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Interview

Warum Türken in Deutschland auf Erdogan stehen - und Türken in den USA nicht

In Deutschland gibt es unter den Wählern viel mehr Befürworter der Verfassungsreform von Präsident Erdogan als in der Türkei oder unter Türken, die in Übersee leben. Weshalb ist das so? Eine türkische Soziologin hat eine Erklärung.

Gulay Turkmen-Dervisoglu

Die Türkin Gulay Turkmen-Dervisoglu arbeitet als Soziologin an der Universität Göttingen. Auch sie hat Ihre Stimme abgegeben.

In der Türkei war die Wahlbeteiligung hoch, das Ja zur Verfassungsreform des Präsidenten knapp. In Deutschland stimmten knapp 50 Prozent der wahlberechtigten Türken ab - und sagten mit beinahe Zwei-Drittel-Mehrheit (63,1 Prozent) Ja zu Recep Tayyip Erdogan. In den USA, in Kanada und Großbritannien sieht das ganz anders aus. Weshalb findet Erdogan mehr Unterstützung bei den türkischen Wählern in Deutschland als sonstwo in der Welt? Die türkische Soziologin Gulay Turkmen-Dervisoglu erforscht an der Universität Göttingen den türkischen Nationalismus, insbesondere im Verhältnis zu Religion und Gewalt. Seit einem Jahr wohnt sie in Deutschland, zuvor lebte sie in den USA. Im Gespräch mit dem stern erzählt sie von dem Unterschied zwischen den Türken hierzulande und den Türken in Übersee.

Frau Turkmen-Dervisoglu, rund die Hälfte der Türken in Deutschland ist zur Wahl gegangen. Ist das Ihrer Meinung nach viel oder wenig?

Im Ausland ist die Wahlbeteiligung ja grundsätzlich eher niedriger, schon allein deshalb, weil es mit höherem Aufwand verbunden ist, wenn man wählen will. Ich zum Beispiel musste anderthalb Stunden bis nach Hannover fahren, um meine Stimme abgeben zu können. Dafür sind 46 Prozent Wahlbeteiligung natürlich recht viel. Es mag wenig erscheinen, ist aber mehr als die 30 bis 40 Prozent bei früheren Wahlen. Allerdings ging es hier ja auch nicht um irgendeine Wahl, sondern um einen echten Wandel.

Weshalb haben Sie die anderthalb Stunden Fahrt auf sich genommen? 

Ich habe gewählt, weil ich es sehr wichtig für die Zukunft finde, ein Land als Heimatland zu haben, in das ich einmal zurückkehren kann, das ich auch meinem heute zwei Jahre alten Sohn zumuten kann.

Fast zwei Drittel der Türken in Deutschland und auch die Mehrheit der türkischen Wähler in den Niederlanden haben Ja zu Erdogan gesagt, in sieht das ganz anders aus. Wie erklären Sie sich das? 

Das ist mir auch aufgefallen, als ich mir die Wahlergebnisse angesehen habe. In Kanada und in den USA und auch in Großbritannien war der Anteil der Nein-Stimmen ja hoch, bei 70 bis 80 Prozent. Das finde ich aber erklärbar. Viele der Türken, die es nach Übersee verschlägt, gehen dorthin, um dort ihren Doktorgrad oder ihren Master-Abschluss zu machen, es sind tendenziell sehr gebildete Menschen. Die Migranten, die aus der Türkei nach Deutschland oder in die Niederlande ziehen, haben häufig einen anderen sozialen Hintergrund. Ich will nicht sagen, dass es ungebildete Türken sind, die hier leben. Aber die meisten hier kommen doch eher aus der Arbeiterklasse.

Viele Türken leben in Deutschland in der zweiten Generation - nach der Zuwanderungswelle in den 1960er und -70er Jahren... 

Ja, das ist inzwischen eine sehr komplexe Gruppe, viele unterschiedliche Menschen. In den USA sind es in erster Linie Menschen, die es sich überhaupt leisten können, nach Übersee zu ziehen, etwa für eine Ausbildung. In die USA und gerade auch nach Kanada zieht es zudem mehr Akademiker, da die Universitäten dort mehr ausländische Studenten annehmen; es gibt dort auch viele Stipendien speziell für Studenten aus dem Ausland. Die türkische Bevölkerung in den USA wird eher bestimmt durch Menschen mit höherer Bildung; Studenten mit besseren Noten, die als hochqualifizierte Migranten ins Land ziehen.

