Teil 5: 1946 - 1980 Supermacht in der Krise


Überall in der Welt stehen die USA an vorderster Front gegen den Kommunismus. Aus der Kubakrise gehen sie gestärkt hervor, in Vietnam erleiden sie ein Desaster. Zum ersten Mal muss ein Präsident wegen krimineller Machenschaften gehen.

Moskau, Februar 1946. In der US-Botschaft am Roten Platz herrscht gedrückte Stimmung. Botschafter Averell Harriman ist dem eisigen Winter entflohen; sein Vertreter, der junge George Kennan, liegt mit einer Nebenhöhlenentzündung darnieder, studiert im Bett die neuesten Telegramme aus Washington und schüttelt immer wieder den Kopf - die Naivität seiner Vorgesetzten, die neun Monate nach Kriegsende noch von einer harmonischen Partnerschaft mit den Sowjets träumen, geht ihm auf die Nerven.

Schon lange versucht der junge Diplomat seinen Oberen klar zu machen, dass die Zeiten des Schmusekurses mit »Onkel Joe«, wie Sowjet-Diktator Josef Stalin während des Kriegs oft genannt wurde, endgültig vorbei sind. Dass der einstige Verbündete ein ernst zu nehmender Rivale geworden ist, der seit dem triumphalen Einmarsch in Berlin seinen totalitären Kurs noch unnachgiebiger verfolgt als je zuvor. Hier - schon wieder stößt Kennan auf eine seltsame Depesche, diesmal vom Außenministerium. Dort ist man nachhaltig irritiert über Stalins Weigerung, der Weltbank beizutreten, und verlangt eine Erklärung. Kennan, ungehalten über alle Maßen, diktiert sofort eine umfassende Analyse des Sowjet-Systems und seiner feindlichen Absichten; dann geht der Fieberkranke wieder zu Bett - und befürchtet schlimmste Reaktionen aus Washington.

Der Schlüsselbegriff des Kalten Kriegs

Doch das »lange Telegramm« wird begeistert aufgenommen, zirkuliert in verschiedenen Ministerien und geht in die Geschichte ein - als Evangelium des Kalten Kriegs. "Containment" (Eindämmung) wird zu einem Schlüsselbegriff der Epoche. Die Expansionsgelüste der Kommunisten, so Kennan, gelte es "langfristig, mit viel Geduld, Nachdruck und Wachsamkeit einzudämmen". Amerika müsse überall auf der Welt Grenzen ziehen, nach dem Motto: Bis hierher und nicht weiter.

Die USA, die sich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weltpolitisch bewusst im Hintergrund hielten, stehen jetzt überall an der Front: 1945 in Berlin, 1953 im Koreakrieg. Washington beginnt, den französischen Indochinakrieg zu finanzieren, 1954 zahlt es bereits 80 Prozent. Aus der Eindämmung der sowjetischen Expansion wird schnell ein Kreuzzug gegen den Kommunismus. In der Ära des Kalten Kriegs richtet das Pentagon in 39 Ländern insgesamt 4000 Militärstützpunkte ein.

Reichstes Land auf Erden

Nach 1945 ist Amerika das mit Abstand reichste Land auf Erden und muss Europa, das es gerade vom Hitler-Faschismus befreit hat, erneut beistehen. Die Alte Welt hungert, selbst die Großmacht England mit ihrem immer noch riesigen Kolonialreich steht kurz vor dem Bankrott. Im April 1947 verlässt der Frachter "John H. Quick" den Hafen von Galveston mit 9000 Tonnen Weizen an Bord; 150 weitere Schiffe bringen Traktoren, Fischnetze, Baumwolle, Reifen, Flugzeugersatzteile und Pferdefleisch im Wert von 20 Millionen Dollar über den Atlantik. Im Rahmen des Marshall-Plans folgen bis Ende 1952 Geld und Güter für 13 Milliarden Dollar (das wären heute zirka 100 Milliarden). Die Mildtätigkeit schafft Abhängigkeiten: Amerikanische Firmen nehmen in den sechziger Jahren in Europa oft eine marktbeherrschende Stellung ein, von IBM bis General Electric; 1969 übersteigt der Wert der US-Tochtergesellschaften im Ausland beispielsweise das Bruttosozialprodukt von England.

