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Wegen Militäreinsatz in Afrin: Türken in Deutschland in Angst - Dutzende Angriffe auf Moscheen, Gemüseläden und Kulturvereine

Mitten in Deutschland tobt derzeit ein gewalttätiger Konflikt. Das Ziel der Anschläge: türkische Einrichtungen, von der Moschee bis zum Gemüseladen. Ermittler sind sich ziemlich sicher, welchen Hintergrund die Taten haben.

In Berlin in der Yorcksraße steht ein ausgebranntes Fahrzeug eines Moscheeverbandes

In Berlin in der Yorcksraße steht ein ausgebranntes Fahrzeug eines Moscheeverbandes auf einem Parkplatz. Da Brandstiftung nicht ausgeschlossen werden konnte, übernahm das Fachkommissariat der Polizei die Ermittlungen zu dem Fall vom Montag dieser Woche.

DPA

Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Türken - das gab es hierzulande in der Vergangenheit immer wieder. Doch seit Jahresbeginn hat sich die Situation deutlich verschärft: Jüngste Zahlen, die zunächst die Funke Mediengruppe zusammengetragen hat, zeigen: In den ersten zweieinhalb Monaten dieses Jahres gab es in Deutschland mehr als dreimal so viele Angriffe auf türkische Einrichtungen wie im gesamten vergangenen Jahr. Die deutschen Polizeibehörden zählten von Januar bis jetzt 37 Attacken auf Moscheen, Kulturvereine oder türkische Restaurants, meldeten die Zeitungen der Mediengruppe unter Berufung auf das Bundesinnenministerium. Die Behörde bestätigte kurze Zeit später die Daten. Hinter den Attacken werden prokurdische Extremisten vermutet.

Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2017 gab es demnach insgesamt 13 solcher Übergriffe auf türkische Einrichtungen.

Wer die Nachrichten in den vergangenen Wochen verfolgt hat, weiß: Fast täglich melden Medien Anschläge auf türkische Gemüseläden und Kulturvereine mit türkischem Hintergrund, zudem Farbschmierereien mit dem Wort "Afrin", beispielsweise gegen Banken oder Parteien. Angriffe gab es in ganz Deutschland, vom kleinen Itzehoe in Schleswig-Holstein bis Berlin oder Ulm in Baden-Württemberg. Sogar Brandanschläge auf Moscheen wurden gemeldet. Bislang geht es bei all diesen Taten um Sachbeschädigung.

Gewalt gegen türkische Einrichtungen hat wohl Ursache im Afrin-Konflikt

Was ist die Ursache dieser Welle von Gewalt, die die türkische Gemeinde hierzulande von der Nordsee bis zu den Alpen ängstigt? Ermittler sehen einen Zusammenhang mit der Offensive der türkischen Armee in der Kurden-Region Afrin in Syrien. Diese begann auf Befehl des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan unter dem zynischen Namen "Operation Olivenzweig" - eigentlich eher als Name für ein Friedenssymbol geeignet - am 20. Januar. Und sie spaltet auch in Deutschland lebende Kurden und Türken in zwei Lager. Auf der einen Seite sind da die Anhänger Erdogans, die von Bekämpfung des kurdischen Terrors sprechen. Auf der anderen Seite stehen die Kurden, die sich einem völkerrechtswidrigen Angriff ausgesetzt sehen und Tod und Vertreibung von Angehörigen und Freunden sowie Repressionen gegen ihre Volksgruppe fürchten.

Erdogan ließ seine Soldaten in Syrien einmarschieren, um dort die bewaffnete  kurdische Miliz YPG zu bekämpfen. Sie wird von der türkischen Regierung wegen ihrer Verbindungen zur - auch in Deutschland verbotenen - PKK als Terrororganisation eingestuft. Am Sonntag wurde die kurdische Stadt Afrin eingenommen, Zehntausende Menschen wurden nach Angaben der Vereinten Nationen aus ihrer Heimat vertrieben.

Kurden-Demonstrationen in mehreren deutschen Städten 

Parallel zu den Eskalationen in Syrien schaukelt sich die Gewalt in Deutschland seit Wochen hoch. Wegen der Militäroperation gibt es hierzulande mehrere größtenteils friedliche Demonstrationen von Kurden, die teils aber auch in gewaltsame Zusammenstöße, unter anderem mit pro-türkischen Gruppen, mündeten. Doch solche Schlägereien werden von der Bevölkerung vermutlich mit weitaus weniger Angst verfolgt als nächtliche Attacken auf türkische Einrichtungen. Denn was wäre, wenn bei einem Brandanschlag Menschen zu Schaden kommen und nicht nur Scheiben eingeworfen und Wände beschmiert werden?

