Supermächte zur friedlichen Koexistenz verdammt.

An nahezu sämtlichen Krisenherden der Nachkriegsära sind die UN dennoch präsent - zunächst vor allem mit ihrer Flüchtlingshilfe und den Friedensmissionen, etwa in Syrien, Libanon, Iran und Indonesien. Im Koreakrieg spielt das Völkerforum eine besonders aktive Rolle. Als Truppen des nordkoreanischen Diktators Kim Il Sung am 25. Juni 1950 mit Unterstützung Stalins in den Süden des Landes einfallen, beschließt der Sicherheitsrat mit 7:1 Stimmen, Südkorea zu unterstützen, "den bewaffneten Angriff zurückzuschlagen" und "den Weltfrieden wiederherzustellen".

Die Resolution, die erstmals Zwangsmaßnahmen gegen

einen Friedensstörer beschließt, ist einem glücklichen Umstand zu verdanken. Die Gegenstimme kommt von Jugoslawien. In totaler Verkennung der Lage fehlt die Vetomacht UdSSR bei der Sitzung - aus Protest gegen die zuvor getroffene Entscheidung des Sicherheitsrats, Mao Tsetungs Volksrepublik China nicht an Stelle von Taiwan in die UN aufzunehmen.

Dem Beschluss vom 27. Juni folgt die Entsendung der ersten UN-Streitmacht. Ihre Soldaten, die aus Großbritannien, Kanada, der Türkei, Australien sowie einem Dutzend weiterer Staaten kommen, stehen indes nicht, wie von Generalsekretär Lie gefordert, unter einem "gemeinsamen Kommando", sondern unter dem Oberbefehl des US-Generals Douglas MacArthur. Der erhält seine Anweisungen von Präsident Truman und kabelt seine Lageberichte nach Washington, wo sie zuerst redigiert und dann dem Sicherheitsrat vorgelegt werden - eine Prozedur, auf die der Kreml mit wütendem Protest reagiert. Die Weltorganisation gerät immer stärker ins Abseits. "Die UN sterben", titeln amerikanische Zeitungen.

Zugleich wird der Ton im Sicherheitsrat immer rüder.

Nach dem Waffenstillstand in Korea 1953 ballt der sowjetische UN-Delegierte Andrej Wyschinskij drohend die Faust und beschimpft den Amerikaner Henry Cabot Lodge sowie seinen britischen Kollegen Sir Gladwyn Jebb als "Angehörige einer Herrenrasse". UN-Chef Lie ist den Sowjets ohnehin "als Strohpuppe der USA" verhasst; seit langem laden sie ihn nicht mehr zu ihren Empfängen ein. Vor dem Ende seiner zweiten Amtsperiode tritt der Norweger entnervt zurück, und ein weiterer Skandinavier übernimmt 1953 die schwierige Aufgabe: Baron Dag Hammarskjöld. Ihm sollte es gelingen, den UN mehr Stärke und Stabilität zu verleihen.

Als Erstes verbietet der Schwede den Hexenjägern McCarthys, das UN-Hauptquartier zu betreten; ihre Anwesenheit sei "völlig unerträglich". Seinem Versuch, die UN wieder mehr ins Zentrum ernsthafter Diplomatie zu rücken, kommt ein Zwischenfall in Peking entgegen: Elf im Koreakrieg abgeschossene US-Piloten werden dort wegen Spionage zu hohen Haftstrafen verurteilt; Amerika steht Kopf, die Republikaner verlangen eine Blockade gegen China, es droht ein neuer Krieg in Asien. Hammarskjöld fliegt in die Volksrepublik und verhandelt in der "Halle der Westlichen Blumen" über vier Nachmittage 13,5 Stunden mit Chinas Premierminister Tschu En-lai. Die Feinheiten der chinesischen Diplomatie, bekennt er hinterher, hätten ihm das Gefühl gegeben, ein Barbar zu sein. Das Gesprächsmarathon zwischen dem schwedischen Aristokraten und dem chinesischen Mandarin trägt tatsächlich Früchte: Die Flieger werden freigelassen, allerdings erst Monate später, als persönliches Geschenk zum 50. Geburtstag des UN-Chefs am 29. Juli 1955.