Auch zu Hause breitet sich rasant der Wohlstand aus. Die Wirtschaftsproduktion verdoppelt sich zwischen 1946 und 1956. Das Land erlebt in den fünfziger Jahren einen Babyboom. 13 Millionen neue Häuser werden gebaut. 83 Prozent der Haushalte haben einen Fernseher. Zwischen 1951 und 1958 verdoppelt sich die Zahl der Familien, die zwei Autos besitzen. 1960 verzehren die 200 Millionen US-Bürger zwei Milliarden Hot Dogs. Amerika, das sechs Prozent der Erdbevölkerung stellt, konsumiert ein Drittel aller Güter und produziert zwei Drittel aller Waren auf der Welt.

Eine "Nation aus Nationen"

Ja, der Durchschnittsamerikaner durfte stolz, glücklich und selbstgefällig sein - so wie sein ewig lächelnder Präsident Dwight D. Eisenhower, den alle nur "Ike" nennen, wenn er nachmittags demonstrativ Golf spielt.

Die USA, von denen ihr geistiger Gründungsvater Walt Whitman sagte, sie seien eine "Nation aus Nationen", wachsen zum weltumspannenden Imperium, das seine Produkte überallhin exportiert. Zuerst sind es Cola-Automaten, später Xerox-Maschinen und McDonald's-Filialen. Im Gegensatz zum großen Rivalen, der Sowjetunion mit ihren rigiden Ideologie-Konzepten, die eher für Drittweltländer attraktiv sind, haben die USA Produkte von universellem Charme zu bieten, nützliche Dinge für jedermann, modern, modisch, mobil. Autos etwa. 1957 gibt es in den USA 56 Millionen Pkws, in Russland 415 000. New Yorks Männer tragen Brooks-Brothers-Hemden und weiße Broque-Schuhe, die Moskauer haben zerbeulte Anzüge und verlotterte Socken an.

Hollywoods Filme sind das Maß der Dinge, in der neuen Glitzermetropole Las Vegas geht man zum "Topless Pizza Lunch".

Dagegen ist die Alte Welt grau und rückständig, vor allem die Sowjetunion. Dennoch gelingt es der UdSSR, den Rivalen USA jahrzehntelang in Atem zu halten. Am 23. September 1949 zünden die Sowjets ihre erste Atombombe; der deutschstämmige Spion Klaus Fuchs hat ihnen verraten, wie man sie herstellt. Panik und Paranoia beherrschen seit diesem Tag die amerikanische Politik, zumal kurz zuvor Mao Tse-tung auch in China den Kommunismus ausgerufen hatte. Amerikas Kalte Krieger wittern jetzt überall Konspiration. Vier Millionen Menschen werden bis 1954 auf ihre Staatstreue überprüft, knapp 10 000 verlieren ihren Job - Lehrer, Gewerkschafter, Sekretärinnen.

Senator Joe McCarthy, der oberste Gesinnungsschnüffler, entfacht eine Hexenjagd. Ein Feind ist, wer "unamerikanische Aktivitäten" betreibt. Hollywood-Größen und Literatur-Nobelpreisträger wie Humphrey Bogart oder Thomas Mann stehen auf der schwarzen Liste.

Die Saubermänner wühlen im Müll

"Haben Sie jemals das Thema "Tanz in Russland" behandelt?", "Lesen Sie viele Bücher?", "Haben Sie häufig Farbige zu Gast?" - fünfmal wird der Gewerkschaftsfunktionär Alfred Bernstein verhört, dann verliert er seine Stellung und muss mit seiner Frau Sylvia einen Waschsalon eröffnen. McCarthys Agenten durchwühlen Bernsteins Müll, horchen Postboten aus. Pulitzer-Preisträger Carl Bernstein beschreibt später in seinem Buch "Loyalties", wie er als Kind die Verfolgung erlebte. Seine Spielkameradin Nancy durfte nicht mehr mit ihm Rad fahren - ihre Eltern hatten es verboten. Carl gesteht, er hätte seinem Vater am liebsten den Minigolf-Schläger auf den Kopf gehauen, weil Papa die Familie in Unannehmlichkeiten stürzte.

Als sich McCarthy 1957 im Alter von 48 Jahren zu Tode gesoffen hat, ist der Spuk zwar vorbei, doch die Furcht vor dem inneren Feind, vor Unterwanderung und Verrat bleibt ein prägendes Element der amerikanischen Politik.