Fachleute sprechen von einem importierten Konflikt: Mitten in Deutschland tobt eine türkisch-kurdische Auseinandersetzung, die ihren Ursprung nicht in der Bundesrepublik hat. Das Land sei aber wegen der vielen hier lebenden Menschen mit Bezug zur Türkei "seit jeher Spiegel und Resonanzboden türkisch-kurdischer Konflikte", sagte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums der Funke Mediengruppe. Dies gelte "in besonderer Weise vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse in und um Afrin".

Die Sicherheitsbehörden in Deutschland rechneten schon seit einiger Zeit mit mehr Gewalt gegen türkische Einrichtungen in Deutschland: So hatte eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes Ende vergangener Woche der "Welt" gesagt, die Behörde erwarte weitere Gewalttaten als Reaktion auf die türkische Offensive gegen Kurden in Nordsyrien. 

Die Sicherheitsbehörden wissen also um das Problem - viel ausrichten dagegen können sie aber offenbar nicht. Das zeigen auch Berichte über Attacken, bei denen die Täter bislang unerkannt blieben: In der Nacht zu Montag warfen Unbekannte zwei Brandsätze gegen ein Wohnhaus in Ulm. In dem Haus befindet sich auch ein türkischer Obst- und Gemüseladen, der aber ebenso wenig wie die Moschee beschädigt wurde. Das Gebetshaus wird von der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüs betrieben. "Nicht vorzustellen, was hätte passieren können, wenn ein Feuer nachts in dem Haus, das von vielen Familien bewohnt wird, ausgebrochen wäre", sagte Ulms Oberbürgermeister Gunter Czisch (CDU).

"Afrin" bleibt als Botschaft nach den nächtlichen Attacken zurück

In derselben Nacht wurden in Berlin Attacken auf zwei Banken in Berlin verübt. Auch hier vermuten Ermittler einen Zusammenhang mit der türkischen Militäroffensive. Die Täter verwendeten Steine und ein Schlagwerkzeug - und hinterließen Botschaften, in denen das Wort "Afrin" vorkam.

Nach einem Brandanschlag auf eine Moschee in Berlin-Reinickendorf beklagte der Moscheegemeinden-Verband Ditib jüngst, die Politik reagiere nicht genügend auf die Gewalt gegen Moscheen und Muslime in Deutschland. Auch andere Vertreter der Muslime in Deutschland beklagen sich über mangelnden Schutz vor Gewalt.

Zu spüren bekamen den Konflikt auch Vertreter deutscher Parteien: So verübten Unbekannte in der vergangenen Woche Farbattacken auf Geschäftsstellen von CDU und SPD im hessischen Marburg.  Laut Polizei wurden dabei die Außenfassaden nachts großflächig mit roter Farbe besprüht. Bei der SPD seien auch politische Parolen gegen den Afrin-Einsatz angebracht worden.

In derselben Nach wurden in Berlin-Kreuzberg Steine auf Scheiben zweier Supermärkte geworfen. Auch hier wurde ein Zusammenhang mit Afrin geprüft, auch hier ermittelte der Staatsschutz.

Wenn Worte wie "Afrin" auf Wände gesprüht werden, scheint der Fall klar zu sein. Aber was ist mit Attacken auf islamische Gotteshäuser? Wer steckt dahinter? Die Islamverbände hierzulande wiesen zuletzt die Darstellung zurück, mit den Angriffen auf Moscheen werde der türkisch-kurdische Konflikt auf deutschem Boden ausgetragen. "Das hat damit überhaupt nichts zu tun", sagte der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, in der vergangenen Woche mit Blick auf die türkische Militäroffensive in Nordsyrien.

Ähnlich äußerten sich jüngst auch Zekeriya Altug vom türkischen Moscheegemeinden-Dachverband Ditib und Islamrat-Chef Burhan Kesici bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Mazyek in Berlin. "Wir haben hier eine Islamfeindlichkeit, die wir gemeinsam bekämpfen müssen", sagte Kesici. Altug versicherte, die Mitglieder in den Islamverbänden seien "zu einem nicht unwesentlichen Teil kurdischstämmig und seit jeher fester Bestandteil unseres Gemeindelebens".

Auch, wenn in jedem Einzelfall die Täter erst ermittelt werden müssen, fest steht, dass sich seit dem Start des Militärangriffs mit dem Namen "Operation Olivenzweig" die Angriffe auf türkische Einrichtungen in Deutschland häufen. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die Angst der türkischstämmigen Bevölkerung in Deutschland vor Gewalt wächst.

anb