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Politikwissenschaftler Marc Debus Negative Campaigning: Amerikanisiert sich der deutsche Wahlkampf?

Ein Wähler wirft seinen Stimmzettel zur Bundestagswahl 2017 in die Wahlurne
Am 26. September wählt Deutschland – lange war der Ausgang nicht so ungewiss (Symbolbild)
© Michael Kappeler / DPA
Um echte Politik ging es diesem Wahlkampf bisher wenig – auch, weil die Kandidaten von einem Fettnäpfchen ins nächste stolpern. Politikwissenschaftler Marc Debus über Spätentscheider, Diffamierungen und die mögliche Amerikanisierung des deutschen Wahlkampfes.

Der Stichtag rückt näher: In etwas mehr als einem Monat wählt Deutschland einen neuen Bundestag – und damit einen neuen Kanzler oder eine neue Kanzlerin. Selten war das Rennen um den Einzug ins Kanzleramt so knapp.

Doch mussten sich politische Inhalte im bisherigen Wahlkampf oft hinten anstellen. Ob Plagiatsvorwürfe, Ungenauigkeiten im Lebenslauf oder schlicht ein Lachen im falschen Moment – dieses Jahr scheint es, als würden besonders die vermeintlich kleinen Dinge groß diskutiert.

Dieses "Negative Campaigning" war bisher vor allem im Wahlkampf einer anderen großen Demokratie zu beobachten: in den USA. Es stellt sich die Frage: Amerikanisiert sich der deutsche Wahlkampf? Darüber hat der stern mit Professor Marc Debus von der Universität Mannheim gesprochen. Der Politikwissenschaftler verrät im Gespräch auch, inwiefern sich das Wahlverhalten der Deutschen verändert hat.

Politikwissenschaftler Marc Debus
Marc Debus ist seit 2012 Professor für Politikwissenschaften an der Universität Mannheim. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der vergleichenden Sicht politischer Systeme
© Marc Debus

Professor Debus, wählen wir Menschen oder Parteien?

Debus: Genau das ist eine der großen Herausforderungen für die Wahlforschung. Wen wir wählen hängt nicht allein vom Kandidaten ab, sondern von vielen weiteren Faktoren.

Natürlich wählen wir eine Partei aber auch wegen ihres Spitzenkandidaten – also aufgrund von Sympathie, vermeintlicher Kompetenz oder politischer Position. Das war schon in den 60er- und 70er-Jahren so und ist heute nicht anders.

Haben die Präsidentschaftskandidaten in den USA eine größere Bedeutung?

Ja, schon allein aufgrund des Wahlsystems. Dort können und müssen sich die Kandidaten teilweise viel stärker von der Parteilinie entfernen als in Deutschland. Die Ausrichtung der beiden US-Parteien ist deutlich schwammiger als in unserem Vielparteiensystem.

Sie sind also nicht so sehr an ihre Partei gekettet?

Genau, sie sind deutlich losgelöster. Das gleiche gilt für den Kongress. Das Abstimmungsverhalten dort ist nicht so fraktionsgebunden. Dort gibt es weit mehr Abweichler als in parlamentarischen Demokratien wie bei uns.

Warum ist das so?

Ganz einfach: Das Verbleiben des Präsidenten im Amt hängt in den USA nicht von einer Mehrheit für dessen Partei im Kongress ab. Die Bundeskanzlerin muss hingegen von einer Mehrheit des Bundestages ins Amt gewählt werden und benötigt das Vertrauen der Mehrheit des Parlaments, um im Amt zu bleiben – das wirkt disziplinierend.

Ist unser Wahlkampf rauer geworden?

Sagen wir es so: Je mehr auf dem Spiel steht, umso knapper der Wahlausgang scheint, desto härter sind die Bandagen, mit denen gekämpft wird. Studien belegen zudem, dass zumindest der Ton im Parlament rauer geworden ist: Es gibt mehr Ordnungsrufe, mehr Unterbrechungen.

In den USA gehört "Negative Campaigning" – das gezielte Diffamieren von Kandidaten – schon lange zum Wahlkampf. Auch deutsche Politiker werden immer wieder persönlich angegangen. Woran liegt das?

Wissenschaftlich lässt sich das noch nicht belegen. Ich sehe aber Social Media als eine mögliche Ursache. Über die Plattformen ist es schlicht einfacher, gezielt Mitbewerber zu attackieren. Die persönliche Begegnung ist nicht mehr nötig. Allerdings heißen es Wählerinnen und Wähler in Deutschland nicht unbedingt gut, wenn Parteien und Kandidaten zu unfairen Mitteln greifen.

Warum hat das zugenommen?

Das liegt nicht zuletzt an der Etablierung der AfD, die das deutsche Parteiensystem polarisiert hat. Andere Parteien haben sich dem aggressiven Wahlkampf der AfD angenähert – sie wollen schließlich sichtbar bleiben, Paroli bieten.

