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Weihnachten in aller Welt: Von Affären und Billig-Glühwein

In aller Welt begehen die Menschen Weihnachten. Doch die Feiern unterscheiden sich von Land zu Land deutlich. stern-Korrespondenten berichten von Weihnachtsbräuchen aus aller Welt - von den One-Night-Stands in Peking bis zu Billig-Glühwein in London.

Von Cornelia Fuchs, London

Die Weihnachtszeit in London ist vor allem eines: stressig. Die U-Bahn ist nicht nur mehr in der Rush-Hour voll und stickig, sie ist jetzt rund um die Uhr noch voller und noch stickiger und außerdem drohen Riesen-Geschenkpackungen der WII-Playstation, oder der diesjährigen Kleinkinder-Sensation, der Knuddelfigur von Igglepiggle, von jeder Seite auf einen einzustechen.

Ein Wischmop, festlich eingepackt

Die Oxford-Street ist nur noch beschleichbar, weil sie am Wochenende für den Straßenverkehr gesperrt ist. Und an den Kassen hilft nur noch tiefes Durchatmen, wenn eine Kundin, trotz 20-Meter-Schlange, ihren gerade gekauften Wischmop gerne festlich eingepackt haben möchte.

Seit Wochen gibt es Weihnachts-Hasser-Artikel in allen Londoner Zeitungen. Wie sehr diese Jahreszeit an den Nerven der ansonsten sogar angesichts von Terroranschlägen eher stoischer Londoner zehrt, sieht man an den Warteschlangen. Es gibt tatsächlich Verzweifelte, die sich nicht anders zu helfen wissen, als sich vorzudrängeln. Das wäre ansonsten unerhört. Doch natürlich gibt es sie, die Weihnachtsstimmung. Sie breitet sich aus von Birmingham über York, Canterbury, Exeter, Bournemouth und in diesem Jahr auch im Londoner Hyde Park. Und sie ist, man höre und staune: deutsch.

Bratwürste und Holzschnitzereien aus Deutschland

Die Engländer lieben deutsche Weihnachtsmärkte, am allerliebsten gleich einen mit richtigen Deutschen hinter den Ständen. Es wird wohl das erste Mal sein in der englischen Nachkriegs-Geschichte, dass ein deutscher Akzent nicht auf schallendes Gelächter sondern auf sehnlich-lächelnde Engländer trifft.

Im Hyde-Park wirkt das "Winterwunderland", wie die Veranstalter es nennen, wie eine Oase der Ruhe und des Segens. Es gibt Bratwürste (aus Hamburg), Holzschnitzereien (aus dem Schwarzwald) und Glühwein (von Aldi). Es gibt Renntier-Felle (nicht aus Deutschland) und komischerweise Pfannkuchen aus Holland. Und es gibt hunderte freudig gestimmte Londoner, die sich mit Glühwein so richtig die Kante geben.

Begonnen hat wohl alles in Birmingham vor etwa zehn Jahren, als die Frankfurter Messe-AG ihrer Partnerstadt ein paar Weihnachtshäuschen schickte - mit Riesenerfolg, Birmingham wirbt in ganz England inzwischen "mit dem größten Weihnachtsmarkt außerhalb Kontinental-Europas".

Glühwein ist das heimliche Highlight

Wer die Besucher der deutschen Weihnachtsmärkte beobachtet, merkt bald, dass die eigentliche Attraktion natürlich der Glühwein ist - mit dem schafft es jeder, sich nach der Weihnachts-Hetze schnell und billig einen anzutrinken. Und dass die Deutschen doch irgendwie feiern können, hat sich seit der Fußball-WM auch in England herumgesprochen. So herrscht zu Weihnachten Frieden im deutsch-englischen Verhältnis. Die heilige Zeit wird erst endgültig vorbei sein, wenn die nächste "german-bashing" Schlagzeile im Boulevard erscheint, wahrscheinlich anlässlich eines Fußballspiels.

Obwohl: Die englische Nationalmannschaft ist zur Zeit so verzweifelt, dass sie sogar Jürgen Klinsmann ernsthaft als Trainer in Betracht gezogen haben, ganz ohne Häme der Reporter. Schon da konnte man nur sagen: Ja, ist denn schon Weihnachten?

Rom: Ein Fest der Superlative

Von Luisa Brandl, Rom

An den Häuserwänden klettern Weihnachtsmänner in leuchtendem Rot mit weißem Pelz in die Fenster und Balkone: die Figuren in Miniatur und sogar in nahezu voller Größe sind die Lieblingsdekoration der Römer mit einem Hang zur Verspieltheit.