Unter Hammarskjölds Ägide erleben die Vereinten Nationen tiefgreifende Veränderungen. Bis 1960 steigt die Zahl ihrer Mitglieder auf 98. Die meisten neuen Staaten kommen aus der Dritten Welt, insbesondere aus Afrika. Die armen Länder versuchen sich aus dem Ost-West-Konflikt möglichst herauszuhalten. Ihr Interesse gilt der Entwicklungshilfe, der Gesundheitsfürsorge und den kolonialen Befreiungskämpfen - ein Strukturwandel, durch den das Völkerforum beim Zahlmeister Amerika, das 33 Prozent des UN-Budgets stellt, immer unbeliebter wird.

Am 29. Oktober 1956 bricht plötzlich die Suezkrise aus

- Israel, Frankreich und England greifen Ägypten an, das den Suezkanal verstaatlichen will. In seltener Einigkeit fordern die UdSSR und die USA im Sicherheitsrat ein sofortiges Ende der Gewalt, doch Frankreich und England legen ein Veto ein. Die Sowjets drohen bereits mit dem Einsatz von Atomwaffen, da wird auf einer Notsitzung in den frühen Morgenstunden des 2. November eine "Feuereinstellung" beschlossen, welche die UN - so eine Forderung der USA - "innerhalb von 48 Stunden überwachen und garantieren sollen". Hammarskjöld zieht sich in sein Büro im 38. Stock des New Yorker UN-Palasts zurück und trifft Vorbereitungen für die Entsendung der Schnellen Eingreiftruppe UNEF (United Nations Emergency Force). Sie soll einen militärischen Puffer zwischen den Kontrahenten einrichten. Diesmal unterstehen die Friedenssoldaten nicht einem US-General, sondern einem gemeinsamen Kommando verschiedener UN-Staaten, und zum ersten Mal tragen sie blaue Helme.

Nach der Beilegung des Suezkonflikts werden Blauhelmtruppen rund um den Globus eingesetzt - bis heute mit wechselndem Erfolg. Hammarskjöld indes hofft, die UN könnten als "Dritte Kraft" zwischen die beiden Großmächte des Kalten Kriegs treten, zum Beispiel im Kongo. Als dort 1960 die Anarchie ausbricht, greift die 20 000 Mann starke Friedenstruppe ONUC (Organisation des Nations Unies au Congo) ein, "das größte Unternehmen, das je unter der UN-Flagge angelaufen ist", so Hammarskjöld. Mehrfach reist er selbst in den Kongo, doch die Sowjets stellen sich gegen die UN-Mission. Offen ruft Nikita Chruschtschow im August 1960 auf der New Yorker Generalversammlung die vielen neuen Drittwelt-Länder zum Sturz Hammarskjölds auf. Die UN, poltert der Kreml-Chef, habe im Kongo "Partei für die Kolonialisten" ergriffen, ihre Struktur sei "überholt", er werde den Westen "tanzen lassen wie Fische in der Bratpfanne".

Der Generalsekretär versteht sich als Anwalt des Weltgewissens, beseelt von seiner Mission verdirbt er es sich auch noch mit Briten und Amerikanern. Am 17. September 1961 fliegt er zum kongolesischen Rebellenführer Moise Tshombe, um einen Waffenstillstand auszuhandeln. Kurz vor der Landung in der Stadt Ndola im heutigen Sambia stürzt seine DC-6 ab; mit ihm sterben 15 weitere Passagiere. Bis heute ist ungeklärt, ob der brillante Diplomat Opfer einer Geheimdienst-Operation wurde. Und bis heute fragen sich seine Nachfolger in besonders schwierigen Situationen: "Was hätte Dag Hammarskjöld getan?"

Tilman Müller print

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