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US-Informant auf der Flucht: Affäre Snowden wird zum Polit-Thriller

Wo steckt Edward Snowden? Der Whistleblower war nicht an Bord der Maschine nach Kuba, soll Russland aber verlassen haben. Wikileaks-Gründer Julian Assange scheint mehr zu wissen.

Die Affäre um den IT-Spezialisten Edward Snowden erreicht mittlerweile die höchste politische Ebene. So warnte US-Außenminister John Kerry China und Russland davor, ihre Beziehungen zu den Vereinigten Staaten zu gefährden. Es wäre "zutiefst beunruhigend", wenn die Länder von den Reiseplänen des früheren US-Geheimdienstmitarbeiters gewusst und wissentlich gegen gesetzliche Standards verstoßen hätten, sagte Kerry auf einer Pressekonferenz in Neu Delhi. "Ohne Frage gäbe es Auswirkungen auf die Beziehungen und Konsequenzen."

In Bezug auf China erinnerte Kerry an das Auslieferungsabkommen mit Hongkong. Es wäre "sehr enttäuschend", wenn die Behörden der chinesischen Sonderverwaltungszone dem in den USA per Haftbefehl Gesuchten willentlich erlaubt hätten, ein Flugzeug zur Ausreise zu besteigen. An die Adresse Russlands sagte Kerry, die USA hätten in den vergangenen zwei Jahren sieben Gefangene ausgeliefert, die Russland verlangt habe. Snowden habe die USA betrogen und gegen einen Eid verstoßen.

Snowden unterwegs - mit unbekanntem Ziel

Vermutlich kommt Kerrys Appell an die russischen Behörden zu spät, denn der gesuchte Mann hat Russland wohl bereits verlassen. Offenbar sei der 30-Jährige an Bord eines anderen Flugzeuges gegangen, meldete die Nachrichtenagentur Interfax unter Berufung auf Sicherheitskreise. Zuvor war eine Maschine nach Kuba ohne ihn gestartet.

Snowden hatte im Transitbereich des Moskauer Flughafens Scheremetjewo auf den Weiterflug nach Ecuador über Kuba gewartet. Er hat einen Asylantrag in Ecuador gestellt, teilte die Regierung des südamerikanischen Landes mit. Der Aeroflot-Flug von Moskau mit der Nummer SU150 ist unterwegs nach Havanna, wo er um 0.45 Uhr MESZ landen soll - ohne Snowden an Bord.

Russland hatte keinen Grund gesehen, den früheren US-Geheimdienstler festzunehmen und in die USA auszuliefern. "Die Amerikaner können nichts fordern. Wir können ihn übergeben - oder wir können ihn nicht übergeben", hatte der Menschenrechtsbeauftragte der russischen Regierung, Wladimir Lukin, noch vor dem Abflug Snowdens aus Russland der Agentur Interfax gesagt.

"Snowden ist gesund und in Sicherheit"

Peinlich sind auch die Nachrichten, mit denen die "New York Times" an diesem Montag aufwartet: Demnach hätten die USA erst am Samstag Snowdens Pass annulliert - möglicherweise schon zu spät. Auch Interpol sei von den US-Behörden nicht informiert worden.

Jetzt ruft die Regierung laut CNN händeringend alle möglichen Asylländer auf, Snowden keinen Unterschlupf zu gewähren. Doch die Chancen, dass sich Staaten wie Ecuador, Venezuela oder Kuba dies zu Herzen nehmen, sind minimal.

Moskauer Medien hatten berichtet, dass Russland Snowden nicht festnehmen könne, weil er bei Interpol nicht zur Fahndung ausgeschrieben sei. Der Ex-Geheimdienstler hatte am Sonntag Hongkong verlassen. Unterstützt wird er auch von der Enthüllungsplattform Wikileaks. Dessen Gründer Julian Assange meldete sich am Montagnachmittag mit der Information zu Wort, Snowden sei "gesund und in Sicherheit". Wo der Gesuchte ist, sagte aber auch Assange nicht.

Snowden wird in den USA gesucht, weil er interne Informationen über das Spähprogramm Prism der amerikanischen Regierung an Medien weitergegeben hat. Als ehemaliger Mitarbeiter einer für den US-Geheimdienst NSA tätigen IT-Firma verfügt Snowden über umfangreiches Insiderwissen. Vor seiner Flucht nach Moskau hielt er sich wochenlang in Hongkong versteckt. Dort hatte er seine Interviews gegeben, die international für Aufsehen sorgten.

Zunächst hatte er enthüllt, dass die USA massenhaft elektronische Kommunikation abhören. Vor seiner Abreise aus Hongkong legte er außerdem noch Dokumente über ein britisches Überwachungsprogramm im Internet sowie die Datenspionage von US-Diensten in China offen.

Ärger für Obama

Die US-Regierung hatte gegen Snowden Anklage wegen Geheimnisverrats erhoben und seine Festnahme beantragt. Hongkongs Behörden ließen ihn trotzdem ausreisen. Die chinesischen Behörden schickten den Antrag der Amerikaner als unvollständig zurück. Es habe es "keine rechtliche Grundlage" gegeben, die Ausreise zu verhindern, hieß es aus der chinesischen Sonderverwaltungszone. Das US-Justizministerium äußerte sich verärgert über Hongkongs mangelnde Kooperationsbereitschaft. China allerdings ist seinerseits verärgert wegen der vermuteten und durch Snowden aufgedeckten Cyberattacken der USA auf China.

Die Enthüllungen entwickeln sich zunehmend zu einem Problem für US-Präsident Barack Obama, der sich international für die Geheimdienst-Abhöraktionen rechtfertigen muss.

Auch Assange möchte gern nach Ecuador

Ecuador gewährt auch Wikileaks-Gründer Assange politisches Asyl, der diplomatische Geheimdokumente etwa über die Rolle der USA in den Kriegen im Irak und in Afghanistan veröffentlicht hatte. Assange sitzt seit über einem Jahr in der ecuadorianischen Botschaft in London fest. Auch er fürchtet die Auslieferung in die USA.

kmi/anb/brü/Reuters/DPA / DPA / Reuters