Während sich Knecht Ruprecht an den Fassaden hocharbeitet, türmen sich unten vor den Lebensmittelgeschäften Schachtel-Gebirge auf mit Panettone, dem italienischen Weihnachtskuchen. Das Fest der Liebe ist in Italien vor allem ein Festschmaus. Fürs Essen verwenden die Südländer 40 Prozent ihrer Weihnachtsausgaben.

In der römischen Innenstadt geht kaum noch etwas. Menschenströme wälzen sich durch die engen Gassen. Der Verkehr schwillt immer weiter an, je näher Heiligabend rückt. Einen Parkplatz zu finden ist so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Denn trotz allgemeiner Konsumzurückhaltung ist die Kauflust vor Weihnachten ungebremst. In einem beliebten Lebensmittelgeschäft kann man samstags drei Stunden zubringen, bis man mit prallen Tüten das Gedränge im Ladeninneren wieder verlässt.

Krippenspiel auf 400 Quadratmeter

Laut der Wirtschaftszeitung "Sole 24 Ore" geben die Italiener vor Weihnachten 18 Millionen Euro mehr aus als normal. In den High-Tech-Läden brummt das Geschäft, Technologie ist der Renner des Jahres, aber auch Parfümerien, Modegeschäfte und Spielwaren sind brechend voll.

Weihnachten ist in Rom Hochsaison. Der monumentale Krippenaufbau auf dem Petersplatz lockt Tausende Besucher an. Die szenische Darstellung der Geburt Jesu Christi auf 400 Quadratmetern ist schon vom Beginn der breiten Zufahrtsstraße auf den Vatikan sichtbar. Die Krippe besteht aus einem Zeltdach angelehnt an einen Felsen und erinnert an die Stall-Höhlen an den Hängen von Bethlehem. Eine Attraktion sind auch die Krippenfiguren: neun der 17 Holzfiguren sind von 1842 und stammen aus der Kirche Sant'Andrea della Valle.

Wetteifern um die schönste Tanne

Im Zentrum des Weltkatholizismus kommt zu der schönsten Krippe ein weiterer Superlativ: der prächtigste Weihnachtsbaum. Jedes Jahr wetteifern die Bergregionen Europas, wer die schönste Tanne für den Petersplatz stiftet. Eine Tradition, die Johannes Paul II.1982 ins Leben rief. Dreimal war Deutschland der Spender mit zwei Bäumen aus Bayern und einem aus Baden-Württemberg.

Dieses Jahr haben fünf Kommunen aus Südtirol die Tanne geliefert: Sie ist 140 Jahre alt, 26 Meter hoch und drei Tonnen schwer. Der Baum ist geschmückt mit silbernem Lametta, 2000 bunten Leuchtkugeln und einem leuchtenden Stern.

Römer feierten schon vor der Geburt Christi Weihnachten

Doch Weihnachten in Rom reicht weit zurück in eine vorchristliche Zeit. Schon in der Antike war der 25. Dezember der Anbetung des Gottes Mitra gewidmet. Die Christen ersetzten im 4. Jahrhundert den Mitra-Kult durch den Jesus-Kult. Das erste urkundlich nachgewiesene Weihnachtsfest hat im Jahr 354 in Rom stattgefunden.

Nicht ganz so alt, aber immerhin noch mehr als hundert Jahre ist der Weihnachtsmarkt an der Piazza Navona. Süßlicher Geruch von Zuckerwatte und kandierten Äpfeln verströmt von den Ständen rund um den barocken Vier-Ströme-Brunnen vor der Kulisse alter Paläste. Geschenkartikel, Spielwaren, Holzschnitzereien, und Süßigkeiten werden feilgeboten. Ein Karussell lockt Kinder an. Und die Straßenkünstler, die hier das ganze Jahr Touristen in ihren Bann ziehen, erhoffen sich von der Jahreszeit ein gutes Geschäft.

Peking: One-Night-Stand am Heiligabend

Von Adrian Geiges, Peking

Eigentlich gibt es Weihnachten in China gar nicht. Das Fest ist kein Feiertag und hat keine Tradition. Doch geht man derzeit in Peking durch die Straßen, sieht das alles ein wenig anders aus: Aus Kleidergeschäften dröhnt "Stille Nacht", Kellnerinnen tragen Nikolausmützen, manchmal kombiniert mit rotem Minikleid. Täglich trudeln SMSe ein, von der Art: "Beten Sie zusammen mit ihrer bevorzugten Geliebten: In unserem Restaurant kostet das Weihnachtsessen pro Person 128 Yuan, bei frühzeitiger Buchung 15 Prozent Rabatt."