Inzwischen gilt Kennans Strategie der Eindämmung in Washington als zu lasch. Der Star-Diplomat geht ins akademische Exil, eine neue Gruppe von Scharfmachern ersinnt aggressivere Maßnahmen - allen voran Eisenhowers Außenminister John Forster Dulles, der eine Art heiligen Krieg gegen die gottlosen Kommunisten führen will. Bereits lange vor seiner Amtszeit betreibt der Republikaner Dulles die Gründung der CIA (Central Intelligence Agency). Sie wird 1947 aufgebaut, tritt jedoch erst in der Eisenhower-Zeit voll in Aktion, als Dulles? Bruder Allen Chef des Geheimdienstes wird.

Ihren ersten Coup landet die CIA 1953 in Persien, damals eines der wenigen Länder im Mittleren Osten mit demokratischen Ansätzen. Doch den Amerikanern passt nicht, dass der Iran die Ölindustrie verstaatlichen will. Der regionale CIA-Boss Kermit ("Kim") Roosevelt, ein Enkel von Präsident Theodore Roosevelt, setzt so lange Schmiergelder und Schlägerbanden ein, bis Premier Mohammad Mossadeq im Schlafanzug aus seiner Residenz fliehen muss. Wenig später sitzt eine US-Marionette, der 33-jährige Schah Reza Pahlevi, auf dem Pfauenthron. Die skrupellose Aktion lohnt sich für die Amerikaner. Sie teilen sich fortan 80 Prozent des iranischen Ölvorkommens mit den Briten. Doch langfristig sollte sich die Raffgier rächen.

Demokratie predigen, Despoten unterstützen

Auch vor der eigenen Haustür, in Mittel- und Südamerika, zerschlägt die CIA viel Porzellan. In Guatemala arrangiert sie einen Putsch und macht die Bananenrepublik praktisch zur Privatkolonie des US-Konzerns "United Fruit Company". In anderen Ländern Lateinamerikas stützt Washington die übelsten Diktatoren. Durch ihre Prinzipienlosigkeit - Demokratie predigen, aber Despoten unterstützen - verlieren die USA in der Dritten Welt ihre Glaubwürdigkeit: Richard Nixon bekommt den Hass in Peru und Venezuela zu spüren, die er noch als Eisenhowers Vize besucht. In Caracas wird sein Wagen sogar mit Steinen beworfen, er muss um sein Leben fürchten und flieht Hals über Kopf aus dem Land.

Am Morgen des 5. Oktober 1957 versetzen die Sowjets den USA und der ganzen westlichen Welt einen weiteren Schock. Sie haben mit einer Rakete den ersten Satelliten ins All geschossen. Mit einer Geschwindigkeit von 29 000 km/h umrundet der "Sputnik" die Erde. War dies der Beweis, dass der Kommunismus die Demokratie besiegen kann? Dreieinhalb Jahre später, am 12. April 1961, kreist der Russe Juri Gagarin als erster Mensch im Weltraum. Und Staatschef Nikita Chruschtschow tönt: "Jetzt müssen die Kapitalisten unser Land erst mal einholen."

"Unsere Nation muss einen Mann auf den Mond schicken, bevor dieses Jahrzehnt zu Ende geht", fordert John F. Kennedy im Gegenzug. "Ich erwarte, dass das klappt. Wenn ich vorher sterbe", fügt er scherzhaft drohend an, "werde ich im Himmel eine bessere Aussicht haben als ihr unten auf der Erde." Das klingt utopisch, doch tatsächlich landet am 20. Juli 1969 Neil Armstrong als erster Mensch auf dem Mond.

Glücksfall für Amerika

Kennedy ist ein Glücksfall für Amerika, ein Ausnahme-Präsident, jung, gut aussehend und telegen. Seine elegante Gattin Jackie macht das Weiße Haus zum Treffpunkt von Künstlern und Intellektuellen, seine Geliebte Marilyn Monroe ist die attraktivste Schauspielerin ihrer Zeit - und dann ist da noch Kennedys Papa Joe, der ganz ungeniert verkündet: "Was sind schon 100 Millionen Dollar, Hauptsache sie helfen meinem Sohn."

Der Sonnyboy hat allerdings einen schweren Start, gerät in den ersten Tagen seiner kurzen Präsidentschaft in die heißeste Phase des Kalten Kriegs. In Vaters Winterpalast in Palm Beach gibt er CIA-Direktor Dulles grünes Licht, den kubanischen Revolutionsführer Fidel Castro zu ermorden - mit einer Zigarre, die explodieren soll. Doch das Komplott schlägt ebenso fehl wie die vom CIA im April 1961 dilettantisch eingefädelte Invasion an der kubanischen Schweinebucht. 114 Männer sterben, 1189 werden gefangen genommen. Kennedy muss 53 Millionen Dollar Lösegeld für ihre Freilassung zahlen. Trotz seines lässigen, jungenhaften Auftretens gewinnt er Format und zeigt Härte: Als Chruschtschow bei einem Treffen im Sommer 1961 in Wien auf den Tisch haut und Ansprüche auf West-Berlin anmeldet, entgegnet Kennedy: "Wenn das so ist, Herr Vorsitzender, dann gibt es Krieg; der Winter wird kalt."