Könnte es Ihrer Auffassung nach eine Rolle spielen, dass demnach viele Türken nur zeitweise, für die Dauer eines Studiums, in die USA oder nach Kanada gehen, um dann in die Türkei zurückzukehren?

Ich glaube, es ist den Türken, die in einem anderen Land bleiben wollen, auch sehr wichtig, was in ihrem Heimatland geschieht. Aber es ist eben ein Unterschied, ob man in Deutschland oder in den Niederlanden, oder ob man in Übersee Türke ist. Viele Türken in Deutschland fühlen sich wohl eher als Minderheit als etwa in den USA. Dort ist es in vielen Gegenden ohnehin sehr weltstädtisch, sie fühlen sich als Muslime und Türken eher zugehörig und aufgenommen. Deshalb wollen die Türken hier eher ihre Herkunft unterstreichen und Erdogan ist für sie ein starker Anführer, der ihnen diese Werte vermittelt. Dazu kommt - um auf die Frage zu antworten -  sicher tatsächlich, dass Türken sich etwa in den USA schon vorstellen können, nach ihrem Studium in ihr Heimatland zurückzukehren, wenn die AKP dann nicht mehr an der Macht ist. In Deutschland haben sich viele aber bereits niedergelassen, haben eine Arbeit, eine Familie und wollen gern dauerhaft bleiben.

Man kann also auch aus der Ferne ein Patriot sein?

Ich bin überzeugt davon - und die wissenschaftliche Erforschung der Identitätsbildung zeigt auch -, dass Menschen freilich zwei Zugehörigkeiten nebeneinander tragen können. Ein deutscher Türke, hier geboren und aufgewachsen, kann sich gleichermaßen türkisch und deutsch fühlen und sich um die Politik beider Länder gleichermaßen kümmern. Ich finde es ein bisschen problematisch, dass einige deutsche Politiker und einige deutsche Leute denken, dass sie "ihre Zugehörigkeit wählen" sollten. Als Soziologin verstehe ich die Gründe für eine solche Reaktion - also wir und die, Dichotomie, Fremdenfeindlichkeit, Probleme mit Integration... -, aber ich habe auch das Gefühl, dass es meine Pflicht ist, solch eine falsche Vorstellung zu korrigieren.

Fühlen Sie sich in Deutschland als Türkin mehr als Minderheit als davor in den USA?

Das würde ich nicht sagen, aber ich bin hier auch hauptsächlich in Kontakt mit Menschen auf meinem Campus, ich spreche ständig Englisch. Meine türkische Identität kommt eigentlich kaum zum Vorschein, deshalb erlebe ich das auch nicht so, auch, wenn ich einen türkischen Pass habe und meine Familie zum großen Teil in der Türkei lebt.

Wie haben Sie persönlich das Wahlergebnis aufgenommen? 

Ich habe es schon eigentlich so erwartet, wie es gekommen ist; in den Umfragen sah es ja auch danach aus. Trotzdem habe ich seltsam optimistisch in die Zukunft geblickt, trotz der so ungerechten Wahlkampagne. In der Türkei werde ich nun zumindest als Wissenschaftlerin nicht mehr arbeiten können. Soziologie ist ja ein sehr politisches Fach, als Chemikerin etwa wäre das sicher etwas anderes. Aber so kann ich zumindest vorerst nicht mit meinem Beruf in die Heimat zurück.

Was glauben Sie, wie geht es in der Türkei jetzt weiter? 

Ein Bürgerkrieg wäre wohl das Schlimmste, das passieren könnte, ist aber eben nicht auszuschließen. Aber ich habe auch Angst, dass die Regierung das Land nicht sehr demokratisch regieren wird. Jetzt, da Erdogan so viel Macht hat, weiß man nie, was er als nächstes tun wird. Und ich bin nicht sicher, ob er, falls er 2019 verliert, seinen Platz dann so ohne Weiteres räumen wird. Faktisch wird sich für die Menschen im Moment aber wohl  gar nicht so viel ändern, schließlich ist das Land und die Regierung seit dem Putschversuch im Juli ja ohnehin im Ausnahmezustand.


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