Mit dem Kommerz kam das Fest

Mit ihrer Öffnung hat die Volksrepublik den Kommerz entdeckt und damit auch Weihnachten. Zehn Professoren haben jetzt in einem offenen Brief dagegen protestiert und vor diesem "unchinesischen Brauch" gewarnt. Doch niemand schert sich um sie.

Die Zahl der Christen in China wächst, und so kennen immer mehr Leute die Weihnachtsgeschichte. Aber alles ist relativ: Die offiziell anerkannte protestantische Kirche zählt 17 Millionen Mitglieder, bei den staatstreuen Katholiken sind 5,5 Millionen. Dazu kommen protestantische, von der Polizei verfolgte sogenannte "Hauskirchen" mit geschätzten 20 Millionen Mitgliedern und ebenfalls geächtete romtreue Katholiken, wahrscheinlich sechs bis zwölf Millionen. Gemessen an 1,7 Milliarden Chinesen winzige Zahlen. Heiligabend gehen allerdings auch einige Nichtchristen in die Kirche, weil sie die Atmosphäre und die Musik lieben.

Die meisten Chinesen mittleren und höheren Alters können mit Weihnachten nichts anfangen, wissen auch nicht, warum es gefeiert wird. Sie haben davon gehört. Das ist alles. Es ist so, wie wenn man Deutsche über das chinesische Frühjahrsfest befragen würde. Unter chinesischen Jugendlichen ist Weihnachten modern geworden - ein Tag, der überwiegend mit Freunden in Discos oder mit dem Partner im schicken Restaurant verbracht wird. Manchmal informieren die Leute ihre Freunde per SMS über die Festtagsplanung: "Bin mit meinem Mann im Autokino - wie feierst du Weihnachten?"

Weihnachten ist auch hier eine Zeit des Shoppings. Wer es sich leisten kann, fliegt dafür nach Hongkong. Besorgt werden allerdings vor allem Stiefel oder Videokameras für einen selbst, nicht für andere. Das Familienfest, das unseren Weihnachten entspricht, ist das chinesische Neujahr. Es folgt dem alten Mondkalender, wird 2008 am 7. Februar gefeiert.

Heiligabend macht man einen drauf

Heiligabend hingegen macht man einen drauf. Eine Umfrage in Hongkong hat laut der dortigen Tageszeitung South China Morning Post gerade ergeben: Fast jeder fünfte Jugendliche findet einen One-Night-Stand Heiligabend akzeptabel, des besonderen Anlasses wegen. Die Hongkonger Föderation der Jugendverbände sorgt sich jetzt, viele könnten netten Bekannten einen One-Night-Stand auch als Weihnachtsgeschenk anbieten.

Was ja weiter kein Problem wäre, wenn unterm Weihnachtsbaum Kondome liegen würden. Aber einen Weihnachtsbaum hat in China fast niemand zu Hause stehen.

New York: Besucherströme aus Europa

Von Ulrike von Bülow, New York

In den USA wird ja gern und viel gewarnt, gibt es überall diese Sicherheitshinweise, von wegen: Achtung, heißer Kaffee, Sie könnten sich verbrühen! Achtung, elektrischer Föhn, Sie könnten sterben, wenn Sie ihn in der Badewanne benutzen! Und so wundert man sich ein wenig, dass dieser Tage in New York keine Schilder angebracht sind, auf denen steht: Achtung, heftiger Weihnachtsalarm, der Sie verrückt machen könnte!

Übergang von Thanksgiving zu Weihnachten

Die Amerikaner haben Thanksgiving und den Truthahn kaum verdaut, da schalten sie um auf Weihnachten, und dann wird kampfgeschmückt, so auch in Manhattan. Plötzlich gibt es in jedem Schaufenster bunte Lichter, Tannen- oder Plastikbäumchen, setzen sich die Verkäufer bei Starbucks Nikolausmützen auf und preisen Cafe Latte in den Geschmacksrichtungen Lebkuchen oder Eierpunsch an. Und überall sind Weihnachtslieder zu hören, "Have Yourself A Merry Little Christmas", "White Christmas", das ganze Gedeck.

Vor dem Rockefeller-Center leuchtet der legendäre XXXL-Weihnachtsbaum (den erstmals keine Glühbirnen zieren, sondern energiesparende Leuchtdioden - Mr. Klimaschutz Al Gore lässt grüßen!), und auf den Straßen funkeln Weihnachtssterne, sind die Bäume von Lichterketten umrankt, und selbst die sonst wenig auf Schick bedachte Lower East Side erstrahlt in weihnachtlichem Glanz.