Als die Sowjets Raketen auf Kuba stationieren, steht die Welt vor einem Atomkrieg. Kennedy hält zwar einerseits die Falken in den eigenen Reihen im Zaum, die sofort losschlagen wollen, droht Moskau aber, 156 Interkontinental-Geschosse auf die Sowjetunion abzufeuern. Die Russen ziehen ihre Trägerwaffen wieder ab, die USA gewinnen fortan in der Ost-West-Konfrontation die Oberhand.

"Ich bin ein Berliner"

Ihr Präsident fasziniert die Menschen - auch in Deutschland. In Berlin, der seit knapp zwei Jahren geteilten Stadt, reißt er die Massen mit, als er bei seinem Besuch 1963 in die Rede vor dem Schöneberger Rathaus die Worte einflicht: "Ich bin ein Berliner."

Innenpolitisch beschreitet der Demokrat Kennedy ganz neue Wege; zusammen mit seinem Bruder Robert, den er zum Justizminister macht, postuliert er eine moralische Wende.

Sein Satz "Ask not what your country can do for you - ask what you can do for your country" (Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst) ist typisch für die Aufbruchsstimmung der 60er Jahre. In ihrem programmatischen "Kampf gegen die Armut" und in ihrer Unterstützung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung werden die Kennedy-Brüder zu tragischen Lichtgestalten des modernen Amerika. Der Präsident wird am 22. November 1963 aus bis heute ungeklärten Motiven in Dallas ermordet, sein Bruder kommt fünf Jahre später um. Der Nachfolger im Weißen Haus, der Texaner Lyndon B. Johnson, hat keine glückliche Hand. Er eskaliert den Vietnamkrieg und führt das Land in die erste militärische Niederlage seiner Geschichte. Die Illusion amerikanischer Omnipotenz ist für immer zerstört.

Die Nation, so die Schriftstellerin Gertrude Stein, ist inzwischen "das älteste Land des 20. Jahrhunderts". Ein neues Zeitalter hat begonnen, und die USA sind darin am weitesten fortgeschritten. New York ist die Hauptstadt der Welt, eine Metropole nicht nur des Finanzmarkts, sondern auch der Kunst. In der Literatur findet das Land zum neuartigen Genre der Science-Fiction-Romane und bringt einen Nobelpreisträger nach dem anderen hervor, auch auf dem Gebiet der Literatur (William Faulkner, Ernest Hemingway, John Steinbeck, Saul Bellow, Isaac B. Singer).

Mit der Kybernetik, entwickelt an der Universität Chicago, beginnt das Computer-zeitalter und die über nationale Grenzen hinausgehende Vernetzung. Der Medien-Theoretiker Marshall McLuhan spricht 1966 bereits von der Welt als einem "globalen Dorf".

Schattenseiten der Supermacht

Doch auch die Schattenseiten der Supermacht offenbaren sich immer deutlicher. In Wohnvierteln, Schulen, Bussen und selbst Imbissbuden der 17 Südstaaten herrscht noch immer strikte Rassentrennung, hartnäckig hält sich das Vorurteil, die Armut der Schwarzen beruhe auf "genetischer Minderwertigkeit". Brutal setzen sich weiße Schläger über die Diskriminierungsverbote der Bundesgerichte hinweg; mit passivem Widerstand, so genannten "Sit-ins", kämpfen die Schwarzen um ihre Bürgerrechte und scharen sich um den Baptistenprediger Martin Luther King. Im Gegensatz zur militanten Black-Panther-Bewegung setzt er auf friedliche Mittel, rührt im August 1963 beim "Marsch auf Washington" mit seiner emotionsgeladenen Rede ("I have a dream") 250 000 Menschen zu Tränen. Die Erfüllung seines Traums, "dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Slaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können..., dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt", erlebt er nicht mehr. Im April 1968, kurz bevor Robert Kennedy in einer Hotelküche in Los Angeles einem Attentat zum Opfer fällt, wird King in Memphis erschossen - von einem weißen Auftragskiller.

Wie viele Kinder hast du heute umgebracht?