Die Grünen waren Umfragen zufolge zeitweise stärkste Kraft, mittlerweile ist das Stimmungsbild deutlich ausgewogener. Sind die Wähler in Deutschland wankelmütiger als in den USA?

Da sind wir uns eigentlich relativ ähnlich. Tatsächlich zieht sich dieser Trend der Wechselhaftigkeit durch alle modernen Demokratien. Wen wir wählen, hängt nicht mehr nur von der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder von einer langfristigen Parteibindung ab.

Was heißt flexibler?

Dass wir uns viel später festlegen – erst circa zwei bis vier Wochen vor dem Gang zur Wahlurne. Der Anteil dieser "Spätentscheider" bei Bundestagswahlen liegt heute bei über 40 Prozent. In den 60er-Jahren lag der Wert noch bei fünf Prozent. Dementsprechend ist die Wechselhaftigkeit bei dieser Wahl nicht überraschend und kann auch in den kommenden Wochen so weitergehen.

Armin Laschets Strategie zeichnete sich zu Beginn durch erfolgreiches Wegducken aus. Frei nach Merkel: Besser nicht reagieren, als falsch agieren. Doch Umfragen zeigen: Nie gab es einen unbeliebteren Unions-Kandidaten.

Zum einen war die Kandidatenfrage innerhalb der Union schon umstritten. Innerparteilicher Wettbewerb ist nie ein guter Start – und der wurde auch noch offen medial ausgetragen. Dass Markus Söder bei den Unionswählern schon damals beliebter war, hat auch nicht geholfen.

Und dann hat sich Laschet in den folgenden Monaten Fehler – wie das Lachen im Flutgebiet – geleistet. Sein Wahlkampf ist gekennzeichnet von Missgeschicken, zu denen er selbst beigetragen hat.

Geht es im deutschen Wahlkampf also eigentlich nur darum, sich möglichst wenig Pannen zu leisten?

Klar – wer Fettnäpfchen vermeidet, dessen Umfragewerte sinken weniger wahrscheinlich ab.  Das lässt sich an Herrn Scholz beobachten, der bisher ohne schlimme Schrammen durch den Wahlkampf gekommen ist. Davon profitiert momentan die SPD.

Auf welche Überraschungen können wir uns noch gefasst machen?

Es kann auf jeden Fall noch EINIGES passieren (lacht). Aus meiner Sicht ist der Ausgang völlig offen. Das erste Mal seit 1949 tritt kein Amtsinhaber an – das macht Prognosen noch schwerer. Noch vor ein paar Wochen hätten meine Kollegen und ich niemals gedacht, dass es noch zu einem annähernden Gleichstand zwischen Union, SPD und Grünen kommen könnte. Und: Es kommen ja auch noch die TV-Duelle.

Nun könnte es in den TV-Duellen aber endlich mehr um Inhalte denn um verpatzte Lebensläufe oder unglückliche Bilder gehen.

Ja. Vor allem, weil die Kandidaten für das Kanzleramt jeweils aus den moderaten Flügeln ihrer Partei kommen – vielleicht helfen die TV-Duelle dabei, die Unterschiede deutlicher hervorzuheben.

Vor und während der US-Wahlen war von einer "Spaltung des Landes" die Rede, in der sich die politischen Fronten offenbar unversöhnlich gegenüberstehen. Erleben wir in Deutschland eine ähnliche Polarisierung?

In Deutschland ist das politische Klima verglichen mit den USA mild. Dort stehen immerhin weiterhin rund 30 Prozent hinter Trump – nicht zu vergleichen mit der Anzahl der AfD-Sympathisanten. Nun lassen sich Trump-Anhänger und AfD-Wähler aber nicht einwandfrei vergleichen – abgesehen von den populistischen Elementen.

Ein Blick in die Glaskugel: Wie wird der Wahlkampf der Zukunft aussehen?

Die Digitalisierung wird eine noch weit wichtigere Rolle spielen. Im US-Wahlkampf werden beispielsweise schon lange Social-Media-Profile durchforstet, nach übereinstimmenden Daten gesucht und potenzielle Anhänger ausfindig gemacht. Diese Anhänger werden persönlich kontaktiert und machen dann in ihrem Umfeld ihren ganz eigenen Wahlkampf für den Kandidaten. Auch in Deutschland werden Parteien die Transparenz der Menschen auf Social Media stärker ausnutzen.

Wünschen Sie sich manchmal mehr US-Manier im deutschen Wahlkampf?

Dadurch, dass es bei den Christdemokraten ein internes Auswahlverfahren für die Kandidaten gab – und die SPD auf ähnliche Weise ihr Vorsitzendenteam ausgewählt hat – hat sich der Wahlkampf bereits ein Stück weit amerikanisiert.

Aber: Ich bin mehr als zufrieden mit der Art, wie in Deutschland Wahlkampf gemacht wird. Mir ist es lieber, das Ganze läuft gemäßigt ab, als diese heftigen, teils überzogen persönlichen Angriffe wie in den USA.


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