Europäische Touristen in Manhattan

Manhattan sieht mehr als festlich aus, in Festtagslaune zu kommen ist dennoch nicht ganz einfach. Vermutlich war auf der Insel vor Weihnachten ewig nicht so viel los wie in diesem Jahr: Eine Million Europäer sollen es sein, die im Dezember 2007 zum Christmas-Shopping nach New York reisen - für einen Euro erhält man ja derzeit 1,44 Dollar, was für ein Geschenk!

Gefühlt aber sind es zwölf Millionen Menschen, die mit ihren Einkaufstüten die Gehwege verstopfen und französisch sprechen oder deutsch oder holländisch: Auf weiten Teilen des Broadways bekommt man derzeit Platzangst, nicht anders ist es auf der Fifth Avenue in Midtown, dort, wo die Guccis und Puccis ihre Shops haben und der große Apple Store zuhause ist, der 24/7, also durchgehend, geöffnet ist. Und den man auf der Suche nach Weihnachtsgeschenken am besten dann betritt, wenn die Touristen jetlaggebeutelt in ihren Hotel-Betten liegen: nachts.

Frankreich: Austern und Gänsepastete

Von Tilman Müller

Im Mutterland der Aufklärung hält man nicht allzu viel von Adventskränzen, auch der Nikolaus spielt keine allzu große Rolle. Weihnachten kündigt sich vielmehr in Frankreich alljährlich Ende November damit an, dass in die Schaufenster der Weinläden ein imponierendes Aufgebot von Schampus-Flaschen gerückt wird - die volle Bandbreite, also mindestens zwei, drei Dutzend unterschiedliche Marken.

Champagner für alle

Champagner gehört zur Grundversorgung. Bei allen Feten an oder rund um Noel. Und wo richtig gefeiert wird, muss das so schön fröhliche machende Getränk auch in genügender Menge vorhanden sein. "Bis zum Schluss", wie man in Frankreich sagt. Das heißt: Notfalls bis zum frühen Morgen. Um Missverständnisse auszuschließen: Wir sprechen vom richtigen, in Frankreich, und nur in Frankreich hergestellten Fröhlich-Macher in seiner weltweit besten Form. Nicht von irgendeinem zweifelhaften Perlwein-Produkt aus dem Ausland. Dabei muss der originale Hochgenuss keineswegs teuer sein. Champagner nur für Reiche?

Mais non, doch nicht im Land der Freiheit und Gleichheit. In der Vorweihnachtszeit, das heißt zu Beginn der Vorweihnachtszeit ist der Champagner besonders preiswert. Ab November gibt es in den Supermärkten fast überall zwei Flaschen zum Preis von einer. Da konnte man in den letzten Wochen etwa beim "Champion" an der Pariser Rue Monge zwei Flaschen guten Heidsieck für 25 Euro erstehen. Die Kisten stapelten sich in Kassennähe bis zur Decke; leider jetzt nicht mehr.

Hauptsache Köstlichkeiten

Im Fernsehen ist die Versorgungslage unmittelbar vor den Festtagen wichtiger Bestandteil der Berichterstattung. Gibt es dieses Jahr, lautet da etwa die bange Frage, auch genügend Kapaune? Das sind Masthähne, meist aus der Bresse-Region, die ein besonders zartes Fleisch haben, weil sie im Alter von zwölf Wochen kastriert wurden - eine fragwürdige Praxis der Genusssteigerung, doch stark begehrt sind die Chapons in Gallien allemal.

Und wie steht es mit all den anderen, typisch französischen Delikatessen? Mit den reichlichen Gänseleber-Portionen, mit den Jakobsmuscheln, Langusten und den Hummern? "Es ist von allem genug da", beruhigt ein Reporter die Fernsehzuschauer. "Die Produktion läuft auf vollen Touren", ruft aufgeregt ein anderer Kollege, der umringt von Austernbauern live von der Meeresküste der Region Charente-Maritime berichtet.

Frische Austern beim Aldi

Weihnachten ohne Austern? Mais non, doch nicht in Frankreich, der allzeit dem Genuss zugewandten Feinschmecker-Republik. Tonnenweise werden die Schalentiere in diesen Tagen quer durch das Land gekarrt. Überall gibt es in Paris, Nantes oder Nizza die "fines des claires" und all die anderen Austernsorten nun zu kaufen. An den Straßenecken und besonders preiswert in riesigen Holzkisten auch in den Supermärkten. Im vergangenen Jahr habe ich die Austernpakete kurz vor dem Heiligen Abend sogar im "Ed" gesichtet. Das ist die französische Version der Aldi-Märkte. Da kann man leckere bretonische Butter kaufen, das halbe Pfund für 99 Cents, deutsche Christstollen für 1,99 Euro. Und wirklich frische Austern, das Dutzend für 2,99. Joyeux Noel!