An der Demo in Washington nehmen auch 50 000 Weiße teil, darunter Bob Dylan, der mit seinem Song "The Times They Are A-Changin?" zum Herold der Protestbewegung der sechziger Jahre wird.

Aus allen ethnischen Gruppen sammeln sich nun Linke, Bürgerrechtler, Studenten, Gewerkschafter, Hippies und Feministinnen. Sie machen Sit-ins an den Universitäten von Berkeley oder Princeton, rauchen Marihuana und strömen zu Mega-Happenings wie dem Woodstock-Festival, bei dem 1969 gut 400 000 Fans zusammenkommen. Ihre Vorbilder sind der Philosoph Herbert Marcuse, der Verbraucher-Anwalt Ralph Nader, die Feministin Gloria Steinem, der Drogenapostel Timothy Leary oder die Rockband "The Grateful Dead". Zum ersten Mal in seiner Geschichte wird Amerika von einer Rebellion erschüttert, die seine zentralen Werte in Frage stellt: den Pragmatismus, den Puritanismus, das Profitdenken.

Die junge Generation will ein anderes Amerika, eine Gegenkultur. Es entstehen Landkommunen und Alternativ-Läden. Männer lassen bei Rock-Festivals, Frauen beim "Anti-BH-Tag" in San Francisco die Hüllen fallen. Das Establishment, das die USA in einen - so Schriftsteller Henry Miller - "klimatisierten Albtraum" verwandelt hat, reagiert zunehmend nervös: "Die Bastarde von Berkeley", schimpft Ronald Reagan, Kaliforniens rabiater Gouverneur, schwelgten in "Sex, Drogen und Verrat".

Bei einem Anti-Kriegstreffen in San Francisco skandiert die Menge "Hey, hey, LBJ, how many kids did you kill today?" (Hallo, Lyndon B. Johnson, wie viele Kinder hast du heute schon umgebracht?) Im November 1969 gehen 700 000 Menschen in Washington auf die Straße - die mächtigste Demonstration in der Geschichte Amerikas. Sie rufen "Make love, not war" (Macht Liebe, nicht Krieg).

Ein schmutziger Krieg

Das Versprechen, das südasiatische Land von den kommunistischen Vietcong zu befreien, verkehrt sich in ein monströses Verbrechen, in einen schmutzigen Krieg, den die US-Army mit Napalmbomben und dem Entlaubungsgift »Agent Orange« führt. Und als der Krieg, dem über eine Million Vietnamesen und 58 000 Amerikaner zum Opfer fallen, 1973 endgültig verloren ist, haben die USA wieder einmal ihre Glaubwürdigkeit verspielt, diesmal gründlicher denn je.

"Der amerikanische Elefant lässt die Erde erbeben, doch die darin lebenden Ameisen kann er nicht erobern", stellt der TV-Journalist Alistair Cooke fest. Je sinnloser der Krieg, desto größer wird in den USA die Schar seiner Kritiker.

Unter ihnen ist auch George Kennan, der Kalte Krieger mit der Eindämmungs-Strategie. Die größte Gefahr in der Begegnung mit dem Kommunismus, erklärt der heute 98-jährige Denker, bestehe für Amerika darin, "dass wir uns erlauben, genauso zu agieren wie diejenigen, gegen die wir vorgehen".

1969 wird der Republikaner Richard Nixon Präsident. Er führt noch weitere fünf Jahre Krieg, weitet ihn sogar auf Kambodscha aus. Die Friedensaktivisten schimpft er "peaceniks" und lästert über "die Gammler auf dem Campus". Am 4. Mai 1970 feuern Polizisten an der Kent State University von Ohio blindwütig auf Demonstranten; vier Studenten sterben. 1971 befiehlt der zunehmend paranoide Präsident, Listen von missliebigen Personen zu erstellen, auf denen bald Hunderte von "Feinden" stehen, Politiker, Journalisten, Schauspieler wie Jane Fonda oder Football-Stars wie Joe Namath von den New York Jets.

"Holt euch diese Akten!"

Und es kommt noch bizarrer. Am 17. Juni 1972 brechen vier Kubaner und ein Ex-CIA-Spion kurz nach Mitternacht in das Washingtoner Hauptquartier der Demokraten im Watergate-Hotel ein, um deren Wahlkampfstrategie auszuspionieren.

