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Wenig Stimmen für AfD und FPÖ Frauen wählen anders - und besser?


Statistiken zeigen: Frauen wählen selten Rechtsextreme. Sind sie klüger und humaner als der stumpfe, männliche Rest? So einfach ist es nicht.
Von Oliver Fuchs und Lutz Kinkel

Die Balkengrafik ist spektakulär, die Standard-Redakteurin Nicole Kolisch am Sonntag der Europawahl getwittert hat. Sie beschreibt die politischen Vorlieben der Österreicher im Alter von 18 bis 29 Jahren. Bei den Männern liegt mit weitem Abstand die rechtspopulistische FPÖ vorne ("Österreich denkt um - zu viel EU ist dumm"). Dahinter kommt die konservative ÖVP. Die Auswertung für die Frauen zeigt ein politisch völlig anderes Bild. Ihr eindeutiger Favorit: die Grünen. Danach folgt die sozialdemokratische SPÖ.

Aha. Er stumpf, sie fortschrittlich? Sind Frauen doch die besseren Wähler? Irgendwie intelligenter, humaner, aufgeschlossener?

Auf der Facebook-Seite des Standards, der zu den großen Tageszeitungen der Alpenrepublik gehört, stand das Urteil schnell fest. "Da schämt man sich für sein eigenes Geschlecht", kommentiert User Alexander. Stephan meint: "Bei dem Ergebnis werd' ich zur Wurst". Und Leo formuliert öffentlich eine Kapitulationserklärung des Mannes: "Das schöne Geschlecht ist offenbar auch geistig um einiges schöner." Was bleibt den kommentierenden Frauen anderes, als die Einsicht mit mildem Spott zu flankieren. Amy schreibt: "Bitte um zusätzliches verpflichtendes Schuljahr für Männer unter 29!!"

AfD an Frauen gescheitert

Wer nach Bestätigung der These sucht, dass Frauen rechts nicht so anfällig sind wie Männer, wird schnell fündig. Ein für Deutschland interessantes Beispiel: Die AfD würde schon im Bundestag sitzen, wenn … es nicht die Frauen gäbe. Bei der Bundestagswahl im September 2013 holten die Eurokritiker 5,5 Prozent (West) beziehungsweise 7,1 Prozent (Ost) der männlichen Stimmen. Bei den Frauen hingegen fiel die AfD durch: 3,4 Prozent im Westen und 4,7 Prozent im Osten. Unterm Strich reichte es nicht für den Sprung ins Parlament.

Bei Parteien, die noch weiter rechts stehen, wie zum Beispiel die NPD, sinkt der Frauenanteil zusätzlich. In der Wissenschaft hat sich eine Faustformel für die Beschreibung der rechtsextremen Wählerschaft durchgesetzt: etwa zwei Drittel Männer und ein Drittel Frauen. Eine empirische Analyse des Forsa-Instituts zu DVU, Republikanern und NPD, die stern.de vorliegt, bestätigt das.

Heißt das, ein Großteil der Frauen ist sozusagen genetisch immun gegen Rechts? Mitnichten.

Der Einfluss des Alters

Schon die vom Standard vorgelegte Balkengrafik hat einen Haken: Es handelt sich nicht um die offiziellen Ergebnisse der Europawahl. Die werden erst Anfang Juni veröffentlicht. Thomas Baumgartner, Politikwissenschaftler an der Universität Innsbruck, bestätigt stern.de: "Die Zahlen, die in den Medien verbreitet werden, basieren soweit mir bekannt, auf Wahltagsbefragungen durch Meinungsforschungsinstitute." Sprich: Die Daten sind noch unscharf. Hinzu kommt, dass selbst die unscharfen Daten nur unvollständig widergegeben sind. Die zugrunde gelegte Studie zeigt: Im Alterssegment zwischen 30 und 59 Jahren sieht die Lage schon ganz anders aus. 22 Prozent der Männer und 20 Prozent der Frauen geben an, FPÖ zu wählen. Gleichstand. Patt. Die These von der partiellen weiblichen Immunität hinkt also.

Sie bricht vollends zusammen, wenn man über den Zaun auf die Nachbarn in Frankreich blickt. Dort wählen mehr Männer als Frauen die Grünen. Hingegen erzielt die konservative UMP - die in den vergangenen Monaten immer stärker die rechtsextreme Front National (FN) nachäffte, um am rechten Rand Stimmen zu holen - bei Frauen einen Stimmvorsprung von 4 Prozent. Und die FN selbst? Gleichstand zwischen homme und femme. Das war nicht immer so.

Wie die FN um Frauen wirbt

Der alte Jean-Marie Le Pen verkündete noch, dass die Frau als Gebärfabrik dem französischen Volk zu dienen habe. Seit seine Tochter Marine Le Pen übernommen hat, ist der Ton ein anderer. "Marine Le Pen ist Parteichefin und bietet Frauen allein deshalb eine Möglichkeit zur Identifikation", sagt die Extremismusforscherin Esther Lehnert stern.de. "Zudem vertritt sie zum Teil sogar emanzipative Positionen, darunter das Recht von Frauen auf Abtreibung. Schwule und Lesben versucht sie aktiv mit einzubinden, was für eine rechtsradikale Partei ungewöhnlich ist. So gesehen formuliert die Front National schon ein Angebot für ganz unterschiedliche Frauen."

Eine Kernklientel sind arbeitende Frauen aus einfachen Verhältnissen. In Frankreich, so der Politologe Jean-Yves Camus, gäbe es sehr viele alleinerziehende Mütter, die für Billiglöhne schuften. Kassiererinnen und zum Beispiel. "Diese Frauen leben in extrem fragilen Verhältnissen", sagt Camus zu stern.de. "Viele sind schlecht ausgebildet und haben keine Rücklagen. Sie trifft die Wirtschaftsmisere wohl am brutalsten. Gerade deshalb verfangen die Parolen der Front National bei vielen von ihnen stark." Gemeint sind Parolen, die Jobsicherung auf Kosten von Ausländern versprechen.

Die Frage des Lebensentwurfes

Also sind Frauen doch empfänglich für rechtsradikale Botschaften? Heike Radvan, Wissenschaftlerin der Amadeu-Antonio-Stiftung, hat eine ernüchternde Antwort: "Frauen sind nicht die besseren Menschen. Sie vertreten im selben Ausmaß wie Männer fremdenfeindliche, rassistische Positionen. Aber sie wählen deshalb nicht automatisch rechte Parteien. Es scheint darauf anzukommen, ob die Partei ihnen zusätzlich eine Perspektive bietet, die mit ihren eigenen Lebensentwürfen kompatibel ist."

Es liegt folglich nicht daran, dass es nicht genug Frauen gäbe, die rechtspopulistischen oder rechtsradikalen Parolen glauben würden. Es will sich nur keine Frau mehr in die Rolle der dienenden Mutter und Gattin zwingen lassen - oder, was auch vorkommt, politisch ignoriert werden. "Die FPÖ als Partei, in der viele Burschenschaftler Mitglied sind, ist traditionell sehr männerbündisch. Damit einhergehend hat die Partei ein sehr konservatives Bild von den Geschlechtern. Frauen bekommen das Signal, dass es gar nicht um sie geht", sagt Forscherin Lehnert.

Das hat Le Pen in Frankreich anders gemacht. Ihr Wahlergebnis: 25 Prozent.


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