Die "Klempner" tragen Plastikhandschuhe und handeln, wie Reporter der "Washington Post" nachweisen, im Auftrag des Präsidenten. Weil der Sicherheitsfanatiker stets all seine Gespräche auf Band aufzeichnet, bekommt Amerika die Befehle Nixons später im Originalton serviert. "Gottverdammt", bellt er seine Untergebenen an, "holt euch diese Akten, jagt den Safe in die Luft!" Oder er schreit: "Wir haben es mit einem Feind zu tun, einem Verrat. Die anderen setzen alle Mittel ein, also setzen wir auch alle Mittel ein, ist das klar?" Die Nation ist schockiert über die vulgäre Sprache ihres Präsidenten, der seine Gegner "Hurensöhne", "Schwanzlutscher" und "Geldjuden" nennt.

Am 8. August 1974, als seine Amtsenthebung (impeachment) unabwendbar ist, tritt Nixon zurück. Noch nie war ein US-Präsident so tief in kriminelle Machenschaften verstrickt. Und wohl noch nie haben sich im Weißen Haus dermaßen deprimierende Szenen abgespielt - am Tag vor dem Rücktritt torkelt Nixon betrunken durch die Korridore und hält lallend Zwiesprache mit den Wandbildern früherer Präsidenten.

Die USA sind am Tiefpunkt, moralisch wie wirtschaftlich. Der zehn Jahre währende Vietnamkrieg hat 150 Milliarden Dol-lar verschlungen. Inflation, Arbeitslosigkeit, Riesenlöcher in den Bildungs- und Sozialetats sind die Folge. Jahrzehntelang erfreuten sich die Bürger eines ständig steigenden Konsums, nie wurden die Steuern erhöht. Doch jetzt steht selbst die Metropole New York vor dem Bankrott. In Downtown Detroit ist die Kriminalität schlimm wie noch nie.

Bislang Undenkbares passiert - dem reichen Amerika geht wegen des arabischen Öl-Embargos nach dem Yom-Kippur-Krieg Mitte der siebziger Jahre das Benzin aus; im Winter machen wegen des Öl-Mangels sogar Schulen dicht. Der farblose Präsident Gerald Ford, ein Nixon-Kumpel, bringt keinerlei Umschwung.

Neuer Kurs im Weißen Haus

Jimmy Carter jedoch, erneut ein Demokrat auf dem Präsidentenstuhl, drosselt am ersten Amtstag demonstrativ im Weißen Haus die Thermostate, debattiert die Energiekrise in der Strickjacke am offenen Kamin. Das imperiale Gehabe seiner Vorgänger, die vielen Lügen, der oft falsche Glanz, die Arroganz der Macht - all dies ist dem Erdnussfarmer aus Georgia fremd. Er ist mit Bob Dylan befreundet, geht joggen, diskutiert über Sonnenenergie, verbietet der Präsidentengarde, die Lobeshymne "Hail to the Chief" zu spielen und sorgt dafür, dass Gäste im Weißen Haus ihr Frühstück selbst bezahlen.

Auch außenpolitisch fährt der Mann aus dem Süden einen neuen Kurs. Unermüdlich setzt er sich für die Menschenrechte in Drittweltländern ein, und nach langem Ringen gelingt es ihm sogar, zwischen Israel und Ägypten in Camp David Frieden zu stiften. Nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan 1979 ruft er zum Boykott der Olympischen Spiele von Moskau im folgenden Jahr auf. Doch insgesamt agiert Carter glücklos. Ausgerechnet ihm, dem Gutmenschen aus Georgia, wird ein finsteres Erbe der US-Außenpolitik zum Verhängnis.

Niemand in den USA ahnt, was sich in Persien zusammenbraut. Noch im August 1978 meldet die CIA, im Iran herrsche "weder eine revolutionäre, noch nicht einmal eine vorrevolutionäre Lage". Wie sehr sich die "Gurkenfabrik" (Agentenslang) irrt, zeigt sich sechs Monate später: Der einst von den USA inthronisierte Schah muss fliehen, Ayatollah Khomeini übernimmt die Macht. Anhänger des Schahs - für ihn "Werkzeuge der CIA" - lässt der islamische Revolutionsführer exekutieren. Im November 1979 besetzen seine Garden in Teheran die Botschaft des "Großen Satans" Amerika. 52 US-Bürger nehmen sie als Geiseln. Deren Befreiung durch ein waghalsiges Hubschrauber-Kommando scheitert kläglich im Wüstensturm. Amerika hat nun neben der Sowjetunion auf der internationalen politischen Bühne einen zweiten erklärten Feind, den Gottesstaat Iran - und mit ihm bald fast die ganze islamische Welt.

Tilman Müller print

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